Mein Baum …

Deutschland und der wohlhabende Teil der Welt leiden unter der Angst, der Klima-Angst.

Ich bin ganz ehrlich, ich glaube an die postulierte überhohe Wertigkeit des „menschengemachten Anteils“ nicht, was mich aber nicht davon abhält mit der Umwelt und mit mir ‚vernünftig‘ umzugehen.

Ich kaufe keinen Kaffee oder Essen im Pappbecher, benutze so gut wie ausschließlich Mehrwegbehältnisse, reduziere meine automobile Mobilität auf ein Minimum usw. usw.

Ich weiss, wie schlimm Ängste sein können, noch dazu wenn sie kollektiv erlebt und unterhalten werden. Ängste entstehen u.a. dann, wenn wir uns bedrohlichen Entwicklungen hilflos ausgeliefert erleben.

Eine gewisse Reduzierung unserer Ängste tritt schon ein, wenn wir nicht passiv bleiben und auf das Schicksal warten, sondern selbst aktiv werden, Veränderungsmöglichkeiten suchen, Veränderungen schaffen.

Mein Vorschlag:

Wenn die Menschen vor dem Klima, den erwartete Klimaveränderungen erst einmal Angst haben, sind sie in der Regel rationalen sachlichen Argumenten nicht mehr zugänglich. Fakten werden durch Annahmen, Haltungen, Glauben erstzt.

Also heisst es handeln, etwas Vernünftiges tun, sich nicht der echten oder imaginierten Bedrohung ergeben.

Große Kohlendioxid-Räuber sind Pflanzen, respektive Bäume.

Ich stelle mir vor und hoffe, es gelingt uns eine Initiative ins Leben zu rufen, in der jeder Bürger jährlich wenigstens einen Baum selbst aus Samen aufzieht, ihn setzt und vielleicht noch einige Zeit ein Auge darauf hat.

Das wären rund 80 Millionen Bäume pro Jahr.

Ich sehe vor meinen Augen Kinder in Kita’s Eicheln, Bucheckern oder andere Samen sammeln, ich sehe, wie sie sie in Töpfe stecken und gemeinsam darauf warten, wie die Samen aufgehen.

Ich sehe Schulkinder in ihren Schulen die Schößlinge pflegen, sie beobachten, bis sie als Setzlinge ausgebracht werden können.

Ich sehe Förster und Umweltgestalter geeignete Plätze zum Anpflanzen aussuchen und sie den Pflanzenden zuweisen.

Ich sehe 80 Millionen Menschen unseres Landes, die jährlich einen Baum pflanzen und damit einen konkreten Anteil zur Umwelt leisten.

So wird Deutschland in jedem Jahr wieder ein Stück Grüner werden.

Ich bin überzeugt, dass neben dem naturwissenschaftlichen Effekt einer solchen Aktion auch die Angst vieler Menschen relativiert werden wird, alles andere wird uns die Zukunft zeigen.

Gespannt bin ich, wie viele Menschen sich einer solchen Initiative anschließen werden.

Ich pflanze den Baum …

Morgens begrüsst mich im ‚Morgenmagazin‘ zuerst das Gesicht von Greta aus Schweden, sie käme nun doch endlich heute in New York an und die Medien sorgen sich sehr darum, ob sie auf dem Segelboot auch wieder „umweltfreundlich“ nach Schweden zurückkäme, ein mediales Riesenproblem.

Im Amazonasgebiet brennt es weiter, offen ist, ob die Bauern dort neue Regenwaldbereiche abfackeln oder ob sie „lediglich“ schon einmal brandgerodete Flächen wieder abbrennen. Beides ist blöd, interessant sind die Hintergründe.

Nach internationalen Angaben soll es sich jetzt überwiegend um Flächen handeln, die vor Jahren, vielleicht Jahrzehnten schon einmal für europäische Ansprüche, etwa Bio-Diesel brandgerodet wurden. Die Älteren von uns erinnern sich noch an den Hype der GRÜNEN um den Bio-Diesel, der von den gleichen grünen Köpfen, die jetzt wegen der Verbrenner generell und um das Überleben der Menschheit speziell besorgt sind, als die Lösung aller Umweltprobleme hochstilisiert wurde.

Sie können seit mehreren Monaten scheinbar keine Nacht mehr ruhig schlafen, zumindest schauen Baerbock und Habeck „so abgeledert“ jeden Tag in die ihnen reichlich hingehaltenen Kameras. Keine Sau spricht mehr vom Bio-Diesel, aber was kümmert solche Leute ihr Geschwätz von gestern.

Jetzt darbt die Menschheit unwiederbringlich am Kohlendioxid, folge ich den herbeigesehnten Horrorszenarien, sehe ich nur noch graue, gebeugte, kraftlose Menschen durch die ebenso graue Umwelt wanken, durch die leeren Straßen der urbanen Eliten peitscht ungebremst der Wind, treibt die überall herumliegenden Abfälle vor sich, weil schlicht niemand mehr die Kraft aufbringt, sie wegzuräumen. Nicht nur die Straßen von Hamburg und Bremen sind untergegangen, selbst in Oberstdorf erwartet man die Ankunft des Meeres. Vom Hubschrauber aus werden die letzten Fotos von der Spitze des Michels geschossen, bevor auch diese von den gierigen Wellen der Nordsee für alle Zeiten verschlungen wird.

Derweil wird in riesigen Höhlen der Hochgebirge im Geheimen, streng nach den Vorlagen von Roland Emmerich, an Überlebensszenarien für die wirklich Schönen und Reichen dieser Welt gearbeitet. Obwohl, wahrscheinlich geht es nur um die Reichen, sonst wären wir ja auch dabei oder hätten zumindest davon gehört.

Leute, diese unbegründete ängstliche Hysterie geht mir gnadenlos auf den Geist, paralysiert sie doch zunehmend die Kräfte der Gesellschaft.

