Gewalt und die Zeitungsschau …

Über Jahrzehnte war die morgendliche Zeitungsschau für mich ein „Muss“. Das Frühstück war nur komplett mit gleichzeitigem Blick in die Tageszeitung, erst in den letzten Jahren bin ich von dieser einst ehernen Regel abgekommen, aber das ist ein anderes Kapitel.

Ich erinnere, dass in meiner Kindheit und Jugend Berichte über Gewalt gegen Menschen die absolute Ausnahme waren und, so darüber berichtet wurde, war eine „gesellschaftliche Ächtung“ der Täter obligat. Noch jahrelang waren stattgehabte Gewalttaten ‚in aller Munde‘, über schwere Fälle von Gewalt wurde lange gesprochen, kam der Täter aus dem engeren sozialen Umfeld bekam er nach Strafverbüßung in der Regel keinen Fuss mehr auf den Boden.

Die ‚Zugangsschwelle‘ für Täter war somit sehr hoch, da sie wussten, dass eine Gewalttat fast zwangsläufig zum relativen Ausschluss aus dem gewohnten gesellschaftlichen Umfeld führen würde.

Heute lese, höre, sehe ich fast jeden Tag Meldungen über Gewalttaten, Überfälle, Morde, Attentate, ich lese über Tote, Verletzte, Misshandelte, Vergewaltigte, ich lese und höre viel über Täter und wenig über die Opfer.

Wenn ich in mich hinein höre, bemerke ich eine mich erschreckende Entwicklung. Nach wie vor bin ich an den Vorgängen interessiert, die jeweilige Intensität ist davon abhängig, wie es mir selbst geht. Aber emotional berühren mich die Dinge deutlich weniger, als noch vor ein paar Jahren.

Die Ursache sehe ich unter anderem darin, dass durch die „Dauerbeschallung“ mit Gewalttaten und deren gleichzeitige Relativierung die soziale Zugangsschwelle für die potentiellen Täter immer niedriger wird, so sie nicht gar in Kulturen sozialisiert wurden, in denen Gewalt zum Alltag gehört und nicht gesellschaftlich geächtet ist.

Was haben etwa solche Formulierung, sprich Relativierungen,“neben den Opfern“ zu suchen, eine Auswahl aus den letzten Tagen:

  • „…über die Hintergründe ist noch nichts bekannt“;
  • „…wie es zu der Tat kam ist Gegenstand der Ermittlungen“;
  • „…der Täter war alkoholisiert“;
  • „…die Tat geschah im Zusammenhang mit Drogengeschäften“;
  • „…der Täter stand möglicherweise unter Drogen“;
  • „… wahrscheinlich war es eine Beziehungstat“
  • usw. usw

Dazu kommen nicht selten hanebüchen milde Urteile gegen die Täter, nur weil sie besoffen waren.

Schluss damit, niemand wird gezwungen zu saufen oder sich unter Drogen zu setzen. Wer es tut, tut es freiwillig und ist für sein Tun voll verantwortlich. Ohne wenn und aber!

Zum Glück spüre ich in mir kein abrufbereites Gewaltpotential…

Die Tageszeitung habe ich inzwischen abbestellt, das Frühstück schmeckt auch ohne, wahrscheinlich sogar besser..

Die Mauer ist weg, na und …?

Die Feierlichkeiten zum „Mauerfall“ vor 30 Jahren sind – ich sage zum Glück – vorbei.

Die Medien haben sich alle Mühe gegeben, um die Menschen diesbezüglich „bei Laune zu halten“, genutzt hat es wohl wenig und die Geschichtsklitterei war augenfällig.

Während in Berlin und vielleicht auch andernorts einige Menschen an den offiziellen Feierlichkeiten teilnahmen, spielte der Tag als Solches bei den Menschen im Osten kaum eine Rolle.

Die Generation, die den Mauerfall bewirkte und somit noch einen positiven oder negativen Bezug dazu hat, ist inzwischen zu alt um bei jeder Gelegenheit, noch dazu bei schlechtem Wetter, auf der Straße herumzutollen.

Und für die Jüngeren, die keinen Bezug mehr zum Mauerfall haben, ist es ein Tag in seiner Wertigkeit vergleichbar dem „Tag der Jogging-Hose“ am 21. Januar oder des „Welt-Nettigkeitstages“ am 13. November.

