Gewalt und die Zeitungsschau …

Über Jahrzehnte war die morgendliche Zeitungsschau für mich ein „Muss“. Das Frühstück war nur komplett mit gleichzeitigem Blick in die Tageszeitung, erst in den letzten Jahren bin ich von dieser einst ehernen Regel abgekommen, aber das ist ein anderes Kapitel.

Ich erinnere, dass in meiner Kindheit und Jugend Berichte über Gewalt gegen Menschen die absolute Ausnahme waren und, so darüber berichtet wurde, war eine „gesellschaftliche Ächtung“ der Täter obligat. Noch jahrelang waren stattgehabte Gewalttaten ‚in aller Munde‘, über schwere Fälle von Gewalt wurde lange gesprochen, kam der Täter aus dem engeren sozialen Umfeld bekam er nach Strafverbüßung in der Regel keinen Fuss mehr auf den Boden.

Die ‚Zugangsschwelle‘ für Täter war somit sehr hoch, da sie wussten, dass eine Gewalttat fast zwangsläufig zum relativen Ausschluss aus dem gewohnten gesellschaftlichen Umfeld führen würde.

Heute lese, höre, sehe ich fast jeden Tag Meldungen über Gewalttaten, Überfälle, Morde, Attentate, ich lese über Tote, Verletzte, Misshandelte, Vergewaltigte, ich lese und höre viel über Täter und wenig über die Opfer.

Wenn ich in mich hinein höre, bemerke ich eine mich erschreckende Entwicklung. Nach wie vor bin ich an den Vorgängen interessiert, die jeweilige Intensität ist davon abhängig, wie es mir selbst geht. Aber emotional berühren mich die Dinge deutlich weniger, als noch vor ein paar Jahren.

Die Ursache sehe ich unter anderem darin, dass durch die „Dauerbeschallung“ mit Gewalttaten und deren gleichzeitige Relativierung die soziale Zugangsschwelle für die potentiellen Täter immer niedriger wird, so sie nicht gar in Kulturen sozialisiert wurden, in denen Gewalt zum Alltag gehört und nicht gesellschaftlich geächtet ist.

Was haben etwa solche Formulierung, sprich Relativierungen,“neben den Opfern“ zu suchen, eine Auswahl aus den letzten Tagen:

  • „…über die Hintergründe ist noch nichts bekannt“;
  • „…wie es zu der Tat kam ist Gegenstand der Ermittlungen“;
  • „…der Täter war alkoholisiert“;
  • „…die Tat geschah im Zusammenhang mit Drogengeschäften“;
  • „…der Täter stand möglicherweise unter Drogen“;
  • „… wahrscheinlich war es eine Beziehungstat“
  • usw. usw

Dazu kommen nicht selten hanebüchen milde Urteile gegen die Täter, nur weil sie besoffen waren.

Schluss damit, niemand wird gezwungen zu saufen oder sich unter Drogen zu setzen. Wer es tut, tut es freiwillig und ist für sein Tun voll verantwortlich. Ohne wenn und aber!

Zum Glück spüre ich in mir kein abrufbereites Gewaltpotential…

Die Tageszeitung habe ich inzwischen abbestellt, das Frühstück schmeckt auch ohne, wahrscheinlich sogar besser..

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