Die Politik und die Brocken …

Chapeau an die Frauen!

Die Kurzzeit-SPD-Chefin Andrea Nahles hat die Brocken – nicht überraschend – hingeschmissen und zieht sich aus der Politik völlig zurück.

Weit entfernt bin ich von der Häme, die jetzt über sie ausgegossen wird, menschlich kann ich sie voll verstehen, im Gegenteil hätte ich mich wahrscheinlich in ihrer Lage noch viel früher verabschiedet. Das Gleiche sage ich zu Theresa May, auch ihr Stehvermögen hätte ich nicht gehabt. Also, Chapeau an die Frauen!

Diejenigen „Männer“, die bisher mehr oder weniger offen gegen sie intrigiert haben, ziehen jetzt den Schwanz ein und verkünden – opportunistisch – ihre Betroffenheit.

Unser Land schlittert immer heftiger in eine Krise des politischen Systems und gleichzeitig lässt sich die Kanzlerin an einer US-Uni in lustiger Robe wie ein teenagernder Popstar feiern. Unsere Medien bejubeln sie, ob der dort gehaltenen Rede, so als ob es um die Formulierung einer neuen Bibel und die Schaffung einer anzubetenden Ikone, natürlich hinter Greta, ginge. Verfolgt man allerdings die internationale Presse kritisch, bleibt kaum etwas vom postulierten Hochglanz der Kanzlerinnenrede, im Gegenteil. Was ich sagen will, hier bleibt mein Hut auf dem Kopf, kein Chapeau.

Zu den Fähigkeiten und Werten von Andrea Nahles kann ich nichts sagen, ich weiß einfach viel zu wenig über sie. Bekannt ist mir nur, dass sie seit früher Jugend zu den heute üblichen Parteiapparatschiks gehört, die nie Erfahrungen im richtigen Leben sammeln konnten, wollten, vielleicht auch durften.

In alten Märchen habe ich als Kind oft gelesen, dass sich Fürsten und Könige angeblich öfter in Verkleidung unter das einfache Volk gemischt haben sollen, um den Leuten aufs Maul zu schauen. Nun würde Frau Nahles selbst in Verkleidung nicht inkognito bleiben können, sie ist – bei aller Kritik – einer der letzten und besonders laut tönenden Charakterköpfe der deutschen Politik.

Und, welcher deutsche Politiker hat denn heute noch Interesse den Menschen aufs Maul zu schauen, d.h. sich für deren Erwartungen, Sorgen, Nöte zu interessieren. Das Interesse reicht lediglich bis zur nächsten Wahl, zur Frage, wie kann ich Stimmen abgreifen, um mich im System der politischen Kaste möglichst sicher zu etablieren.

Das VOLK: Früher gab es die Erfindung des VOLKSempfängers, auch Göbbels-Harfe genannt, heute gibt es die VOLKSkamera, dazwischen einmal die VOLKSkammer, die VOLKS-was-weiß-ich und nicht zu vergessen die Erfindung der VOLKSparteien.

Den Begriff der VOLKSparteien gaben sich die ehemals großen Parteien CDU und SPD selbst, damit den Anspruch formulierend für das Volk zu sprechen, zu denken, zu handeln.

Mir ist nicht erkennbar, dass sie diesem Anspruch jemals gerecht geworden wären. Heute auf jeden Fall, sind sie eher Lachnummern der Geschichte, dummerweise auf begrenzte Dauer mit ihnen kaum zu nehmender Macht ausgestattet.

Es bleibt zu hoffen, dass die irrlichternde Ära der Kanzlerin Merkel bald zu Ende geht und es dann – abseits der politischen Extreme – noch genügend potente politische Kräfte gibt, die in der Lage sind unser einst- zu recht – stolzes Land wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Übrigens, wegzukehren gilt es von den Neuen keine großen Brocken mehr, davon sind nur noch Krümel als Folge diverser „Wenden“ übrig geblieben. Diese berüchtigten „merkelschen Wenden“ oder besser Volten haben unser Land inzwischen bis zur Unkenntlichkeit deformiert.

In diesem Sinne, Euch allen eine gute Woche und hütet die letzten Brocken.

Deutschland und die Wahlen …

Die zur Schicksalsentscheidung hochstilisierte Europawahl des letzten Wochenendes liegt hinter uns, die Menschen haben gewählt oder auch nicht, alles nicht so, wie von den großen Parteien erhofft, aber die Welt ist weder stehengeblieben, noch ist sie untergegangen. Sie dreht sich weder schneller, noch langsamer, morgens geht die Sonne auf und abends gehen die Hühner immer noch in den Stall. Es ist zu keiner Apokalypse gekommen und in Brüssel streitet sich schon wieder die Politkamarilla um die vakanten Posten, und wenn die vorhandenen nicht reichen sollten, wird sie ohne Zweifel schnell neue erfinden.

Alles so wie immer, so als wäre nichts geschehen.

Ich habe – nach dem Polittheater der letzten Monate – die Europawahl zuerst spöttisch gesehen. Warum soll ich meinen Sonntag mit dem Gang zum Wahllokal zerreißen, wenn das Ergebnis in Brüssel nichts, aber auch gar nichts ändern wird? Wen oder was soll ich wählen, wenn die politischen Parteien sich inzwischen fast bis zur Unkenntlichkeit einander angenähert haben?

Die Medien haben – unisono – auf uns eingetrommelt, haben uns erklärt was richtig und was falsch sei, haben uns darauf hingewiesen, was wir zu glauben und wovor wir uns zu fürchten hätten, wie der Teufel das Weihwasser. Sie haben uns in Kategorien eingeteilt, in die Rechtgläubigen, die Guten einerseits und die Zweifelnden oder Leugner andererseits, die Dummen, die Bösen oder was auch immer andererseits.

Das Schema ist ganz einfach: Wer die gegenwärtig dominierenden Meinungen in Frage stellt oder auch nur Teilaspekte hinterfragt wird sozial massakriert, Meinungsvielfalt wird zur Häresie erklärt.

Meinungen werden als unumstößliche Wahrheit formuliert und damit zur gesellschaftlichen Peitsche umfunktioniert und der Großteil der Bevölkerung folgt diesem – in meinen Augen – irren und undemokratischen Tun willig.

Im Osten Deutschlands sozialisiert ist mir dies alles nicht fremd.

Wir Ostdeutschen haben hinlänglich Erfahrung mit Parteien und politischen Gruppierungen, die das Wahrheitsmonopol für sich beanspruchen. Und, um ehrlich zu sein, auch ich war diesem Trugschluß – die Mehrheit wird es schon richtig wissen und machen – einige Zeit verfallen.

Der ansonsten recht erfolglose Schriftsteller Louis Fürnberg hatte der Partei, damals mit Namen SED, eine eigene Hymne gegeben, die durch die Schlagzeile „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ bekannt wurde. Wer sich das selbst einmal reinziehen möchte http://www.youtube.com/watch?v=865Sn8JrMvY.