Thema: Welt-Nettigskeitstag“:

Eine besondere Nettigkeit hatte sich das ZDF zu seiner großen Sonder-Sendung zum Mauerfall am 9.11. ausgedacht.

Man ist ja schon gewohnt, dass das Verhältnis zum Staat Israel, entgegen aller offiziellen Bekundungen gegen Antisemitismus, ausgesprochen gestört ist. Der beste Beleg dafür mag das anhaltend negative Abstimmungsverhalten Deutschlands in der UNO bei „Anti-Israel-Resolutionen“, eingebracht meist von arabischen Staaten, sein.

Um dem Ganzen einen ganz besonderen Pfiff zu geben, hatten sich die Verantwortlichen für die ZDF-Sendung noch ein Schmankerl an Land gezogen.

In die Übertragung wurden Sprüche, Videos und Bilder eingeblendet, die im Bezug zu Protestbewegungen stehen. Was dies bei einer „Feier“ zum Mauerfall zu suchen hat, bleibt das Geheimnis der Programmverantwortlichen.

Ein Spruch allerdings war auf hebräisch und hiess übersetzt :

„Schluss mit der Besatzung“. 

Was übertragen in den Kontext der aktuellen politischen Situation im Nahen Osten nur heissen kann: Aufgabe der territorialen Integrität und der Souveränität des Staates Israel.

Nun mag man zum Konflikt zwischen Israel und den Arabern stehen wie man will. Ich zumindest bin absolut und ohne jegliche Einschränkung für das Existenzrecht des Staates Israel und damit des letzten und wohl einzigen sicheren Rückzugsortes für die Juden der Welt in Zeiten der Bedrängnis. Und davon gab und gibt es in der Geschichte bis heute(!) mehr als genug.

Dieses Recht wurde den Juden nach Ende des Krieges von der Weltgemeinschaft zugesichert und kann nicht zur Disposition stehen.

Es mag bezeichnend sein, dass sich auf der offiziellen ZDF-Seite bis dato kein Wort der Erklärung oder der Entschuldigung findet.

Die Mauer ist weg, viele Menschen sagen, ’na und …?‘ Sie interessieren sich für die aktuellen und sie betreffenden Konflikte dieser Welt. Ich kann sie verstehen.

Der „Welt-Nettigkeitstag“ ist übermorgen, am 13. November, vielleicht fällt dem ZDF bis dahin noch eine angemessene Erklärung ein? Ich bin gespannt.

Die Katastrophe ist unabwendbar oder wenn die Menschheit nun doch nicht untergeht…

Der Untergang der Erde, des Klimas, der menschliche Kultur, ja des Universums scheint besiegelt.

Vor einiger Zeit habe ich über das weinende Kind berichtet, das davon ausging, dass wir alle in ein paar Jahren sterben werden. Das Mädchen hatte dies in der Schule aufgeschnappt, Worte ihrer Lehrerin wörtlich genommen und war unerschütterlich davon überzeugt, dass sie nie erwachsen werden dürfte, vorher würden wir alle sterben.

Nun gibt es ja genügend „uneigennützige“ Quellen, die diese Ängste schüren, meist NGO’s genannt, aber auch Politiker, Medienleute bis hin zu Dirk Rossmann, der letztens in einer Talkshow darüber konfabulierte, dass er gerade ein Buch über die unausweichlich verheerenden Folgen des Klimas gelesen hatte.

Nun möchte ich Dirk Rossmann keine pekuniären Interessen unterstellen, er verdient auch so genug Kohle, aber alle anderen Katastrophenapologeten scheinen mir nicht frei von eigenen Interessen.

In der vorigen Woche wurde darüber berichtet, dass „11000 Wissenschaftler“ den Klimanotstand ausgerufen haben und vom baldigen Ende der menschlichen Zivilisation ausgehen.

Die Medien sprangen sofort darauf an, die Klimahysteriker sahen sich wieder einmal in ihren Ängsten bestätigt und so wagte kaum jemand einen Blick auf die Liste der „Wissenschaftler“.

Genau 11.258 „Wissenschaftler“ aus 153 Ländern haben unterzeichnet. 

Was soll der gläubige Leser aber von einer Liste halten, auf der es um Fragen der Klimaentwicklung geht und die gerade einmal 6 Klima-Forscher, aber beispielsweise 43 Psychologen aufführt ? Genau, er hinterfragt sie besser nicht!

