Komische Menschen in lustigen Klamotten …

Vor wenigen Jahren begegnete ich in „den Weiten“ Brandenburgs vielen Wanderern, Läufern, Fußgängern, wie man will. Also einfach, Menschen auf zwei Beinen. Bei einer zufälligen Begegnung grüßte man sich, wechselte vielleicht ein paar unverfängliche Worte, ging weiter, meist mit einem guten Gefühl, auch wenn die Begegnungen nie nachhaltig waren.

Das Bild hat sich völlig gewandelt, Fußgänger gibt es kaum noch. Jetzt sind meist Menschen in seltsamen Kostümen auf Gebilden mit 2 und mehr Rädern unterwegs, die mit absoluter Selbstverständlichkeit alles vor sich hinwegfegen.

Der Sommer, speziell der Urlaub, ist des Deutschen liebste Zeit der Bewegung, wohlgemerkt der tatsächlichen, nicht der imaginierten.
Eine dominierende Rolle spielt dabei das ….? Richtig, das Fahrrad!

Das Fahrrad hat die Welt und das soziale Zusammenleben grundlegend verändert. Sieht man beispielsweise dieses Zeichen, bedeutet es nicht, dass Radfahrer auf Fußgänger achten sollen, sondern beinhaltet die Anweisung an die Fußläufigen sich schnellstens und ohne falsche Rücksicht auf etwaige Kollateralschäden in Sicherheit zu bringen, sobald sich ein komisch gekleideter Mensch auf einem Bike nähert. Da dies in mindestens 90% der Fälle von hinten passiert, empfiehlt es sich für den profanen Fußgänger besser rückwärts zu laufen, um nicht die Übersicht zu verlieren. Sonst kann es fix passieren, dass man die Lenkstange in den Rücken und die Bemerkung „Der will Dich bloß nicht hören, Schatz,“, um die Ohren gehauen bekommt. Und dies von einem großen, dicken Menschen in einem knallroten Gummischlauch, der seine kleine, zarte Partnerin in eben diesem Schlauch, nur schmaler, vor sich her treibt
In meiner Jugend war ein Fahrrad recht überschaubar aufgebaut, zwei Räder mit meist verrosteten Speichen, ein Rahmen, in der Regel gebraucht, ein Lenker, zwei Ritzel, eins vorn, eins hinten, eine Kette, und wenn man großes Glück hatte zwei funktionierende Bremsen, auch wieder eine für vorn und eine für hinten, die vorn funktionierte nur sehr selten verlässlich, wir brauchten sie auch nicht. Die Reifen waren abgefahren, die Schläuche geflickt. Lampe, Dynamo und Rücklicht waren durchaus fakultativ und eher Empfehlung als ein Muss, im Gegenteil ein verkehrssicheres Fahrrad „mit Allem“ galt als uncool.
Gefahren wurde in der Alltagskleidung, Hose oder Rock. Die Mädels rafften den Rock hoch und steckten ihn vorn irgendwie in den Bund, damit er sich nicht in den Speichen verfing. Anfangs interessierte es uns nicht, so um die Pubertät hofften wir, sie würden das Ganze doch noch ein Stück höher …
Wir Jungs hatten mit Sicherheit an den ersten Tagen, nachdem das Fahrrad aus dem Winterschlaf geholt worden war, „den Wolf“. Den Wolf zu haben bedeutete nicht selten höllische Schmerzen, waren doch das Gesäß und die in der Nähe liegenden empfindlichen maskulinen Teile durch das Reiben am harten Sattel aufgescheuert und rot wie ein Pavianarsch. Behelfsmäßig lernten wir zur Entlastung „des Schritts“ ein Fensterleder in die Turnhose zu nähen,  dann wurden wir an anderer Stelle rot, aber wenigstens nicht mehr „da“.
Später verloren Fahrräder ihren Reiz, man stieg um auf Moped, später auf Kinderwagen.  
Heute tummeln sich wieder Jung und Alt gleichermaßen bewegungsfreudig und umweltbewußt fernab der Heimat mit ihren Fahrrädern. Kinder neben Alten … und alle gleich cool. 

Für den designorientierten Menschen sind Bikertreffpunkte interessant, primär wirken sie lustig, mit zunehmender Reife der Delinquenten dann kafkaesk. Und je mehr der Altersdurchschnitt ansteigt, erwarte ich das irgendwann ein Regisseur mit wallendem langen Haar um die Ecke gestürmt kommt, erbost in die Hände klatscht und „Schnitt“ ruft. Es passiert nicht.

Aber übrigens, wieso spreche ich profan von „Fahrrädern“, es handelt sich um High-tech-Instrumente ungeahnten Ausmaßes. Dazu kommt ein interessantes Phänomen, das Equipment wird wichtiger als die eigentliche Sache, nämlich das Fortbewegen mit dem Fahrrad von A) nach B).
Fahrradfahren im Urlaub ist umweltbewußt. Wie kommt aber das Gerät zum Urlaubsort? Nicht durch menschliche Muskelkraft oder die Kraft des hochmodernen, preiswerten chinesischen E-Bikes, nein. Es reist auf dem Rücken des Familien-SUV mit dem cw-Wert einer Schrankwand.

Hund im Korbwagen

Lassen wir das leidige Thema, beschäftigen wir uns lieber mit dem notwendigen Equipment.

Alle paar Minuten begegnen mir komische Menschen in lustigen Klamotten.
Jung und alt sind im Fahrradurlaub völlig von der Rolle, wechseln die Hüllen und lassen jegliche Contenance vermissen.

Das Drama beginnt am Kopf, der bekrönt wird von einem Helm. Nahezu regelhaft ein hässliches, quietschbuntes Plastikteil, aus dem Winter-Sonderangebot des regionalen Discounters, unter dem Kinn mit einem komplizierten Verschlusssystem halbwegs befestigt. Und so nicht jeder Mensch ein Hutgesicht hat, hat auch nicht ein jeder ein Helmgesicht. Das kosmetische Ergebnis ist verheerend, aber wen stört es, wenn alle blöd aussehen? Letztens begegneten mir zwei Radfahrer, die beim Absteigen noch dazu einen Mundschutz, analog dem des Boxers, herausnahmen. Was sie eigentlich vorhatten, haben sie mir nicht verraten. Wohin sie den Mundschutz in ihrer Pause verstauten, habe ich leider nicht beobachten können.

Noch interessanter sind die farbenfrohen Halb- und Ganzkörperkondome, in welche sich Dicke und Dünne zwängen. Es scheint dabei nur eine Größe zu geben, entweder schlabbern sie am Mann oder sie sind zu eng. 

Fest umschließen sie den Body, zeichnen absolut verläßlich jedes Speckröllchen und jedes Fetthügelchen auf den Millimeter genau nach. Designer haben mit Sicherheit ihre helle Freude an dem, was der menschliche Körper an schöner Formenvielfalt gebiert. Obwohl, Oma Anna selig pflegte immer zu sagen: ‚Schönheit liegt nur im Auge des Betrachters.‘ 

Im Oberkörper buhlen  & ♀ & Diverse um die Größe der Brust, wobei viele ♂ ihre ♀ heute vielfach problemlos ausstechen, da sie seltsamerweise der Schwerkraft besser trotzen. Wie es bei Diversen ist, weiss ich nicht.

Unter der gedachten, nicht mehr sichtbaren Gürtellinie, stiebelt es bei den  aus dem Schritt, bei den ♀ zieht es hinein. Wobei die  ggf. mit einer Art Penis-BH mangelnde Größe nach oben korrigieren. Für die ♀ habe ich etwas Vergleichbares noch nicht gesehen. Was es so alles gibt.