Seltsamerweise schleichen sich Text und Melodie dieses Liedes in meine Gedanken, wenn ich die Vertreter der „klassischen“ Parteien ihren altbekannten und lediglich aus leeren Worthülsen bestehenden Sermon herunterbeten höre. Genau das kennen wir Ostdeutschen seit Jahrzehnten, den Wessis mag es neu sein.

Also, die Vertreter der klassischen Parteien, die sich demagogisch immer noch Volksparteien nennen, haben zur Europawahl eine herbe Klatsche bekommen. Nicht nur, dass viele ihrer Protagonisten selbige – einen an der Klatsche – haben, nein, ich vermute, dass sie nicht selten den Mist, den sie absondern, auch noch glauben.

Ich habe den ellenlangen Wahlzettel zur Europawahl mehrfach hin-und her gedreht. Die obersten Zeilen habe ich – mangels Interesse – einfach übersprungen und mein Kreuzel dann bei einer jungen, gerade erst gegründeten Gruppierung gemacht, die sich für die Einführung von Instrumenten zur direkten Demokratie – nach Schweizer Vorbild – einsetzen zu wollen, verspricht.

Mit meiner jahrzehntelangen Tradition „links“ zu wählen, habe ich damit gebrochen. Nicht weil ich protestieren will, aber bei keiner der dominierenden Parteien finde ich mich mit meinen Anliegen und Interessen wieder.

Bedürfnisse …

Am Wochenende habe ich in einer großen deutschen Tageszeitung gelesen, wie schlecht es mir tagtäglich geht.

Wir auf dem Land sind abgehängt, noch dazu auf dem östlichen flachen Land, geprägt von gesellschaftlichem Rückschritt. Umzingelt sind wir geradezu unentrinnbar von Rechten, Tag und Nacht vermissen wir die Vorzüge städtischen Lebens, die Bar, den ‚Chinesen‘, Sushi ist praktisch frisch nicht zu haben.

Der nächste Supermarkt ist 5 Kilometer entfernt, der letzte Arzt hat das Dorf verlassen und die Menschen müssen sich in den Nachbarort begeben, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Wahrscheinlich deshalb laufen die Leute deutlich weniger zum Arzt, man weiss sich oft selbst zu helfen. Und falls man es nicht schafft, hat die Großmutter diesen oder jenen gesundheitlichen Rat, der sich seit Jahrzehnten bewährt hat.

Ich vermisse einen 24 stündigen Lärm- und Lichtsmog. Während im Städtischen die Sinne nie zur Ruhe kommen, es ist nie still, nie dunkel, muss ich mich auf dem Land mit mir selbst beschäftigen.

Die Stille um mich herum ist irritierend, ich sehe keine Menschen mit Ohrhörern auf dem Kopf.

Nachts wird es dunkel, die Sinne kommen zur Ruhe, es gibt deutlich weniger Menschen, die ‚ihren‘ Therapeuten brauchen.

Die Luft ist sauber, in unserem Dorf gibt es nicht eine einzige Messstation, die die unvermeidliche Umwelthysterie verbreitet. Feinstaub und Stickoxide interessieren weder Mensch noch Sau.

Die Menschen auf dem flachen Land verhalten sich seltsam. Sobald sie sich begegnen, grüssen sie sich gegenseitig, nicht selten ergibt sich ein spontanes Gespräch. Wir vermissen es, uns aneinander vorbei zu drängen, den Anderen nicht wahrzunehmen.

Ja, ich bin arm dran, abgehängt auf dem flachen ostdeutschen Land.

Alles eine Frage der Bedürfnisse.

Alltägliches …

Manchmal häufen sich Beobachtungen, wobei ich nicht weiss woran es liegt. Entweder summieren sich gelegentlich Ereignisse oder es ist eine Frage meiner persönlichen Sensibilität für die Dinge. Ist auch wurscht…

Manchmal muss ich mir im Laufe einer Arbeitswoche mal etwas gönnen, heute hatte ich Appetit auf ein gutes Mittagessen, mein Anlaufpunkt für solche absonderlichen Gelüste ist das ‚Steigenberger‘ in Eisenach.

Dort geniesse ich dann mittags einen Business lunch zu 12,99€. Übrigens 90 % der Gäste zum ‚Business lunch‘ sind hochbetagte Rentner, selbst ich drücke den Altersdurchschnitt.

Auf der Fahrt nach Eisenach fahre ich zwischen Herleshausen und Eisenach mehrere Kilometer an einem Bahndamm entlang. Und wie es so ist, dort wurde gearbeitet.

Eine Gruppe von 4 Männern entfernte per Hand den Müll am Bahndamm. Drei der Männer waren geschätzt Ü 55, sie bückten sich mehr oder weniger flüssig nach dem Müll, den sie in lustige blaue Kunststoffsäcke packten. Sie bückten sich weniger flüssig, ähnlich ungeschickt, wie man das in einer Rückenschule lernt, sie waren schmutzig, verzogen zuweilen das Gesicht, wenn die Dinge, die sie aufzuheben hatten zu eklig waren und humpelten ungelenk durch die Gegend. Es fiel ihnen sichtlich schwer.

Der vierte, ein sehr junger Mann war mit Sicherungsarbeiten und dem Beobachten der ‚Alten‘ beschäftigt. Mein Gerechtigkeitsgefühl ging mit mehr durch und ich fand das ungerecht.

Einige Minuten später begegneten mir auf wenigen hundert Meter in der Innenstadt innerhalb von vielleicht 10 Minuten Dutzende junge, sehr gepflegte ‚Männer, südländischen Aussehens‘, die meisten hatten die schwarzen Haare schön. Gegen Mittag vermittelten sie nicht den Eindruck, dass heute noch eine nennenswerte versicherungspflichtige Arbeit zum eigenen Broterwerb anstand.

Obwohl, den Lebensunterhalt sichern ihnen unter anderem die alten, weißen, müllaufsammelnden Männer mit ihren Steuern und Abgaben.

Ich finde das noch ungerechter.

Dichtung und Wahrheit ….

Die Medien und die Politik jubeln, wenn freitags Kinder und Jugendliche kollektiv die Schule schwänzen, um für Umwelt, Klima, oder was weiss ich noch, zu demonstrieren. jedenfalls alles schön abstrakt und allein zum Nutzen einer gewaltigen Industrie, die sich um das Thema „Umwelt und Klima“ herum aufgebaut hat.

Freitags wird ‚gestreikt‘ und die scheidende Kanzlerin bejubelt den Rechtsbruch, ist doch der Besuch der Schule in unserem Land, wie fast weltweit, gesetzlich verpflichtend geregelt.

Ich habe mir die Schulgesetze der Bundesländer, lässig abgekürzt ‚SchulG‘, in Thüringen etwa ThürSchulG, durchgesehen, in keinem einzigen finde ich ein Streikrecht der Schüler verankert.