Ich sitze auf der Terrasse unseres kleinen Grundstücks, als Abgehängter wohne ich auf dem Land. Um mich herum ist alles grün, wir haben in den letzten 25 Jahren mit viel Arbeit das Grundstück durchgängig begrünt.

Es sind: ein riesenhafter Kirschbaum mit einer Krone von mehr als 10 Meter Durchmesser, ein Walnussbaum, ebenso groß, eine Pflaume, ein Apfel, ein Ginkgobaum, 2 amerikanische Tulpenbäume, deren volle Größe ich leider nicht mehr erleben werde, mehrere große und kleine Büsche, die Grundstücksgrenzen sind begrünt und die Bäume verbrauchen reichlich CO2, sonst wären sie nicht so grün. Der Bewuchs sichert sommers, wie winters ein gutes Mikroklima. Und ja, es macht viel Arbeit, körperliche Arbeit.

Was ich sagen will, wenn jeder Deutsche, statt laufend nur zu klagen, zu jammern, Schreckensszenarien zu erfinden, sich vor der Zukunft zu fürchten und sich darüber zu echauffieren, was die Anderen seiner Meinung nach alles falsch machen, meinetwegen einen Baum pro Jahr aus eigenen Mitteln und mit eigener Arbeit pflanzen würde, das hätte wenigstens Sinn.

Mit Verboten und scheinbaren Entsagungen – immer für die Anderen – aus einer verwöhnten Wohlstandswelt heraus, verändert man an der Umwelt nichts, bewegt Euch lieber, tut etwas.

Ich denke, morgen werde ich hier den Vorschlag für eine Initiative „Ich pflanze einen Baum …“ vorstellen können. Das wird sehr konkret sein, gespannt bin ich auf die Resonanz.

Das Klima, die Angst und das Kohlendioxid …

Greta soll inzwischen in den Staaten angekommen sein, Freitag habe ich keine wütenden Kids von F4f auf den Strassen gesehen, vielleicht ist die Ferienzeit schuld, da kann die Klimakatastrophe schon mal warten. Alle politischen Parteien versuchen auf den Klimazug aufzuspringen, selbst Marcus Söder ist nicht mehr an seinem Geschwätz von gestern interessiert und präsentiert sich öffentlich tiefgrün, Oma Anna selig hätte es grasgrün genannt, als wäre dies schon immer sein Grundanliegen gewesen.

Früher parlierten Politiker damit, dass „ihr Herz links schlug“, zumindest angeblich, anatomisch ja sowieso. Heute schlägt das gleiche Politikerherz plötzlich grün.

Wenn die Situation nicht so ernst wäre, könnte ich den ganzen Tag lachen. Aber sie ist es, ernst. Und damit meine ich nicht die in meinen Augen herbeigeredete Klimakatastrophe, sondern die Zuspitzung in der gesellschaftlichen Entwicklung zwischen den selbsternannten Rechtgläubigen und den unbelehrbaren Leugnern.

Ohne es an dieser Stelle diskutieren zu wollen, ich glaube nicht an die Größe der den Menschen zugeordneten Verantwortung für die Klimaentwicklung, so es denn tatsächlich eine gibt. Ich weiss es nicht und als bekennender Atheist glaube ich auch nicht, ich will und muss die Dinge verstehen?

Und die Dinge überzeugen mich auch dann nicht, wenn sie tagtäglich im Imperativ vorgetragen werden.

Andererseits frage ich mich schon, woher die Angst vor dem Klima kommt und vor allem auch wodurch sie unterhalten wird.

Klima ist für Nichtfachleute ein eher abstrakter Begriff, ich zumindest könnte es mit meinem Laienverstand nicht definieren.

Wetter dagegen ist gegenständlich, ich sehe es, fühle es, höre es, spüre es in jedem Augenblick. Mit meinen doch inzwischen beachtlichen Lebensjahren habe ich Erfahrungen mit dem Wetter sammeln können, ich kann die Dinge einordnen. Es erschrickt mich nichts mehr, egal ob der Planet kracht, Schnee die Straßen verstopft, eine Windhose durchs Dorf rauscht, Hagel das Dach des Heiligen Blechles malträtiert, Frost wiedermal den Verkehr lahmlegt oder der Dorfbach innert weniger Minuten zum Fluss wird und alles mitreisst – alles habe ich schon mindestens einmal erlebt, nichts ist neu, lediglich die Intensität der Ereignisse schwankt naturgemäß. So ist es vor mir gewesen, so ist es jetzt, so wird es nach mir sein – das und nur das ist sicher.

Erde, die Erde, unsere Erde, wir haben nur diese eine Erde und wir müssen sie schützen. Ja, wir haben nur diese Erde und ja, es ist sinnvoll sie zu schützen. Kein vernünftig denkender Mensch wird das jemals in Frage stellen. Das ist auch nicht die Frage.

Die eigentliche Frage ist die Stellung und die Bedeutung des Menschen auf dieser Erde.

Ich bin überzeugt, die Ära des Menschen war, ist und wird nicht viel mehr als der berühmt – berüchtigte Fliegenschiss in der Entwicklung der Erde, des Universums sein.

Die Erde bietet der Materie in ihrer organisch-biologischen Gestalt und damit sogar dem Menschen als bisher höchste Form für einen kurzen Augenblick in ihrer Geschichte optimale Existenzmöglichkeiten.

Die Entwicklung können wir über die Jahrtausende verfolgen.

Wir haben das Glück genau in diese Phase hineingeboren worden zu sein.

Woher kommt plötzlich, praktisch innerhalb von wenigen Tagen diese panische Angst, ich nenne es komplexe gesellschaftliche Klimahysterie, die aktuell darin mündet, dass mir Kinder erzählen, dass sie davon überzeugt sind, dass wir alle in 30 Jahren nicht mehr leben werden, woher kommt die Angst?

Angst? Was ist eigentlich Angst?

