Durch’s dunkle Deutschland …

Der Urlaub geht zu Ende, von Rheinsberg, über Cottbus nach Thüringen. 
In Cottbus noch ein Besuch bei Freunden, sehr liebe, sehr strukturierte, früher sehr engagierte Menschen, jahrzehntelang in verantwortlicher Stellung, tätig. Stundenlang konnten wir früher über Gott und die Welt diskutieren. Heute resignieren sie und sprechen davon, dass „man die ganze Wahrheit zu den aktuellen Vorgängen im Land sowieso nicht erfährt“ und „ändern könne man schon überhaupt nichts“. Also verhalten sie sich still, gehen mittwochs zum Yoga und freitags zur Rentner-Laufgruppe. 

Da ich merke, dass ich nicht mehr so gern lange Strecken im vollen Verkehr fahre, es aber auch nicht vermeiden kann, entschließe ich mich wenigstens abends zeitig schlafen zu gehen.

Die Autobahn von Cottbus nach Thüringen führt zwangsläufig über Sachsen, Cottbus, Dresden, Chemnitz, Erfurt; eine gut ausgebaute Autobahn, nach 20 Jahren allerdings abschnittsweise schon wieder überholungsbedürftig. 

Die Fahrt zwingt mich durch das dunkelste Dunkeldeutschland. Nach den Ereignissen in Chemnitz überschlagen sich die deutschen Medien in Selbstkasteiung, finstere Szenarien werden entwickelt, den Chemnitzern wird attestiert komplett naziverseucht und für die rechte Demokratie unrettbar verloren zu sein. 

Besonders das frühere Sturmgeschütz der Demokratie tut sich hervor, um den Deutschen zu helfen den Blick wieder zeichensetzend nach vorn zu wenden und den braunen Sachsen den Kopf gerade zu rücken. In den Foren lese ich hunderte(!) Beiträge besorgter Wessis, denen Wonneschauer den Rücken herunter rennen, es den blöden Ossis wieder einmal so richtig zeigen zu können. Man fürchtet sich vor dem Ossi im Allgemeinen und dem Sachsen im Besonderen. Besorgte Eltern berichten, dass sie ihren Kids verbieten gen Ostland zu fahren, aus Angst diese ungeschützt den tagtäglichen Gewalttaten der Sachsen auszusetzen. Studium an einer OstUni? Kommt nicht in Frage, die Studierenden sind an Leib und Leben gefährdet. In dutzenden Beiträgen bringen besorgte Wessis zum Ausdruck, dass sie nicht einmal mit dem Zug, selbst nicht mit dem ICE durch Ostdeutschland fahren würden, der Gottseibeiuns in Gestalt des Ossis würde ihn womöglich zum Entgleisen bringen oder zumindest Hand an die WestReisenden anlegen.

Von Cottbus bis Dresden herrscht auf der Autobahn für einen Vormittag normaler Verkehr. Im Gebiet in und um Dresden mehrere Baustellen, dichter Verkehr. Aber es rollt.

Danach wieder ruhiger Verkehr bis wenige Kilometer vor Chemnitz, die Autobahn dicht gefüllt, aber die Blechlawine bewegt sich. Autos aus vieler Herren Länder rollen Stoßstange an Stoßstange, Deutsche, Ösis, Schweizer, Dänen, Franzosen, einige Luxemburger, dazwischen dieser und jener Engländer, zum größten Teil hochbepackt, rollen sie gen Westen. 

Dies kann nur die kollektive Flucht der internationalen Demokraten vor dem braunen Mob Sachsens sein und so verwundert es nicht, dass sich langsam auch der Standstreifen füllt mit Pferdewagen, hochbepackt mit Mobiliar, obenauf die Betten geschnallt, Frauen mit Handwagen, die Kinder hinter sich herziehend, alle flüchten sie gen Westen. Weg hier, nur weg, der braune Mob schlägt gnadenlos zu, zumindest droht Deportation.

Es fällt mir schwer, einen klaren Kopf zu behalten, ich überlege anzuhalten und die Fliehenden aufzunehmen, aber Anhalten ist in diesem unendlichen Strom nicht möglich. Als mein panischer Blick in dem Gewusel wenigstens einen Ruhepol sucht, fällt er auf die Gegenfahrbahn. Dort bietet sich das gleiche grauenhafte Bild, Auto an Auto, Stoßstange an Stoßstange rollt der Tross gen Osten, gen Sachsen, Deutsche, Ösis, Schweizer, Dänen, Franzosen, einige Luxemburger, dazwischen dieser und jener Engländer, zum größten Teil hochbepackt mit Urlaubsutensilien. Nur die Pferdewagen mit den kleinen, müden, auf der Flucht erschöpften Pferden, auch die Mütter mit ihren Handwagen fehlen.

Schwankend zwischen Furcht und Erleichterung merke ich, wie mir der Schweiß über Gesicht und Oberkörper rinnt und fühle mich einer Panikattacke noch näher. Ich möchte die Fenster herunter lassen und dem Gegenverkehr zurufen: ‚Haltet inne, dreht um, dort hinten ist doch Dunkeldeutschland, Euch droht Gefahr auf all Euren Wegen.‘ 
Meine Fenster lassen sich nicht öffnen, meine wilden Gesten nehmen die Armen auf der Gegenfahrbahn nicht wahr. Als ich vor Verzweiflung endgültig in hilfloses Weinen ausbrechen will … wache ich auf.

Eine Stunde später rolle ich gen Westen, vorbei an Dresden, Chemnitz wird am Rande gestreift, mäßiger Verkehr bis Thüringen. Zweimal muss ich notgedrungen Kontakt mit Sachsen an Raststätten aufnehmen, die Menschen  sind freundlich, scherzen mit unserem Enkel, keiner zeigt den Hitler-Gruß, keiner trägt das Goldene Parteiabzeichen.  

Und, gefühlt fahren mehr Autos mit fremden und internationalen Kennzeichen Richtung Sachsen, als umgekehrt.

Ich frage mich, woher das frühere Sturmgeschütz der Demokratie, heute SPON, seine Informationen bezieht? Oder bin ich auf der falschen Autobahn unterwegs gewesen?

Sei es, wie es sei, passiert ist mir in Dunkeldeutschland jedenfalls nichts und an Leib und Seele unversehrt zu Hause angekommen bin ich auch. 

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