Sieht man sich den Ausbildungsstand der „Wissenschaftler“ an, wird er erstaunt sein, das neben qualifizierten Menschen u.a. sehr viele studentische Unterschriften auftauchen, dazu wissenschaftliche Assistenten in Hülle und Fülle. Um der Wahrheit die Ehre zu geben auch einige Hochschullehrer und Ingenieure.

Und im vorauseilenden Eifer ist den kolportierenden Journalisten von der „Süddeutschen“ bis „Zeit online“ wohl nicht aufgefallen, welche Professoren u.a. dabei so zu Gange waren:

Professor Micky Mouse vom Institut für Blinde in Namibia hat auch signiert.

Übrigens die Liste der Signaturen war heute morgen nicht abrufbar. Ob jemand daran feilt, damit es nicht zu augenfällig wird?

https://scientistswarning.forestry.oregonstate.edu/signatures-unavailable

Einen schönen und katastrophenfreien Tag wünsche ich Euch.

Kiffen aus biologischem Anbau ….

Vor kurzem hatte ich eine lautstarke Diskussion mit einem Mann mittleren Alters aus meinem sozialen Umfeld, der mir erklärte, dass ich von Kiffen und THC überhaupt keine Ahnung hätte, da ich es noch nie versucht habe.

Letzteres stimmt, ich habe es noch nie versucht.

Frage ich mich nach dem „Warum“ bleiben drei Möglichkeiten:

  1. Man mag es nicht.
  2. Man ist geizig.
  3. Man will oder kann die Kontrolle nicht abgeben.

Für mich trifft wohl primär Ersteres zu, ich mag es nicht und Kontrolle abgeben ist auch nicht so mein Ding.

Beruflich bekomme ich in der Regel auf die Frage: „Wann haben Sie den letzten Joint geraucht?“ eine mehr oder weniger empörte Antwort, die von „noch nie“ bis „in der Pubertät“ reicht.

Dann frage ich mich schon, wer das Zeugs, welches ja tonnenweise zu haben ist und auch abgesetzt wird, alles so konsumiert?

Immer wiedermal gibt es Diskussionen um die Bedenklichkeit oder Unbedenklichkeit des Kiffens und als letztes Argument pro Kiffen, wird angeführt, dass Alkohol ja viel schlimmer sei. Das mag sein, aber was genau macht es besser?

Einige Beispiele zum Kiffen:

Madeline Meier u.a. von der Duke University in Durham in North Carolina publizierten in „Proceedings of the National Academy of Sciences“ eine Studie , in der sie nachwiesen, dass dauerhafter Cannabiskonsum den IQ deutlich und wahrscheinlich irreversibel senkt. Im Original nachzulesen:

https://www.pnas.org/content/109/40/E2657

Ich höre schon das höhnische Gelächter der Kiffer, aber ich kann Euch beruhigen, eine nachlassende kognitive Leistungsfähigkeit merkt der Betroffene zuletzt.

Ein weiterer Aspekt ist die andauernde und kontroverse Diskussion um das sogenannte Amotivationsyndrom.

Michael Bloomfield vom Imperial College London berichtet in Biological Psychiatry (2013; doi: 10.1016/j.biopsych.2013.05.027) über Verschiebungen im Dopamin-Haushalt, die als biochemische Ursachen des Amotivationsyndroms gelten können. Auch hier habe ich genügend Beispiele aus meinem unmittelbaren Umfeld.

Relativ neu ist die Arbeit von Marta Di Forti u.a. in The Lancet vom 1. Mai 2019.

https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(19)30048-3/fulltext#%20

Unter dem Titel „The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI): a multicentre case-control study“ wird der Einfluss von THC in verschiedenen Qualitäten auf die Entstehung von Psychosen untersucht.

Sie kommen zu der Einschätzung:

Interpretation: Differences in frequency of daily cannabis use and in use of high-potency cannabis contributed to the striking variation in the incidence of psychotic disorder across the 11 studied sites. Given the increasing availability of high-potency cannabis, this has important implications for public health.

Der guten Ordnung halber sei darauf hingewiesen, dass es wahrscheinlich genetische Unterschiede bei den Konsumenten gibt, die zentralnervöse Auswirkungen durchaus begünstigen, andere eher schützen können.

Auch spielt der THC-Gehalt der Rohdroge offenbar eine Rolle, je besser das Kraut, desto höher die Gefahr von unerwünschten Nebenwirkungen.