Auf dem Weg von und zur Arbeit befahre ich ein kleines Tal, viel Wald, wenige Häuser, auf der einen Seite ein kleiner Fluss. Die Straße hat Alleecharakter, die alten, riesigen Bäume bilden über der Straße ein fast geschlossenes Dach.

An einer Stelle kommt eine kleine Teichlandschaft bis fast an die Straße, im Frühling ein Eldorado für Kröten, die es in ihr Laichgebiet zieht. Dazu müssen sie die Straße queren, nicht exzessiv, aber doch lebhaft befahren.

In jedem Frühjahr das übliche Gemetzel auf der Straße, überfahrene, zerquetschte Kröten en masse, ein Ausweichen ist selbst dem aufmerksamen Autofahrer nicht möglich, halten sich die Tiere bei ihren Wanderungen nicht an die Tageszeiten, in denen man besser sieht.

Seit vielleicht 20 Jahren sehe ich immer wieder zwei Menschen, die dort zum Schutz auf der Länge von vielleicht 200 Metern einen grünen Krötenzaun aufstellen. Eine ganz konkrete Arbeit des Arten- und Umweltschutzes.

Vor 20 Jahren waren beide noch rüstig, in dem unwegsamen Straßengraben noch gut auf den Beinen, es fiel ihnen leicht und sie hatten sichtbar Spass an ihrem Freizeittun.

Rechnet man das Alter der beiden jetzt zusammen, bringen sie mehr als 140 Lenze aufs Tapet und speziell der Frau fällt es sichtlich schwer, sich sturzfrei zu bewegen. Vielleicht liegt es daran, dass der Mann die Zaunbestandteile heranbringt und ausrollt, während er großzügig der Frau die Arbeiten überlässt, die im Bücken zu erledigen sind.

Heute morgen war sie ausgerutscht und kniete im Schlamm, sich sehr, sehr mühsam wieder aufrichtend. Meine vorsichtige Frage, ob dies denn noch eine Tätigkeit für Menschen unseres Alters wäre, wehrte sie mit einer Bewegung der schlammverschmierten Hand ab: „Junge Leute finden sich doch dafür nicht mehr. Und wenn doch, bleibt es ein Strohfeuer“.

Ich glaube ihr aufs Wort.

Freitags schwänzen die Schüler die Schule und demonstrieren für die Umwelt und das Klima. Sie wissen genau, was sie von Anderen fordern, eigene Anteile sieht man auf den Plakaten und Bannern selten verewigt. Nach der Demo wird sie Mama mit dem familieneigenen SUV, der Sprit säuft, wie der Alkoholkranke Bier, verlässlich abholen und sicher zur nächsten Veranstaltung fahren.

Und wenn sie am Freitag Glück hatten, konnten sie sogar einen Blick auf Greta aus Schweden erhaschen, die zu großen Demos extra von weit, weit her – vermutlich mit dem Fahrrad wegen der Umwelt – anreist.

Umwelt- und Klimaschutz, Dichtung oder Wahrheit?

PS: Letztens ertappte ich einen UrGrünen beim Verzehr zweier FlugMangos. Meinen süffisanten Einwurf, wie sich das mit seiner sonst gepredigten Askese für Andere verträgt, konterte er souverän: „Mer muss och jünne künne.“

Die Zeit, die Zeit …

Michel Polnareff, einer der Lieblingssänger meiner Jugend, mit seiner „Poupee“. Oder auch mit „love me please love me“:

Einige Augenblicke später, zusammengepresst in 40 Jahre stellt sich das Ganze so dar ….

Ein älterer Herr in Knackwursthöschen, die Stimme etwas brüchiger, Musikkenner würden sagen: „weniger tragend“, das Toupet reisst es nicht heraus, aber die Verstärker, die Lautsprecher, der Flügel, die Gitarren und der Drummer helfen.

Zeit ist Sche…s, vor allem wenn sie schon vergangen ist.

Einen schönen Sonntag trotzdem.

Der Widerstandskämpfer …

Die beiden englischen Luftminen, die am 25. Februar 1945 u.a. das historische Augustiner-Kloster in Erfurt weitgehend zerstört und ungezählten Menschen Tod, Verletzung und Verlust gebracht hatten, waren in ihrer Wirkung bis in die Vororte zu spüren gewesen, auch er hatte gelitten, seine Frau war auf der Straße durch den Luftdruck weggepustet und gegen einen Gartenzaun geschleudert worden, an sich nicht so schlimm, wenn nicht dabei ihr Rock in Fetzen  gegangen wäre und woher sollten sie in diesen chaotischen Kriegstagen, von denen sie nicht genau wußten, ob es die letzten sein würden, einen neuen Rock oder wenigstens den Stoff dafür nehmen?

Der Krieg war an ihm als Person bisher weitgehend vorbeigegangen, er war Eisenbahner, bei der Reichsbahn, damit unabkömmlich und im wesentlichen an der Heimatfront tätig gewesen, verantwortlich! Seine Söhne hatten den vom Führer eigentlich ihm zugedachten Part beim Waffengang gegen den Feind mit übernommen, Werner bei der Marine, Hans bei der Waffen-SS, Willi als gemeiner Sandlatscher war schon in den ersten Tagen des Frankreichfeldzugs von einem deutschen LKW überfahren worden. Nun, wenigstens hatten sie ihm in der guten Stube mit seinem Bild und einer Kerze eine Helden-Gedenkecke eingerichtet, dort lag auch das EK I, daß der Ortsgruppenleiter gemeinsam mit einem Schreiben des Kommandeurs überbracht hatte. Kerzen sind kostbar in dieser Zeit und eigentlich brauchen sie sie, wenn sie nachts bei Alarm in den Luftschutzkeller rennen, aber Lina hatte ihn mehrfach strafend angesehen, wenn er die Hand nach der Kerze des gemeinsamen Sohnes ausstreckte und so hatte er es bisher gelassen.

Am Anfang des Krieges ließ sich mit einem gefallenen Sohn noch Staat machen, gefallen für ‘Führer, Volk und Vaterland’. Er kann sich noch gut erinnern, wie nach dem Ortsgruppenleiter, dem Bürgermeister und dem Schulleiter auch der protestantische Pfaffe des Dorfes bei ihnen vorgesprochen hatten, um ihnen zum Heldentod ihres Sohnes zu gratulieren. Für einige Tage standen sie im Mittelpunkt des Interesses, die bescheidenen Eltern eines deutschen Helden und tunlichst hatte er verschwiegen, daß sein Sohn nicht in einem wilden Kampf mit dem Franzmann ehrenhaft gefallen, sondern von einem siegestrunkenen und betrunkenen deutschen Fahrer gemeuchelt worden war.
Jetzt in den letzten Kriegstagen interessierte das niemand mehr. Zu viele sind gefallen, wie eine Inflation, immer neue Todesmeldungen werden nachgedruckt, wie Geldscheine in der letzten Inflation. Nichts mehr wert.
Die Druckwellen der beiden Luftminen hatten blöderweise nicht nur Edmunds Frau durch die Gegend gewirbelt, auch sein Dach, sein Vorbau und seine Scheune waren nicht ohne Schaden davon gekommen, die Ziegel waren beim Fall meist zerbrochen, so daß sie nicht mehr brauchbar waren, einige Fensterscheiben waren gesprungen, zwei Giebelfenster des Wohnhauses waren völlig herausgeflogen und das im Winter, glücklicherweise liegen die Temperaturen in diesen Tagen etwas über dem Gefrierpunkt, so daß die Flüchtlingsfamilie, die die beiden Mehlkammern auf dem Boden bewohnt, damit auskommt, die leeren Fensterhöhlen mit Decken abzudichten.

