Der Widerstandskämpfer …

Die beiden englischen Luftminen, die am 25. Februar 1945 u.a. das historische Augustiner-Kloster in Erfurt weitgehend zerstört und ungezählten Menschen Tod, Verletzung und Verlust gebracht hatten, waren in ihrer Wirkung bis in die Vororte zu spüren gewesen, auch er hatte gelitten, seine Frau war auf der Straße durch den Luftdruck weggepustet und gegen einen Gartenzaun geschleudert worden, an sich nicht so schlimm, wenn nicht dabei ihr Rock in Fetzen  gegangen wäre und woher sollten sie in diesen chaotischen Kriegstagen, von denen sie nicht genau wußten, ob es die letzten sein würden, einen neuen Rock oder wenigstens den Stoff dafür nehmen?

Der Krieg war an ihm als Person bisher weitgehend vorbeigegangen, er war Eisenbahner, bei der Reichsbahn, damit unabkömmlich und im wesentlichen an der Heimatfront tätig gewesen, verantwortlich! Seine Söhne hatten den vom Führer eigentlich ihm zugedachten Part beim Waffengang gegen den Feind mit übernommen, Werner bei der Marine, Hans bei der Waffen-SS, Willi als gemeiner Sandlatscher war schon in den ersten Tagen des Frankreichfeldzugs von einem deutschen LKW überfahren worden. Nun, wenigstens hatten sie ihm in der guten Stube mit seinem Bild und einer Kerze eine Helden-Gedenkecke eingerichtet, dort lag auch das EK I, daß der Ortsgruppenleiter gemeinsam mit einem Schreiben des Kommandeurs überbracht hatte. Kerzen sind kostbar in dieser Zeit und eigentlich brauchen sie sie, wenn sie nachts bei Alarm in den Luftschutzkeller rennen, aber Lina hatte ihn mehrfach strafend angesehen, wenn er die Hand nach der Kerze des gemeinsamen Sohnes ausstreckte und so hatte er es bisher gelassen.

Am Anfang des Krieges ließ sich mit einem gefallenen Sohn noch Staat machen, gefallen für ‘Führer, Volk und Vaterland’. Er kann sich noch gut erinnern, wie nach dem Ortsgruppenleiter, dem Bürgermeister und dem Schulleiter auch der protestantische Pfaffe des Dorfes bei ihnen vorgesprochen hatten, um ihnen zum Heldentod ihres Sohnes zu gratulieren. Für einige Tage standen sie im Mittelpunkt des Interesses, die bescheidenen Eltern eines deutschen Helden und tunlichst hatte er verschwiegen, daß sein Sohn nicht in einem wilden Kampf mit dem Franzmann ehrenhaft gefallen, sondern von einem siegestrunkenen und betrunkenen deutschen Fahrer gemeuchelt worden war.
Jetzt in den letzten Kriegstagen interessierte das niemand mehr. Zu viele sind gefallen, wie eine Inflation, immer neue Todesmeldungen werden nachgedruckt, wie Geldscheine in der letzten Inflation. Nichts mehr wert.
Die Druckwellen der beiden Luftminen hatten blöderweise nicht nur Edmunds Frau durch die Gegend gewirbelt, auch sein Dach, sein Vorbau und seine Scheune waren nicht ohne Schaden davon gekommen, die Ziegel waren beim Fall meist zerbrochen, so daß sie nicht mehr brauchbar waren, einige Fensterscheiben waren gesprungen, zwei Giebelfenster des Wohnhauses waren völlig herausgeflogen und das im Winter, glücklicherweise liegen die Temperaturen in diesen Tagen etwas über dem Gefrierpunkt, so daß die Flüchtlingsfamilie, die die beiden Mehlkammern auf dem Boden bewohnt, damit auskommt, die leeren Fensterhöhlen mit Decken abzudichten.

