Begegnungen …

Der Urlaub scheint auch die Zeit unerwarteter Begegnungen. 

Obwohl, das stimmt so nicht. Im Urlaub nehme ich mir mehr Zeit Menschen zu begegnen, als im „normalen Leben“. Oder, im Urlaub fällt es mir nach wie vor schwer „nichts zu tun“ und so suche ich mir eine „sinnvolle Aufgabe“. Ich pflege häufiger Kontakt mit Menschen. 

Es dauert zugegeben ein Weile, bis mir ungezwungener Kontakt möglich ist, bewege ich mich doch den Rest des Jahres, und das seit Jahrzehnten, meist auf „professioneller Ebene“, wenn ich es richtig betrachte, meine Art Eigenschutz.

Ich habe es nicht so gern, wenn mir Menschen ungefragt „auf die Pelle“ rücken, also tue ich es auch bei Anderen möglichst nicht. Speziell körperliche Nähe konnte und kann ich nur mit sehr wenigen Menschen ertragen, meine persönliche Grenze scheint da sehr rigide zu sein.
Ganz unangenehm sind mir Menschen, die im Gespräch immer näher kommen, ohne dass ich dies will.

Die typische Situation: Man steht sich gegenüber und die „Gegenseite“ kommt körperlich immer näher an mich heran, spricht eindringlich auf mich ein, da reicht gelegentlich schon eine distanzverkürzende Handbewegung in meine Richtung, um mich unwohl zu fühlen. Jede Verletzung meiner individuellen Grenze löst primär einen Fluchtwunsch aus, ich trete immer weiter zurück. Problematisch wird es, wenn der Gegenüber dann weiter hinterher kommt und die Distanz wieder verkürzt, irgendwann kann ich nicht mehr ausweichen, weil vielleicht eine Wand hinter mir ist. In diesem Moment schlägt mein Fluchtwunsch in gefühlte Aggression um und ich schaffe mir dann schon einmal Raum, indem ich dem Anderen mit der Hand Abstand aufzwinge. Ich will und muss für mein Wohlbefinden meine Grenzen wahren. 
Diesen Distanzwunsch kann ich im entspannten Zustand schon eher etwas vernachlässigen, wobei mir auch da körperliche Grenzüberschreitung ausgesprochen unangenehm ist. 

An der Rezeption des Hotels stehen zwei recht große Koffer, und eine Tasche mit Equipment, ein voluminöser Fotoapparat, Laptop, alles sichtbar vorhanden. Eine älteres Paar, so um die 70, diskutiert mit der Concierge, er benutzt tatsächlich diesen Ausdruck, es geht wohl um den Ausblick des zu beziehenden Zimmers, der ohne es überhaupt besichtigt zu haben, zumindest ihm nicht zu passen scheint. Dem Sprachduktus nach ein Schwabe. Seine Stimme wird von Satz zu Satz schriller, mal drängend, mal bettelnd, die Dame an der Rezeption versucht die Ruhe zu bewahren, „Nein ein Zimmer mit Balkon zum See ist leider nicht frei.“
Der Frau ist es unangenehm, er versucht noch einige Sätze lang zu feilschen, lehnt sich auf und über den Tresen, Die Rezeptionistin rollt auf ihrem Bürostuhl ein Stück zurück – stellt die Distanz wieder her. Ich warte, will auschecken, werde unruhig, endlich gibt er auf.
Er übernimmt den Zimmerschlüssel, schnappt seine Tasche mit dem wertvollen Equipment und dreht sich zum Fahrstuhl. Bevor er den Knopf drückt, dreht er sich zu seiner Begleiterin um, deutet mit dem Finger auf die beiden Koffer, die die ältere Dame aufnimmt und mühsam an den Griffen hinter sich herzieht, er drückt den Knopf um den Fahrstuhl zu rufen. 
Mich überkommt das Gefühl mich für den Herrn fremdschämen zu müssen
Die Dame an der Rezeption blickt nach vorn auf ihren Bildschirm und schüttelt imaginär ihren Kopf. Meinen wahrscheinlich spöttischen Blick hinter dem Paar her, quittiert sie wortlos mit einem kaum sichtbaren Schulterzucken. 

Abends eine ganz andere, angenehme Begegnung. 
An einer Bootsanlegestelle des Rheinsberger Sees, die ich zufälligerweise zu dieser Zeit tangiere, legt ein Kanu an, voll beladen, auch mit Equipment, mit eher alltäglichen Dingen, die durchaus den Eindruck von „gebraucht“ vermitteln, für den „draussenstehenden Preussen“ in mir sieht es eher wüst aus. 

Aus dem Boot steigt ein Mensch, ein junger Mann, originell, funktional, aber nicht „stylisch“ gekleidet. Es ist ihm erkennbar nicht wichtig aufzufallen, kein Blick nach Publikum, selbst scheint er sich genug zu sein.
Er kauert sich an den Sandstrand neben sein Boot, bereitet sich eine handgedrehte Zigarette, die ich fälschlicherweise als Joint zu identifizieren glaube. Ich habe das Bedürfnis nach einem Kontakt und wir kommen in ein kurzes Gespräch. Er heisst Michael, kommt primär aus dem Umfeld meiner Heimatstadt, lebt jetzt in Bayern und macht „irgendetwas mit Medien“. In den vergangenen 8 Tagen war er rund 180 Kilometer allein mit seinem Kanu in Brandenburg auf dem Wasser unterwegs. 

Wir reden über dies und jenes, aus meiner Sicht völlig entspannt, obwohl reines Parlieren sonst nicht so mein Ding ist. Er holt nebenher sein Kanu aus dem Wasser, belädt seinen auf dem Zeltplatz wartenden Transporter, um am nächsten Tag wieder gen München zu rollen. 
Möglicherweise wird er dann wieder in einen Anzug schlüpfen oder als Nerd unterwegs sein, ich weiß es nicht. Nach der Frisur tippe ich eher auf Nerd? Vielleicht werde ich ja dazu noch aufklärt?

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