Als Mensch entwickle ich Angst, wenn ich mich in einer angenommenen oder realen Situation befinde, die ich als unangenehm oder bedrohlich erlebe oder empfinde, aus der ich, wegen der uns gegebenen Vulnerabilität fliehen muss oder will, dies aber nicht kann oder mir auch einfach nicht gestatte.

Vor wenigen Stunden ging hier ein Unwetter mit Blitz und Donner, Starkregen, Hagel herunter, Wasserschäden im Haus, in einem nahegelegenen Supermarkt kamen Teile der Deckenverkleidung mit eindrängendem Regenwasser herunter, Straßen waren überspült und selbst hartgesottene Frauen, Männer sowieso, wagten sich nicht vor die Tür.

Die Meisten nahmen es erkennbar sportlich, ob des akuten Ereignisses war Angst nicht zu spüren. Allerdings bildete sich kurz nach dem Wolkenbruch im Foyer eine wild diskutierende Gruppe, die ihre Angst wegen des imaginierten Klimawandels und „wohin dies wohl alles führen wird“, lebhaft zum Ausdruck brachte.

Ich kann nur sagen, das habe ich alles schon mehrfach erlebt, dass es die jungen Leute noch nicht kennen, ist eben so, kein Grund zur Besorgnis. Klar, keiner der „Klimatiker“ wird mir das abnehmen, aber auch das ist mir inzwischen Wurst.

Unsere wohlstandsverwöhnte Jugend hat das Gefühl, dass mit der imaginierten Klimakatastrophe auch ihr gewohnter Lebensstandard gefährdet sei, man stelle sich vor das Wasser steigt in der Binnen-Aalster und man kann die Einkäufe beim Designer seines Vertrauens nur noch mit nassen Füssen erledigen, unvorstellbar. Das macht natürlich Angst. Dann beschäftigen wir uns doch lieber ernsthaft mit Dingen, die niemand weiss, aber man kann ja vermuten, dass es so wäre, in x-Jahren.

Ja, irgendwann wird die Erde für den Menschen nicht mehr taugen, die Umwelt wird wieder so lebensfeindlich wie früher sein, dass der Mensch hier keinen Lebensraum mehr hat, das Klima in 30 oder 100 Jahren jedenfalls wird der Menschheit nicht den Garaus machen. Das erledigen die Menschen eher selbst, wenn sich die gesellschaftlichen Probleme weiter zuspitzen sollten.

Dies gilt es zu verhindern, Wetter und Klima sind wie sie sind.

Eine Hochzeit, die ist lustig …

Als Kind musste ich lernen, dass die Hochzeit etwas ganz Wichtiges, ganz Großes ist und dass im Leben daran kein Weg vorbeiführt.

Heute bin ich zwar älter, etwas klüger, aber trotzdem … nun ja.

Als die ersten Fernseher aufkamen, nannten meine Eltern ab 1958 so ein Ding ihr eigen. Eine Riesenkiste, Echtholz, z.T, textilbespannt, sogenannte 43er Bildröhre, gefühlt ungefähr so groß wie heute ein Smartphone-Display.

Und, das Bild war in schwarz-weiss, beim Betrachten des Bildes manchmal mehr Dichtung, denn Wahrheit. Es gab zwar einen Regler für die Bildschärfe, wenn man ihn betätigte tat sich nichts, das Bild blieb weiter unscharf und krisselig.

Ich erzähle das nur deshalb, weil sich Familie, Nachbarn Freunde regelmäßig zum Programm trafen, wenn ein Spielfilm lief. Und viele Filme damals waren: Herz, Schmerz, Hochzeit, die Reihenfolge weiss ich nicht mehr genau…

Unangenehm war es, wenn Mutter, Großmutter, Nachbarinnen usw. bei der unweigerlichen Hochzeit „in weiß“, man nannte es Happy End, regelmäßig in Schluchzen ausbrachen, sich schüttelten, laut in die Taschentücher schnäuzten. Kein ‚Tempo‘, rein textil, mit der Länge des Filmes wurden die Lappen immer nasser und unansehnlicher. Hinterher bestätigte man sich gegenseitig, dass es wieder sehr rührend gewesen sei, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Zum Glück beobachtete ich nie, ob und dass sie die Taschentücher austauschten.

Weißensee, ich brauche eine Pause auf längerer Fahrt, es ist purer Zufall, dass ich in dem kleinen Städtchen im nördlichen Thüringen halte. Früher ein absolut tristes Nest, jetzt herausgeputzt, eine Reihe der alten Häuser des Ortes, speziell am Markt, sind sehr gekonnt und dabei zurückhaltend saniert, sehenswert.

Das alte Rathaus, ab ca. 1200 im romanischen Stil erbaut, gehört es zu den ältesten, in ihrer Grundstruktur erhaltenen deutschen Rathäusern und ist außen und innen eine Perle der Architektur.

Unweit des Rathauses gibt es die ‚Ratsbrauerei‘. Dort wird ein gutes Bier gebraut und der Brauer wirbt damit, dass das älteste Reinheitsgebot „Hopfen, Malz und Wasser“ 1434 in Weissensee niedergeschrieben worden sei.

Es ist überliefert, dass in 1434 der Stadtrat zu Weißensee ein „Verzeichnis etlicher alter Statuten hier zue Weißensee“ mit einem „Statuta thaberna“ niederschreiben liess. In der Kopie kann der Interessierte nachlesen, dass die Bierbrauer zu Weißensee ausschließlich „hophin, malcz und wasser“ verwenden dürfen. Also, wenn ihr vorbeikommt, versäumt nicht ein süffiges „Weißenseer Ratsbräu“, rein aus Hopfen, Malz und Wasser, zu genießen.

Kurze Pause vor dem ‚Cafè am Markt‘, unweit des Rathaus.

Vor dem Rathaus steht eine größere, festlich gekleidete Menschenmenge, zwei Kinder streuen Rosenblätter, alle starren wie gebannt auf die Ausgangstür, drin findet eine Hochzeit statt.

