Ein defizitäres Leben ….?

Es ist am Ende einer gemeinsam gestalteten Weiterbildungsveranstaltung als der Kollege mich beim letzten gemeinsamen Stehkaffee mit der Feststellung überrascht, dass er das erste Mal im Osten ist.

Nun ist das so überraschend nicht, berichten doch viele Menschen aus den gebrauchten deutschen Bundesländern voll Stolz darüber, dass sie selbst 20 Jahre nach Fall der Mauer noch nie im Osten gewesen sind, das wohl auch niemals tun werden, da sie überhaupt nicht wissen, was sie dort sollen und dass der Osten doch nur das Geld des Westens ausgibt, usw. usw.

Aber von diesem Kollegen aus einer Hochschulstadt in NRW habe ich das nicht erwartet, eigentlich weniger die Tatsache an sich, sondern vielmehr die Form in der er diese ungeheuerliche Tatsache vorträgt. Er beugt sich über den Tisch, versucht mir dabei möglichst nahe zu kommen, etwas was ich nicht mag und was mich wiederum zum Ausweichen zwingt, er beugt sich weiter vor, seine Krawatte tangiert die volle Kaffeetasse, nach einem sichernden Blick nach rechts und links raunt er mir zu, ‘ich bin das erste Mal im Osten!’’. Er richtet sich auf, schüttelt die kaffebekleckerte Krawatte, was wiederum dazu führt, daß einige Tropfen Kaffee auf seinem Chemisette landen, seine Hand fährt darüber, verreibt die braune Brühe im weißen Stoff, was das Hemd, das seine besten Zeiten sichtbar hinter sich hat, auch nicht schöner macht!

Er stöhnt, schaut mich an, zuckt die Schultern, schließt mit spitzen Fingern das Jackett, dessen Zustand häufigen Gebrauch verrät, nur um festzustellen, dass es über dem Bauch sehr spannt und somit auch nicht ansehnlicher wird, er versucht dem Dilemma zu entfliehen, indem er mich fragt, ob wir uns nichts setzen wollen, da ich sowieso wenig Lust zu einem hochphilosophischen Gespräch über den ersten Besuch eines geborenen westdeutschen Professors in einer ostdeutschen Großstadt habe, lehne ich freundlich lächelnd ab, ‘da wir ja heute schon genug gesessen haben’. Ich genieße sein Unbehagen.

Meine Hoffnung, sein Unbehagen möge über seinen Wunsch nach einem Gespräch siegen wird nicht erfüllt, er bleibt, nachdem er den Jackenknopf wieder geöffnet hat.

Vorsichtshalber nimmt er sich statt der gefährlichen Kaffeetasse ein Wasser bevor er sich wieder zu mir beugt, ‘sie sind doch Ostdeutscher…?’. ‘Ja…, ‘, ‘Auch hier geboren…?’, er verdreht die Augen, so als hoffe er, dass ich ihm bestätigen möge, dass mir wenigstens dieses schwere Los erspart geblieben ist.Er sieht mich so mitleidig an, dass ich befürchte, dass ihm sofort die Tränen ausbrechen, sie tun es nicht, ‘Wie haben Sie das nur ausgehalten im Osten mit diesen ganzen Defiziten, sie sind doch ganz intelligent…’, ich bin ihm dankbar, dass er mir das zugesteht, gleichzeitig merke ich, wie mein Stresspegel steigt, ich verabschiede mich mit einer wortlosen Geste und gehe…

Auf der Fahrt in meinen thüringischen Heimatort denke ich über meine Defizite nach?

Ja, in meiner Jugend, Jahrgang 1949, habe ich im Osten Deutschlands keinen Luxus erlebt, wir hatten zu Essen, ein Dach über dem Kopf, ich hatte Kleidung, wenn auch keine WestJeans und selten Bananen, später waren meine Reisemöglichkeiten beschränkt und mein Auto defizitär. Ich konnte studieren, hatte Arbeit, meine Kinder hatten die Möglichkeit Bildung zu genießen und ich brauchte die Haustür nachts nicht abschließen, weil sowieso niemand zum Stehlen kam. Das was ich hatte hatten fast alle Anderen auch und warum hätte es also jemand stehlen sollen und es ist mir auch nie passiert. Ich war unzufrieden, wenn in meinem Beruf die Möglichkeiten zur Forschung reglementiert wurden und wenn die materiellen Voraussetzungen dafür jämmerlich waren. Das habe ich auch defizitär erlebt.

1989 waren meine Frau und ich in Leipzig auf der Straße, wir wollten eine andere, modernere dynamischere DDR, aber auch ein Land, in dem niemand seine Tür zuschließen muss. Dieses Ziel haben wir uns nehmen lassen.

Jetzt kann ich fast alles haben, ich habe gelernt, dass ich das Meiste davon nicht brauche, ich habe es eingetauscht gegen ein egoistischeres Leben und gegen viele Schlösser, die mich von anderen Menschen trennen.

Jetzt lebe ich tatsächlich defizitär!

Aber wenn ich dem Kollegen aus der Universitätsstadt in NRW versucht hätte genau dies zu erklären, er hätte es nicht verstanden, möglicherweise ärgert er sich noch immer über seinen nassen Schlips und das kaffeebekleckerte Hemd.

Wie die evangelische Amtskirche beinahe ein zahlendes Mitglied verlor ….

… Mitglied der Kirche zu werden ist nicht schwer.

1949, ich werde geboren, meine Eltern der Kirche gehörten der evangelischen Kirche an, warum auch immer, zumindest habe ich sie in der Kirche nie gesehen, nicht einmal geheiratet haben sie dort. Aber die Oma, die Oma brauchte eine neue Orientierung nachdem der Führer sein Volk  in schnöder Weise verlassen hatte und mit ihm hatte sie auch ihre klare Orientierung verloren. 

Der Mittelpunkt ihres Lebens in der kleinen Gemeinde Dittelstedt wurde der Pfarrer der Gustav-Adolf-Kirche auf dem Herrenberg, wir Kinder nannten ihn den Rabenhügel.