Eine sehr gute Referenz für nachhaltige psychische Cannabiswirkungen ist etwa Hans Söllner, den ich übrigens sehr mag, vielleicht weil er so anders ist als ich:

Für die, die des Deutschen nicht so mächtig sind hier der Songtext: 😂😂😇

EDELTRAUT

Ein Liebeslied für a olde Freundin vo mir aus dem Ort Pieding Pieding is a Vorort vo Bad Reichenhall ein Luftkurort Warum wors I a net.
Wahrscheinlich weil ma in Pieding die Luft siagt!
Endlich hom sas gschnollt koana mehr der sauft, beim Tengelmann in Pieding ham’s Ganja verkauft-
koane Leid hearst mehr pfeifa, koane Bsufane vor da Tiar-
sie sitzn ganz brav auf da Hausbank oder genga spaziern-
sie redn miteinander, koana mehr der lallt-
sie schlafn miteinander, hiaz wird koane mehr knallt-
und koana der dem andern in sei blede Freibierletschn haut-
in Piding homs zum ersten mal Marihuana graucht! Edeltraud, oh Edeltraud Hey du host ein sauguats Gros obaut!
Edeltraud, oh Edeltraud Oh Mann du warst dir rechte Braut! Oh Mann da Bagger hebt die Gruabn aus Spielplätz werdn baut-
auf da Straß flackerns umanand weil koana mehr mit m’Auto foahrt-
Marihuana am Balkon, Marihuana vor da Tüar-
Oh Mann do gibt’s no an Preis und a Juree die ols probiert-
und wer deis absolut beste Gros obaut hot-
der kriagt no 4000 Mark zuschuß von da Stodt-sogor da Buar vo meim Nachbarn hot neilich amol glocht-
weil sei Voter nimma sauft und weil an seitdem nimma schlogt!
Oh Edeltraud, Oh Edeltraud du host ein sauguates Gros obaut!
Hey Edeltraud, od Edeltraud Oh Mann du warst die rechte Braut für mi-
oh Edeltraud du warst die rechte Braut!
A Polizist setzt si zuawa und stell dir vor der red mit dir-
hot ein sauguats Gros dabei und fragt „mogst a bißerl was probiern?“-
und erzählt da „Letzte Nacht do hom ma an Drogendealer gschnappt,-
15 Kilo Cokain hot der ghobt!“ Mountainbike is in do brauchst koane Führerschein-

wenn die Kinda vorm Haus spüln koane Nachbarn mehr die schrein-
Ganz Priding is breit olle san guat drauf-
und beim Erntedankfest I sogs eich glei do singt deis gonze Dorf!
Oh Edeltraud, oh Edeltraud du host ein sauguats Gros obaut! Oh Edeltraud, oh Edeltraud Oh Mann du warst de rechte Braut für mi-
oh Edeltraud du warst de rechte Braut!

Also, wer heute Abend nach mal konsumieren möchte oder die leckeren Pflänzchen in seiner Küche noch nicht gegossen hat, frisch ans Werk.

Übrigens, es macht auch keinen Unterschied, ob das konsumierte Cannabis biologisch angebaut ist oder nicht.

Wir sehen uns dann zur Behandlung Eurer Psychosen.

Jämmerliches Trüppchen ….

Vor einem lokalen Supermarkt begegnete mir heute ein Grüppchen seltsamer Menschen, 2 Frauen, 4 Männer, in toto schwarz gekleidet und mit Sweatshirts, ebenfalls schwarz mit Logo’s, die wohl martialisch wirken sollten.

Geweihe, Totenköpfe, in sich verschlungene, unappetitliche Fabelwesen.

Das Grüppchen vom Alter her um die 40, wenig gepflegt wirkend, lediglich eine Dame mit auffälligem Make-up, aber auch schon wieder zwei Schippen zu viel, sodass sie irgendwie aussah wie … na ja.

Da die Herren schon mittags mit der Bierbüchse in der Hand, die Damen mit dem Piccolo, nehme ich an, dass sie entweder im Urlaub waren oder Transferleistungen beziehen.

Nun habe ich mir Menschen in solch martialischen Klamotten immer so in Rockergestalt vorgestellt, zwei Zentner-Kerle mit Anabolika-Muskel, die das T-Shirt zerreissen. Die Herren waren das Gegenteil, spillrig, die Hose allein vom Gürtel gehalten, rauchend und die Zähne liessen nicht vermuten, dass sie sich um den Bonus ihrer gesetzlichen Krankenkasse bemühen.