Vor dem Gebäude rechts des Rathauses, kniet ein älterer Herr in Arbeitskleidung und kratzt lautstark zwischen den Fugen des Kopfsteinpflasters das wenige Grün heraus, dabei läuft ein altes Kofferradio, wie ich vermute, noch aus DDR-Zeiten, der Auftrieb der Geschniegelten und Gebügelten in 10 Meter Abstand stört ihn nicht, er kratzt in aller Seelenruhe sein Unkraut.

Nach wenigen Minuten erscheint das Jubelpaar, vielleicht so um die 30 Jahre, daneben läuft ein Mädchen, geschätzt 8 Jahre alt. Die sehr schlanke Braut hält sich in ihrem weißen Kleid sehr tapfer, sie schreitet, während ihr soeben Angetrauter sich in seinem stahlblauen Anzug mit hellbraunen Schuhen sichtlich unwohl fühlt. Er latscht locker neben seiner chicken Frau, während noch ein Baby hinterher getragen wird.

Irgendjemand hat einen Taubenzüchter im Anzug bestellt, der mit dem Brautpaar zwölf weisse ‚Hochzeitstauben‘ aufsteigen lässt. Es werden diverse Reden gehalten, während die Schwiegermütter um das Brautpaar herumwuseln, hier und dort die Garderobe richten, zupfen, Ratschläge geben, die niemand hören will, das übliche Programm.

Nach geschätzt 5 Minuten kommt aus dem Haus, diesmal links des Rathauses, ein Mann in Arbeitskleidung, es klingt wie ein Schuss, als er eine Propangasflasche auf das Pflaster knallt, er schließt einen Brenner an, zündet und unter lautem Fauchen der Flamme fackelt er das Unkraut auf seiner Seite des Bürgersteigs ab. Auch er wirkt stoisch, das Unkraut muss weg, was gilt da schon eine Hochzeitsgesellschaft.

Etwas abseits des Trubels steht eine junge Frau, halb verborgen zwischen den parkenden Autos, die das ganze Treiben aufmerksam beobachtet. Als sich die Gesellschaft aufzulösen beginnt, eilt sie aus dem Schatten zur Braut, sie fallen sich wirklich innig um den Hals, die Augen leuchten. Gern würde ich hören, was sie sich inmitten der Hochzeitsgäste gegenseitig ins Ohr flüstern. Ich höre es nicht, schade.

Nach einigen Augenblicken nähert sich der Bräutigam, der bisher beim örtlichen Sportverein mit der Bierpulle in der Hand gestanden hatte. Es scheint der Gratulantin unangenehm, sie löst sich aus den Armen der Braut, küsst sie noch einmal und eilt davon, ohne auf den Mann zu achten oder ihn zu begrüßen. Was der Hintergrund ist, weiss ich nicht, es interessiert mich aber schon. So bleibt mir nur meine nicht ganz koschere Phantasie.

Kurz darauf löst sich die Gesellschaft auf, ich habe niemand gesehen, der oder die schluchzt, weint, klatschnasse Taschentücher auswringt, es war aber auch kein schwarz-weißer Spielfilm aus alten Zeiten.

Nun ja, eine Hochzeit die ist lustig ….

Der Bürgersteig neben dem Rathaus zu Weißensee in Thüringen ist jedenfalls unkrautfrei. Die Frage ist, was wird früher passieren, neues spießendes Unkraut oder der erste(?) ernsthafte Ehekrach, ich vermute … „nein, ich sage es nicht“.

Wieder mal gelackmeiert …

Bei „Hallo Deutschland“ konnte man lernen, dass der Nuckel oder der Schnuller gerade 70 Jahre alt geworden ist. Jetzt ist mir auch klar, warum ich solch ein Ding nie hatte, ich war zu früh. Froh bin ich, dass es keine schwerwiegendere Ursache für diese unverantwortliche Vernachlässigung meiner kindlichen Seele gegeben hat. Es hätte ja auch zu katastrophalen Folgen führen können.

Ich war wahrscheinlich gelackmeiert, ob es mir geschadet hat, kann ich nicht sagen.

Der Deutsche Nuckel ist ein besonders wichtiges Utensil, angeblich soll es so gut wie kein Kind geben, welches auf das Ding verzichten muss, standesgemäß hat man heute mehrere. Im neuesten Trend werden personalisierte und designte Exemplare angeboten. Stellt euch vor, auf Friedas Nuckel steht vorn auch ‚Frieda‘ drauf, da können die lieben Kleinen im Kindergarten die Teile nicht unbeabsichtigt vertauschen.

Vielleicht kann man sogar bald eine App anbieten: ‚Alexa, gib Frieda ihren Nuckel.“ Das wärs doch, ich hoffe niemand ist mir mit dieser Idee zuvorgekommen?

Nuckel sind hierzulande sehr streng reglementiert und die Regeln werden sogar geprüft.

So ist zum Beispiel die Zerreissfestigkeit von Nuckeln gesetzlich vorgegeben, warum sie allerdings in Deutschland doppelt so hoch sein muss, wie in den Staaten, das erschliesst sich mir nicht. Wahrscheinlich rechnet man schon im Babyalter mit der typisch und weltweit beliebten ‚grossen deutschen Fresse‘?

Also ist Deutschland auch mit seinen Nuckeln gelackmeiert.

Ich nehme an, der alte Begriff ist euch geläufig, er soll so ungefähr ausdrücken, dass man sich leicht übertölpeln lässt, problemlos hinter die Fichte zu führen ist.

Neu war mir, dass man „lackmeiern“ sogar gut deklinieren kann.

Im Positiv ist man gelackmeiert, im Komparativ gelackmeierter, im Superlativ ist man am gelackmeiertesten.

Eigentlich müsste ich mir jetzt die Frage vorlegen, zu welcher Steigerungsform ich als voll arbeitender und damit steuerpflichtiger Bürger im Rentenalter gehöre?

Ohne Zweifel kann ich mich beim Superlativ einordnen und bin am gelackmeiertesten. Einfacher gesprochen, ich bin dämlich.