Ein seltsames Jahr dieses 1945, der Zusammenbruch des Reiches, jegliche Ordnung ist aufgehoben, seit Mitte April wurde Thüringen von dem Amerikanern besetzt und verwaltet, recht und schlecht wie es ihm, dem korrekten deutschen Eisenbahner schien, dann Ende Juni die erschreckende Mitteilung, dass die Amerikaner wieder abziehen und den Russen Platz machen würden. Ende Juni waren innerhalb von 3 Tagen die Amerikaner weg und statt dessen ergossen sich auf die Straßen endlose Kolonnen von Russen, viele Soldaten zu Fuß, abgerissen, schmutzig wie es ihm schien, wenige LKW’s, viele Panjewagen, kleine von einem Pferd gezogene Wagen, mit denen in Russland die Bauern ihre täglichen Wege zurücklegen. Für Edmund, den deutschen Eisenbahner ist es unvorstellbar, wie die Russen mit diesen klapprigen Wagen mit dem kleinen struppigen Pferd die Strecke von Sibirien bis nach Deutschland zurückgelegt und dabei noch den Krieg gewonnen hatten.

Für Edmund gibt es andere Probleme, dass Hauptproblem ist allgegenwärtig und schmerzt in der Magengrube, Tag und Nacht drehen sich die Gedanken darum und er hat das Gefühl, daß ihn vor allem seine Lina dauernd strafend ansieht: Hunger, Hunger und nichts zu fressen im Haus.

Das Wenige, was der kleine Hausgarten in diesem Jahr 1945 abwerfen wird, wird nicht lange reichen, ein paar Beeren, Birnen, die reichlich, eine kleine harte Sorte, aber besser als nichts, ein paar Äpfel und ansonsten hat er Kartoffeln gelegt.

Fressen muß her!

Tauschwirtschaft funktioniert nicht, 5 Kinder, bei der Eisenbahn auch kein Riesengehalt, da ist nichts da, was Wert hätte bei den dicken Bauern rundherum zum Tausch gegen Lebensmittel angeboten zu werden. Else, seine jüngere Tochter hat für sich einen einträglichen Weg des Broterwerbs gefunden, sie verkauft oder tauscht ihre Gunst bei den Mannschaften der unterschiedlichen Besatzungsmächte gegen Waren ein. Er müßte lügen, wenn er behaupten würde, daß er dies bei den Amerikanern anstößig empfunden hätte, sie hatten davon gelebt, alle. Als sie jedoch jetzt auch die Russen mit einbezieht, gibt es im Dorf doch sehr, sehr viel schlechtes Gerede über das liederliche Frauenzimmer. Dies stört ihn schon, das Gerede.

Not macht erfinderisch, Hunger treibt um.

Was treibt einen Mann um außer dem Gedanken an Frauen, die Hoffnung auf Zigaretten? Schnaps!

Die Geschäftsidee mit der ‘Ware Frau’ hat Else schon erfolgreich umgesetzt, Zigaretten oder Tabak hat er nicht zur Verfügung, vielleicht im nächsten Jahr, falls es ihm gelingen würde, irgendwo ein kleines Stück Feld zu pachten und Tabak anzubauen.

Bleibt der Schnaps!

Unmengen an Alkohol hatten bei Kriegsende noch in der naheliegenden Henne-Kaserne gelagert. Bis unter die Decke, hatte der Führer dort schon während des Krieges Waren horten lassen, hieß es, Waren, die er beim bevorstehenden Endsieg kostenlos an alle Volksgenossen verteilt hätte. Nun war es ja dazu, dem Endsieg, nicht mehr gekommen. Die Waren waren weg, jeder der noch irgendwie laufen konnte, hatte etwas davongeschleppt, Schnaps in Benzinkanistern, Uniformstoff im Ballen, Nudeln in Säcken, Läusepulver in unbeschrifteten Blechbüchsen, in denen die Schlepper fälschlicherweise Konservenfleisch vermutet hatten … alles weg, denn die Reste hatten die Russen bei ihrem Einmarsch beschlagnahmt.
Vorsichtige Kontakte mit den Russen, die bei Else aus- und eingehen, Offiziere, mit Mannschaften gibt sie sich natürlich nicht ab. Was wird bei den Russen gebraucht? Es gibt eigentlich nur eine Antwort “Wodka”, Wässerchen, Schnaps!

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Aber selbst stehlen ist in dieser Zeit nicht möglich, ist ja nichts mehr da, nichtmal ‘auf der Henne’.
Not macht erfinderisch, Schnaps muß her! Selber machen, wie macht man Schnaps selbst?

Ein Austausch der Ideen mit dem Nachbarn, kein Problem, es braucht dazu nicht viel und Tradition gibt es in Erfurt zur Genüge, geht doch die Geschichte um, dass es früher in der Altstadt in jeder Gasse eine Schnapsbrennerei gegeben habe.
Eine Destille zusammenbauen ist kein Problem, der Grundstock ist vorhanden steht im Keller und ist ein Prunkstück deutscher Ingenieurskunst ein Schnellkochtopf ‘Sicomatic’, dazu Feuer, Schläuche, einige Glasrohre, ein Thermometer, fertig ist die Technik.
Gut, daß Edmund viele Dinge, andere würden Schrott dazu sagen, immer aufgehoben hat.

Nun braucht es Maische, als Grundstoff der Schnapsbrennerei. Kein Problem, Kartoffeln gibt es noch, ein prima Ausgangsstoff, etwas Getreide ist in der Nachbarschaft auch noch zu holen, zuerst ein Topf voll, plötzlich sogar mehrere Säcke als er dem Herrenschneider im Nachbarhaus versprochen hatte, ihn am Gewinn des bevorstehenden Geschäfts mit den Russen zu beteiligen. Geschrotet in einer selbstgebauten Mühle, etwas Malz läßt sich im Erfurter Malzwerk abzweigen, kostet eine alte goldene Taschenuhr, die kann man sowieso nicht essen, Ansetzen, gären lassen, destillieren, fertig!

Dass dabei das ganze Haus nach Schnaps riecht stört niemanden, am wenigsten die Beteiligten.