Oma Anna ist im Kirchenrat, zuständig für die Tagungen des Kirchenrates, jede Woche Freitag in der Wohnung des Dorfpfarrers, sie reinigt die Kirche, bereitet die Gottesdienst vor, kümmert sich mit strengem Blick um das Füllen der Kollekte, niemand wagt sich an ihr vorbei ohne etwas hineinzulegen.

Ich werde geboren, niemand hatte mich gefragt ob ich das wollte, niemand schert sich auch um meine Meinung, ob ich Glied der Kirche werden will. „Er wird getauft, basta“, Oma Anna entscheidet.

Nach Jahren, Konfirmantenunterricht ist angesagt, hat ein 13 Jähriger Lust zum Konfirmantenunterricht? Natürlich nicht, also wird geschwänzt. Der Pfarrer wird zu Hause vorstellig, den Vater interessiert es nicht, die Mutter hat von Haus aus keine Beziehung zur Institution Kirche und Oma Anna ist schon alt.
Meine Mutter und der Pfarrer gehen einen Deal ein: Damit Oma Anna nichts von meiner Verfehlung erfährt tauscht der Pfarrer Schweigen gegen Kuchen.
Meine Mutter liefert auf streng freiwilliger Baisis dem Pfarrer jeden Freitag einen frisch gebackenen Kuchen für die Tagung des Kirchenvorstands! 

Meist war es ein Aschkuchen, der war wohl am Schnellsten zubereitet.

Und jeder war’s – eine Weile lang – zufrieden: Der Pfarrer hatte seinen kostenlosen Kuchen, er galt gemeinhin in Dittelstedt als Schnorrer, Oma Anna war, wenn auch schaumgebremst stolz auf ihre kuchenliefernde Schwiegertochter, meine Mutter hatte ihre Ruhe und ich Freizeit.

Bis, ja, bis meine Mutter eine Patenschaft übernehmen wollte. Dazu brauchte es einer Bestätigung des Pfarrers, dass sie ihr Kind im Sinne des Herrn erzog – und das hiess: Konfirmantenunterricht für mich. Und ich wollte Freizeit!

Lange Rede kurzer Sinn: Ich ohne Unterricht, meine Mutter ohne Papier … und den Pfarrer erreichte ab sofort kein Kuchen mehr!

Den Höhepunkt des kirchlichen Streites konnte ich miterleben: der Pfarrer stand in unserer Küchentür, um a) um gut Wetter und b) weiter um den wöchentlichen Kuchen zu bitten. 

Meine Mutter mit hochrotem Gesicht, sie neigte dazu und bis zu ihrem Tode konnten die Menschen in ihrem Umfeld die Stimmung der Oma an der Röte ihres Gesichts ablesen und sich bei Bedarf rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Die Hände ununterbrochen an der Küchenschürze abwischend, steht sie mit hochrotem Gesicht vor dem Pfarrer und bringt es in ihrer gewohnt nachsichtigen Weise auf den Punkt: „Den Wisch geben sie mir nicht, aber jede Woche fressen sie meinen Kuchen!“

Der Pfarrer hat nie wieder einen kostenfreien Kuchen bekommen, meine Mutter nicht ihren „Wisch“ und ich hatte Freizeit.

Wenige Tage später musste mein Vater den Kirchenaustritt der Familie auf dem Erfurter Standesamt erklären.

So verlor die evangelische Kirchgemeinde ein Gemeindeglied.

Bis, ja bis zu meiner Heirat! 

Meine Frau ist/war Kirchenmitglied und wir sind/waren gemeinsam steuerveranlagt, also zahlte ich weiter fleissig Kirchensteuer, das Geld nimmt die Kirche gern, auf meine aktive Mitarbeit hat man mich über Jahrzehnte nie wieder angesprochen.

Eine einfache Strasse …

Eine einfache, kleine Straße im früheren thüringisch-hessischen Grenzgebiet. Entstanden ist sie wahrscheinlich nicht aus geographischer Notwendigkeit, sondern als Folge der deutschen Teilung in den 50 Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Grenze verlief in diesem Bereich in häufig wechselnden Richtungen, sodass einzelne Orte auf den gewachsenen Straßen nicht mehr zu erreichen waren. Schnell wurden neue Straßen gebaut, Eisenbahnlinien umgestaltet, einige Regionen mußten von Osten her neu erschlossen werden, da sie sich historisch eher nach Hessen orientiert hatten.

So ist, nach Erzählung alter Eingeborener, auch unsere Straße entstanden. Ich verlasse mich dabei auf die Berichte der schon länger hier Lebenden, bin ich doch selbst erst vor 25 Jahren in diese Gegend gezogen und nach wie vor ein Fremder. 

Diese kleine Straße führt also in unser Dorf, die Einwohnerzahl wird nach offizieller Statistik mit 388 angegeben, nachgezählt habe ich es nicht. Ich verlasse mich auf die Statistik. 

Offizielle Statistiken sind übrigens toll. 

Unserem Ort wird im Bezug auf den Thüringendurchschnitt ein besonders hohes Verkehrsunfallaufkommen zugeschrieben, dabei mit einem hohen Anteil an Personenschäden. Ich höre schon die Frage, wie man sich als halbwegs verantwortungsvoller Mensch in einem solchen Ort niederlassen kann. Kinder, Enkel und Urenkel sind über Generationen nicht nur durch Lehrer und Erzieher, durch Borreliose, Laktoseintoleranz, Weizenunverträglichkeit und multiple Allergien gefährdet, sondern zu allem Unglück auch noch durch Verkehrsrowdys.
Betrachtet man die Statistik genauer legt sich die Angst schnell wieder. Auf unserer Durchgangsstraße wurde im Jahresmittel 1 Unfall registriert, dummerweise mit einem Verletzten, also Entwarnung. Es bleibt die schicksalhafte Gefährdung durch Lehrer und Erzieher, durch Borreliose, Laktoseintoleranz, Weizenunverträglichkeit und multiple Allergien. 

Auf unserem Grundstück haben wir bei unserer Ankunft mehrere Bäume gepflanzt, die heute sehr groß und insgesamt mit stattlichen Maßen ausgerüstet sind. Ein Kirschbaum, ein Nussbaum, eine Pflaume und ein Ginkgo. 