Radfahren forciert die körperliche Schönheit des Menschen, die ganze körperliche Pracht wird sichtbar gemacht – und niemand scheint es zu stören.


Die Allee der krummen Bäume …

Eigentlich bin ich weder abergläubisch, noch sehr schreckhaft. Manchmal etwas vorsichtig, zugegeben, etwa bei kaltem Wasser, aber von esoterischen, spirituellen, übersinnlichen Empfindungen oder Glaubensformen bin ich weit entfernt.

Als Kind habe ich zuweilen abends im Dunklen unter das Bett geschaut, bevor ich schlafen ging. Friedhöfe dagegen haben auf mich eine beruhigende Wirkung, auch bei dusterem Licht. Ich weiss nicht, wieviele Stunden ich als jüngerer Mensch auf Friedhöfen verbracht habe, auf jeden Fall waren es viele. 

Einer meiner Sehnsuchtsorte war und ist ein alter Friedhof in Schönebeck, der Gertraudenfriedhof, den ich einmal entdeckt habe, als es mir gesundheitlich absolut dreckig ging. Ich hatte mich nach einer Operation ärztlicher Kontrolle entzogen, war – in makaberer Weise aus der Klinik in ein Hotel „Am Kurpark“ – geflüchtet, hielt es dort vor Schmerzen nicht aus und fand beim ziellosen Herumlaufen diesen Friedhof.

Unmittelbar an der Bundesstraße gelegen und nur durch eine etwa mannshohe Mauer getrennt betritt man den Friedhof durch ein altes schmiedeeisernes Tor, an welchem ein einfaches Schild darauf hinweist, dass er täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet ist. Regelmäßig muss ich schmunzeln, wenn ich von den Öffnungszeiten eines Friedhofs lese.
Der Verkehrslärm hinter der Mauer findet praktisch keinen Einlass, es ist still, sobald das Tor passiert ist.

Seit Jahren schon findet eine Neubelegung nicht mehr statt, er ist aber täglich geöffnet. Keines der Gräber wird noch gepflegt, die Natur in Form von Efeu hat die alten Grabstätten und Grabsteine mit wenigen Ausnahmen überwuchert und trotzdem hat der Ort ein ganz besonderes Flair. Die alten, sehr hohen Bäume dämpfen das Sonnenlicht, welches aber trotzdem bis zum Boden durchkommt und auf dem satten Grün hier und dort helle Inseln bildet.

Obwohl die Gräber nicht mehr gepflegt werden, muten sie nicht aufgegeben an.  Der übliche kitschige Totenkult eines Friedhofs fehlt und die Natur nimmt sich das eingezäunte Stück einfach zurück. Pflanzen und teils schon Bäume auf den noch zu erkennenden Grabstätten, langes Efeu auf den Grabsteinen, dabei atmet der Ort nichts Morbides. Im Gegenteil, er strahlt Ruhe und durch seine geschlossene Natur auch Zuversicht aus. An einer Seite geht er nach einer kleinen Hecke endgültig in eine Gartenanlage über, Bänke laden dort zu einer Pause ein.

In meiner Jugend habe ich ähnliche Erfahrungen auf dem früheren Erfurter Südfriedhof gemacht, der allerdings auch schon 1978 aufgegeben worden ist und „modernen Dingen“ ohne Seele weichen mußte.

Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen und ich vermute hinter jeder Zeitungsseite, HEUTE-Sendung oder politischen Talkrunde Ungemach, aber nach wie vor nicht hinter dem nächsten Baum im Halbdunklen.
Obwohl, es war doch eine unheimliche Erfahrung.

Ein Charakteristikum von Brandenburg ist …. die unendliche Mischung aus Sand und Kiefern, obwohl heute gibt es aufgeforstet auch schon wieder Mischwälder.

Ein langer breiter Waldweg, glattgefahren durch Fahrzeuge aller Art die hier durch den Wald brettern. Vom Harvester bis zum Trabant-Kübel darf man auf alles hoffen. Der glatte Sandweg läßt Geschwindigkeiten zu, bei denen man sich in Thüringen die Achsen des schönsten Geländewagens spätestens nach 200 Meter brechen würde. Das einzige Problem besteht darin, dass man sich als Fußgänger flugs in Sicherheit bringen muss und trotzdem in einer dicken Staubwolke nach Orientierung sucht.
Die Wege sind oft über längere Strecken schnurgerade. 

Als Fußgänger erinnert man sich schnell an Lenin’s Schrift, „Ein Schritt vorwärts, zwei zurück“, nur dass man hier die Wertung umdrehen muss in „Zwei Schritt vorwärts, einer zurück“, weil man in dem tiefen, feinen Sand bei jedem Schritt ein Stück zurück rutscht. Lenins’s Schrift zielte damals übrigens auf das Dilemma der Sozialdemokratie, „Ein Schritt vorwärts, zwei zurück“, komisch, dass mir das gerade jetzt einfällt. Aber sei es, wie es sei.
Ein sehr gerader Weg durch den Wald, die Bäume rechts und links ungeordnet, ziemlich viel Licht, sodass ich weit sehen kann. Ein kleiner Anstieg, kaum mannshoch, ist zu überwinden, der mir hier schon wie ein Ausflug in die Alpen  oder zumindest die Mittelgebirge anmutet, danach fällt der Weg über ungefähr 200 Meter leicht ab. 
Ich bekomme unversehens ein mulmiges Gefühl und merke auf den ersten Moment nicht, weshalb.

Nach dem vorher lockeren Baumbewuchs rücken die Kiefern wie eine Wand von beiden Seiten an den Weg heran, in etwa Mannshöhe verzweigen Sie sich in obskure, knollige Gebilde, aus denen eine Vielzahl von Luftwurzeln heraus kommt und eine schier undurchdringlich Hülle um die und zwischen den Stämmen bilden.

Obwohl ich gepflegte alte Parklandschaften genauso liebe, wie naturbelassene Wälder, solche seltsamen Gebilde habe ich selbst in den dichten Wäldern Sibiriens nicht gesehen.

Ich habe das Gefühl ich müßte in dem Gewirr aus Stämmen, Wurzeln und Knollen Gesichter von Hexen oder Figuren von verwachsenen Waldschraten erkennen, es wird mir unheimlich.

Ich beschleunige meinen Schritt und fühle mich erst leichter, als ich die Allee passiert habe, nicht ohne mich mehrmals umgesehen zu haben. Niemand springt hinter dem Baum hervor, um zu singen, „Oh wie gut, dass niemand weiss..“  Auf jeden Fall muss das irgendwo hier, in der Nähe eines winzigen Weilers namens Neumühle gewesen sein.

Die Allee der krummen Bäume, es wundert mich nicht, als ich nachts davon träume.

Nun ja, manchmal ist sogar HEUTE mit Claus Kleber das kleinere Übel, zumindest habe ich noch nie von ihm geträumt.

Der fast Kahle von Kampehl …

Es gibt so Dinge, die schleppe ich gedanklich schon sehr viele Jahre mit mir herum. So auch die Ortsbezeichung „Kyritz an der Knatter“.

Als Kinder wollten wir uns halbtot lachen, “Kyritz an der Knatter“.Heute werden wohl nicht mehr allzuviele Kinder die Ortsbezeichnung schon einmal gehört haben, sie kennen eher Malle, die Azoren, Domrep oder die Malediven. Und die Kinder, die das nicht kennen, sagen es nicht und tun so, als wären auch sie dort mehrfach jährlich zu Hause.