Erste Verkostung, Wirkung ist da, der Alkoholgehalt wird auf ungefähr 50% geschätzt, Edmund hat gehört, dass Alkohol so ab 50% entflammbar wäre und dass er darauf achten solle, dass die Flamme dann blau brennt und nicht grün, grün wäre der giftige Alkohol. Da gelte es aufzupassen!
Erstes Destillat, blaue Flamme, guter Geschmack, alles gut, weitermachen!
Die nächsten Tage bringen Arbeit, alte Gefäße werden vom Schrottplatz geholt, Fässer, eine alte Badewanne mit Loch, es wird gesäubert, gelötet, Löcher werden geschlossen, Getreide gemahlen, Maische angesetzt, destilliert. Die ganze Familie wird einbezogen und das Waschhaus wird umfunktioniert. Es ist sowieso nicht mehr so viel Wäsche da, die paar Teíle können auch nebenher in der Küche gewaschen werden.
Edmund hat auch Kontakt aufgenommen mit einem der Stammgäste von Else, sie nennt es Gäste, Boris, ein Major der russischen Armee, Anfang Dreißig, gut beieinander für einen Russen, wie es Else formuliert, gut situiert, gebildet, er war vor den Krieg Lehrer, und was wichtig ist, auch sauber.

Boris, schon nach dem ersten Verkosten begeistert von dem Wässerchen, übernimmt den Vertrieb bei den Russen. Er will auch leben, trinken sowieso und geboren ist ein weiteres Objekt deutsch-russischer Zusammenarbeit, später wird man solche Dinge im Osten Deutschlands ideologisch verbrämt Deutsch-sowjetische Freundschaft nennen. Und nicht dumm, erkennt er sehr schnell dass Körper, Seele und Geschäft hier eine gute Symbiose eingehen können, die Gunst von Else, gemischt mit dem Geist von Edmund. Und der Geist in Kanistern, Eimern und Flaschen, was eben gerade verfügbar ist! Und am Sichersten sind in diesen wilden Monaten nach dem Krieg einfache Benzinkanister verfügbar.
Der Familie helfen die Geschäfte mit Boris weiter, nicht nur, dass für Else dieses und jenes Stück Seife abfällt, manchmal etwas neue Unterwäsche, weiß der Teufel, wo Boris dies hernimmt, der Handel Schnaps gegen Ware sichert beinahe problemfreies Überleben.

Bis auf den März 1946!

Bisher hatte Boris das Haus von Edmund immer geschützt, wie von Geisterhand geführt gingen die russischen Soldaten bei ihren Razzien an seinem Haus vorbei, wobei sie sonst ja alles Andere als zimperlich waren. Die Leute tuschelten schon, ‘bestimmt wegen der Else’, der Major wolle wohl nicht, daß einer seiner schmutzigen Soldaten bei einer der fast üblichen Vergewaltigungen die Else mit einer Geschlechtskrankheit anstecke, was die Leute eben so reden.

Samstagnacht, 16. März, in tiefer Dunkelheit Schläge gegen die Haustür, Tritte gegen das alte Holz, lautes Splittern, Stiefeltrampeln auf der Treppe nach oben in den ersten Stock, Soldaten reißen die Tür zu Edmunds Schlafzimmer auf, zerren ihn aus dem Bett, er hat kaum Zeit sich einen Mantel über den Schlafanzug zu legen, ein Schlag mit einem Gewehrkolben in den Rücken, seine alten Militärstiefel kann er gerade noch anziehen, ohne Fußlappen, er macht sich noch Gedanken, wie das gehen soll, Stiefel ohne Fußlappen, er wird auf die Ladefläche eines alten deutschen LWK’s gestoßen, “ein “Beutestück” geht es ihm durch den Kopf und während der Motor anspringt, weiß er nicht, dass er sein Haus zum letzten mal sieht.
Seine Frau macht sich einige Tage später, da sie nichts von ihm gehört hatte,  auf den Weg in die russische Kommandantur nach Erfurt, sie hatte erfahren, dass es eine Villa in der Espachstraße wäre, die die Russen bei ihrem Einmarsch beschlagnahmt hatten. Sie findet das Haus, dringt in das Gebäude vor, schafft es auch einem russsichen Offizier ihre Frage zum Verbleib von Edmund vorzutragen, der zuckt nur mit den Schultern, ein Soldat bringt sie unsanft nach draußen und sie findet sich nach einem Stoß auf den Knien liegend wieder.

Nach Monaten erhält die Familie vom Bürgermeister ihres Ortes ein Schreiben ausgehändigt, daß Edmund in einem russischen Gefängnis gestorben ist.

Der Rest ist schnell erzählt:

Da die Destillierkünste von Edmund wohl doch nicht so zuverlässig waren, wie er und Boris angenommen hatten, offenbar war in eine der Lieferungen neben Alkohol auch Methanol gelangt. Die meisten trinkenden russischen Soldaten waren erkrankt, schwere Vergiftungserscheinungen, mehr als 10 waren gestorben.

Boris, dem in diesem Fall verständlicherweise das Hemd näher ist als der Rock, hatte sofort den Schuldigen am Tod russischer Soldaten ausgemacht, Edmund! Wie Edmund in russischer Gefangenschaft zu Tode gekommen ist, erfährt die Familie nie, auch Else nicht, die weiter mit Boris verkehrt, das Leben geht weiter.

Heute berichten Edmunds Enkel stolz, daß ihr Großvater als Widerstandskämpfer gegen die russischen Besatzer zu Tode gefoltert worden wäre, aber verraten hätte er nichts. Else ist mit ihrem russischen Major in den 50ger Jahren nach Rußland gegangen, wie ihr das gelang weiß bis heute niemand!

Was bleibt ist in der Erinnerung ein Widerstandskämpfer gegen den Bolschewismus, Edmund, der Schnapsbrenner, ein Kerl mit Schrott und Schrot.

100 Minuten Qual …

München Hauptbahnhof:

… im letzten Moment war ich mit dem Taxi angekommen, fast rennend, ICE nach Hamburg? Ein unsicherer Blick über den gelben Fahrplan, Bahnsteig 18, hastend, ein weißer Zug mit roten Streifen, eine offene Tür, vor dem Zugführer springe ich durch die Tür, bevor sich der Zug ganz sacht in Bewegung setzt … geschafft!
Platzkarte suchen, natürlich ganz unten in der übervollen, unordentlichen Tasche, seltsamerweise der richtige Wagen, Platz 36 – warum suche ich eigentlich die Platzkarte, der Wagen ist fast leer? Egal …
Eine Doppelbank, Platz Nummer 36, dazwischen ein Tisch, dahinter eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, sie ist schwer zu schätzen, sehr dick, der Tisch schon von ihr vollgepackt mit Tüten und Flaschen.
Ein flüchtiger Gruß, sie scheint ihn und mich kaum wahrzunehmen, hantiert mit Kopfhörern und ist zwischendurch mit dem Sortieren ihrer Tüten beschäftigt.
Irgendwie fühle ich mich eingeengt, ich weiß nicht ob von ihr und ihren Tüten oder vom Streß des zu Ende gehenden Tages, auf jeden Fall habe ich das Gefühl gegen die massige Frau, die mir gegenüber fast zwei Sitzplätze einnimmt, mein Terrain verteidigen zu müssen.
Ich greife ohne hinzusehen nach meiner Tasche, spüre Zeitschriften, ziehe sie heraus, GEO, die MAX, auf dem Cover eine sehr attraktive Frau, lege ich absichtlich obenauf, Schadenfreude verspürend, und ich versäume nicht vorher ihre Tüten auf dem gemeinsamen Tisch behutsam, „man ist ja höflich“, aber auch betont zusammen zu schieben. Ich ernte, wie erhofft, einen vorwurfsvollen Blick … und freue mich darüber.