Ein seltsames Jahr dieses 1945, der Zusammenbruch des Reiches, jegliche Ordnung ist aufgehoben, seit Mitte April wurde Thüringen von dem Amerikanern besetzt und verwaltet, recht und schlecht wie es ihm, dem korrekten deutschen Eisenbahner schien, dann Ende Juni die erschreckende Mitteilung, dass die Amerikaner wieder abziehen und den Russen Platz machen würden. Ende Juni waren innerhalb von 3 Tagen die Amerikaner weg und statt dessen ergossen sich auf die Straßen endlose Kolonnen von Russen, viele Soldaten zu Fuß, abgerissen, schmutzig wie es ihm schien, wenige LKW’s, viele Panjewagen, kleine von einem Pferd gezogene Wagen, mit denen in Russland die Bauern ihre täglichen Wege zurücklegen. Für Edmund, den deutschen Eisenbahner ist es unvorstellbar, wie die Russen mit diesen klapprigen Wagen mit dem kleinen struppigen Pferd die Strecke von Sibirien bis nach Deutschland zurückgelegt und dabei noch den Krieg gewonnen hatten.

Für Edmund gibt es andere Probleme, dass Hauptproblem ist allgegenwärtig und schmerzt in der Magengrube, Tag und Nacht drehen sich die Gedanken darum und er hat das Gefühl, daß ihn vor allem seine Lina dauernd strafend ansieht: Hunger, Hunger und nichts zu fressen im Haus.

Das Wenige, was der kleine Hausgarten in diesem Jahr 1945 abwerfen wird, wird nicht lange reichen, ein paar Beeren, Birnen, die reichlich, eine kleine harte Sorte, aber besser als nichts, ein paar Äpfel und ansonsten hat er Kartoffeln gelegt.

Fressen muß her!

Tauschwirtschaft funktioniert nicht, 5 Kinder, bei der Eisenbahn auch kein Riesengehalt, da ist nichts da, was Wert hätte bei den dicken Bauern rundherum zum Tausch gegen Lebensmittel angeboten zu werden. Else, seine jüngere Tochter hat für sich einen einträglichen Weg des Broterwerbs gefunden, sie verkauft oder tauscht ihre Gunst bei den Mannschaften der unterschiedlichen Besatzungsmächte gegen Waren ein. Er müßte lügen, wenn er behaupten würde, daß er dies bei den Amerikanern anstößig empfunden hätte, sie hatten davon gelebt, alle. Als sie jedoch jetzt auch die Russen mit einbezieht, gibt es im Dorf doch sehr, sehr viel schlechtes Gerede über das liederliche Frauenzimmer. Dies stört ihn schon, das Gerede.

Not macht erfinderisch, Hunger treibt um.

Was treibt einen Mann um außer dem Gedanken an Frauen, die Hoffnung auf Zigaretten? Schnaps!

Die Geschäftsidee mit der ‘Ware Frau’ hat Else schon erfolgreich umgesetzt, Zigaretten oder Tabak hat er nicht zur Verfügung, vielleicht im nächsten Jahr, falls es ihm gelingen würde, irgendwo ein kleines Stück Feld zu pachten und Tabak anzubauen.

Bleibt der Schnaps!

Unmengen an Alkohol hatten bei Kriegsende noch in der naheliegenden Henne-Kaserne gelagert. Bis unter die Decke, hatte der Führer dort schon während des Krieges Waren horten lassen, hieß es, Waren, die er beim bevorstehenden Endsieg kostenlos an alle Volksgenossen verteilt hätte. Nun war es ja dazu, dem Endsieg, nicht mehr gekommen. Die Waren waren weg, jeder der noch irgendwie laufen konnte, hatte etwas davongeschleppt, Schnaps in Benzinkanistern, Uniformstoff im Ballen, Nudeln in Säcken, Läusepulver in unbeschrifteten Blechbüchsen, in denen die Schlepper fälschlicherweise Konservenfleisch vermutet hatten … alles weg, denn die Reste hatten die Russen bei ihrem Einmarsch beschlagnahmt.
Vorsichtige Kontakte mit den Russen, die bei Else aus- und eingehen, Offiziere, mit Mannschaften gibt sie sich natürlich nicht ab. Was wird bei den Russen gebraucht? Es gibt eigentlich nur eine Antwort “Wodka”, Wässerchen, Schnaps!