Der Ginkgo war ein Geschenk, erhalten nach einem Vortrag für eine Selbsthilfegruppe, damals ein spillriger Stecken in einem kleinen Topf mit 2 Blättern. Heute, rund 20 Jahre später ist er zwar noch kein Riese, aber doch ein stattlicher Baum mit rund 3 Meter Höhe. Wer weiß, wie langsam in unseren Breiten ein Ginkgo wächst, wird bestätigen, dass dies schon ein beachtlicher Erfolgt ist.

Der Stammdurchmesser der Kirsche liegt bei über einem halben Meter, die Pflaume hat die Endhöhe von ca. 7 Metern erreicht, unter der Krone der Walnuss findet problemlos eine größere Sitzgruppe Raum und Schatten.
Die letzte Errungenschaft, ein Amerikanischer Tulpenbaum, eine Magnolienform, steht erst kurze Zeit, wirkt mit seinen rund 2 Metern Höhe und dem zarten Stamm dagegen noch sehr jugendlich. Er muss mit seinem biegsamen und empfindlichen Stamm geschützt werden und der Durchmesser der vier stützenden Stangen um ihn herum ist größer als seine Stammdicke. Ich lese, dass es 8 bis 10 Jahre dauern soll bis er die ersten seiner phantastischen gelben Blüten trägt. Das hoffe ich noch zu erleben. Seine maximale Wuchshöhe wird mit rund 4o Metern angegeben, das werde ich nicht mehr sehen können, er wird mich überdauern, sofern ihn nicht beim nächsten Gewitter der Blitz fällt. Ich ertappe mich dabei, dass ich dies nicht traurig finden würde, obwohl mir der Baum in seiner urwüchsigen Form hohen Respekt abnötigt.

Es ist schon eine interessante Konstellation. Ich habe Bäume gesetzt, die Bäume leben ihr Leben, wahrscheinlich werden sie länger leben als ich, aber ich gehöre in unserem Dorf nach wie vor zu den Fremden, zu den Zugereisten. Die Bäume haben Wurzeln geschlagen.

Das Schicksal teilen wir allerdings mit einigen Anderen im Dorf, mit Familien, die unmittelbar nach dem letzten Krieg als Vertriebene oder Flüchtlinge ins Dorf gekommen waren. Die sind auch nach wie vor die Fremden, wobei von Fremden wird bei denen nicht mehr gesprochen, sie sind aber heute noch oder wieder die Flüchtlingsfamilien.

Wahrscheinlich waren sie nach dem Krieg auf der Flucht auf der damals nur provisorisch befestigten Straße, eher einem Feldweg, ins Dorf gekommen. Jetzt ist es eine einfache, schmale Straße.

Die Kraniche ziehen …

Nichts fasziniert mich in unserer freien Natur mehr, als der Vogelzug.

Ich finde es faszinierend, wenn große Schwärme über uns hinwegziehen, wie etwa die Kraniche auf ihrem Zug im Herbst und dann im Frühjahr, meist so Mitte März zurück.

Die Leichtigkeit der Bewegungen in großer Höhe, das laute Rufen, der Flug in Form eines Pfeils oder einer ‚1‘, die Disziplin, die im Formationsflug zu herrschen scheint, aber auch die Solidarität, die praktisch kein Tier zurücklässt.

Fällt ein oder mehrere Tiere aus der Formation heraus, dreht sich der Pfeil auf, der Schwarm kreist dann auf der Stelle, bis die Nachzügler wieder Anschluss gefunden haben oder sich der nächsten Gruppe anschliessen können.

Ein faszinierendes Bild.

Gestern, am 20. Februar 2019 hörte ich bei strahlendem Himmel wieder den typischen Ruf und die ersten Schwärme zogen gen Nordosten.

Vier Wochen zu früh, aber nicht minder schön.

Besser wäre kein SUV gewesen …

Mein erstes eigenes Auto war in den siebziger Jahren des letzten Jahrtausends ein P 70, ein Auto aus den fünfziger Jahren, in geringer Stückzahl gebaut. Aber da sich sowieso kaum jemand zu dieser Zeit ein Auto leisten konnte, hatte es für die größte aller DDR’n wohl gereicht.

Den P70 wird kaum noch jemand kennen. Ein Fahrzeug aus DDR Produktion, das P steht für Personenkraftwagen, die 70 weist auf gewaltige 700 Kubik Hubraum des 2-Zylinder-Motors hin, aus dem die Ingenieure kraftvolle 22 PS gezaubert hatten.

Wir nannten die Ausführung als Coupe unser eigen, einen Zweitüren mit flach abfallender Heckscheibe.

Top gepflegtes Modell eines P70-Fans aus Vitzeroda

Der P 70, heute belächelt, war trotzdem mit absoluten (Welt-)Neuheiten gesegnet.

Nicht sichtbar war unter der Karosse die Dynastartanlage, Lichtmaschine und Anlasser als ein Teil, also mit der Lichtmaschine war der Motor auch zu starten. Im Vergleich zu anderen Autos dieser Zeit sprang das Ding auch im frostigen Winter immer an.

Das eigentliche Highlight war allerdings die Kunststoffkarosserie, damals wirklich weltweit fast einmalig.

Der Schwachpunkt des Autos war allerdings der Karosserierahmen, der aus Holz, richtigem, noch dazu z.T. kaum behandelten Holz gefertigt war. Und Holz, Wind und Wetter, nasse Straßen, Regen, Schnee und Matsch – eine tödliche Kombination. Ungepflegt faulte die Karosserie in wenigen Jahren schlicht und einfach durch. Die Festigkeit der Schweller, ein Balken 10×10 cm prüfte man, indem man selbst von unten einen Schraubenzieher in das Holz rammte. Drang er ein, musste man zum Schreiner.

Also, sowohl der Vorbesitzer, als auch ich hegten und pflegten das Ding, vor allem das Holz und so hatte er Mitte der 70 schon fast 20 Jahre überstanden.