München Pasing, Fahrzeit 6 Minuten, kurzer Halt, niemand steigt ein, das Drama beginnt.

Die Kopfhörer auf den Ohren greift sie zur ersten Tüte, eine braune Tüte, groß mit dem Aufdruck eines Bäckers, ein Griff, die Hand verschwindet in einer schier unendlichen Tiefe, als sie endlich wieder auftaucht hält sie ein großes Baguette wie in einer eisernen Klaue fest.
Ein heller Teig, groß, gut belegt, ich sehe Käse, Schinken, die Stärke des Belages konkurriert erkennbar mit der Dicke der Semmel, der Schinken und Käse gewinnen, nicht allein durch das Salatblatt welches komplettierend an den Seiten heraussteht. Schätzungsweise vier ausgesprochen kräftige, geradezu harmonisch anmutende  Bisse, das Riesenbaguette scheint sich zwischen den geschmeidigen Bewegungen ihres Kiefers fließend aufzulösen. Ein Griff zu einer großen Cola-Flasche, ein Riesenschluck, der einem Ertrinkenden alle Ehre machen würde … eine Bewegung mit dem Handrücken über den Mund, sie ist fertig mit ihrem Abendmahl …
… die Bewegung der Hand geht fließend vom Mund weg, hin zur nächsten Tüte mit dem Logo einer großen Fast-Food-Kette, sie zieht sie auf, fährt hinein, wie der Blitz im Gewitter, sie arbeitet und kommt heraus mit einem kleineren Behältnis, dem sie kleine gebratene Fleischteile mit erneut schnellen Bewegungen entnimmt. Später erfahre ich, dass es frittierte Geflügelteile sind, 12 mal findet die Hand den Weg zum Mund, gleichmäßig, ohne hastig zu sein, sichtlich gewohnte Bewegungen, die Training verraten, noch ein kräftiger Schluck aus der Cola-Flasche.
Hastiges Zerdrücken des leeren Kartons, die Bewegungen wirken jetzt hektisch, ungeduldig, nichts mehr von der zeitlosen Eleganz des Essens, die Hände gehen in Ruhestellung, unschuldig gefaltet liegen sie auf einem runden Bauch.

Bahnhof Augsburg, Fuggerstadt, Fahrzeit 40 Minuten, Einfahrt in den Bahnhof, 8 Minuten Verspätung werden angesagt, niemand steigt in unser Abteil ein.

Die Räder rollen wieder, die Hände erwachen aus ihrem kurzen Schlaf, der Griff zur Bäckertüte, ein neues Baguette, diesmal noch etwas kräftiger belegt, auch mit Ei und irgendeiner Sauce. Die Zähne fahren kraftvoll am oberen Ende hinein, die Sauce unten heraus, der Schwerkraft folgend auf ihre Hose, sie zeigt menschliche Größe und ignoriert es.
Die Bisse werden etwas kleiner, sechs mal gilt es zuzubeißen und das Schicksal der großen Semmel samt Inhalt ist besiegelt, ein kurzes Schnaufen, die obligate Cola-Flasche, diesmal schon zur Hälfte gelehrt.
Sie greift zu einem Buch, ich hatte den Titel kurz vorher auf der Bestsellerliste eines großen Wochenmagazins gelesen, wer auch immer festlegen mag, was in Deutschland ein Bestseller zu sein hat.
Plötzlich, ich weiß nicht woher, kommt mir ein angeblich alter Spruch in den Sinn: „Ein voller Bauch studiert nicht gern“, sie scheint es zu können – alle Achtung.
Der Zug wird langsamer, hält auf freier Strecke kurz an, ihr Blick hebt sich vom Buch, richtet sich fragend auf das Abteilfenster, vor dem es dunkel ist, und von dort ein neues Ziel suchend nicht auf das Buch zurück sondern auf die Tüte der großen Fast-Food-Kette.
Wie ein Blitz leuchtet es in ihren Augen auf, als die fleischige Hand erneut in dem Behältnis verschwindet und wieder erscheint mit einem gigantischen Stück aus rundem Brötchen, geteilt durch einen Fleischklops, Käse, Tomate, Salat und verfeinert wiederum mit einer Flüssigkeit nicht zu definierender Farbe.
Es schaudert mich, die Erwartung eines erneuten Widerstandes gegen den gnadenlos zubeißenden Mund in Form einer aus dem Brötchen spritzenden und die Peinigerin beschmutzenden Brühe wird leider enttäuscht, das Gebilde ergibt sich scheinbar willenlos seiner Eliminierung.
Nach dem letzten Biß noch einen deftigen Schluck aus der inzwischen sichtbar leichteren Cola-Flasche, ein dumpfes Gluckern, sie ist leer. Ein zufriedenes Gesicht, ein Durchsage, dass der Zug in wenigen Minuten in Nürnberg einfährt.

Nürnberg, Fahrzeit  100 min: der Zug hält, das Drama endet.

Sie steht auf, nimmt ihre Tasche, packt die Köpfhörer ein, zurück bleiben auf dem Tisch vor mir leere und damit sinnlose Tüten und eine große ebenfalls inhaltslose Cola-Flasche, 1,5 Liter.
Der Wagen scheint sich zu bedanken, als sie den Zug verlässt und ich habe das Gefühl, dass er sich einige Zentimeter nach oben hebt.
Ich fühle mich schlecht, weil ich ihr fröhliches, zufriedenes und sattes „Auf Wiedersehen“ nicht erwidern konnte, der Speichel wäre mir aus dem Mund geflossen – ich habe seit Mittag nichts mehr gegessen.

Der kleine Mann …

Ein Grundschüler, 2. Klasse, an einem Freitag im Jahr 1956, ein angenehmer Tag ist dieser 2. März. Ein Frühlingstag, noch frisch zwar, die Sonne scheint. Noch trage ich meinen Wintermantel, Lodenstoff, grün, bis über das Knie nach unten reichend, ich weiß, daß meine Mutter diesen Mantel genäht hat, aus einem alten Mantel des Großvaters, aufgetrennt, zerschnitten, neu zusammen gesetzt, an Manchen Stellen sieht man noch die alte, aufgetrennte Naht auf dem Stoff schimmern, kleine Löcher zeigen den Verlauf der Stiche, die grüne Farbe ist häßlich, aber der Mantel ist warm.