Auf dem Rücken jedes Shirts die Aufschrift „Frei.Wild“.

Zu Hause lese ich, dass es sich bei Frei.Wild um eine Deutschrock-Band aus Südtirol handelt, die schon mehrfach mit Gold und Platin ausgezeichnet wurde.

Die Band wird irgendwie dem rechten Spektrum zugeordnet, wobei sehr stark nationalistische Töne (Südtirol) anklingen. Die Gruppe selbst distanziert sich von Extremismus  jeglicher Art, so auch in der Absage an flüchtlingsfeindliche Positionen und an Fans, die diese vertreten.

Sei es, wie es sei, auf jeden Fall war es ein jämmerliches Trüppchen in martialischem Outfit, welches sich dann in einen klapprigen Van zwängte. Ich wollte schon gar nicht mehr sehen, wer das Steuer übernahm, die Herren mit der Bierdose oder die Damen mit dem Piccolo, gegen 13.00 an einem Freitagnachmittag.

Vielleicht wollten sie gefährlich aussehen, gelungen ist es ihnen nicht.

Wie auf dem Schulhof ….

Ich erinnere mich daran, dass es früher auf unserem Schulhof – so ungefähr bis zur Pubertät – eine strenge Hackordnung gab.

Oberflächlich dominierten die Älteren regelhaft die Jüngeren, die Größeren die Kleineren und innerhalb der jeweiligen Gruppen dann die Stärkeren die Schwächeren.

Was mir damals noch nicht so auffiel, weil ich es nicht wusste oder nicht darüber nachdachte: die Lauten dominierten regelmäßig die Leisen und die Mutigeren die Ängstlichen.

Eigentlich sollte man annehmen, dass in der Schulhierarchie die Klügeren die Schwächeren dominiert hätten, es war aber eher umgekehrt. Ähnlich ging es den Besonnenen, die meist keine Chance gegen die Draufgänger hatten.

Der unangefochtene „Hahn“ auf unserem Schulhof war über lange Zeit Volker.

Volker war in meiner Parallelklasse, er hatte ungefähr meine Größe, für ein Schulkind war er sehr muskulös, eine große Leuchte im Klassenzimmer war er nicht, hatte aber seine „Wasserträger“, die ihn abschreiben liessen und ihm verlässlich die Hausaufgaben „zuarbeiteten“.

Auf dem Schulhof war Volker der King, fast immer war er umgeben von Schwächeren, die an seinen Lippen hingen, über seine meist plumpen Witze lachten und sich in seinem Windschatten über noch Schwächere lustig machten, die Volker aus irgendwelchen Gründen gerade als Opfer ausersehen hatte.

Opfer konnte man werden, indem man anlasslos angerempelt und anschließend gleich verprügelt wurde. Opfer konnte man aber auch werden, indem er Schwächere öffentlich blossstellte, lächerlich machte, sie gezielt dem Spott seiner Anhänger aussetzte. Vielen tat dies dauerhaft mehr weh, als ein Tritt in den Hintern oder eine Ohrfeige.

Als Kind war ich zwar körperlich relativ stark, als Schüler ganz gut, irgendwie ein Einzelgänger und nicht unbedingt konfliktfreudig. Die Schar meiner Freunde war deshalb sehr überschaubar, was mich aber so richtig nie störte, ich bekam meinen Kram auch allein ganz gut auf die Reihe.

Mit dem Schulhof konnte ich viel nicht anfangen, hielt mich meist abseits, war mit mir und meinen Gedanken beschäftigt und hoffte somit dem Clan um Volker zu entgehen.

Das war ein Irrtum, gerade durch mein Abseits schien ich ihn irgendwie zu reizen, wurde zunehmend Ziel seines Spotts, zumal ich als Einziger in der Klasse eine Brille trug. Die Brille war ein hässliches großes Ding mit einem dicken schwarzen „Hornrahmen“. Die Brille schien ihn so zu reizen, dass er mir den Beinamen ‚Brillo‘ verpasste. Wenn er mich so ansprach sprangen die Gestalten in seinem Windschatten sofort an und der Tag war für mich gelaufen. Reagierte ich nicht genügend auf seine verbalen Angriffe wurde er körperlich aktiv, umarmte mich zuerst, fing an zu stoßen, mehrfach stürzte ich und war nicht überrascht, wenn ich anlasslos noch „eine fing“, also einen Schlag abbekam.