Allen Politikern, Leistungsempfängern und sonstwie von der öffentlichen Hand Begünstigten einen ruhigen Abend, ich gehe schon mal zum Nachtdienst, damit ich anschließend genug abdrücken kann.

Selbst im Sand ist alles vergänglich …

Heute wieder sommerliche Temperaturen, so um die 30 Grad, Sonnenschein, strahlend blauer Himmel, ein Tag zum Geniessen.

Vorhin ist mir auf einem Waldweg dieses Foto gelungen, ein vertrockneter Frosch, als Sinnbild der Vergänglichkeit im Sand.

Der Frosch

Seit einigen Monaten ist mein Hormonhaushalt defizitär, die Nebennierenrinde gibt irgendwie, aus irgendeinem Grund die Funktion auf, man fühlt sich schlichtweg schlecht.

Die Substitution der fehlenden Hormonanteile ist so einfach nicht, ich bin zu wenig konsequent, auf jeden Fall hatte ich schon wesentlich bessere Zeiten, aber die sind – auch kalendarisch – schon ein ganzes Stück weit weg. Eine Folge ist u.a. ein rotierender Blutzucker, eine andere ein sehr niedriger Puls und ein unterirdischer Blutdruck weit unter 100mmHg.

Ein schöner Morgen, Zeit zum Sitzen auf der Hotelterrasse, vielleicht so 1 und eine 1/2 Stunde bei einem interessanten Buch, dazu ein doppelter Espresso, noch einer und eine grosse Flasche Wasser.

Irgendwie will das Wasser wieder weg, ich stehe auf, gehe einige Meter und merke wie die Knie weich und der Kopf leer werden. Eine Blösse will ich mir nicht geben, befürchte, dass Andere mich beobachten und so orientiere ich mich von Tisch zu Tisch, weiter reicht mein Blick nicht, stütze mich unauffällig auf Stuhllehnen, um bis zur nächsten Tür in Richtung Latrine zu kommen. Vor der Toilettentür gibt es zum Glück eine Holztreppe, sodass ich mich erstmal setzen kann.

Es ist erstaunlich, wie viele unterschiedliche Gedanken mir in den wenigen Sekunden ‚geistiger Finsternis“‚ durch den Kopf gehen, von ‚Nur-nicht auffallen‘, ‚Mist‘, ‚Scheisse‘, bis zum Wunsch mich einfach hinzulegen und liegen zu bleiben. Selbst die zwischenzeitliche Vermutung gerade „das Letzte“ zu erleben, ist – seltsamerweise nicht angstbesetzt. Vor der finalen Katastrophe retten mich zum Glück eine imaginäre Frage und mein antwortendes preussisches Gemüt: „Wie sieht das denn aus, wenn ich mich hier einfach so hinlege, das geht nicht…“.

Langsam finde ich meine Orientierung wieder, wenige Minuten Ruhe, ein paar Handvoll kaltes Wasser, die weniger mein Gesicht, denn mein Shirt treffen, erledigen zum Glück das Übrige. Als ich nach einigen Minuten wieder zu meinem Platz auf der Terrasse gehe, ist mir meine zeitweise Schwäche nicht mehr peinlich, es sieht ja niemand, wohl aber mein vorn auffällig nasses Shirt, von dem ich befürchte, dass es jeder registriert.

Selbst jetzt, im Abstand von einigen Stunden wundere ich mich nicht, wie wenig Angst mir der Vorfall gemacht hat, ich erlebe ihn derzeit mehrfach pro Tag.

Wenn es so sein wird, dann ist es auch an der Zeit, selbst im Sand von Mecklenburg bleibt das Leben vergänglich. Nur bitte nicht so vertrocknet wie der Frosch auf irgendeinem sandigen Waldweg, aber selbst da – befürchte ich – werde ich wohl keine Wahl haben?

Im Sand versinkend … Ravensbrück

Nur wenige Kilometer abseits von Rheinsberg liegt das Städtchen Fürstenberg/Havel mit dem Ort Ravensbrück.

Ravensbrück, damit verbindet sich für viele Ältere unter uns noch fast automatisch der Begriff des Frauen-KZ, die Vorstellung von Frauen und Kindern hinter Stacheldraht, ausgemergelte, sterbende weibliche Gestalten in KZ-Kleidung, davor daneben dahinter brutale männliche Wesen, die die Frauen misshandeln, töten.

Die Frage nach Ravensbrück löst hier wenig Interesse aus, „Ach ja, da irgendwo bei bei Fürstenberg, da war doch das mit dem Frauen-KZ, da ist nicht viel …“, die Begeisterung hält sich in überschaubaren Grenzen, andere „Touristenziele“ werden deutlich intensiver angepriesen, dieser und jener See, ‚bei dem Fischer musst Du gewesen sein‘, alles klingt enthusiastischer als Ravensbrück.

Die Frage steht, ist es Desinteresse, Unwissen, Scham? Scham, vielleicht im sonst makellosen Ferienparadies diesen Schandfleck zu haben? Ich weiss es nicht. Es mag auch spontan niemand mit mir darüber reden, also lasse ich es.

Die Fahrt bietet wenig, Waldstrassen, Ruhe, die Gegend um Priebert, auf mehreren Hinweisschildern als „Wassersportressort“ ausgewiesen, wenig Verkehr, noch weniger Menschen, es steht mir auch nicht der Sinn danach, mein Ziel ist Ravensbrück.

Ich denke an Auschwitz, den Buchenwald, Mauthausen, alles Stationen grausamster menschlicher und gesellschaftlicher Verbrechen, die im deutschen Namen, mit Wissen, mit Duldung, mit passiver, aber auch aktiver Unterstützung der „einfachen Menschen“ geschahen. Dass hinterher kaum noch jemand jemals irgendetwas gemerkt, gewusst, getan haben wollte, das hatte ich schon als Kind erfahren, hatte aber auch erlebt, welche Stigmatisierung es mit sich brachte, der nachkriegsgeborene Enkel eines Nazis zu sein.