Ich weiß, ein anderer Mantel wäre nicht möglich gewesen, Geschwister, von denen ich ein abgelegtes Kleidungsstück übernehmen könnte habe ich nicht, Geld ist knapp in der Familie,  außerdem gibt es wenig Neues in Ostdeutschland, in der Ostzone, oder in der DDR wie es jetzt seit einiger Zeit heißt. Deutsche Demokratische Republik, das habe ich in der Grundschule von meiner Lehrerin schon gelernt, DDR heißt dieser neue Staat.

Auf dem Weg nach Hause sehe ich wie immer bei der Großmutter vorbei, die Großmutter hat Zeit, ist nicht ständig in Hektik, außerdem hat er Neues zu berichten, Dinge, die ich heute in der kleinen Zwergschule gelernt habe.
Zwergschule? Zwei Klassen werden von einer Lehrerin unterrichtet, in einem Raum, nicht sehr groß, zwei Reihen von Schulbänken. An der Wand, links eine Reihe für die erste Klasse, jeweils Doppelbänke, zwei Schüler neben-, vier Bänke hintereinander, an der Fensterseite das gleiche Arrangement für die Zweitklässler. Ich sitze noch links, Erstklässler, bald werde ich Zweitklässler sein, bei den Großen, nicht mehr der Kleine.

Der Unterricht gestaltet sich schwierig, eine Lehrerin unterrichtet in einem Raum zwei unterschiedliche Klassen, unterschiedlichen Stoff, eine Klasse ist immer aktiv, die andere hat Stillbeschäftigung, eine rechnet, die andere schreibt inzwischen irgendeinen Text.

Manchmal habe ich natürlich auch schon das Glück gehabt mit den Großen zusammen zu sein, beim Sportunterricht etwa, wenn Völkerball auf dem kleinen Dorfsportplatz gegenüber der Schule gespielt wird. Völkerball, da sind die 7 Kinder der Ersten und die 6 der Zweiten natürlich einzeln zu wenig, da dürfen beide Klassen zusammen ran.

Oder beim Pionierappell, jeden Montag vor der ersten Unterrichtsstunde, oder besser in der ersten Unterrichtsstunde. Die Schüler beider Klassen treten dann in zwei Reihen auf dem Bürgersteig vor der Schule an, vorn die Erste, hinten die Zweite, weil die größer sind, der Gruppenratsvorsitzende der Zweiten meldet der Lehrerin das alle Schüler zum Appell angetreten sind, die Lehrerin dankt, sie erzählt dann irgendetwas, wir singen ein Lied, bummeln noch etwas herum, dann geht es zurück in die Klasse.

Heute hatte die Lehrerin beide Klassen zusammengenommen, das heißt in der 1. Stunde hatte sie gesagt, bitte alle mal aufpassen, ich muß Euch was Wichtiges sagen, wie sie das sagte, klang wichtig, und entsprechend fühlten wir uns auch wichtig.

Etwas Wichtiges hatte sie uns zu sagen! Sie sprach vom Krieg, sie sprach von der DDR, sie sprach von Westdeutschland und davon, das jeder Staat sich schützen muß. Wir wußten nicht, wovor sich unser Staat schützen mußte, aber wir verstanden, daß am Tag zuvor, am ersten März 1956 die DDR ihre eigene Armee gegründet hatte, sie nannte sie NVA und wir erfuhren, daß dies Nationale Volksarmee heißen sollte.
Krieg hatten wir, auch wenn wir noch die Kleinen waren, schon oft gespielt. Meist getrennt in zwei Parteien, die Roten und die Blauen. Die Roten wollten wir alle sein, Blau sein, war nicht so begehrt, da es Usus war, daß die Blauen am Ende immer zu verlieren hatten. Warum das so war, wußten wir nicht, es war auch nicht wichtig.

Jetzt hatten wir also unsere eigene Armee.

Sie sagte das sehr wichtig, wiederholte es mehrfach, und wir spürten den Hauch der Bedeutung, wir hatten eine eigene Armee. Nicht nur die Russen, der Ami, der Engländer, der Franzose hatten Männer in Uniform, die uns damals täglich in ihren Jeeps auf Deutschlands Straßen begegneten, natürlich meist die Russen, wir wohnten in Thüringen, aber die Westmächte bekamen wir auch öfter zu sehen. Die hatten die schöneren Autos und die schickeren Uniformen und wir fanden es faszinierend, wenn die Ami’s vorbeifuhren, oft lässig ein Bein aus dem Jeep heraus auf den vorderen Kotflügel gestellt, der Fahrer das linke, der Beifahrer das rechte Bein, manchmal bekam man ein Stück Schokolade, wenn man sich als Kind bemerkbar machte, manchmal aber auch nicht. Mit den Russen konnte man versuchen zu reden, meist wirkten sie selbst wie verängstigte kleine Kinder, die Franzosen waren absolut unnahbar, wir nahmen sie, strafend, nicht zur Kenntnis, und die Tommy’s, na ja.

Wir hatten also endlich auch unsere Armee, die uns beschützen würde. Die Lehrerin hatte auch erzählt, daß die Armee den Frieden verteidigen würde. Ja aber, warum sollte denn gerade unsere Armee den Frieden verteidigen, eine Armee hatte zu kämpfen, zu schießen, peng, peng, so wie wir es tagtäglich, im Straßengraben liegend, übten. Es gab viel zu diskutieren.

Es fiel uns schwer danach zum normalen Unterrichts zurückzukehren, und auf dem Heimweg von der Schule mußte ich die Neuigkeit sofort loswerden. Die Bäckersfrau, bei der ich für meine einzigen fünf Pfennige extra ein Brötchen kaufte, nur um die Nachricht an den Mann zu bringen, reagierte auf meine eilig vorgetragene Mitteilung von unserer neuen Armee gar nicht, willst Du noch etwas, nein, fünf Pfennig! Ihre Hand kam über den Tisch, die offene Handfläche nach oben, fünf Pfennig von mir, eine Semmel von ihr. Ich hätte die Semmel schon nicht mehr haben wollen, wenn sie sich doch für meine wichtige Nachricht so garnicht interessierte, aber jetzt zu kneifen wagte ich mir auf Grund ihres strengen Blickes auch nicht.
Weiter, Mutter auf Arbeit, loswerden mußte ich meine Neuigkeit, also zur Oma.

Sie, zum Glück zu Hause, in der Küche, beim Kartoffelschälen, mit ihren streng nach hinten gekämmten und zusammengebundenen weißen Haaren, das Essen ist noch nicht fertig, willst Du eine Tasse Milch und ein Brötchen mit Öl? Gemeint ist das Öl aus der großen Flasche, Mohnöl, das sie jedes Jahr selbst preßt, ein kleiner Schluck wird auf eine Untertasse geschüttet, das Brötchen eingetaucht und gegessen, eine Delikatesse.
Ich zapplig, aufgeregt, ich habe ja eine sehr wichtige Nachricht, sie die Ruhe in Person, ‘zuerst setzt Du Dich hin und ißt’.