Jedenfalls trug er mich über mehrere Jahre täglich rund 40 Kilometer von meinem Wohnort nach Jena, meinem damaligen Arbeitsort.

Als junger Arzt hatte ich das Glück meine Ausbildung an der Universitätsklinik zu bekommen, eine richtige Ausbildung, ohne Computer, ohne iPad, ohne Laptop, die wirklich wichtigen Dinge wurden mit Kreide an die große Wandtafel im Hörsaal geschrieben. Demonstrationen erfolgten unmittelbar am Patienten, ansonsten wurden Diapositive mit Hilfe einer riesengroßen Apparatur an die Wand projiziert.

Wir lernten noch Medizin für die Sinne, zu hören, zu sehen, zu fühlen, den Betroffenen in die Augen zu sehen, zu erfassen, zu deuten, zu abstrahieren und daraus unsere Diagnosen zu entwickeln.

Für die jungen Kollegen: ein Medizinerleben ohne Powerpoint ist möglich. Aber, das wäre ein extra Beitrag.

Der Beruf nimmt keine Rücksicht auf Sonn- und Feiertage, auf Freizeit, Tageszeiten. In der Regel ist man Arzt über 24 Stunden täglich, über 365 Tage des Jahres.

Wurden wir etwa zum Wochenenddienst in der Klinik eingeteilt, hatten wir nicht selten am Freitagmorgen gegen 8.00 Uhr zu erscheinen und gingen am Montag gegen 16.30 wieder durch das Tor nach draußen. Heute unvorstellbar, die meisten jungen Kollegen wären in kurzer Zeit schier des Todes.

An einem Freitagmorgen gelang es mir in einer Seitenstraße, dem Ziegelmühlenweg relativ kliniknah, einen Parkplatz zu ergattern. Einen richtigen Parkplatz, gepflastert oder gar mit Bitumen belegt, mit weißen Linien und so gab es nicht. Als ich Montagabend gegen 18.00 Uhr meinen P70 wieder holen wollte, hatte man die Straße aufgerissen und ca. 25 cm tief ausgebaggert. Mein armes Wägelchen stand mittendrin auf einer Insel, um eben diese 25 Zentimeter erhöht.

Hätte ich nun damals einen modernen SUV gehabt, wäre ich wahrscheinlich auch nicht ohne Schaden aus eigener Kraft und fahrend von dem hohen Standplatz weggekommen. Auch mit dem P70 – keine Chance.

Aber, ungefähr 100 Meter weiter war meine Stammkneipe, eine Lokalrunde Bier – 10 Glas à 40 Pfennige – und 5 Mann plus der zu dieser Zeit noch nüchterne Kellner hoben meinen ‚Wagen‘ auf zwei Bohlen und vom Sockel, trugen ihn zur Seite und setzten ihn vielleicht 10 Meter weiter auf den befahrbaren Bürgersteig.

Das mache mir mal heute einer mit dem Porsche Cayenne nach, unmöglich. Selbst das Bier für 40 Pfennige gibt es in der Kneipe nicht mehr…

Leider konnte ich irgendwann die Holzteile nicht mehr retten, er knickte praktisch in der Mitte durch. Die Reste verkaufte ich als Ersatzteile und erzielte damit fast den Preis, den ich einige Jahre vorher für das intakte Auto bezahlt hatte.

Vorsicht oder Soleier …

Gelegentlich übermannt mich der Leichtsinn und es quält mich der Wunsch Essen zu gehen.

Mit zunehmender Lebenserfahrung, weniger positiv Eingestellte nennen es profan Alter, ändern sich auch dabei die Befindlichkeiten und Präferenzen.

In jungen Jahren machte es mir nichts aus ganze Abende in der verräucherten und durch Körperausdünstungen geschwängerten Luft einer Kneipe zu verbringen.

Eine Vorzugsbehandlung genoss dabei eine alte Bierkneipe in Jena, am Ziegelmühlenweg / Jahnplatz, damals in direkter Sichtweite zur Pathologie der Uniklinik. Das wiederum war sicher purer Zufall und hatte mit der Zusammenstellung der Speisekarte nicht zu tun.

Nur wenige Tische, Stuhl an Stuhl, Rücken an Rücken, verraucht, ein einziger Kellner, meist total verschwitzt, ein Mann am Tresen, der beim Ausschenken des Bieres kaum mit dem Durst der fast ausschließlich männlichen Gäste Schritt halten konnte. Sobald der Kellner voll war, was meist nicht lange dauerte, holte man sich das Bier am Tresen selbst.

Offiziell gab es zwei Sorten von Bier: ‚Helles‘ und ‚Pilsner‘, der Unterschied bestand einzig darin, dass das Helle noch dünner war, als das Pilsner. Schaum hielt keine Minute, beim Hell bildete er sich gar nicht erst.

Auf dem Tresen stand immer ein sehr großes Weck-Glas mit in starke Salzlake eingelegten, hartgekochten Eiern, genannt Soleier. Wer Lust hatte fischte sich zu fortgesetzter Stunde, ersatzweise nach genügend Bier, ein solches Ei aus dem Pott und schob dem Wirt am Tresen eine Mark der DDR zu. Die Eier waren in der Regel so lange gekocht, dass der Dotter blau war. War er es noch nicht, wurde er es nach mehreren Wochen in der Salzlake, entstand ein leicht schwefliger Geruch. Dann waren die Eier ‚gut‘. Jeder griff mit seinen Händen in das Glas, fischte ein Ei, schälte es auf einen daneben stehenden Teller, der gelegentlich geleert wurde, sobald er übervoll war. Dann führte man das geschälte Ei mit den Fingern zum Mund, manchmal teilte man es auch mit dem dabei liegenden Messer. Jeder durfte dieses Messer benutzen.

Der Verbrauch von Soleiern orientierte sich typischerweise weniger an der Aufenthaltszeit, denn am Bierkonsum. Man musste trinken, sobald man etwas ergattert hatte und wenn gutes DDR-Bier auf dem Tisch auch nur im Ansatz schal wurde, war es nicht mehr genießbar. So floss das Bier anfangs schnell, im Lauf des Abends nahm der Fluss exponentiell ab.

