Ein defizitäres Leben ….?

Es ist am Ende einer gemeinsam gestalteten Weiterbildungsveranstaltung als der Kollege mich beim letzten gemeinsamen Stehkaffee mit der Feststellung überrascht, dass er das erste Mal im Osten ist.

Nun ist das so überraschend nicht, berichten doch viele Menschen aus den gebrauchten deutschen Bundesländern voll Stolz darüber, dass sie selbst 20 Jahre nach Fall der Mauer noch nie im Osten gewesen sind, das wohl auch niemals tun werden, da sie überhaupt nicht wissen, was sie dort sollen und dass der Osten doch nur das Geld des Westens ausgibt, usw. usw.

Aber von diesem Kollegen aus einer Hochschulstadt in NRW habe ich das nicht erwartet, eigentlich weniger die Tatsache an sich, sondern vielmehr die Form in der er diese ungeheuerliche Tatsache vorträgt. Er beugt sich über den Tisch, versucht mir dabei möglichst nahe zu kommen, etwas was ich nicht mag und was mich wiederum zum Ausweichen zwingt, er beugt sich weiter vor, seine Krawatte tangiert die volle Kaffeetasse, nach einem sichernden Blick nach rechts und links raunt er mir zu, ‘ich bin das erste Mal im Osten!’’. Er richtet sich auf, schüttelt die kaffebekleckerte Krawatte, was wiederum dazu führt, daß einige Tropfen Kaffee auf seinem Chemisette landen, seine Hand fährt darüber, verreibt die braune Brühe im weißen Stoff, was das Hemd, das seine besten Zeiten sichtbar hinter sich hat, auch nicht schöner macht!

Er stöhnt, schaut mich an, zuckt die Schultern, schließt mit spitzen Fingern das Jackett, dessen Zustand häufigen Gebrauch verrät, nur um festzustellen, dass es über dem Bauch sehr spannt und somit auch nicht ansehnlicher wird, er versucht dem Dilemma zu entfliehen, indem er mich fragt, ob wir uns nichts setzen wollen, da ich sowieso wenig Lust zu einem hochphilosophischen Gespräch über den ersten Besuch eines geborenen westdeutschen Professors in einer ostdeutschen Großstadt habe, lehne ich freundlich lächelnd ab, ‘da wir ja heute schon genug gesessen haben’. Ich genieße sein Unbehagen.

Meine Hoffnung, sein Unbehagen möge über seinen Wunsch nach einem Gespräch siegen wird nicht erfüllt, er bleibt, nachdem er den Jackenknopf wieder geöffnet hat.

Vorsichtshalber nimmt er sich statt der gefährlichen Kaffeetasse ein Wasser bevor er sich wieder zu mir beugt, ‘sie sind doch Ostdeutscher…?’. ‘Ja…, ‘, ‘Auch hier geboren…?’, er verdreht die Augen, so als hoffe er, dass ich ihm bestätigen möge, dass mir wenigstens dieses schwere Los erspart geblieben ist.Er sieht mich so mitleidig an, dass ich befürchte, dass ihm sofort die Tränen ausbrechen, sie tun es nicht, ‘Wie haben Sie das nur ausgehalten im Osten mit diesen ganzen Defiziten, sie sind doch ganz intelligent…’, ich bin ihm dankbar, dass er mir das zugesteht, gleichzeitig merke ich, wie mein Stresspegel steigt, ich verabschiede mich mit einer wortlosen Geste und gehe…

Auf der Fahrt in meinen thüringischen Heimatort denke ich über meine Defizite nach?

Ja, in meiner Jugend, Jahrgang 1949, habe ich im Osten Deutschlands keinen Luxus erlebt, wir hatten zu Essen, ein Dach über dem Kopf, ich hatte Kleidung, wenn auch keine WestJeans und selten Bananen, später waren meine Reisemöglichkeiten beschränkt und mein Auto defizitär. Ich konnte studieren, hatte Arbeit, meine Kinder hatten die Möglichkeit Bildung zu genießen und ich brauchte die Haustür nachts nicht abschließen, weil sowieso niemand zum Stehlen kam. Das was ich hatte hatten fast alle Anderen auch und warum hätte es also jemand stehlen sollen und es ist mir auch nie passiert. Ich war unzufrieden, wenn in meinem Beruf die Möglichkeiten zur Forschung reglementiert wurden und wenn die materiellen Voraussetzungen dafür jämmerlich waren. Das habe ich auch defizitär erlebt.

1989 waren meine Frau und ich in Leipzig auf der Straße, wir wollten eine andere, modernere dynamischere DDR, aber auch ein Land, in dem niemand seine Tür zuschließen muss. Dieses Ziel haben wir uns nehmen lassen.

Jetzt kann ich fast alles haben, ich habe gelernt, dass ich das Meiste davon nicht brauche, ich habe es eingetauscht gegen ein egoistischeres Leben und gegen viele Schlösser, die mich von anderen Menschen trennen.

Jetzt lebe ich tatsächlich defizitär!

Aber wenn ich dem Kollegen aus der Universitätsstadt in NRW versucht hätte genau dies zu erklären, er hätte es nicht verstanden, möglicherweise ärgert er sich noch immer über seinen nassen Schlips und das kaffeebekleckerte Hemd.

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