Die Urlaubsgestaltung hat im Lauf meines Lebens eine erstaunliche Wendung genommen.In meiner Kindheit spielte Urlaub überhaupt keine Rolle. Meine Eltern hatten sehr wenig Kohle, meine Mutter war nur selten weg, als Näherin erledigte sie ihre Arbeit zu Hause. Die einzigen größeren Ausflüge des Jahres fanden an den Tagen statt, an denen sie ihre fertige Arbeit lieferte. Sie fuhr dann mit mir in die Stadt, mit dem Bus, ein Auto gab es nicht. Über dem Arm hatte sie die in ein Bettlaken eingeschlagenen Kleidungsstücke, meist waren es schwere Mäntel, ich trottete mehr oder weniger lustlos neben ihr her. Auf dem Rückweg hatte sie dann einen großen Beutel mit zugeschnittenen Stoffen zu tragen, aus denen sie in den nächsten 14 Tagen wieder Mäntel zauberte. Damit begann der Kreislauf von vorn.

In der Stadt sah ich in den Schaufenstern Dinge, die es auf unserem Dorf nicht gab, Spielzeuge, Kleidung und einen Laden für Musikinstrumente. Sie blieben für mich unerreichbar. Gern hätte ich ein Instrument gelernt, die Familienkasse gab es nicht her.

Später kam dann ein Fahrrad, später mehrere Fahrräder dazu, die uns zumindest geringfügig flexibel machten. Ein Motorrad, welches nur zwei Sitze hatte, wir waren aber drei, später als Riesenerrungenschaft das erste Auto, einen sichtlich gebrauchten Ford Eifel, eines der ersten Nachkriegsmodelle.Der Ford war ein tolles Exemplar, rundgelutscht wie eines der damals üblichen steinharten Bonbons nach 2 Stunden im Mund. Außen in einem unbeschreiblichen Türkiston gehalten, innen vier Sitze, vorn geteilt, dazwischen ein riesenhafter Schaltknüppel, der beim Betätigen lautere knallende und knackende Geräusche als die Hupe von sich gab. Das Armaturenbrett aus einem Guss, ein glattes Brett, in dem es drei Unterbrechungen gab, der Tacho, der seltsamerweise keine Kilometer, sondern Meilen anzeigte, einen Schalter, den man nach rechts oder links bewegen konnte und der damit einen Winker außen aus dem Türholm aus- oder einklappen ließ, der den heutigen Blinker ersetzte. Als einzigen Luxus eine Uhr in Form eines Weckers, aber die war kaputt und wurde nie repariert. Die Rückbank im Fond war sehr eng, knochenhart und mir vorbehalten. Heute vermute ich, es war nur ein Brett mit etwas Stoff darüber. Dieses Gefährt, ein Viertakter, um das uns viele Nachbarn beneideten, machte uns als Familie erstmals etwas mobil, in bescheidenem Maße. Es war der Spritverbrauch, der unseren Radius einengte. Das Auto soff Bezin, wie unser Nachbar das Bier, kräftig und literweise, so um die 20 Liter auf 100 Kilometer. Damals kostete der Liter auch schon um die 1,50 Mark, gute Ostmark wohlgemerkt, bei einem Durchschnittsverdienst von eine paar hundert Mark pro Monat. Ein „Ausflug“ von sagen wir nur hundert Kilometer, schlug dann mit rund 30 Mark allein für Benzin zu Buche, eine Ausgabe, die nur im Ausnahmefall zu tätigen war.

Der Radius der Urlaubsreisen war somit von Anfang an limitiert. Entweder nahm man die Bahn, die war voll, unbequem, unpünktlich, meist auch unsauber, also genau wie heute, nur noch enger. Oder man suchte sich einen Urlaubsort im Land, der nicht allzuweit entfernt war, und das war für uns, in Thüringen wohnend, in der Regel der Thüringer Wald.

Zum Glück bewahrte uns die inzwischen gut gesicherte „Staatsgrenze West“ vor weiterreichenden Urlaubswünschen, die damals sonst auch Italien oder Spanien gewesen wären.

In einem alten Buch mit altdeutscher Schrift, ob seines Alters muffig riechend, hatte ich über Kyritz an der Knatter und einen Ritter Kahlputz gelesen. Niemand in meiner Klasse kannte den Ort, den Kahlputz schon garnicht, und so fragte ich in einer Deutschstunde unsere Lehrerin. Sie tat wissend, aber ich vermute, auch sie kannte Kyritz an der Knatter nicht und auch nicht den Kahlputz. Sie verkündete nämlich mit bedeutungsschwerer Miene, dass das heute so gar nicht in den Stoff passe, sie würde uns aber morgen Auskunft geben. Am nächsten Tag hatte sie sich belesen und berichtete über den mumifizierten Ritter Kahlputz, der in einer Gruft in eben diesem Ort Kyritz an der Knatter liege. Sie konnte das so beeindruckend und blumig erzählen, dass wir alle annahmen, dass sie täglich bei und mit dem Kahlputz ein- und ausginge oder zumindest mit ihm besonders nahe verwandt sein mußte.

Heute bin ich enttäuscht von meiner Lehrerin. Der Kahlputz heißt nämlich nicht Kahlputz, sondern laut Kirchenbuch Kalebuz, Christian Friedrich von. Gelebt hat er von 1651 bis 1702 und hatte damals schon einen so modernen Namen, nur würden wir ihn heute mit Bindestrich schreiben und der Familiennamen wäre möglicherweise Kalebuz-Müller.

Mumifiziert ist er, keine Frage und keine Sau weiß warum dies so ist. Er ist weder einbalsamiert, noch sonst irgendwie nach seinem Tode haltbar gemacht worden, er ist einfach in seinem Eichensarg nicht verrottet.

Die Pharaonen wurden nach ihrem Tod behandelt und nach einem speziellen Verfahren eingewickelt und damit irgendwie haltbar gemacht. Lenin wurde, weshalb auch immer, einbalsamiert und dann unter Luftabschluß der Nachwelt erhalten.Kalebuz tat dies – entgegen aller Logik – von allein.

Nun besagt die Mär, er habe vor Gericht einen Meineid geleistet, als man ihn des Mordes an einem der vielen von ihm Gehörnten bezichtigte. Vor Gericht soll er gesagt haben: „Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann wolle Gott, soll mein Leichnam nicht verwesen.“ Nun hat er den Dreck und der alte Knabe liegt da rum, allerdings frage ich mich, weshalb er vor Gericht in Reimform gesprochen haben soll?

Ach so, Stichwort ‘rumliegen’.Enttäuschenderweise liegt der Kalepuz nicht in Kyritz an der Knatter rum, wie meine Lehrerin behauptet hatte, dort habe ich ihn vergebens gesucht und die Eingeborenen, die ich erwartungsvoll nach ihm fragte, schienen ihn noch nie getroffen zu haben.

Er liegt nicht in Kyritz an der Knatter. Der alte Knochen liegt einige Kilometer entfernt in der Wehrkirche in Kampehl, einem kleinen Ort.F inden kann man ihn trotzdem, nur Liam ist enttäuscht, dass es einerseits kein ägyptischer König ist der dort liegt und andererseits nicht mit Klopapier umwickelt, wie „eine richtige Mumie“.