In der Regel war die Kneipe so gegen 19.00 Uhr schon gut besetzt, die Freude später noch einen Stuhl zu ergattern glich dem Gefühl eines Vierers im Lotto. Ich hatte bis heute noch nie einen Vierer im Lotto.

Wer einen Stuhl hatte, versuchte sicherheitshalber den ganzen Abend nicht mehr aufzustehen, sonst konnte es sein, er war sofort wieder weg. Später liess die Sucht der Neuen nach einem leeren Stuhl nach, weil draussen jeder wusste, dass nach 21.00 Uhr drin alles voll war, der Raum, der Wirt und die Gäste. Dann wurde es erst so richtig gemütlich.

Die Toilette war ausgesprochen rustikal, am Handwaschbecken mit einem solitären Kaltwasserhahn, hing ein Textilhandtuch, Typ Malimo. Jeder durfte dieses Handtuch benutzen, nach Einweghandtüchern aus Papier hat niemand verlangt. Nach kurzer Zeit war das Handtuch triefend nass, zur Verbesserung der Hygiene hängte irgendeiner das Handtuch über das gekippte Fenster. Der Nächste nahm es dann wieder herunter und hängte es wieder neben das Becken. War es so nass, dass es überhaupt nicht mehr zum Trocknen taugte, wurden die Hände an der Hose abgewischt.

Das Wort Hygiene war ausgesprochen groß geschrieben, sogar die Tische wurden jeden Abend nach dem Zapfenstreich mit dem Lappen abgewischt, der vorher zum gelegentlichen Reinigen der belagerten Theke gedient hatte. Danach wurde er getrocknet, um bereit für den nächsten Abend zu sein.

Die Jenenser waren seinerzeit sehr tierlieb, wie es heute ist, kann ich nicht mehr sagen. Damals jedenfalls nahm man abends, so man hatte, seinen Hund mit in die Kneipe. Die Hunde lagen unter dem Tisch, zu Füssen der Herrchen. War das Herrchen besonders aufmerksam, bekam auch der Hund dieses und jenes schale Bier ab, was natürlich seine Blase füllte. Anfangs ging das Herrchen mit ihm nach draussen, später nicht mehr so zuverlässig …

Fast jeden Abend kam ein einbeiniger Kriegsversehrter in die Kneipe. Er war so schon schlecht zu Fuss, wurde mit entsprechendem Pegel immer unsicherer. So kam es durchaus vor, dass er unter dem Tisch entlang seines Stockes … Wahrscheinlich deshalb gab es einen Bodeneinlauf, wie sonst in der Waschküche.

Man hat nie gehört, dass sich jemand in der Kneipe infiziert hätte.

Heute hatte ich Lust auf einen Kaffee und einen kleinen Hunger zur Mittagszeit.

Da ich den Geruch von Gaststätten so richtig nicht mehr mag, nutze ich dafür ein Bäckereigeschäft meiner Wahl, hell, freundliche Bedienung, einige Tische für Sitzgäste.

Eine Portion Rührei mit Tomate und Mozarella, ein frisches, noch warmes Körnerbrötchen, ein Espresso, dazu unaufgefordert ein Glas Wasser.

Der Tisch frisch abgewischt, eine Mitarbeiterin schien ständig unterwegs um Tische und Stühle zu säubern und von den Krümeln des Backwerks zu befreien.

Für den Nebentisch interessieren sich wenig später zwei sehr junge Frauen. Eine sieht aus schrägem Winkel über die Tischplatte, „Der ist halbwegs sauber.“ Die Andere zückt aus einer mitgebrachten Packung desinfizierender Hygienetücher mehrere Teile und wischt gefühlt einige Minuten über die Tischplatte, nicht ohne danach auch noch ihre Hände gründlich von jeglichem Keim befreit zu haben. „Jetzt geht es.“

Mit einem Ohr verfolge ich ihr Gespräch, welches sich trotz Sagrotan vor allem um Infekte und andere Krankheiten dreht.

Ich frage mich, wie lange sie wohl seinerzeit in unserer Studentenkneipe überlebt hätten?

Unangenehm …

…Wien – die europäische Stadt mit dem größten Charme, Europas größer Konsumtempel, hastende Menschen von der Badener Bahn hin zum SCS, eine schmale Unterführung, durch die alle kommen müssen. Schieben, Drängen, missgelaunte Menschen, es riecht unangenehm stechend nach Urin, an den Wänden schmutzige Graffitis, Farbschichten mehrfach übereinander.

Ein Mann undefinierbaren Alters – am Boden im Durchgang sitzend, er lehnt mit dem Rücken an der Wand, die Beine hat er nach vorn ausgestreckt, so dass die schiebende, drängende Menge zumindest zur Hälfte über seine Beine steigen muss.

Alte, zerrissene, ehemals wahrscheinlich schwarze Turnschuhe – Farbe bleibt unklar, Hose hoch gerutscht, Beine schmutzig, viele aufgekratzte Stellen, das linke Bein mit einem sichtbaren, offenen Geschwür, verdreckte Sachen, Bart, der Mann sehr ungepflegt. Er sieht scheinbar vor sich auf den Boden mit halb geschlossenen Augen. Neben seinen Beinen liegt eine Mütze, die Öffnung nach oben, daneben ein Schild, auf einem grob ausgerissenen Stück Papier handgeschrieben: „Danke“.

Ist es der Mensch, der dort sitzt? Seine offen zur Schau gestellte Armut, von der ich mich provoziert fühle? Ist es die Ahnung, dass auch ich über seine Beine hinwegsteigen werde? Soll ich etwas in seine Mütze werfen um mein Gewissen zu beruhigen? Blitzartig fallen mir die vielen Bemerkungen über Bettler und deren vermeintliche Tricks ein. Es ist mir unangenehm, aus meiner Hosentasche Geld zu nehmen, es ist mir unangenehm es in die Mütze zu werfen. Werfen möchte ich es gleich gar nicht, wenn überhaupt, dann muß ich mich bücken und das Geld hineinlegen. Sobald ich mich bücke, werden es die anderen um mich herum wahrnehmen, die nichts in seine Mütze werfen …..

