Eine Hochzeit, die ist lustig …

Als Kind musste ich lernen, dass die Hochzeit etwas ganz Wichtiges, ganz Großes ist und dass im Leben daran kein Weg vorbeiführt.

Heute bin ich zwar älter, etwas klüger, aber trotzdem … nun ja.

Als die ersten Fernseher aufkamen, nannten meine Eltern ab 1958 so ein Ding ihr eigen. Eine Riesenkiste, Echtholz, z.T, textilbespannt, sogenannte 43er Bildröhre, gefühlt ungefähr so groß wie heute ein Smartphone-Display.

Und, das Bild war in schwarz-weiss, beim Betrachten des Bildes manchmal mehr Dichtung, denn Wahrheit. Es gab zwar einen Regler für die Bildschärfe, wenn man ihn betätigte tat sich nichts, das Bild blieb weiter unscharf und krisselig.

Ich erzähle das nur deshalb, weil sich Familie, Nachbarn Freunde regelmäßig zum Programm trafen, wenn ein Spielfilm lief. Und viele Filme damals waren: Herz, Schmerz, Hochzeit, die Reihenfolge weiss ich nicht mehr genau…

Unangenehm war es, wenn Mutter, Großmutter, Nachbarinnen usw. bei der unweigerlichen Hochzeit „in weiß“, man nannte es Happy End, regelmäßig in Schluchzen ausbrachen, sich schüttelten, laut in die Taschentücher schnäuzten. Kein ‚Tempo‘, rein textil, mit der Länge des Filmes wurden die Lappen immer nasser und unansehnlicher. Hinterher bestätigte man sich gegenseitig, dass es wieder sehr rührend gewesen sei, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Zum Glück beobachtete ich nie, ob und dass sie die Taschentücher austauschten.

Weißensee, ich brauche eine Pause auf längerer Fahrt, es ist purer Zufall, dass ich in dem kleinen Städtchen im nördlichen Thüringen halte. Früher ein absolut tristes Nest, jetzt herausgeputzt, eine Reihe der alten Häuser des Ortes, speziell am Markt, sind sehr gekonnt und dabei zurückhaltend saniert, sehenswert.

Das alte Rathaus, ab ca. 1200 im romanischen Stil erbaut, gehört es zu den ältesten, in ihrer Grundstruktur erhaltenen deutschen Rathäusern und ist außen und innen eine Perle der Architektur.

Unweit des Rathauses gibt es die ‚Ratsbrauerei‘. Dort wird ein gutes Bier gebraut und der Brauer wirbt damit, dass das älteste Reinheitsgebot „Hopfen, Malz und Wasser“ 1434 in Weissensee niedergeschrieben worden sei.

Es ist überliefert, dass in 1434 der Stadtrat zu Weißensee ein „Verzeichnis etlicher alter Statuten hier zue Weißensee“ mit einem „Statuta thaberna“ niederschreiben liess. In der Kopie kann der Interessierte nachlesen, dass die Bierbrauer zu Weißensee ausschließlich „hophin, malcz und wasser“ verwenden dürfen. Also, wenn ihr vorbeikommt, versäumt nicht ein süffiges „Weißenseer Ratsbräu“, rein aus Hopfen, Malz und Wasser, zu genießen.

Kurze Pause vor dem ‚Cafè am Markt‘, unweit des Rathaus.

Vor dem Rathaus steht eine größere, festlich gekleidete Menschenmenge, zwei Kinder streuen Rosenblätter, alle starren wie gebannt auf die Ausgangstür, drin findet eine Hochzeit statt.

Vor dem Gebäude rechts des Rathauses, kniet ein älterer Herr in Arbeitskleidung und kratzt lautstark zwischen den Fugen des Kopfsteinpflasters das wenige Grün heraus, dabei läuft ein altes Kofferradio, wie ich vermute, noch aus DDR-Zeiten, der Auftrieb der Geschniegelten und Gebügelten in 10 Meter Abstand stört ihn nicht, er kratzt in aller Seelenruhe sein Unkraut.

Nach wenigen Minuten erscheint das Jubelpaar, vielleicht so um die 30 Jahre, daneben läuft ein Mädchen, geschätzt 8 Jahre alt. Die sehr schlanke Braut hält sich in ihrem weißen Kleid sehr tapfer, sie schreitet, während ihr soeben Angetrauter sich in seinem stahlblauen Anzug mit hellbraunen Schuhen sichtlich unwohl fühlt. Er latscht locker neben seiner chicken Frau, während noch ein Baby hinterher getragen wird.

Irgendjemand hat einen Taubenzüchter im Anzug bestellt, der mit dem Brautpaar zwölf weisse ‚Hochzeitstauben‘ aufsteigen lässt. Es werden diverse Reden gehalten, während die Schwiegermütter um das Brautpaar herumwuseln, hier und dort die Garderobe richten, zupfen, Ratschläge geben, die niemand hören will, das übliche Programm.

Nach geschätzt 5 Minuten kommt aus dem Haus, diesmal links des Rathauses, ein Mann in Arbeitskleidung, es klingt wie ein Schuss, als er eine Propangasflasche auf das Pflaster knallt, er schließt einen Brenner an, zündet und unter lautem Fauchen der Flamme fackelt er das Unkraut auf seiner Seite des Bürgersteigs ab. Auch er wirkt stoisch, das Unkraut muss weg, was gilt da schon eine Hochzeitsgesellschaft.

Etwas abseits des Trubels steht eine junge Frau, halb verborgen zwischen den parkenden Autos, die das ganze Treiben aufmerksam beobachtet. Als sich die Gesellschaft aufzulösen beginnt, eilt sie aus dem Schatten zur Braut, sie fallen sich wirklich innig um den Hals, die Augen leuchten. Gern würde ich hören, was sie sich inmitten der Hochzeitsgäste gegenseitig ins Ohr flüstern. Ich höre es nicht, schade.

Nach einigen Augenblicken nähert sich der Bräutigam, der bisher beim örtlichen Sportverein mit der Bierpulle in der Hand gestanden hatte. Es scheint der Gratulantin unangenehm, sie löst sich aus den Armen der Braut, küsst sie noch einmal und eilt davon, ohne auf den Mann zu achten oder ihn zu begrüßen. Was der Hintergrund ist, weiss ich nicht, es interessiert mich aber schon. So bleibt mir nur meine nicht ganz koschere Phantasie.

Kurz darauf löst sich die Gesellschaft auf, ich habe niemand gesehen, der oder die schluchzt, weint, klatschnasse Taschentücher auswringt, es war aber auch kein schwarz-weißer Spielfilm aus alten Zeiten.

Nun ja, eine Hochzeit die ist lustig ….

Der Bürgersteig neben dem Rathaus zu Weißensee in Thüringen ist jedenfalls unkrautfrei. Die Frage ist, was wird früher passieren, neues spießendes Unkraut oder der erste(?) ernsthafte Ehekrach, ich vermute … „nein, ich sage es nicht“.

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