Er liegt dort nur so rum und wenn man ihn im Urlaub gesehen hat, dann kann man auch darüber erzählen.

Durch’s dunkle Deutschland …

Der Urlaub geht zu Ende, von Rheinsberg, über Cottbus nach Thüringen. 
In Cottbus noch ein Besuch bei Freunden, sehr liebe, sehr strukturierte, früher sehr engagierte Menschen, jahrzehntelang in verantwortlicher Stellung, tätig. Stundenlang konnten wir früher über Gott und die Welt diskutieren. Heute resignieren sie und sprechen davon, dass „man die ganze Wahrheit zu den aktuellen Vorgängen im Land sowieso nicht erfährt“ und „ändern könne man schon überhaupt nichts“. Also verhalten sie sich still, gehen mittwochs zum Yoga und freitags zur Rentner-Laufgruppe. 

Da ich merke, dass ich nicht mehr so gern lange Strecken im vollen Verkehr fahre, es aber auch nicht vermeiden kann, entschließe ich mich wenigstens abends zeitig schlafen zu gehen.

Die Autobahn von Cottbus nach Thüringen führt zwangsläufig über Sachsen, Cottbus, Dresden, Chemnitz, Erfurt; eine gut ausgebaute Autobahn, nach 20 Jahren allerdings abschnittsweise schon wieder überholungsbedürftig. 

Die Fahrt zwingt mich durch das dunkelste Dunkeldeutschland. Nach den Ereignissen in Chemnitz überschlagen sich die deutschen Medien in Selbstkasteiung, finstere Szenarien werden entwickelt, den Chemnitzern wird attestiert komplett naziverseucht und für die rechte Demokratie unrettbar verloren zu sein. 

Besonders das frühere Sturmgeschütz der Demokratie tut sich hervor, um den Deutschen zu helfen den Blick wieder zeichensetzend nach vorn zu wenden und den braunen Sachsen den Kopf gerade zu rücken. In den Foren lese ich hunderte(!) Beiträge besorgter Wessis, denen Wonneschauer den Rücken herunter rennen, es den blöden Ossis wieder einmal so richtig zeigen zu können. Man fürchtet sich vor dem Ossi im Allgemeinen und dem Sachsen im Besonderen. Besorgte Eltern berichten, dass sie ihren Kids verbieten gen Ostland zu fahren, aus Angst diese ungeschützt den tagtäglichen Gewalttaten der Sachsen auszusetzen. Studium an einer OstUni? Kommt nicht in Frage, die Studierenden sind an Leib und Leben gefährdet. In dutzenden Beiträgen bringen besorgte Wessis zum Ausdruck, dass sie nicht einmal mit dem Zug, selbst nicht mit dem ICE durch Ostdeutschland fahren würden, der Gottseibeiuns in Gestalt des Ossis würde ihn womöglich zum Entgleisen bringen oder zumindest Hand an die WestReisenden anlegen.

Von Cottbus bis Dresden herrscht auf der Autobahn für einen Vormittag normaler Verkehr. Im Gebiet in und um Dresden mehrere Baustellen, dichter Verkehr. Aber es rollt.

Danach wieder ruhiger Verkehr bis wenige Kilometer vor Chemnitz, die Autobahn dicht gefüllt, aber die Blechlawine bewegt sich. Autos aus vieler Herren Länder rollen Stoßstange an Stoßstange, Deutsche, Ösis, Schweizer, Dänen, Franzosen, einige Luxemburger, dazwischen dieser und jener Engländer, zum größten Teil hochbepackt, rollen sie gen Westen. 

Dies kann nur die kollektive Flucht der internationalen Demokraten vor dem braunen Mob Sachsens sein und so verwundert es nicht, dass sich langsam auch der Standstreifen füllt mit Pferdewagen, hochbepackt mit Mobiliar, obenauf die Betten geschnallt, Frauen mit Handwagen, die Kinder hinter sich herziehend, alle flüchten sie gen Westen. Weg hier, nur weg, der braune Mob schlägt gnadenlos zu, zumindest droht Deportation.

Es fällt mir schwer, einen klaren Kopf zu behalten, ich überlege anzuhalten und die Fliehenden aufzunehmen, aber Anhalten ist in diesem unendlichen Strom nicht möglich. Als mein panischer Blick in dem Gewusel wenigstens einen Ruhepol sucht, fällt er auf die Gegenfahrbahn. Dort bietet sich das gleiche grauenhafte Bild, Auto an Auto, Stoßstange an Stoßstange rollt der Tross gen Osten, gen Sachsen, Deutsche, Ösis, Schweizer, Dänen, Franzosen, einige Luxemburger, dazwischen dieser und jener Engländer, zum größten Teil hochbepackt mit Urlaubsutensilien. Nur die Pferdewagen mit den kleinen, müden, auf der Flucht erschöpften Pferden, auch die Mütter mit ihren Handwagen fehlen.

Schwankend zwischen Furcht und Erleichterung merke ich, wie mir der Schweiß über Gesicht und Oberkörper rinnt und fühle mich einer Panikattacke noch näher. Ich möchte die Fenster herunter lassen und dem Gegenverkehr zurufen: ‚Haltet inne, dreht um, dort hinten ist doch Dunkeldeutschland, Euch droht Gefahr auf all Euren Wegen.‘ 
Meine Fenster lassen sich nicht öffnen, meine wilden Gesten nehmen die Armen auf der Gegenfahrbahn nicht wahr. Als ich vor Verzweiflung endgültig in hilfloses Weinen ausbrechen will … wache ich auf.

Eine Stunde später rolle ich gen Westen, vorbei an Dresden, Chemnitz wird am Rande gestreift, mäßiger Verkehr bis Thüringen. Zweimal muss ich notgedrungen Kontakt mit Sachsen an Raststätten aufnehmen, die Menschen  sind freundlich, scherzen mit unserem Enkel, keiner zeigt den Hitler-Gruß, keiner trägt das Goldene Parteiabzeichen.  

Und, gefühlt fahren mehr Autos mit fremden und internationalen Kennzeichen Richtung Sachsen, als umgekehrt.

Ich frage mich, woher das frühere Sturmgeschütz der Demokratie, heute SPON, seine Informationen bezieht? Oder bin ich auf der falschen Autobahn unterwegs gewesen?

Sei es, wie es sei, passiert ist mir in Dunkeldeutschland jedenfalls nichts und an Leib und Seele unversehrt zu Hause angekommen bin ich auch. 

Begegnungen …

Der Urlaub scheint auch die Zeit unerwarteter Begegnungen. 

Obwohl, das stimmt so nicht. Im Urlaub nehme ich mir mehr Zeit Menschen zu begegnen, als im „normalen Leben“. Oder, im Urlaub fällt es mir nach wie vor schwer „nichts zu tun“ und so suche ich mir eine „sinnvolle Aufgabe“. Ich pflege häufiger Kontakt mit Menschen. 

Es dauert zugegeben ein Weile, bis mir ungezwungener Kontakt möglich ist, bewege ich mich doch den Rest des Jahres, und das seit Jahrzehnten, meist auf „professioneller Ebene“, wenn ich es richtig betrachte, meine Art Eigenschutz.

Ich habe es nicht so gern, wenn mir Menschen ungefragt „auf die Pelle“ rücken, also tue ich es auch bei Anderen möglichst nicht. Speziell körperliche Nähe konnte und kann ich nur mit sehr wenigen Menschen ertragen, meine persönliche Grenze scheint da sehr rigide zu sein.
Ganz unangenehm sind mir Menschen, die im Gespräch immer näher kommen, ohne dass ich dies will.

