Zeichen setzen …

In den letzten Jahren haben sich in unsere, an sich schöne, zugegeben schwierige Sprache, viele neue Begriffe eingeschlichen, werden aktiv hineingetragen, auch bewußt aufoktroyiert.
Ich meine damit nicht das, was wir früher in der Schule als Fremd- oder Lehnwörter zu bezeichnen gelernt haben. So lange ist es noch nicht her, dass „Hüter der deutschen Sprache“ versuchten gegen die Flut von Anglismen anzustinken, sie haben es inzwischen aufgegeben. Zuweilen ist es eben so, dass die Praxis der Theorie vorauseilt, dass die vielbeschworene Historie schlichtweg gegen die tatsächliche Entwicklung keine Chance hat. Zumindest orientiert sich die „Gegenwart“ erkennbar selten an der Geschichte, auch wenn die Geschichte – ob wir es wollen oder nicht – immer auf das Sein einwirkt.

Aber wer würde sich schon heute noch gegen das Googeln empören? Kaum jemand würde seine Empörung verstehen, geschweige denn goutieren. 

Eine dieser neuen Wort-, oder besser Sinnschöpfungen, liegt in dem Begriff „Zeichen setzen“, der inflationär immer und überall auftaucht.

Wie man bei uns sagt, ein alles und jeder setzt neuerdings Zeichen.

An jeder Straße werden „Zeichen gesetzt“, für oder gegen etwas. Die nennt man dann im weiteren Sinn Verkehrszeichen. Gelegentlich gibt es immer wieder Initiativen, um die Zahl der Verkehrszeichen auf das notwendige Minimum zu reduzieren, wobei erfahrungsgemäß das Minimum immer größer wird. 

Unsere Hündin, zum Glück nur wenn sie sich in freier Natur bewegt, und die Katzen, die tun es allerdings auch im Haus, setzen ihre Zeichen, um damit ihr Revier zu markieren. Es stinkt für meine Nase furchtbar. 

Wenn ich in meinem Garten etwas pflanze oder sähe, setze ich meist ein Zeichen, weil ich sonst spätestens nach 2 Tagen nicht mehr weiß, was ich dort gemacht habe. Das Zeichen ist also notwendig, falls Ginkgo allein nicht mehr ausreicht. Handgeschrieben mit einem Edding auf irgendwelche Plasteabfälle, meist hält die Schrift nicht lange und ich bin dann wieder auf mein Gedächtnis angewiesen. Die Frage wäre dabei nur, wer gibt eher auf, der Edding oder mein Gedächtnis? Ich mag nicht darüber nachdenken, ich müßte doch tatsächlich mal ein Zeichen setzen, um dies zu eruieren.

Der Fuchs setzt seine Zeichen zur Markierung des Reviers und auch um seinen Gemütszustand auszudrücken. Fühlt er sich wohl setzt er ein Sekret aus einer Drüse an der Schwanzoberseite ab, welches intensiv nach Veilchen riechen soll. Zum Glück haben wir Menschen eine solche Drüse nicht. Man stelle sich nur vor, in einer Konzerthalle wären meinetwegen 5000 Besucher zu Gast bei Helene Fischer – ja, das gibt es – und da sich alle wohlfühlen und eine solche Drüse ihr eigen nennen … ein betörender Duft nach Veilchen. Der parfümgeschwängerte Odem der Moskauer U-Bahn zur Rushhour wäre dagegen geruchlos. Andererseits wäre es ein Zeichen, dass niemand negieren, geschweige überriechen könnte. Man würde gegen Gleichgültigkeit im wahrsten Sinne anstinken können und müßte sich nicht nur auf die neuerdings überwiegend rein verbalen Zeichen reduzieren lassen.

Ein alles und ein jeder setzt heute Zeichen, die Linke gegen rechts, der Weltbürger gegen den Wutbürger, Pegida gegen die Islamisierung des Abendlandes, der Bärtige gegen den Rasierten, #metoo gegen die echten Kerle, Internationalisten gegen Nationalisten, also ein alles und ein jeder setzt Zeichen.

Ganz ehrlich, ich finde dieses ganze Gedöns der Zeichensetzung, unabhängig von welcher Seite und von welcher Person es kommt, nur noch albern. In meinem Leben haben ich schon so viele solcher Aktionen erlebt, dass ich mir sicher bin, „keines der gesetzten Zeichen“ wird dauerhaft irgendetwas bewirken. 

Der Veilchengeruch der Schwanzdrüse des Fuchses ist auf jeden Fall, wie man heute so sagt, nachhaltiger.

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