Dabei war ich im Osten Deutschlands aufgewachsen, in dem wir Nachgeborenen davon ausgingen, eingebleut bekamen, dass die meisten Menschen immer auf der Seite der „Guten“ gestanden hätten, Kommunisten, Antifaschisten, glühende Gegner der Nazis gewesen seien. Und nun hatte man sich die Nazis vorgenommen, zumindest derer man habhaft werden konnte, die meisten seien allerdings rechtzeitig vor der Zugriff in den Westen abgehauen und dort mit offenen Armen empfangen worden.

Opa Edmund selig war ein armer Schlucker, er konnte nicht nach dem Westen abhauen, er hatte keine Kohle, er hätte auch kein Ziel gehabt, keinerlei familiäre oder sonstige Bindung, also blieb er in Erfurt und kam er nach dem Krieg für Jahre ins sowjetische Sonderlager Buchenwald.

Auf Deutsch: die kleinen Nazis, die aktiven Mitläufer gingen in den Knast, die überlebenden großen, die, die „die Büchsen gespannt hatten“, die die Mitläufer dann mehr oder weniger willig und freudig abdrückten, gingen in der Tat in den Westen. Dort wurden sie fix entnazifiziert und kamen, zuweilen über den mühsamen Umweg einer kleinen, schnell in Bewährung umgewandelten Strafe wieder in Amt und Würden. Am Beispiel der ärztlichen und pflegerischen Euthanasieverbrecher etwa, lässt sich die Entwicklung sehr gut nachvollziehen. (Darüber werde ich später noch ausführlicher berichten.)

Ja, auch im Osten rutschte dieser oder jener Verbrecher durch die Maschen des Gesetzes oder man lies ihn rutschen weil er noch „gebraucht“ wurde. Die Regel war es nicht, es war die Ausnahme.

Ich erinnere mich gut an die Ausgrenzung unserer Familie im Dorf, Edmund selig war der Ortsgruppenleiter gewesen, während die ortsansässigen Großbauern, nach deren Pfeife Edmund getanzt hatte, über Nacht ‚auf der Kesselsuppe wieder ganz oben schwammen‘, als schon große Fettaugen, die auch immer Osten schnell immer größer wurden.

Selbst die Ausbeutung von „Ostarbeitern“, auch von alliierten Kriegsgefangenen war plötzlich kein Makel mehr, ‚man hatte ihnen ja schließlich immer genug zu essen gegeben‘, wie dem Vieh auch – letzteres sagten sie nicht laut. Und nicht selten hatte im Dorf, nach den Erzählungen der Eltern, auch der junge, knackige französische ‚Kriegsgefangene‘ das Bett des an der Front heldenhaft für Führer, Volk und Vaterland kämpfenden Herrn Gemahls vorsorglich schön warmgehalten. Gut war es gewesen, wenn dem Herrn des Hauses an der Front sogar noch der Heldentod gewährt werden konnte, dann war man nach beiden Seiten für die Zukunft gut gerüstet.

Und Opa Edmund selig, die ärmste Sau im Dorf, brummte in Buchenwald seine Strafe ab. Als er nach Jahren – wider allen Erwartens – doch noch zurückkam, war er ein gebrochener Mann, wurde im Dorf von seinen früheren ‚Chefs‘ gemieden, zum alleinigen Sündenbock abgestempelt, schließlich stockdepressiv, lag bis zu seinem Tod jahrelang nur noch im Bett, um schließlich auf seinem hölzernen Nachtstuhl neben dem Bett still und allein zu sterben, Oma Anna richtete da gerade der Arbeiterkolonne des Großbauern, unter dessen Dach sie zwei Zimmer, natürlich zur Miete, bewohnen durfte, das Mittagessen. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits 78 Jahre, stand krumm und konnte mit ihrer Arthrose kaum noch laufen. Trotzdem arbeitete sie die Miete für ihre beiden Zimmerchen ab. Die zwei Treppen bis unters Dach wurden ihr bei jedem Gang zur körperliche Qual.

Der Großbauer wurde zwischenzeitlich genötigt in die GPG einzutreten, die Abkürzung stand für Gärtnerische Produktionsgenossenschaft. Er behielt alle Rechte an seinem Eigentum, wurde eine Art Meister und die Familie war nach der erneuten Wende plötzlich nicht nur reich, sondern steinreich, weil ein beträchtlicher Teil ihrer ererbten Ackerflächen am Rand von Erfurt wie von Geisterhand zum Bauland wurden.

So wurden die Fettaugen immer größer und oben schwimmen sie natürlich um so besser.

Ravensbrück selbst, auf Sand gebaut, ist eine dörfliche Ansiedlung, mittendrin und doch abgelegen, so als würde der Ort sich von dem Teil seiner Geschichte distanzieren. Die Gedenkstätte, ein moderner Zweckbau als Entree, Kasse, elektronische Führer, viele Bücher zum Thema. Die frühere Kommandantur, die in Bau und Zuschnitt eher an eine Schule der fünfziger Jahre erinnert, denn als Eingang zur Hölle imponiert, beherbergt heute die Dauerausstellung zum Frauen-KZ, eine sehr ruhige Darstellung, die im Gegensatz etwa zu Mauthausen mehr sachliche Fakten, denn pures Grauen vermittelt.

Der Rest der Anlage ist Jugendherberge, beinhaltet Wohn- und Arbeitsräume, insgesamt wenig ’spektakulär‘.

In der Ausstellung wird mein Bild wehrloser Häftlingsfrauen auf der einen Seite und unmenschlicher männlicher SS auf der anderen Seite etwas relativiert, da die weibliche Täterseite zumindest angerissen wird. (Darüber werde ich später berichten, ist es doch auch Gegenstand meiner eigenen Recherchen zur Täterseite der Euthanasie.)

