Maria Bildhausen

Auch als traditioneller und konsequenter Atheist habe ich Orte, die mich zum Innehalten einladen.

Einer dieser Orte ist das Kloster Maria Bildhausen in Unterfranken in der Nähe von Münnerstadt, im südlichen Rhönvorland.

Die Anlage liegt sehr separat auf einem kleinen Höhenzug und wird aktuell geführt vom Dominikus-Ringeisen-Werk.

Schon viele Jahre mit Unterbrechungen komme ich nach Maria Bildhausen, angetan von den Menschen dort und dem Ambiente der Gesamtanlage, auch wenn sich mit dem Auszug der letzten Schwestern der St. Josefskongregation in 2017 ein wesentlicher Teil des traditionellen sozialen Lebens verabschiedet hat. 

Die überwiegend kleinen, meist schon gebückten Gestalten der letzten Schwestern gehörten, wenn sie durch die Anlagen trippelten, ganz selbstverständlich zum Bild der Einrichtung, auch wenn ich ihnen mit einer gewissen Scheu begegnete, wußte ich doch viel zu wenig über sie und ihr Leben. Vielleicht könnte ich sie heute ansprechen, nur jetzt ist es zu spät, ich kann sie nicht mehr fragen. Sie sind in ihr Stammhaus nach Ursberg umgezogen.

In den letzten Jahren hat sich der Charakter des Hauses für den Außenstehenden sehr verändert, die spirituelle Ruhe, die ich früher sehr geschätzt habe, ist einer weltlichen, wenn auch immer noch ruhigen Geschäftigkeit gewichen. 

Schon wenn ich durch den Torbogen den Innenraum betrat, hatte ich das Gefühl in eine völlig andere Welt einzutauchen, die auf der einen Seite auf den „Schnelllebigen“ antiquiert wirkte, auf der anderen Seite fiel eine besondere Form von Ruhe wie ein Mantel über mich.

Ich erinnere mich gut an unseren ersten Familienbesuch mit unserer jüngsten Tochter vor gut 20 Jahren. Wir übernachteten im damaligen Gästehaus, welches von der Ausstattung den Charme einer 60er-Jahre-Jugendherberge hatte. Ein Zimmer mit alten „Stil“-Betten, ein Waschbecken mit kaltem Wasser, Gemeinschaftstoilette auf dem Gang. Auf dem Zimmer kein Fernseher, kein Radio, ganz zu schweigen von WLAN und solchen Dingen. Neben uns war nur ein einzelner älterer Herr im Haus, an dessen Gesicht ich mich bis heute erinnere, weshalb kann ich nicht sagen. Wir haben außer einem unverbindlichen Gruß am Abend und am Morgen nicht zusammen gesprochen. Vielleicht war es die Notwendigkeit sich in diesem absolut stillen Haus auf sich selbst zu konzentrieren, eine solche Ruhe habe ich nie wieder erlebt.

Als Besucher kann man auch heute an verschiedenen Punkten Ruhe finden, u.a. im Klostergasthof, der auf eine ungewöhnliche, aber sympathische Art betrieben wird. Dort und in anderen Werkstätten auf dem Klostergelände arbeiten Menschen mit Handicap entsprechend ihrer individuellen Ressourcen, für sie selbst sinnstiftend und wertschaffend für die Allgemeinheit. 
Im Klostergasthof stehen auf den Tischen kleine Holzboxen mit Kärtchen auf denen Gedankensplitter festgehalten werden. Die meisten davon haben religiösen Charakter, kleine Gebete u.ä., mit denen ich persönlich wenig anfangen kann.

Einen Spruch aus dieser Box trage ich allerdings mit mir herum, gedanklich und auf Papier:

„Ich träume von einer Welt, in der es keine Betreuten und keine Betreuer mehr geben wird, sondern nur noch Menschen. Ich will heute meinen Beitrag dazu leisten, dass dieser Traum irgendwann in Erfüllung geht.“

Zuerst habe ich den Text allein auf Menschen mit Handicap bezogen, ich kann den Wunsch voll verstehen, versuche mich im persönlichen Kontakt in die Welt der Betroffenen zu versetzen, was mir bei bestem Wollen nicht immer gelingt. Vor allem merke ich, wie mich das Gefühl „Helfen zu wollen – Helfen zu müssen“ immer mal wieder übermannt, seltener als früher, aber ganz frei davon bin ich immer noch nicht. 

Es mag ein gutes Gefühl geben, anderen helfen zu wollen, es faktisch auch zu können, allerdings ist es nicht frei von Eigennutz. Denn meist geht es nicht primär um „die Anderen“, sondern darum sich selbst im wohligen Gefühl des „Guten“ suhlen zu können. „Ich bin stark, ich bin gut, ich kann dem Schwächeren etwas von meiner Kraft abgeben“. Danach zu fragen, ob dies auch gewollt ist, ob der „Andere“ vielleicht in seiner Welt ganz zufrieden ist, wird schnell vergessen. 
Es würde das eigene Selbstbild stören. Und, wird dieses Hilfsangebot nicht vom Gegenüber angenommen, wird dies als undankbar, „nur-nicht-wollend“, als persönlicher Affront aufgefaßt.

Immer öfter fällt mir in diesem Zusammenhang die Diskussion um die aktuelle Lage in unserem Land und speziell die Rolle der Medien dabei ein.
Vielleicht sollte ich an die Chefredaktionen der großen Printmedien, an ARD und ZDF diesen Text schicken:

„Ich träume von einer Welt, in der es keine Betreuten und keine Betreuer mehr geben wird, sondern nur noch Menschen. Ich will heute meinen Beitrag dazu leisten, dass dieser Traum irgendwann in Erfüllung geht.“

Laßt mich in Ruhe, versucht nicht, mir Eure Meinungen aufzuzwingen, mich zu erziehen. Ich will Eure – in vielen Fällen – eigennützige Form von „Hilfe“ nicht. 

Wie versteht ihr eure ureigene Verantwortung? 

Ihr seid keine vom Volk berufenen Oberlehrer, ihr seid einfach nur Menschen, die mit Sprache und Bildern arbeiten, so wie andere mit Nadel und Faden, mit Spritze und Skalpell, mit Hammer und Meissel. Die Menschen außerhalb Eurer Medienblase sind keine zu Betreuenden, sie sind einfach Menschen und ihr seid lediglich Dienstleistende in ihrem Leben, so wie ich es als Arzt auch bin.

Ich will nicht, dass ihr „Gutes“ an mir tut.

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