Die typische Situation: Man steht sich gegenüber und die „Gegenseite“ kommt körperlich immer näher an mich heran, spricht eindringlich auf mich ein, da reicht gelegentlich schon eine distanzverkürzende Handbewegung in meine Richtung, um mich unwohl zu fühlen. Jede Verletzung meiner individuellen Grenze löst primär einen Fluchtwunsch aus, ich trete immer weiter zurück. Problematisch wird es, wenn der Gegenüber dann weiter hinterher kommt und die Distanz wieder verkürzt, irgendwann kann ich nicht mehr ausweichen, weil vielleicht eine Wand hinter mir ist. In diesem Moment schlägt mein Fluchtwunsch in gefühlte Aggression um und ich schaffe mir dann schon einmal Raum, indem ich dem Anderen mit der Hand Abstand aufzwinge. Ich will und muss für mein Wohlbefinden meine Grenzen wahren. 
Diesen Distanzwunsch kann ich im entspannten Zustand schon eher etwas vernachlässigen, wobei mir auch da körperliche Grenzüberschreitung ausgesprochen unangenehm ist. 

An der Rezeption des Hotels stehen zwei recht große Koffer, und eine Tasche mit Equipment, ein voluminöser Fotoapparat, Laptop, alles sichtbar vorhanden. Eine älteres Paar, so um die 70, diskutiert mit der Concierge, er benutzt tatsächlich diesen Ausdruck, es geht wohl um den Ausblick des zu beziehenden Zimmers, der ohne es überhaupt besichtigt zu haben, zumindest ihm nicht zu passen scheint. Dem Sprachduktus nach ein Schwabe. Seine Stimme wird von Satz zu Satz schriller, mal drängend, mal bettelnd, die Dame an der Rezeption versucht die Ruhe zu bewahren, „Nein ein Zimmer mit Balkon zum See ist leider nicht frei.“
Der Frau ist es unangenehm, er versucht noch einige Sätze lang zu feilschen, lehnt sich auf und über den Tresen, Die Rezeptionistin rollt auf ihrem Bürostuhl ein Stück zurück – stellt die Distanz wieder her. Ich warte, will auschecken, werde unruhig, endlich gibt er auf.
Er übernimmt den Zimmerschlüssel, schnappt seine Tasche mit dem wertvollen Equipment und dreht sich zum Fahrstuhl. Bevor er den Knopf drückt, dreht er sich zu seiner Begleiterin um, deutet mit dem Finger auf die beiden Koffer, die die ältere Dame aufnimmt und mühsam an den Griffen hinter sich herzieht, er drückt den Knopf um den Fahrstuhl zu rufen. 
Mich überkommt das Gefühl mich für den Herrn fremdschämen zu müssen
Die Dame an der Rezeption blickt nach vorn auf ihren Bildschirm und schüttelt imaginär ihren Kopf. Meinen wahrscheinlich spöttischen Blick hinter dem Paar her, quittiert sie wortlos mit einem kaum sichtbaren Schulterzucken. 

Abends eine ganz andere, angenehme Begegnung. 
An einer Bootsanlegestelle des Rheinsberger Sees, die ich zufälligerweise zu dieser Zeit tangiere, legt ein Kanu an, voll beladen, auch mit Equipment, mit eher alltäglichen Dingen, die durchaus den Eindruck von „gebraucht“ vermitteln, für den „draussenstehenden Preussen“ in mir sieht es eher wüst aus. 

Aus dem Boot steigt ein Mensch, ein junger Mann, originell, funktional, aber nicht „stylisch“ gekleidet. Es ist ihm erkennbar nicht wichtig aufzufallen, kein Blick nach Publikum, selbst scheint er sich genug zu sein.
Er kauert sich an den Sandstrand neben sein Boot, bereitet sich eine handgedrehte Zigarette, die ich fälschlicherweise als Joint zu identifizieren glaube. Ich habe das Bedürfnis nach einem Kontakt und wir kommen in ein kurzes Gespräch. Er heisst Michael, kommt primär aus dem Umfeld meiner Heimatstadt, lebt jetzt in Bayern und macht „irgendetwas mit Medien“. In den vergangenen 8 Tagen war er rund 180 Kilometer allein mit seinem Kanu in Brandenburg auf dem Wasser unterwegs. 

Wir reden über dies und jenes, aus meiner Sicht völlig entspannt, obwohl reines Parlieren sonst nicht so mein Ding ist. Er holt nebenher sein Kanu aus dem Wasser, belädt seinen auf dem Zeltplatz wartenden Transporter, um am nächsten Tag wieder gen München zu rollen. 
Möglicherweise wird er dann wieder in einen Anzug schlüpfen oder als Nerd unterwegs sein, ich weiß es nicht. Nach der Frisur tippe ich eher auf Nerd? Vielleicht werde ich ja dazu noch aufklärt?

Zeichen setzen …

In den letzten Jahren haben sich in unsere, an sich schöne, zugegeben schwierige Sprache, viele neue Begriffe eingeschlichen, werden aktiv hineingetragen, auch bewußt aufoktroyiert.
Ich meine damit nicht das, was wir früher in der Schule als Fremd- oder Lehnwörter zu bezeichnen gelernt haben. So lange ist es noch nicht her, dass „Hüter der deutschen Sprache“ versuchten gegen die Flut von Anglismen anzustinken, sie haben es inzwischen aufgegeben. Zuweilen ist es eben so, dass die Praxis der Theorie vorauseilt, dass die vielbeschworene Historie schlichtweg gegen die tatsächliche Entwicklung keine Chance hat. Zumindest orientiert sich die „Gegenwart“ erkennbar selten an der Geschichte, auch wenn die Geschichte – ob wir es wollen oder nicht – immer auf das Sein einwirkt.

Aber wer würde sich schon heute noch gegen das Googeln empören? Kaum jemand würde seine Empörung verstehen, geschweige denn goutieren. 

Eine dieser neuen Wort-, oder besser Sinnschöpfungen, liegt in dem Begriff „Zeichen setzen“, der inflationär immer und überall auftaucht.

Wie man bei uns sagt, ein alles und jeder setzt neuerdings Zeichen.

An jeder Straße werden „Zeichen gesetzt“, für oder gegen etwas. Die nennt man dann im weiteren Sinn Verkehrszeichen. Gelegentlich gibt es immer wieder Initiativen, um die Zahl der Verkehrszeichen auf das notwendige Minimum zu reduzieren, wobei erfahrungsgemäß das Minimum immer größer wird. 

Unsere Hündin, zum Glück nur wenn sie sich in freier Natur bewegt, und die Katzen, die tun es allerdings auch im Haus, setzen ihre Zeichen, um damit ihr Revier zu markieren. Es stinkt für meine Nase furchtbar. 

Wenn ich in meinem Garten etwas pflanze oder sähe, setze ich meist ein Zeichen, weil ich sonst spätestens nach 2 Tagen nicht mehr weiß, was ich dort gemacht habe. Das Zeichen ist also notwendig, falls Ginkgo allein nicht mehr ausreicht. Handgeschrieben mit einem Edding auf irgendwelche Plasteabfälle, meist hält die Schrift nicht lange und ich bin dann wieder auf mein Gedächtnis angewiesen. Die Frage wäre dabei nur, wer gibt eher auf, der Edding oder mein Gedächtnis? Ich mag nicht darüber nachdenken, ich müßte doch tatsächlich mal ein Zeichen setzen, um dies zu eruieren.