Insgesamt wirkt Ravensbrück regional im Sand versinkend, in der Ausstellung findet sich das Zitat einer noch jugendlichen Häftlingsfrau bei ihrer Ankunft im KZ: „Hier ist es langweilig, nur Sand und Bäume.“ Ich finde keine Information, ob sie die Langeweile überlebt hat … ich hoffe es für sie.

Über den Sand … oder die Begegnung mit der alten Dame …

Verlässt man Rheinsberg gen Norden überquert man nach wenigen Kilometern die Landesgrenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Die Grenze ist wohl eher verwaltungstechnisch und virtuell zu sehen, kein Schlagbaum, keine Zöllner, kein Stacheldrahtzaun, nicht mal eine simple Selbstschussanlage springt ins Auge.

Zwei Dinge sollte man trotzdem wissen:

Die Strassen sind im Norden deutlich besser, die Schlaglöcher werden weniger und der Benz goutiert das mit einem ruhigen Lauf.

Nur in Brandenburg ist dem gemeinen Bürger das Angeln von Friedfischen noch ohne Fischereiprüfung erlaubt. Überschreitet man die Grenze nach Mecklenburg – und sei es auf dem gleichen Gewässer – droht zumindest theoretisch Strafe, wenn man keinen Schein vorweisen kann. In Brandenburg genügt der Erwerb einer Tageserlaubnis und gut ist es.

Überschreitet man nun die imaginäre Grenze gen Norden scheinen die Dörfchen deutlich geordneter, wohlhabender, gelegentlich schon etwas spiessig.

Daneben, aus DDR-Zeiten selig, schnell privat fortgeführte Feriensiedlungen, damals von Großbetrieben und staatlichen Institutionen für ihre Mitarbeiter errichtet. Waren es früher oft zeitgemäße, wenn auch einfache Barackenbauten, sind es jetzt schmucke Ferienhäuschen mit allem Schnick-Schnack. Die Buchung ist telephonisch oder per eMail möglich, überall hängen Kästen mit Flyern. Kontaktiert man die angegebenen Telephon-Nummern landet man regelhaft in Hamburg, Niedersachsen oder auch einmal in Schleswig-Holstein, Einheimische sind wohl nicht so unbedingt in größerer Zahl präsent. Es ist erstaunlich, wie vielen Wessis die Ost-Oma selig die Grundstücke vermacht haben müssen. Behauptet wird, man habe sich nach der Wende die Filetstücke für’n Appel und’n Ei von den gutgläubigen Ossis ergaunert, das möchte ich aber ins Reich übler Nachrede verweisen.

Irgendwie kommt mir beim Schlendern über den Sand Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ ins Gedächtnis, uraufgeführt am 29. Januar 1956 am Schauspielhaus Zürich.

Ihr erinnert Euch?

Güllen, eine bei Dürrenmatt imaginäre und bitterarme Kleinstadt, erwartet die Ankunft der Milliardärin Claire Zachanassian, die glaubt mit einigen Leuten in Güllen, speziell mit Alfred, der sie seinerzeit geschwängert und sitzengelassen hatte, noch eine Rechnung offen zu haben. Sie verlangt das Alfred von den Bürgern Güllens getötet wird, dafür stellt sie ihnen eine exzessiv hohe Summe in Aussicht, die sowohl an die Stadt und an die Bürger persönlich gehen soll. In drei Akten zeigt er uns dann den rasanten moralischen Verfall der Stadt und seiner Bürger, sofern nur genügend verfügbares Geld in Aussicht steht.

Ich frage mich, warum mir gerade dieses Stück in den Sinn kommt, als ich den halb aufgekauften Osten sehe?

Über den Sand kommt mir eine alte Dame entgegen, nicht aufgedonnert wie Claire, wohl aber sehr gepflegt. Auf den ersten Blick schätze ich ihr Alter so gegen Ende 70, Anfang 80, sehr gerade laufend, vor ihr trottet ein schlanker brauner Hund unklarer Provenienz, der sich keinen Deut um ihre Befehle schert.

Wir kommen ins Gespräch, sie ist sehr sympathisch und redet fast schneller als ich denken kann. Innerhalb weniger Minuten erfahre ich, dass sie und ihr Mann in Berlin, OstBerlin wohnen, dort als Ingenieure verantwortlich tätig waren. Nach der messerscharfen Vernichtung ihrer früheren Betriebe durch die Treuhand stand das überflüssige Invertar des Unternehmens zum Verkauf und es gelang ihnen, zwar nicht für’n Appel und’n Ei, sie waren schließlich keine Wessis, aber für den überhöhten „marktüblichen Preis“ einen der kleinen Bungalows der ehemals betrieblichen Ferienanlage in einer traumhaften Waldlage zu erwerben. Seitdem verbringen sie das Sommerhalbjahr nicht mehr im 9. Stock eines Hochhauses in Marzahn, sondern in Mecklenburg. Bedauern liegt in ihrer Stimme, als sie erzählt, dass sie jetzt ihre Radtouren mit dem E-Bike unternehmen müssen. Ihr Mann sei immerhin bereits 84 Jahre.

Diese alte Dame und ihr Mann haben offenbar den Claire Zachanassian’s aus Hamburg, Niedersachsen oder auch einmal Schleswig-Holstein wirklich ein Schnippchen geschlagen.

Ich weiss, dass Schadenfreude kein gutes Gefühl sein soll, an der Stelle verspüre ich keinerlei Lust sie zu unterdrücken.

Das ZDF, die Verantwortung und die Achtung …

Im ZDF gibt es erstaunlicherweise – gefühlt seit Jahrzehnten – am Sonntagmorgen den Fernsehgarten, nicht meine Sendung, aber gerade von älteren, wenig mobilen Zuschauern doch frequentiert, ich weiss es aus Erzählungen.

Im letzten Fernsehgarten gab es den Auftritt eines Mannes, namens Luke Mockridge, der in einer unerträglichen Art und Weise gegen ältere Menschen, ‚Omis und Opis‘ vom Leder zog.

