Komische Menschen in lustigen Klamotten …

Vor wenigen Jahren begegnete ich in „den Weiten“ Brandenburgs vielen Wanderern, Läufern, Fußgängern, wie man will. Also einfach, Menschen auf zwei Beinen. Bei einer zufälligen Begegnung grüßte man sich, wechselte vielleicht ein paar unverfängliche Worte, ging weiter, meist mit einem guten Gefühl, auch wenn die Begegnungen nie nachhaltig waren.

Das Bild hat sich völlig gewandelt, Fußgänger gibt es kaum noch. Jetzt sind meist Menschen in seltsamen Kostümen auf Gebilden mit 2 und mehr Rädern unterwegs, die mit absoluter Selbstverständlichkeit alles vor sich hinwegfegen.

Der Sommer, speziell der Urlaub, ist des Deutschen liebste Zeit der Bewegung, wohlgemerkt der tatsächlichen, nicht der imaginierten.
Eine dominierende Rolle spielt dabei das ….? Richtig, das Fahrrad!

Das Fahrrad hat die Welt und das soziale Zusammenleben grundlegend verändert. Sieht man beispielsweise dieses Zeichen, bedeutet es nicht, dass Radfahrer auf Fußgänger achten sollen, sondern beinhaltet die Anweisung an die Fußläufigen sich schnellstens und ohne falsche Rücksicht auf etwaige Kollateralschäden in Sicherheit zu bringen, sobald sich ein komisch gekleideter Mensch auf einem Bike nähert. Da dies in mindestens 90% der Fälle von hinten passiert, empfiehlt es sich für den profanen Fußgänger besser rückwärts zu laufen, um nicht die Übersicht zu verlieren. Sonst kann es fix passieren, dass man die Lenkstange in den Rücken und die Bemerkung „Der will Dich bloß nicht hören, Schatz,“, um die Ohren gehauen bekommt. Und dies von einem großen, dicken Menschen in einem knallroten Gummischlauch, der seine kleine, zarte Partnerin in eben diesem Schlauch, nur schmaler, vor sich her treibt
In meiner Jugend war ein Fahrrad recht überschaubar aufgebaut, zwei Räder mit meist verrosteten Speichen, ein Rahmen, in der Regel gebraucht, ein Lenker, zwei Ritzel, eins vorn, eins hinten, eine Kette, und wenn man großes Glück hatte zwei funktionierende Bremsen, auch wieder eine für vorn und eine für hinten, die vorn funktionierte nur sehr selten verlässlich, wir brauchten sie auch nicht. Die Reifen waren abgefahren, die Schläuche geflickt. Lampe, Dynamo und Rücklicht waren durchaus fakultativ und eher Empfehlung als ein Muss, im Gegenteil ein verkehrssicheres Fahrrad „mit Allem“ galt als uncool.
Gefahren wurde in der Alltagskleidung, Hose oder Rock. Die Mädels rafften den Rock hoch und steckten ihn vorn irgendwie in den Bund, damit er sich nicht in den Speichen verfing. Anfangs interessierte es uns nicht, so um die Pubertät hofften wir, sie würden das Ganze doch noch ein Stück höher …
Wir Jungs hatten mit Sicherheit an den ersten Tagen, nachdem das Fahrrad aus dem Winterschlaf geholt worden war, „den Wolf“. Den Wolf zu haben bedeutete nicht selten höllische Schmerzen, waren doch das Gesäß und die in der Nähe liegenden empfindlichen maskulinen Teile durch das Reiben am harten Sattel aufgescheuert und rot wie ein Pavianarsch. Behelfsmäßig lernten wir zur Entlastung „des Schritts“ ein Fensterleder in die Turnhose zu nähen,  dann wurden wir an anderer Stelle rot, aber wenigstens nicht mehr „da“.
Später verloren Fahrräder ihren Reiz, man stieg um auf Moped, später auf Kinderwagen.  
Heute tummeln sich wieder Jung und Alt gleichermaßen bewegungsfreudig und umweltbewußt fernab der Heimat mit ihren Fahrrädern. Kinder neben Alten … und alle gleich cool. 