Über mehrere Monate war ich sein Lieblingsopfer, wobei ich es so empfand, als würde er sich gegen mich erst richtig warm laufen. Die Lehrer auf dem Schulhof, auf deren Hilfe ich setzte, hielten sich raus, ich hatte das Gefühl, dass selbst sie Angst vor ihm hatten.

Meine Freizeit verbrachte ich größtenteils mit Sport, da ich dabei allein sein konnte und mich nicht sehr mit anderen abgeben musste.

Zu meinen mühsam zusammengetragenen Sportgeräten gehörten zwei Hanteln, leider sind sie mir verloren gegangen, ich glaube, sie hatten jeweils so um die 10 Kilo Gewicht.

Je mehr mich Volker schikanierte, um so mehr verliebte ich mich in die beiden Gewichte, mit denen ich täglich, manchmal stundenlang beschäftigt war. Ich trainierte wie ein Wilder, meine Muskeln nahmen zwar nicht zu, was mir in enttäuschender Weise das Schneiderbandmass meine Mutter bei der täglichen Messung zeigte.

Allerdings stieg mein Selbstvertrauen und so habe ich – nach knapp 60 Jahren – noch den „bewussten Freitag“ vor Augen.

In der großen Pause hatte mich Volker wieder zum Ziel seiner Angriffe erkoren und er trieb es heftig. Er verspottete mich, schlug mir die Brille vom Gesicht und als ich mich danach bückte, trat er mich voll in den Hintern, sodass ich der Länge lang auf dem kleinteiligen Pflaster des Schulhofs landete. Die Menge um ihn herum johlte und es war eher ein unbewusster Reflex, denn bewusster Mut als ich sagte: „Wir treffen uns nach der Stunde auf der Strasse.“ Niemand war beeindruckt, die Menge johlte noch lauter, wenn ich nicht der Leidtragende gewesen wäre, hätte ich jede Wette gegen mich abgeschlossen.

Die nächsten 45 Minuten, die Länge einer Schulstunde waren nicht lustig, hätte ich gekonnt, hätte ich mich aus dem Staub gemacht, aber da war Volker vor.

Er wartete schon an der nächsten Ecke auf mich, umgeben von seine Wasserträgern, als er mich sah, tänzelte er wie ein Boxer und liess sich bewundern.

Kurz gesagt, er verpasste mir den ersten Schlag in den Unterbauch, am Ende sass er mit blutender, mehrfach aufgeplatzter Lippe am Gartenzaun, bei einem Sturz hatte er sich beide Knie aufgeschlagen und als ich den blutigen Rotz sah, der ihm aus der Nase lief hatte ich schon wieder Mitleid mit ihm.

Nie vergessen werde ich die Reaktion seiner „Anhänger“, die sofort die Seiten wechselten, als sie sahen, dass er von einem Anderen Prügel bezogen hatte und unterlegen war. Einer, der mich früher genauso ausgelacht und schikaniert hatte, sah sich berufen meine Jacke und meine Schultasche aufzuheben und mir zuzureichen. Nach heutigen Maßstäben war es falsch, damals für mich eine Genugtuung, als ich ihn mit aller Kraft, die ich hatte, gegen den Gartenzaun stieß, zwei Zaunlatten brachen, ihm war zum Glück nichts Schlimmeres passiert. Ich erinnere mich an mein triumphales: „Noch jemand …?“ Niemand wollte.

Volker und ich gingen dann zusammen nach Hause, er wohnte „bei mir um die Ecke“ und sein Vater war ein Arbeitskollege meines Vaters. Seine Dominanz auf dem Schulhof war vorbei, es dauerte nicht lange, bis ein neuer „Leader“ auftauchte, aber der war nur ein müder Abklatsch.

Von diesem Tag hatte ich auf dem Schulhof meine Ruhe, nach wie vor war ich meist abseits des lauten Treibens, aber das war für mich in Ordnung und ist es noch heute.