Nach einer Schrecksekunde hat die Moderatorin Andrea Kiebel den unsäglichen Auftritt unterbrochen.

Der Vorfall geisterte und geistert noch am Rande durch die Medien, wobei diskutiert wird, was die Beweggründe für den „seltsamen Auftritt“ von M. gewesen sein könnten, die ‚Altersdiskrimierung‘ wird mit keiner Silbe erwähnt.

Vielleicht zwei Sätze zu Mockridge: Seine Eltern sind Künstler, Margie Kinsky und Bill Mockridge. Beide konnte ich vor einigen Monaten mit ihrem gemeinsamen Programm auf einer Kleinkunstbühne in Bebra erleben, zwei – von weitem – sehr sympathische Menschen.

Margie ist keine Freundin leiser Worte, sie spricht schon das aus, was sie denkt, manchmal kräftig, zuweilen auch ans Vulgäre grenzend, dabei immer eine Grenze wahrend. Es passt, sie beleidigt niemand, sie setzt niemand herab, gut ist es.

Bill Mockridge kommt dagegen als Gentleman daher, eher ein Freund der leisen Töne, immer etwas vornehm, nie Grenzen überschreitend. Bill hat zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Großteil seines Salärs als ‚Erich Schiller‘ in der ARD-Lindenstrasse verdient.

Man kann also wohl davon ausgehen, dass die pekuniäre Unbeschwertheit von Kindheit und Jugend seiner Kinder, auch von Luke, durch seine langjährige Rolle in einer „Rentnerserie“ abgesichert war.

Dagegen zieht nun dieser junge Mensch zu Felde, dazu gehört schon ein gerüttelt Mass an Selbstvertrauen oder besser Selbstüberschätzung.

Eine Bemerkung zum ZDF:

Ich denke, allein der Sender trägt die Verantwortung für das, was er sendet. Verantwortlich ist in persona Klaus Bellut. Er hätte einfach den Stecker ziehen können, jede vernünftige Dorfband hat einen „Notstecker“ für Situationen in denen es „zu heiss wird“ und vielleicht im Dorfkrug oder im Kirmeszelt die ersten Fäuste ihr Ziel suchen.

Erwartet hätte ich eine klare Ansage von Bellut, dass er gegen Altersdiskriminierung ist, der vage Verweis auf Mockridge und dass der „Auftritt für sich selbst spreche“ ist zu wenig und die Flucht aus der eigenen Verantwortung.

Ich erwarte vom ‚meinem‘ Dienstleister ZDF, eine unzweideutige Entschuldigung, alles Andere ist inakzeptabel und mit Achtung der Lebensleistung älterer Menschen in unserer Gesellschaft hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Mitten aus dem Sand … die kleine Presseschau.

Greta jettet um die Welt, freudlos blickende und – sorry – optisch reizlose junge Frauen fordern in den Medien den unbedingten Verzicht auf Fleisch, Scholz jongliert wie ein Banklehrling im ersten Ausbildungszahl grinsend mit Zahlen, die inzwischen niemand mehr glaubt, das ZDF lässt in seinem ZDF-Fernsehgarten ohne jegliche Konsequenz ältere Menschen, Rentner, „Omis und Opis“, von einem dämlichen Jungspund beleidigen, dessen Kindheit und Jugend wahrscheinlich pikanterweise wesentlich durch die Gagen seines Vaters in der ARD-Lindenstraße vergoldet wurden.

Unisono dreschen die Medien auf Trump und Johnson, während die ewige Kanzlerin plötzlich – wen wundert’s – wieder mit Viktor Orban kuschelt. Selbst die Leitmedien sind empört, nicht wegen Orban, sondern dass ihnen die Kanzlerin ihre erneute Volte nicht vorher angesagt hatte. Brav und wohlgefällig waren sie ihr bisher auf dem Anti-Orban-Weg nachgelatscht, nun ist über Nacht alles wieder einmal ganz anders. Da muss doch sogar die willigste ChefredakteurIn irre werden

Salvini ist die Inkarnation des Bösen, des Unmenschlichen, während man tatsächlich vergessen zu haben scheint, dass weiland Obama in ähnlicher Weise die Einwanderungsmöglichkeiten von Kubanern in die USA, die damals auch noch unter Lebensgefahr über das Meer in die Staaten kamen, restriktiv verschärft hatte. Der eine wurde als Heiland gefeiert, der andere ist der Beezlebub.

Vor dem Landgericht Lübeck steht eine 4 fache Mutter vor Gericht, weil sie ihren und den Lebensunterhalt ihrer Kinder unlauter – vom Amt – erschlichen haben soll. Hätte sie ein halblegales Steuervermeidungsmodell zu ihrem Vorteil und zum Schaden des Staates genutzt, hätte kein Hahn danach gekräht.

Vor wenigen Wochen schien es kein wichtigeres Thema zu geben, als die Rettung der Welt oder mindestens des Weltklimas durch die Einführung von E-Scootern für hippe Großstädter, heute beklagen sich die gleichen Medien über die Vermüllung der Städte durch den überall abgelagerten „Elektroschrott“.

Früher habe ich den Urlaub auch immer zum ausgiebigen Zeitungslesen genutzt, mir stapelweise Zeitungen gekauft, die ich – ehrlich – meist nur rudimentär gelesen habe. Heute weiss ich, das Geld kann ich mir sparen, das Meiste ist eh nur Tinneff und Verarsche.

Also dusche ich jetzt – 8.00 Uhr – lieber und gehe unten im Hotelrestaurant frühstücken, versprochen ohne Laktoseintoleranz, ohne schlechtes Gewissen, ohne Weizenunverträglichkeit und den veganen Tofu werde ich mit betonter Verachtung strafen, selbst ohne Quinoa und getrocknete, um die halbe Welt geflogene geheimnisvolle Beeren werde ich zumindest heute noch – halbwegs – überleben.

Euch allen einen guten Tag.