Für den designorientierten Menschen sind Bikertreffpunkte interessant, primär wirken sie lustig, mit zunehmender Reife der Delinquenten dann kafkaesk. Und je mehr der Altersdurchschnitt ansteigt, erwarte ich das irgendwann ein Regisseur mit wallendem langen Haar um die Ecke gestürmt kommt, erbost in die Hände klatscht und „Schnitt“ ruft. Es passiert nicht.

Aber übrigens, wieso spreche ich profan von „Fahrrädern“, es handelt sich um High-tech-Instrumente ungeahnten Ausmaßes. Dazu kommt ein interessantes Phänomen, das Equipment wird wichtiger als die eigentliche Sache, nämlich das Fortbewegen mit dem Fahrrad von A) nach B).
Fahrradfahren im Urlaub ist umweltbewußt. Wie kommt aber das Gerät zum Urlaubsort? Nicht durch menschliche Muskelkraft oder die Kraft des hochmodernen, preiswerten chinesischen E-Bikes, nein. Es reist auf dem Rücken des Familien-SUV mit dem cw-Wert einer Schrankwand.

Hund im Korbwagen

Lassen wir das leidige Thema, beschäftigen wir uns lieber mit dem notwendigen Equipment.

Alle paar Minuten begegnen mir komische Menschen in lustigen Klamotten.
Jung und alt sind im Fahrradurlaub völlig von der Rolle, wechseln die Hüllen und lassen jegliche Contenance vermissen.

Das Drama beginnt am Kopf, der bekrönt wird von einem Helm. Nahezu regelhaft ein hässliches, quietschbuntes Plastikteil, aus dem Winter-Sonderangebot des regionalen Discounters, unter dem Kinn mit einem komplizierten Verschlusssystem halbwegs befestigt. Und so nicht jeder Mensch ein Hutgesicht hat, hat auch nicht ein jeder ein Helmgesicht. Das kosmetische Ergebnis ist verheerend, aber wen stört es, wenn alle blöd aussehen? Letztens begegneten mir zwei Radfahrer, die beim Absteigen noch dazu einen Mundschutz, analog dem des Boxers, herausnahmen. Was sie eigentlich vorhatten, haben sie mir nicht verraten. Wohin sie den Mundschutz in ihrer Pause verstauten, habe ich leider nicht beobachten können.

Noch interessanter sind die farbenfrohen Halb- und Ganzkörperkondome, in welche sich Dicke und Dünne zwängen. Es scheint dabei nur eine Größe zu geben, entweder schlabbern sie am Mann oder sie sind zu eng. 

Fest umschließen sie den Body, zeichnen absolut verläßlich jedes Speckröllchen und jedes Fetthügelchen auf den Millimeter genau nach. Designer haben mit Sicherheit ihre helle Freude an dem, was der menschliche Körper an schöner Formenvielfalt gebiert. Obwohl, Oma Anna selig pflegte immer zu sagen: ‚Schönheit liegt nur im Auge des Betrachters.‘ 

Im Oberkörper buhlen  & ♀ & Diverse um die Größe der Brust, wobei viele ♂ ihre ♀ heute vielfach problemlos ausstechen, da sie seltsamerweise der Schwerkraft besser trotzen. Wie es bei Diversen ist, weiss ich nicht.

Unter der gedachten, nicht mehr sichtbaren Gürtellinie, stiebelt es bei den  aus dem Schritt, bei den ♀ zieht es hinein. Wobei die  ggf. mit einer Art Penis-BH mangelnde Größe nach oben korrigieren. Für die ♀ habe ich etwas Vergleichbares noch nicht gesehen. Was es so alles gibt.

Radfahren forciert die körperliche Schönheit des Menschen, die ganze körperliche Pracht wird sichtbar gemacht – und niemand scheint es zu stören.


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