Ich überlege fieberhaft, wie ich der  Situation ausweichen kann. Neben mir, hinter mir, vor mir gehen Menschen, ich kann nicht ausweichen, aber ich könnte es doch, wenn ich Andere zur Seite dränge. Ist es mir auch unangenehm Gehende zur Seite zu drängen, um nicht über den am Boden Sitzenden hinwegsteigen zu müssen?

Unmittelbar vor mir nähert sich ihm eine Frau mit einem Kinderwagen – er zieht ohne den Kopf auch nur eine Spur zu drehen die Beine ein, sie geht vorbei, sieht ihn an, er lächelt leicht … und streckt die Beine direkt vor mir wieder aus, mich hemmend, mich fordernd.

Neben ihm liegt seine Mütze, davor das Stück Papier mit „Danke“, ich fühle mich beschämt, provoziert, ärgerlich, dass er mir diese Konfrontation, mit der ich nicht umgehen kann, nicht erspart, drücke mich um seine Beine herum, nicke ihm zu, versuche ein Lächeln, merke selbst wie verkrampft ich bin – und helfe der Frau mit dem Kinderwagen die Treppe hinauf…. Ob es mein Gefühl beruhigt?

Aber warum hätte er gerade mich schonen sollen? In Wien, in der europäischen Stadt mit dem größten Charme.




Nur ein Koffer

Am häufigsten sehe ich sie in meinen Gedanken an ihrem Küchentisch stehen, ich bin dahinter oder daneben auf einem Stuhl oder auf dem Fußboden, sitzend, fast immer sehe ich sie von hinten, klein, rund und und nach vorn gebeugt, so als habe sie keine Zeit sich mit mir, dem Kind, zu beschäftigen.
 

Ich sehe sie oft wie auf einem Foto vor mir, wie damals, heute Jahrzehnte nach ihrem Tod, während sich für mich die Gesichter vieler anderer Menschen, die in einem Leben mehr oder weniger eine Rolle spielten, längst wieder ins Nichts aufgelöst haben.
 

Eine kleine, alte und gebeugte Frau, graues Haar, streng hinten zu einem Knoten zusammen gebunden, wir nannten es Schwalbennest, darüber ein dünnes, hellgraues Netz, das sie nur abnahm, wenn sie die Haare neu ordnen musste, sie mochte es nicht leiden, wenn sich auch nur eine einzige Strähne aus dem Gefängnis befreite. Sie nestelte dann so lange daran herum, bis die äußerliche Strenge wiederhergestellt war. 
 

Ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich jemals die Zeit genommen hätte mit mir zu spielen. Wenn ich spielen wollte konnte ich das tun, jederzeit, auch mit anderen Kindern, Krach störte sie scheinbar nicht, wenn es ihr zu laut wurde ging sie still und ohne einen Kommentar in ihre Schlafstube, es dauerte meist nur kurze Zeit bis ich sie vermisste, ich fand sie dann immer auf einem alten, tiefen Polstersessel neben ihrem Schrankkoffer unter der einzigen Quelle für Tageslicht des großen Raumes, einem kleinen Dachfenster.
 

Der Schrankkoffer war eigentlich eine bessere Kiste, ein Metallrahmen gab Halt, dünnes, leicht gewelltes Blech, mehr hoch als breit, die gebogene Klappe öffnete sich nach oben und wenn ich etwas suchte, musste ich mich hinein beugen, um auch auf dem Bode wühlen zu können. Zwei Kofferschlösser sollten den Inhalt sichern, Bügel, die das Unterteil mit dem Deckel verbanden und dann in einem stabilen Schließblech einrasteten. Der Schiebemechanismus zum Öffnen der Bügel, war sehr schwergängig, für meine Kinderhände nicht geeignet, der Inhalt wäre mir verborgen geblieben und so gehörte es zu meinen ersten positiven Leistungen zu ergründen, ob man mit dem Stiel eines Kaffeelöffels die Schlösser öffnen konnte. Es gelang.
 

Ich glaube, der Koffer enthielt Dinge, die ihr wichtig waren, zumindest habe ich nichts gesehen, was sie mit mehr Respekt behandelt hätte.
 

Das Kernstück war eine Holzschatulle, dunkelbraunes Holz, sehr massiv, mit geschnitzten Ornamenten, nochmals gesichert mit einem Schloss und nur ein einziges Mal gestattete ich mir einen Blick hinein, nachdem ich entdeckt hatte, dass der Schlüssel regelmäßig genau mittig unter ihrem Kopfkissen lag … und war enttäuscht. Nur alte Papiere! 
 

Ich erinnere genau, dass ich sie oft in ihrem Sessel angetroffen habe, die aufgeklappte Schatulle auf ihrem Schoss und in den Papieren lesend, Papiere, die wahrscheinlich ein Leben widerspiegelten. Die Schatulle und diese Papiere existieren nicht mehr und ich bedauere sie niemals gelesen zu haben.

Der Eine sagt so, der Andere so …

 .. eine noch junge Frau, Anfang 40, ziemlich füllig, schwarz gekleidet, nicht auffällig, so überrascht es mich nicht, dass dies genau die Frau ist, die seit einiger Zeit angekündigt war und die vor allem kommt, um ihre Trauer zu bearbeiten.

  ‚Trauerarbeit‘, anfangen kann ich mit diesem Begriff bis heute wenig, um nicht zu sagen gar nichts! 

  Trauer ist für mich etwas sehr Individuelles, etwas was man empfindet, ein Zustand mit dem man persönlich klarkommen muss, etwas was schmerzt oder auch nicht, etwas was eine Leere hinterlässt, auch ein Neuanfang sein kann.

  Als grausam und Bestrafung für die Zurückbleibenden, die Hinterbliebenen, empfinde ich Trauerfeiern, speziell dann wenn die ganzen grau-schwarzen BerufsMitleidenden vor Ort sind, die grauen Friedhofskrähen der Dörfer etwa, die keine Trauerfeier auslassen und hatten sie noch so wenig mit dem „lieben Entschlafenen“ zu tun.