Der Fuchs setzt seine Zeichen zur Markierung des Reviers und auch um seinen Gemütszustand auszudrücken. Fühlt er sich wohl setzt er ein Sekret aus einer Drüse an der Schwanzoberseite ab, welches intensiv nach Veilchen riechen soll. Zum Glück haben wir Menschen eine solche Drüse nicht. Man stelle sich nur vor, in einer Konzerthalle wären meinetwegen 5000 Besucher zu Gast bei Helene Fischer – ja, das gibt es – und da sich alle wohlfühlen und eine solche Drüse ihr eigen nennen … ein betörender Duft nach Veilchen. Der parfümgeschwängerte Odem der Moskauer U-Bahn zur Rushhour wäre dagegen geruchlos. Andererseits wäre es ein Zeichen, dass niemand negieren, geschweige überriechen könnte. Man würde gegen Gleichgültigkeit im wahrsten Sinne anstinken können und müßte sich nicht nur auf die neuerdings überwiegend rein verbalen Zeichen reduzieren lassen.

Ein alles und ein jeder setzt heute Zeichen, die Linke gegen rechts, der Weltbürger gegen den Wutbürger, Pegida gegen die Islamisierung des Abendlandes, der Bärtige gegen den Rasierten, #metoo gegen die echten Kerle, Internationalisten gegen Nationalisten, also ein alles und ein jeder setzt Zeichen.

Ganz ehrlich, ich finde dieses ganze Gedöns der Zeichensetzung, unabhängig von welcher Seite und von welcher Person es kommt, nur noch albern. In meinem Leben haben ich schon so viele solcher Aktionen erlebt, dass ich mir sicher bin, „keines der gesetzten Zeichen“ wird dauerhaft irgendetwas bewirken. 

Der Veilchengeruch der Schwanzdrüse des Fuchses ist auf jeden Fall, wie man heute so sagt, nachhaltiger.

Gib mir ein „M“ ….

Ich erinnere mich, dass wir in unserer Kindheit an langweiligen, regnerischen Wintertagen, an denen wir nicht „rauskonnten“, ganz einfach gespielt haben. Es gab tatsächlich Tage, Monate, Jahre ohne Fernseher, Computer, Smartphone … und wir haben sie überlebt. Die einzigen Möglichkeiten der medialen Zerstreuung waren die Zeitung und das Radio, wobei das Radio außer Nachrichten fast ganztägig ausschließlich klassische Musik übertrug. Zur jeweils vollen Stunde gab es die Nachrichten, die mit salbungsvoller Stimme von einem Sprecher verlesen wurden. Danach wurde angesagt, welches Orchester jetzt welches klassische Werk zur Aufführung bringen würde und dann gab es klassisches Gedudel bis zu den nächste Nachrichten. Auf einem Sender gab es gegen 14.00 Uhr eine halbe Stunde Kinderhörspiel, meist bekannte Bücher in Fortsetzung von Tag zu Tag. Mindestens einmal pro Jahr kamen die „Kinder des Kapitäns Grant“ von Jules Verne als Hörspielfortsetzung, immer wieder ein Spannungshöhepunkt.  
Gab es gerade kein Hörspiel und war als Kind allein, mußte man sich mit sich selbst beschäftigen, hatte man das Glück von Geschwistern oder Freunden war die Freizeit etwas besser zu überbrücken.
Beliebt waren Ratespiele oder solche Dinge wie „Schiffe versenken“, letzteres war auch besonders zur Ausfüllung langweiliger Schulstunden bestens geeignet da lautlos.

Häufig spielten wir ein Buchstabenrätsel, dessen genauen Ablauf ich vergessen habe. Ich erinnere mich lediglich daran, dass man seinen Mitspieler immer auffordern musste, „Gib mir ein A“ oder B, oder wie auch immer. Häufig wurde das „M“ angefragt.

Wörter mit „M“ gibt es ganz viele, der Duden hilft. 

Z.B. Morgen, Motorrad, Manipulieren, Mittagessen, Monarchie, Marketing, Meckern, Methoden, usw. usw. – also meist ganz wichtige Dinge.

Und natürlich, „Gib mir ein „M“, gib mir ein ganz großes „M„, ein „M„, das man schon meilenweit vom Rücken jedes Pferdes aus erkennen kann: 

Das ganz, ganz große „M„,

Das große „M“ gehört zu den ganz großen Playern, McDonald’s weltweit.

In der vorigen Woche lockte mich der jüngste Enkel zum großen „M„. Runter von der Autobahn, ein Autohof, neben der Tanke das ganz große „M„, keine Chance sich gegen den Enkelwillen zu wehren.

Das Beste ist der Parkplatz, es gibt immer genügend Platz.

Neben dem Eingang als Neuigkeit zwei Tableaus mit einem Schild „Bestellen“, davor junge Leute, die angestrengt eintippen, ich ignoriere es geflissentlich, es reicht mir schon die Aufregung des normalen Tresens.

Der ist zum Glück leer, eine freundlich blickende Verkäuferin scheint bereits auf uns zu warten, zumindest gibt sie sich so. Sie nimmt mit der linken Hand ein Tablet, läßt mit einer lässigen Geste einen bunten Flyer darauf gleiten, Dabei sieht sie mich erwartungsvoll an. Ich muss wohl etwas sagen, vorsichtshalber sage ich erstmal „Guten Tag“, es reicht ihr nicht. Sie hebt leicht die linke Augenbraue, macht eine aufmunternde Geste mit der rechten Hand. 

Wie eine Eingebung fällt mir die Kindertüte ein, „Ein Happy meal für Liam“. Sie reagiert sofort, wendet sich von mir ab und Liam zu: „Du bist Liam.“ Ich bin absolut abgemeldet. 

Der knapp 5-Jährige ist stolz wie Bolle, stellt sich auf die Zehenspitzen, damit er gut über den Tresen sehen kann, sie stellt ihre Fragen direkt an ihn, er antwortet korrekt, ich hätte es nicht so gekonnt und mich wohl nur für einen Cafè entschieden. 

Als er sein ‚Happy meal‘ zusammengestellt hat, darf ich wieder teilnehmen, ich bin so perplex, dass ich mich auf einen Salat mit Joghurtdressing zurückziehe. Alles Andere wäre mir zu kompliziert gewesen. 

Das Bezahlen obliegt natürlich mir, mit der Methode wird das Kind zum Kunden gemacht, vor dem noch eine lange Karriere in der Systemgastronomie mit dem großen „M“ liegt. An mir altem Knochen ist mit meinem Salat oder wahlweise Cafè so viel nicht mehr zu verdienen.

Es ist erstaunlich, wie mit dieser Methode schon kleine Kinder beim großen „M“ angefüttert werden. Ich glaube, dass nennt man Manipulation, wohlmeinend vielleicht noch Marketing. Alles mit „M“.

Seltsamerweise fällt mir bei dem Text immer wieder ein weiteres Wort mit „M“, wie Merkel ein, gib mir ein großes „M“, damit uns unsere Kanzlerin weiter manipulieren kann, oder wie nennt man das in der Politik?

Maria Bildhausen

Auch als traditioneller und konsequenter Atheist habe ich Orte, die mich zum Innehalten einladen.

Einer dieser Orte ist das Kloster Maria Bildhausen in Unterfranken in der Nähe von Münnerstadt, im südlichen Rhönvorland.