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Aber selbst stehlen ist in dieser Zeit nicht möglich, ist ja nichts mehr da, nichtmal ‘auf der Henne’.
Not macht erfinderisch, Schnaps muß her! Selber machen, wie macht man Schnaps selbst?

Ein Austausch der Ideen mit dem Nachbarn, kein Problem, es braucht dazu nicht viel und Tradition gibt es in Erfurt zur Genüge, geht doch die Geschichte um, dass es früher in der Altstadt in jeder Gasse eine Schnapsbrennerei gegeben habe.
Eine Destille zusammenbauen ist kein Problem, der Grundstock ist vorhanden steht im Keller und ist ein Prunkstück deutscher Ingenieurskunst ein Schnellkochtopf ‘Sicomatic’, dazu Feuer, Schläuche, einige Glasrohre, ein Thermometer, fertig ist die Technik.
Gut, daß Edmund viele Dinge, andere würden Schrott dazu sagen, immer aufgehoben hat.

Nun braucht es Maische, als Grundstoff der Schnapsbrennerei. Kein Problem, Kartoffeln gibt es noch, ein prima Ausgangsstoff, etwas Getreide ist in der Nachbarschaft auch noch zu holen, zuerst ein Topf voll, plötzlich sogar mehrere Säcke als er dem Herrenschneider im Nachbarhaus versprochen hatte, ihn am Gewinn des bevorstehenden Geschäfts mit den Russen zu beteiligen. Geschrotet in einer selbstgebauten Mühle, etwas Malz läßt sich im Erfurter Malzwerk abzweigen, kostet eine alte goldene Taschenuhr, die kann man sowieso nicht essen, Ansetzen, gären lassen, destillieren, fertig!

Dass dabei das ganze Haus nach Schnaps riecht stört niemanden, am wenigsten die Beteiligten.

Erste Verkostung, Wirkung ist da, der Alkoholgehalt wird auf ungefähr 50% geschätzt, Edmund hat gehört, dass Alkohol so ab 50% entflammbar wäre und dass er darauf achten solle, dass die Flamme dann blau brennt und nicht grün, grün wäre der giftige Alkohol. Da gelte es aufzupassen!
Erstes Destillat, blaue Flamme, guter Geschmack, alles gut, weitermachen!
Die nächsten Tage bringen Arbeit, alte Gefäße werden vom Schrottplatz geholt, Fässer, eine alte Badewanne mit Loch, es wird gesäubert, gelötet, Löcher werden geschlossen, Getreide gemahlen, Maische angesetzt, destilliert. Die ganze Familie wird einbezogen und das Waschhaus wird umfunktioniert. Es ist sowieso nicht mehr so viel Wäsche da, die paar Teíle können auch nebenher in der Küche gewaschen werden.
Edmund hat auch Kontakt aufgenommen mit einem der Stammgäste von Else, sie nennt es Gäste, Boris, ein Major der russischen Armee, Anfang Dreißig, gut beieinander für einen Russen, wie es Else formuliert, gut situiert, gebildet, er war vor den Krieg Lehrer, und was wichtig ist, auch sauber.

Boris, schon nach dem ersten Verkosten begeistert von dem Wässerchen, übernimmt den Vertrieb bei den Russen. Er will auch leben, trinken sowieso und geboren ist ein weiteres Objekt deutsch-russischer Zusammenarbeit, später wird man solche Dinge im Osten Deutschlands ideologisch verbrämt Deutsch-sowjetische Freundschaft nennen. Und nicht dumm, erkennt er sehr schnell dass Körper, Seele und Geschäft hier eine gute Symbiose eingehen können, die Gunst von Else, gemischt mit dem Geist von Edmund. Und der Geist in Kanistern, Eimern und Flaschen, was eben gerade verfügbar ist! Und am Sichersten sind in diesen wilden Monaten nach dem Krieg einfache Benzinkanister verfügbar.
Der Familie helfen die Geschäfte mit Boris weiter, nicht nur, dass für Else dieses und jenes Stück Seife abfällt, manchmal etwas neue Unterwäsche, weiß der Teufel, wo Boris dies hernimmt, der Handel Schnaps gegen Ware sichert beinahe problemfreies Überleben.