  Frau S. mit ihren fünf Kindern zwischen 2 und 14 Jahren berichtet über den Tod ihres gleichaltrigen Ehemannes vor wenigen Monaten, „plötzlich und unerwartet“, wahrscheinlich eine ‚Herzgeschichte‘, sie sieht mich dabei nicht an, sitzt ruhig neben meinem Tisch, betrachtet meist ihre Hände, die ganz schlicht und ohne jeglichen Schmuck und ohne Nageldesign sehr gepflegt wirken.
 

Einen Toten im wahrsten Sinne des Wortes im Bett neben sich zu finden, die Zeit danach, die Hilflosigkeit die ganzen notwendigen Dinge zu klären, Trauerfeier, den Kinder den Tod des Vaters zu erklären, die Nachlassregelung, Behördengänge, und und und … eine Qual. Gleichzeitig musste sie die Abläufe, vom Kindergarten bis zum Gymnasium, der nunmehr ’nur noch‘ sechsköpfigen Familie aufrecht erhalten, eine Sysiphusarbeit.
 Zuerst hat sie alles wie in Trance erledigt, ist gar nicht dazu gekommen nachzudenken, was auch gut gewesen sei, erst, als dann einige Wochen später wieder etwas Ruhe einzog, Normalität, wie sie es nennt, hat sie gemerkt, wie erschöpft sie ist.
 

Bis zu dieser Stelle hat sie sehr ruhig und sachlich berichtet, so als beträfe es nichts sie, sondern einen nicht im Raum anwesenden Dritten. Als sie über ihre Erschöpfung spricht scheint sie vor meinen Augen sichtlich in sich zusammen zu sinken, der Rücken wird etwas runder, das Gesicht, gerade noch vom Stolz über das Geleistete geprägt, wirkt plötzlich müde, die Hände werden unruhig, suchen etwas. Ich versuche ihr diskret eine Packung Taschentücher über den Tisch zu schieben, da ich annehme, sie kämpft nun doch mit den Tränen. 
  Sie nimmt die Packung auf, betrachtet sie ohne sie zu öffnen und legt sie wieder auf den Tisch, nach einem kurzen Blick auf mich, ‚Nein, das ist es nicht‘.
  Ihr Blick geht wieder auf die Hände, sie reibt die Daumen aneinander, schweigt und ich versuche zu erraten, welchen Gedanken sie gerade nachgeht. In meiner Vorstellung nistet sich ein, dass es um Verlust, Trauer, vielleicht sogar Hilflosigkeit gehen müsste, mir fällt nichts besseres ein als die Bemerkung, ‚das war sicher alles für sie nicht leicht‘.
  Nach einigen Augenblicken hebt sie den Blick zu mir und fängt mit sehr ruhiger Stimme an zu sprechen, über eine sehr schwierige Kindheit, die sie durchlebt hat, ihre Flucht mit 16 Jahren aus der elterlichen Wohnung, eine Zeit ohne feste soziale Bindung meist auf der Straße, das Eingehen einer Partnerschaft, nach einiger Zeit die erste Schwangerschaft, insgesamt in lockerer Folge 5 Geburten, eine Partnerschaft geprägt vom MutterSein, keine eigene berufliche Basis, ein Zusammenleben in der die Alkoholerkrankung des Mannes eine grosse und Gemeinsamkeit keine Rolle spielte. Es kam zu Gewalt, zuerst regelmäßig verbal, später körperlich und sie sah für sich keine Chance auszubrechen, wahrscheinlich hat sie es nie ernsthaft erwogen, ‚wegen der Kinder, die brauchten doch einen Vater‘. Sie sagt nicht ihren Vater, sie brauchten einen Vater.
 

Es macht mir Mühe die Frage zu stellen, meine Stimme hört sich für mich dabei seltsam, gepresst, fast schrill an, ich habe das Gefühl dass sie sich eigentlich nicht schickt, ‚Wie haben sie den Tod des Mannes empfunden‘? Ich sage bewusst ‚des Mannes‘, weil alles andere mir zu viel Verbundenheit ausgedrückt hätte.
 

Sie schluckt, jetzt kommt aus dem linken Augenwinkel eine Träne, ich befürchte fast doch noch einen Gefühlsausbruch, sie nimmt sich ein Taschentuch, sieht mich dann wieder an und fasst ihre Empfindungen in einem kurzen Satz zusammen: „Es war eine Befreiung!“ 
 

Als sie die Träne, die inzwischen langsam nach unten rollend an ihrem Kinn angekommen ist, abwischt, holt sie tief Luft und fragt, „Was wollen Sie noch wissen?“ Aus dem Klang ihrer Stimme wird mir nicht klar, ob am Ende ein Frage- oder ein Ausrufezeichen steht.
 

Gemeinhin wird der Tod eines jungen Menschen als etwas Schlimmes angesehen, aber Einer sagt so, der Andere so …

Der zitternde Hooligan

Er sitzt vor mir, zittert, der Schweiß läuft ihm rechts und links über das immer blassere Gesicht, tropft nach unten und hat schon Flecke auf dem ehemals weißen, jetzt grau wirkenden T-Shirt gebildet. Ich sehe, wie sich seine Hände um die Stuhlkante verkrampfen, er versucht sich festzuhalten und gerät gleichzeitig immer mehr in Panik, seine Gedanken und sein Kopf fahren mit ihm Karussell. Die Fingerknöchel werden weiß, weil er sich immer stärker anspannt und am Hals sind im Rhythmus des rasend schnellen Pulsschlags die Blutgefäße zu sehen.

Er ist für einen Mann klein von Statur, vielleicht knapp 1,70 m, schmale Schultern. Inzwischen liegt er – absolut kraftlos wirkend – mehr auf seinem Stuhl, als dass er sitzt.