Die Anlage liegt sehr separat auf einem kleinen Höhenzug und wird aktuell geführt vom Dominikus-Ringeisen-Werk.

Schon viele Jahre mit Unterbrechungen komme ich nach Maria Bildhausen, angetan von den Menschen dort und dem Ambiente der Gesamtanlage, auch wenn sich mit dem Auszug der letzten Schwestern der St. Josefskongregation in 2017 ein wesentlicher Teil des traditionellen sozialen Lebens verabschiedet hat. 

Die überwiegend kleinen, meist schon gebückten Gestalten der letzten Schwestern gehörten, wenn sie durch die Anlagen trippelten, ganz selbstverständlich zum Bild der Einrichtung, auch wenn ich ihnen mit einer gewissen Scheu begegnete, wußte ich doch viel zu wenig über sie und ihr Leben. Vielleicht könnte ich sie heute ansprechen, nur jetzt ist es zu spät, ich kann sie nicht mehr fragen. Sie sind in ihr Stammhaus nach Ursberg umgezogen.

In den letzten Jahren hat sich der Charakter des Hauses für den Außenstehenden sehr verändert, die spirituelle Ruhe, die ich früher sehr geschätzt habe, ist einer weltlichen, wenn auch immer noch ruhigen Geschäftigkeit gewichen. 

Schon wenn ich durch den Torbogen den Innenraum betrat, hatte ich das Gefühl in eine völlig andere Welt einzutauchen, die auf der einen Seite auf den „Schnelllebigen“ antiquiert wirkte, auf der anderen Seite fiel eine besondere Form von Ruhe wie ein Mantel über mich.

Ich erinnere mich gut an unseren ersten Familienbesuch mit unserer jüngsten Tochter vor gut 20 Jahren. Wir übernachteten im damaligen Gästehaus, welches von der Ausstattung den Charme einer 60er-Jahre-Jugendherberge hatte. Ein Zimmer mit alten „Stil“-Betten, ein Waschbecken mit kaltem Wasser, Gemeinschaftstoilette auf dem Gang. Auf dem Zimmer kein Fernseher, kein Radio, ganz zu schweigen von WLAN und solchen Dingen. Neben uns war nur ein einzelner älterer Herr im Haus, an dessen Gesicht ich mich bis heute erinnere, weshalb kann ich nicht sagen. Wir haben außer einem unverbindlichen Gruß am Abend und am Morgen nicht zusammen gesprochen. Vielleicht war es die Notwendigkeit sich in diesem absolut stillen Haus auf sich selbst zu konzentrieren, eine solche Ruhe habe ich nie wieder erlebt.

Als Besucher kann man auch heute an verschiedenen Punkten Ruhe finden, u.a. im Klostergasthof, der auf eine ungewöhnliche, aber sympathische Art betrieben wird. Dort und in anderen Werkstätten auf dem Klostergelände arbeiten Menschen mit Handicap entsprechend ihrer individuellen Ressourcen, für sie selbst sinnstiftend und wertschaffend für die Allgemeinheit. 
Im Klostergasthof stehen auf den Tischen kleine Holzboxen mit Kärtchen auf denen Gedankensplitter festgehalten werden. Die meisten davon haben religiösen Charakter, kleine Gebete u.ä., mit denen ich persönlich wenig anfangen kann.

Einen Spruch aus dieser Box trage ich allerdings mit mir herum, gedanklich und auf Papier:

„Ich träume von einer Welt, in der es keine Betreuten und keine Betreuer mehr geben wird, sondern nur noch Menschen. Ich will heute meinen Beitrag dazu leisten, dass dieser Traum irgendwann in Erfüllung geht.“

Zuerst habe ich den Text allein auf Menschen mit Handicap bezogen, ich kann den Wunsch voll verstehen, versuche mich im persönlichen Kontakt in die Welt der Betroffenen zu versetzen, was mir bei bestem Wollen nicht immer gelingt. Vor allem merke ich, wie mich das Gefühl „Helfen zu wollen – Helfen zu müssen“ immer mal wieder übermannt, seltener als früher, aber ganz frei davon bin ich immer noch nicht. 

Es mag ein gutes Gefühl geben, anderen helfen zu wollen, es faktisch auch zu können, allerdings ist es nicht frei von Eigennutz. Denn meist geht es nicht primär um „die Anderen“, sondern darum sich selbst im wohligen Gefühl des „Guten“ suhlen zu können. „Ich bin stark, ich bin gut, ich kann dem Schwächeren etwas von meiner Kraft abgeben“. Danach zu fragen, ob dies auch gewollt ist, ob der „Andere“ vielleicht in seiner Welt ganz zufrieden ist, wird schnell vergessen. 
Es würde das eigene Selbstbild stören. Und, wird dieses Hilfsangebot nicht vom Gegenüber angenommen, wird dies als undankbar, „nur-nicht-wollend“, als persönlicher Affront aufgefaßt.

Immer öfter fällt mir in diesem Zusammenhang die Diskussion um die aktuelle Lage in unserem Land und speziell die Rolle der Medien dabei ein.
Vielleicht sollte ich an die Chefredaktionen der großen Printmedien, an ARD und ZDF diesen Text schicken:

„Ich träume von einer Welt, in der es keine Betreuten und keine Betreuer mehr geben wird, sondern nur noch Menschen. Ich will heute meinen Beitrag dazu leisten, dass dieser Traum irgendwann in Erfüllung geht.“

Laßt mich in Ruhe, versucht nicht, mir Eure Meinungen aufzuzwingen, mich zu erziehen. Ich will Eure – in vielen Fällen – eigennützige Form von „Hilfe“ nicht. 

Wie versteht ihr eure ureigene Verantwortung? 

Ihr seid keine vom Volk berufenen Oberlehrer, ihr seid einfach nur Menschen, die mit Sprache und Bildern arbeiten, so wie andere mit Nadel und Faden, mit Spritze und Skalpell, mit Hammer und Meissel. Die Menschen außerhalb Eurer Medienblase sind keine zu Betreuenden, sie sind einfach Menschen und ihr seid lediglich Dienstleistende in ihrem Leben, so wie ich es als Arzt auch bin.

Ich will nicht, dass ihr „Gutes“ an mir tut.

Süßigkeiten…. oder Rote Grütze und Brauner Pudding

Freitag ist mein Tag für’s Besondere, auch heute.

Ein Besuch im Supermarkt im hessischen Nachbarort, neben fälliger „Steuervorauszahlung und anderen höchst erfreulichen Petitessen – die Regierung braucht Geld zum Verschleudern. 

Für die Nicht-Steuerzahler der Hinweis: Steuervorauszahlung heißt, ich muss Geld abdrücken, dass ich noch nicht einmal erarbeitet habe und vom dem ich nicht weiss, ob ich es überhaupt verdienen werde, während dessen Andere sich noch mehrfach im Bett umdrehen und überlegen, ob sie heute aufstehen oder nicht. Also, ein höchster erfreulicher und vor allem leistungsstimulierender Termin.

Der Supermarktparkplatz hat den Vorteil sehr geräumig zu sein, insgesamt 8 Reihen Parkplätze, erstaunlich breit, die erste Reihe geschätzt 4 Meter vom Eingang entfernt, sodass kein unnötiger Schritt getan werden muss. Schlimmstenfalls fahren die Leute mehrfach um den Platz bis tatsächlich einer der begehrten Stellplätze frei wird.