„Oma, wir haben heute in der Schule gelernt, daß wir jetzt auch eine Armee haben, die NVA. Die wird uns verteidigen.“

Sie scheint von meiner Nachricht garnicht berührt, eigentlich hatte ich erwartet, daß sie dies auch sehr wichtig finden würde. Ich wiederhole meinen Vers, sie antwortet lediglich abgewandt mit einem leisen ‘ja’. Ich bin enttäuscht.

Nach einigen Minuten, es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, setzt sie sich zu mir an den Tisch. ‘Weißt Du, ich bin schon alt, früher, als ich noch Kind war, hatten wir den Kaiser, dann kam Friedrich Ebert, später der Führer, jetzt haben wir den Walter Ulbricht und im Westen haben sie den Adenauer, immer neue Gesichter und Geschichten, aber der kleine Mann bleibt immer der kleine Mann.’

Damals, am 2. März 1956, einen Tag nach Gründung der DDR-Armee, habe ich den Satz noch nicht verstanden, ich war nur von ihr enttäuscht.

Sießer seled …

.. in den vergangenen Wochen war der Himmel über der Stadt grau gewesen, heute nun der erste schöne Tag in Hamburg, ein dienstliches Gespräch, danach ein Gang, hastig, mit aufgesetzter Verbindlichkeit, durch die Straßen hin zur Alster, ein kurzes gemeinsames Mittagessen, mehr Höflichkeit, denn persönliches Anliegen.

Gegenüber dem altehrwürdigen, seit mehr als 100 Jahren am Ort eingesessenen Hotel, nehmen wir auf der Terrasse direkt an der Binnenalster Platz. Schnell lerne ich aus der Präsentation, dass ich ‚auf diese Möglichkeit auch bei kühlem Wetter unter Heizpilzen wohlige Wärme an einem lauschigen Plätzchen genießen, mich durch erstklassige Speisen und einen hervorragenden Service verwöhnen zu lassen, immerhin gestandene 109 Jahre gewartet habe’. Na gut, sei es wie es sei …

Ledergebundene Speisenkarten, bevor ich einen Blick in die Auflistung, ‚erstklassiger Speisen’, werfen kann, „ .. was wollen wir essen?“ Eigentlich ist es keine Frage, ein Vorschlag, es klingt wie: „sießer seled“, beifälliges Murmeln, „sießer seled“! Vorstellen kann ich mir darunter nichts, süßer Salat? Meine Mutter machte früher immer süßen Salat. Grüner Salat in Milch und mit Zucker bestreut, eine Reminiszenz an meine Kindheit, warum nicht? Auf jeden Fall nicke ich, als ich imperativ gefragt werde, ob ich mich anschließe.

Einige Minuten Zeit, ein müde plätscherndes Gespräch, Vater und Sohn wollen in den nächsten Tagen zusammen angeln; „ … an der Nordsee?“, fast mitleidig die Antwort, „ … nein, wir fliegen nach Marokko“. „Weißt Du noch das Essen, damals in dem tollen Restaurant? Wo war das doch gleich? Ach so ja, das war doch, als wir das letzte mal über’s Wochenende in San Francisco waren..“. Ein kurzer Einschub zur Qualität von Trinkwasser in Deutschland, immerhin ist einer der Herren am Tisch Master Sommelier… Ich verstehe immerhin, dass das Trinkwasser aus den Leitungen Leipzigs von hervorragender Qualität mit sehr angenehmem Geschmack, wenn auch mit einer leichten Kork-Note ist.

‚Sießer Seled’ wird serviert, junge Männer mit langen weißen Schürzen kredenzen die Teller mit wichtigster Miene und filmreifem Schwung, dreimal ‚sießer Seled’ mit Riesengarnelen, für den Außenseiter, mich, gibt es ‚sießen Seled’ pur. In dem Augenblick bedauere ich leicht Vegetarier zu sein, würden auf meinem winzigen Teller mit kleingehacktem Salat sonst doch wenigstens noch drei Garnelen zu erwarten sein. So finde ich einige, wenige Bissen gehäckselten Salat mit etwas Dressing, 2 halbe Cocktailtomaten, vielleicht war es vorher sogar eine ganze, ein paar Krümel geraspelten Käse, dazu doch tatsächlich 2 Salzstangen…

Ich esse meinen ‚sießen Seled’, aus den kleinen, tiefen Tellern sind die Salatkrümel schlecht heraus zu bekommen, so verwundert es mich nicht, dass ich mich noch mühe, als die Anderen schon ihren Teller mit beifälligen Geräuschen garniert geleert haben. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich wahrscheinlich mehr Energie investiere, um die Salatschnipsel vom Teller zu klauben, als diese ‚erstklassige’ Speise meinem Körper zuführen wird. Aber immerhin habe ich 109 Jahre darauf gewartet, dass ich dies hier über der Alster erleben darf… Mahlzeit!

Das Gespräch strebt seinem Kulminationspunkt entgegen, dreht sich um soziale Differenzen in diesem, unserem Land, um die soziale Schere, die immer weiter auseinander klafft, um soziale Spannungen, die sich daraus entwickeln, um „Rechts und Links“, um Rattenfänger und Dekadenz …

„Nein, mit der Karte können Sie hier leider nicht bezahlen mein Herr,“, es tut dem schwitzenden jungen Kellner sichtbar leid, er krümmt sich bei der Ansage, als erwarte er für diese schnöde Auskunft zur hingehaltenen Platin Card persönlich Prügel, „… leider funktioniert unser kabelloses Lesegerät heute nicht über die Straße bis zum Mutterhaus…“, er sagt tatsächlich „Mutterhaus“, verhaspelt sich, Schweißperlen stehen auf seiner Stirn … er tut mir leid, Dekadenz?

Im Aufstehen werfe ich doch einen Blick in die ledergebundene Speisenkarte, ‚sießer seled’, finde ich nicht, nur ‚Caeser salad’. Später, zu Hause, lerne ich das es wohl wirklich etwas Besonderes sein soll, wegen des Dressings. Für mich ist es in diesem Moment nur kleingeschnittener Salat mit Soße und zwei Salzstangen, von dem ich dazu noch nicht einmal satt geworden bin, aber ich bin chauvinistisch froh, meine Unkenntnis nicht am Tisch gezeigt zu haben.

Wir steigen von der Terrasse einige Stufen in Richtung oberes Alsterufer, auf der Treppe sitzen zwei Stadtstreicher mit ihren Hunden und mich beschleicht Unbehagen bei dem Gedanken, dass das Geld für unseren ‚sießen Seled’ Mann und Hund sicher eine Woche satt gemacht hätte. Ich versuche auszuweichen, um nicht über die demonstrativ ausgestreckten Beine der Beiden steigen zu müssen. Es gelingt mir nicht, ich blicke weg, Dekadenz … ?