Es ist nachts gegen, 2.00 Uhr, eine ruhige Sommernacht, etwas warm, sicher über die berühmten 20 Grad Celsius mit denen man eine Nacht als „tropisch“ klassifiziert.
Seine Stimme zittert, als erzählt, dass er geschlafen hat, dann vor einer Stunde aufgewacht ist, schweißgebadet, Herzrasen verspürt und sein Kopf mit ihm Karussell fährt, so als sei er völlig betrunken. 
Seine Stimme stockt, er rutscht nach vorn von seinem Stuhl, setzt sich zuerst, rutscht dann weiter und legt sich flach auf den Boden. Seine Hände suchen rechts und links des Körpers Halt, finden nichts, seine unruhigen Augen füllen sich mit Tränen und es scheint ihm wie eine kleine Erlösung als er im Liegen etwas Flüssigkeit erbricht.

Er rappelt sich jetzt auf, nimmt eine Handvoll grüner Papierhandtücher aus dem Spender an der Wand und wischt die erbrochene Flüssigkeit auf. Unsicher wirkt er dabei noch immer, sein Gang taumelnd, aber trotzdem etwas sicherer, so als sei er mit dem Erbrechen etwas übermächtig Belastendes losgeworden.
Als er damit fertig ist, setzt er sich zurück auf den Stuhl, immer noch schweißgebadet, im wahrsten Sinne des Wortes leichenblass, aber etwas ruhiger wirkend.

Erst jetzt, als die Dramatik des Augenblicks etwas nachläßt, nehme ich seine Tattoos wahr. Die linke Wange ist bis zum Haaransatz tätowiert, ein schlangenähnliches Wesen, welches neben dem linken Auge beginnend über Gesicht und Hals nach unten verläuft und unter dem nassen T-Shirt verschwindet. Beide Unterarme sind tätowiert, so stark, dass sie fast durchgängig schwarz mit etwas Farbe aufgelockert anmuten. Die Unterarme nicht sehr kräftig, dabei aber sehnig, Kraft scheint er trotz seines schlanken Körpers zu haben. Aus der kurzen Hose seines Schlafanzuges ragen die Beine heraus, dünne Waden und ebenfalls tätowiert bis zum Knie und wahrscheinlich noch ein Stück darüber hinaus. Unter dem Vorwand Herz und Lunge abhören zu wollen sehe ich mir den Rest des Körpers an, auch hier Tattoos über Tattoos. 
Jetzt bemerke ich auch die vielen kleinen Narben in seinem Gesicht, Augenbrauen, Nasenflügel, Lippen, Ohrmuscheln, jeweils besetzt mit vielen kleinen Narben, Stellen, an denen früher Piercings saßen. 

Langsam, ganz langsam beruhigt er sich, es dauert fast eine Stunde bis er wieder im „Normalbetrieb“ ist. 

Wir kommen ins Gespräch und stockend berichtet er, dass ihn solche Panikattacken schon seit seiner Kindheit quälen. Er erzählt von einem dominanten, gewalttätigen Vater, dem die Hand sehr locker saß, von Beruf Kohlenträger und darauf fixiert, einen Teil seiner freitäglichen Lohntüte gleich ins Wirtshaus zu tragen. Damals kostete das Glas Bier zu 0,3 noch 40 Pfennige und mit seinem Limit von 5 Mark war er gut dabei. Zu Hause gab es dann Prügel für die Kinder und sein Anteil als Ältester war auf jeden Fall immer gesichert. Die Mutter war ängstlich, als Hilfe für die Kinder in diesen Gewaltorgien praktisch nicht präsent.

Mit 16 und einem halben Jahr ging er heimlich aus dem Haus, zog zu einer Freundin, deren Eltern ihn aufnahmen, er erlernte einen Beruf bei der Bahn, die Uniform gab ihm einen gewissen Halt. Mit 18 heirateten sie, 2 Kinder kamen, alles schien geordnet.

Als seiner Frau dann die Belastung mit den beiden Kindern zu groß wurde, blieb sie zu Hause, heute fällt dies wohl unter den Titel „Hausfrau und Mutter“. Die Verantwortung für die soziale Absicherung der Familie blieb allein bei ihm, der Verdienst als Bahner nicht eben üppig. Sonderschichten, Nebenjobs blieben nicht aus. 

Nach kurzer Zeit merkt er, dass die Belastung für ihn zu groß wird. Er wird reizbar, spürt eine steigende Aggressivität, es stört ihn die berühmte Fliege an der Wand.

Sein Leben schwankt seitdem zwischen Angst und Panik einerseits und Aggression andererseits. Fühlt er sich überlegen neigt er zu aggressiven Ausbrüchen, fühlt er sich unter Druck und passiv unterlegen reagiert er mit Panikattacken. Zu Hause dominieren aggressive Gefühle und Angst den gleichen Weg zu gehen wie sein Vater, seine Aggressivität an Frau und Kindern auszutoben.

Inzwischen hat er gelernt seine Gefühle zu kanalisieren. 

Das martialische Outfit mit Tattoos und Piercings war der erste Schritt. Im zweiten Schritt schließt er sich der Hooliganszene seiner Fußball-Heimmannschaft, einem wegen seiner Fans gefürchteten Drittligisten an.
Seitdem geht er zu jedem Spiel, Fußball ist die eine Seite der Medaille, primär   geht er um sich zu prügeln. Und da er eher klein und schmächtig ist, bekommt er regelmäßig „auf die Fresse“. Der Schmerz ist das Wichtigste daran, er hilft ihm, seine Gefühle zu bändigen und seine Aggression nicht an seiner Familie auszulassen.
Stadionverbote, Geldstrafen, Sozialstunden, eine Freiheitsstrafe auf Bewährung stehen auf seinem Haben-Konto. Seine Familie hat dagegen er nicht geschlagen. 

Dafür gehört er zum harten Kern der Hooligangemeinde seines Vereines, immer vorn dran, immer einer der Ersten, wenn es zur Sache geht, nicht selten sogar von ihm provoziert.

Es verwundert mich nicht mehr, als er mir einige Tage später erzählt, dass viele seiner Hooligan-Kumpel auch so arme Schweine sind, wie er selbst, ein zitternder Hooligan.

Dabei zittern sie nicht vor dem körperlichen Schmerz in der Auseinandersetzung, im Gegenteil, der hilft ihnen sogar. Sondern sie zittern vor den Belastungen des ganz normalen Lebens, denen sie nicht gewachsen sind.