Ich stelle mich meist in die 3. oder 4. Reihe, es läßt sich dort besser einparken, das Ausparken fällt mir leichter und die Gefahr eines „dellenspendenden Nachbarn“ ist geringer. So auch heute, aber manchmal kommt es so blöd, wie man nicht denken kann. Ich habe mich am Ende des Parkstreifens positioniert, neben mir 6 freie Plätze, alles easy.

Als ich nach 10 Minuten zurückkomme, sind davon immer noch 4 Plätze frei, nur unmittelbar neben mir stehen 2 Autos. Direkt neben mir ein froschgrüner, neu glänzender Opel, dann ein SUV. Die Fahrertür des Froschgrünen zeigt auf den Opel und eine junge Frau dreht mit verkniffenem Gesicht langsam daran, offenbar will sie einsteigen. Gefühlt sind 20 cm Platz zwischen den beiden Autos und die junge Dame hat die Figur eines formidablen Sektkorkens, kein Platz und schon vom puren Augenschein unmöglich dort hineinzukommen, noch dazu sie in der anderen Hand einen Stapel Einkäufe trägt, Schnuckelzeug in Plastebechern, eine Packung Toast. Sie schimpft vor sich hin, geht zur Beifahrertür, genauso eng, sie ist selbst so dicht neben mein Auto gefahren. Ich muss schmunzeln, da klar ist, dass ob ihrer persönlichen Abmaße jeder Versuch scheitern muss.

In meiner unendlichen Güte schlage ich ihr – ungefragt – vor, „Wenn  Sie einen kleinen Moment warten, fahre ich gleich weg“, ich will nur meinen Minieinkauf in den Kofferraum legen. Wahrscheinlich hat sie meine belustigte Miene gesehen.Endlich hat sie einen Blitzableiter gefunden, sie sieht mich an und kontert, „Lass mich doch in Ruhe blöder, alter Ossi.“ 
Nun ja, „blöd“ weiss ich nicht, man schätzt sich ja meist besser ein, als Andere,  „alt“, jung bin ich wirklich nicht mehr und den Ossi erkennt sie zwanglos am Nummernschild, WAK, wie Wartburgkreis. Ihr Nummernschild HEF weist sie als moralisch gefestigte Bürgerin des Kreises Hersfeld-Rotenburg aus. Zum Glück bezeichnet sie mich nicht als Rassisten, Rechten oder gar Nazi.

Damit sie nicht auch noch an meinen Fähigkeiten zum Verstauen meines Einkaufs zweifeln muss, lasse ich mir jetzt viel, viel Zeit. So viel Zeit, dass sie beschließt doch noch Zugang über die 20-Zentimeter-Lücke zu finden. 
Soll sie, ich muss meinen Einkauf ordentlich verstauen, ich habe Zeit. Erst als nebenan etwas mit einem satten Plumps zu Boden fällt und die „Dame“ lauthals schimpft, schreit, sehe ich wieder zu ihr. Sie steht in einem Haufen rot-brauner Pampe, Packungen mit Roter Grütze und Schokoladenpudding sind ihr aus der Hand gefallen und zu ihren Füßen geplatzt. Der Inhalt bedeckt ihre ehemals weißen Schuhe. So schnell können sich Brauner Pudding und Rote Grütze mischen, man denkt es nicht. 

Kurz überlege ich, ob sich ein Foto lohnt, ich verzichte darauf, denn selbst als blöder, alter Ossi hänge ich doch noch irgendwie ein klein wenig am Leben.

Die grosse Wippe ….

In meiner Kindheit gab es viele, alltägliche Dinge, noch gar nicht oder nicht in der Perfektion wie heute, nehmen wir etwa Spielplätze.

Spielplätze sind heute High-tech-Orte, TÜV-geprüft, permanent mit Argusaugen überwacht von ängstlichen Eltern, die ihre Angst damit an die Kinder weitergeben.

Nehmen wir das Beispiel einer einfachen Wippe, hier auf einem Spielplatz in Leipzig. Wir sehen einen einbetonierten Stahlträger in der Mitte, der runde, elegant anzusehende Balken ist drehbar darauf gelagert. Die Griffe sind wiederum aus Metall, ergonomisch geformt. Unklar ist, weshalb die aufsichtsführenden Mütter bisher noch nicht Wirbelsäulen-schonende, auf Stoßdämpfern gelagerte Sitze eingefordert haben. Die Enden schlagen in den Sand, irgendwelche Puffer, bei uns waren es meist alte Reifen, gibt es nicht. Auf bodenbedeckendes Grün haben die Macher verzichtet, möglicherweise der Pflege wegen. Die Wippe ist sehr elegant, aber unpraktisch, der Platz insgesamt sieht schaurig unbelebt aus. Ich wette, ein sozialer Brennpunkt für Kinder ist er nicht. 

Allerdings war die Wippe auch in unserer Kindheit nicht unbedingt begehrt. Funktionell ist sie mit dem ewigen, stupiden „Hoch-und-Runter“ schnell ausgereizt. Der eigentliche Sinn als Spielgerät besteht darin, den Gegenüber möglichst hart aufschlagen zu lassen und selbst die Schläge abzufedern.

Später diente die Wippe als sozialer Treffpunkt für uns Heranwachsende, wir saßen wie Hühner auf der Stange und taten die Dinge, die junge Leute eben so tun. Damit war sie schon begehrter. 

Allerdings weiß ich nicht, was junge Leute heute so dort tun würden, wenn überhaupt sie sich dort träfen. Ich vermute, sie würden mit dem Smartphone mit dem/der/denen kommunizieren, der/die auf der anderen Seite sitzen, eventuell noch ein Selfie?

Unser Spielplatz waren die Straßen, wenn wir Glück hatten, gab es einen Hof, auf dem man etwas ruhiger spielen konnte, wenn wir es denn wollten. Das Problem der Straßen war dabei nicht der Verkehr, den gab es in den 50ern praktisch noch gar nicht, sondern die Anwohner, die sich irgendwann beklagten, dass wir zu laut waren. Wir hatten einen Hof, das Problem bestand allerdings darin, dort war man in der Regel allein, wollten wir Kontakt mit anderen Kindern, mussten wir auf die Straßen.
Alles im Leben war neu, war interessant, mußte erkannt werden. Fakten mußten gelernt werden, Wissen erworben. Schon schwieriger war es, die gelernten Dinge dem richtigen Leben zuzuordnen, sie in ihrer Wertigkeit zu verstehen, Grenzen zu erkennen und – noch schwieriger – sie akzeptieren zu lernen.

Mit Grenzen hatte und habe ich so meine Probleme, das Leben hat mich mehrfach schmerzhaft darauf verwiesen.

Über Jahre, Jahrzehnte hatte ich das Gefühl, dass es immer vorwärts ging, ich hatte das Glück, dass meine Vorstellungen vom Leben nicht all zu sehr oder gar final mit dem realen Leben kollidierten. Manchmal habe ich die Grenzen des Machbaren, auch des Aushaltbaren gestreift, auf der anderen Seite irreversibel heruntergefallen bin ich – bisher – noch nicht. Mein Verdienst war es nicht.

Älter werdend, ertappe ich mich immer häufiger dabei, nicht mehr nach vorn, sondern zurück zu sehen.

Mein Leben war eine Wippe, bewegt hat es sich immer, mal hoch mal runter, man muss, wenn man unten ist, auch wieder nach oben, total stehengeblieben bin ich zum Glück nie. 

Nur, heute bewegt sie sich viel, viel langsamer, irgendwann wird sie final und ohne Puffer unten aufschlagen, aber auch das wird in Ordnung sein.