Wenn ich die Dinge vor meinem geistigen Auge so Revue passieren lasse, bin ich erschrocken, dass sich da – natürlich absolut unberechtigt – Parallelen zu unseren heutigen Politikern und ihrem Arbeitsstil auftun. Es kann doch nicht sein, dass es in der Politik in 2019 so zugeht, wie auf einem Schulhof in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts? Oder sieht da jemand von Euch doch auch diese Ähnlichkeiten? 😂

Die Schule ….

Beinahe täglich sehe ich leerstehende Schulgebäude, meist in kleineren Städten oder Dörfern, einige werden anderweitig genutzt, andere gammeln jahrelang still leidend vor sich hin, um dann irgendwann der Abrissbirne zum Opfer zu fallen.

In meinem Leben habe ich viele Schulgebäude von außen, nicht wenige auch von innen kennengelernt, meist hatte ich das Gefühl Achtung gebietender Imposanz, auch dann, wenn es nur kleinere Gebäude waren.

Die meisten Schulgebäude sind sehr solide gebaut, dicke Mauern, stabile Türen, breite Treppen, nur die gemeinschaftlichen Sanitäranlagen … nun ja.

Ich erinnere mich an meine erste Grundschule, ein kleiner Anbau, eingezwängt neben größeren Gebäuden, gegenüber der St. Martinkirche, eine schmale Tür, zu der zwei Stufen hinaufführten, dahinter gleich der Klassenraum mit zwei Bankreihen, links für die 1. und rechts für die 2. Klasse. Die Bänke alt, mit eingelassenen Tintenfässern, tintenbeschmierte Tischplatten, auf dem weichen Holz eingeschriebene Buchstaben, in der hintersten Reihe ein eingeritztes Hakenkreuz, nur notdürftig aus der Platte heraus geschmirgelt, aber immer noch gut zu erkennen.

Meine nächste Schule, erreichte ich als 7Jähriger sommers wie winters mit dem Fahrrad, ein kleines sehr einfaches Rad mit 24er Reifen, über eine Fernverkehrsstraße, heute nennt man es Bundesstrasse, 6 Kilometer hin, 6 Kilometer zurück. Auch dies ein Bau mit sehr dicken Mauern, im Matheunterricht lernten wir die Dicke der Wände zu messen und das Volumen der Mauern zu errechnen.

Mein Gymnasium, ein ebenfalls sehr traditionsreiches Gebäude in der Gustav-Freitag-Straße in Erfurt, hatte und hat den klangvollen Beinamen „zur Himmelspforte“, damals konnten wir dies nicht einordnen, im Nachgang weiss ich, dass uns die Bildung dort praktisch die Himmelspforte zum Leben gewiesen hat.

Schulen waren für uns ehrwürdige Gebäude, respektgebietend, manchmal Ängste vermittelnd, fast kleine Heiligtümer.

Vor vielen Jahren habe ich von einem alten Lehrer die Geschichte eines Schulneubaus in einer größeren dörflichen Gemeinde zum Ende der 40er Jahre gehört, nachdem die alte Dorfschule im Krieg zerstört worden war. Von einem Dorf, in dem man Geld gesammelt, Steine geklopft und im damals sogenannten „Nationalen Aufbauwerk“ die Schule selbst wieder aufgebaut hatte. Fast jeder hatte mit angefasst, das getan, was er konnte und das gegeben, was sich zu Hause entbehren liess. Eine Geschichte, die heute unvorstellbar erscheint.

Vor einiger Zeit habe ich mich an seine Erzählung erinnert, das Gebäude aufgesucht, es steht heute noch, die Fenster sind blind, seit Jahren findet dort kein Unterricht mehr statt, obwohl es mit seinen dicken Mauern nach wie vor imposant auf einer kleinen Anhöhe steht.

Daneben prangt das Schild eines „Investors“ mit klangvollem englischen Titel:

„Hier entsteht eine altersgerechte Wohnanlage mit häuslicher Pflege.“

Wenn in das alte, streng symmetrisch gegliederte Gebäude irgendwann die „AltenPflege“ eingezogen sein wird, befürchte ich, wird es von der dynamischen Öffentlichkeit wohl weitgehend gemieden und die Pflege an kostengünstige, ausländische, kaum des Deutschen mächtige Hilfskräfte übergegeben werden.

So schließt sich der Kreis, vielleicht werden in dem Haus einmal die Kinder derer ihre letzte Lebenszeit verbringen, die vor Jahrzehnten hier die Steine für die dicken Mauern „ihrer neuen Dorfschule“ klopften?