Bis auf den März 1946!

Bisher hatte Boris das Haus von Edmund immer geschützt, wie von Geisterhand geführt gingen die russischen Soldaten bei ihren Razzien an seinem Haus vorbei, wobei sie sonst ja alles Andere als zimperlich waren. Die Leute tuschelten schon, ‘bestimmt wegen der Else’, der Major wolle wohl nicht, daß einer seiner schmutzigen Soldaten bei einer der fast üblichen Vergewaltigungen die Else mit einer Geschlechtskrankheit anstecke, was die Leute eben so reden.

Samstagnacht, 16. März, in tiefer Dunkelheit Schläge gegen die Haustür, Tritte gegen das alte Holz, lautes Splittern, Stiefeltrampeln auf der Treppe nach oben in den ersten Stock, Soldaten reißen die Tür zu Edmunds Schlafzimmer auf, zerren ihn aus dem Bett, er hat kaum Zeit sich einen Mantel über den Schlafanzug zu legen, ein Schlag mit einem Gewehrkolben in den Rücken, seine alten Militärstiefel kann er gerade noch anziehen, ohne Fußlappen, er macht sich noch Gedanken, wie das gehen soll, Stiefel ohne Fußlappen, er wird auf die Ladefläche eines alten deutschen LWK’s gestoßen, “ein “Beutestück” geht es ihm durch den Kopf und während der Motor anspringt, weiß er nicht, dass er sein Haus zum letzten mal sieht.
Seine Frau macht sich einige Tage später, da sie nichts von ihm gehört hatte,  auf den Weg in die russische Kommandantur nach Erfurt, sie hatte erfahren, dass es eine Villa in der Espachstraße wäre, die die Russen bei ihrem Einmarsch beschlagnahmt hatten. Sie findet das Haus, dringt in das Gebäude vor, schafft es auch einem russsichen Offizier ihre Frage zum Verbleib von Edmund vorzutragen, der zuckt nur mit den Schultern, ein Soldat bringt sie unsanft nach draußen und sie findet sich nach einem Stoß auf den Knien liegend wieder.

Nach Monaten erhält die Familie vom Bürgermeister ihres Ortes ein Schreiben ausgehändigt, daß Edmund in einem russischen Gefängnis gestorben ist.

Der Rest ist schnell erzählt:

Da die Destillierkünste von Edmund wohl doch nicht so zuverlässig waren, wie er und Boris angenommen hatten, offenbar war in eine der Lieferungen neben Alkohol auch Methanol gelangt. Die meisten trinkenden russischen Soldaten waren erkrankt, schwere Vergiftungserscheinungen, mehr als 10 waren gestorben.

Boris, dem in diesem Fall verständlicherweise das Hemd näher ist als der Rock, hatte sofort den Schuldigen am Tod russischer Soldaten ausgemacht, Edmund! Wie Edmund in russischer Gefangenschaft zu Tode gekommen ist, erfährt die Familie nie, auch Else nicht, die weiter mit Boris verkehrt, das Leben geht weiter.

Heute berichten Edmunds Enkel stolz, daß ihr Großvater als Widerstandskämpfer gegen die russischen Besatzer zu Tode gefoltert worden wäre, aber verraten hätte er nichts. Else ist mit ihrem russischen Major in den 50ger Jahren nach Rußland gegangen, wie ihr das gelang weiß bis heute niemand!

Was bleibt ist in der Erinnerung ein Widerstandskämpfer gegen den Bolschewismus, Edmund, der Schnapsbrenner, ein Kerl mit Schrott und Schrot.

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