Die Allee der krummen Bäume …

Eigentlich bin ich weder abergläubisch, noch sehr schreckhaft. Manchmal etwas vorsichtig, zugegeben, etwa bei kaltem Wasser, aber von esoterischen, spirituellen, übersinnlichen Empfindungen oder Glaubensformen bin ich weit entfernt.

Als Kind habe ich zuweilen abends im Dunklen unter das Bett geschaut, bevor ich schlafen ging. Friedhöfe dagegen haben auf mich eine beruhigende Wirkung, auch bei dusterem Licht. Ich weiss nicht, wieviele Stunden ich als jüngerer Mensch auf Friedhöfen verbracht habe, auf jeden Fall waren es viele. 

Einer meiner Sehnsuchtsorte war und ist ein alter Friedhof in Schönebeck, der Gertraudenfriedhof, den ich einmal entdeckt habe, als es mir gesundheitlich absolut dreckig ging. Ich hatte mich nach einer Operation ärztlicher Kontrolle entzogen, war – in makaberer Weise aus der Klinik in ein Hotel „Am Kurpark“ – geflüchtet, hielt es dort vor Schmerzen nicht aus und fand beim ziellosen Herumlaufen diesen Friedhof.

Unmittelbar an der Bundesstraße gelegen und nur durch eine etwa mannshohe Mauer getrennt betritt man den Friedhof durch ein altes schmiedeeisernes Tor, an welchem ein einfaches Schild darauf hinweist, dass er täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet ist. Regelmäßig muss ich schmunzeln, wenn ich von den Öffnungszeiten eines Friedhofs lese.
Der Verkehrslärm hinter der Mauer findet praktisch keinen Einlass, es ist still, sobald das Tor passiert ist.

Seit Jahren schon findet eine Neubelegung nicht mehr statt, er ist aber täglich geöffnet. Keines der Gräber wird noch gepflegt, die Natur in Form von Efeu hat die alten Grabstätten und Grabsteine mit wenigen Ausnahmen überwuchert und trotzdem hat der Ort ein ganz besonderes Flair. Die alten, sehr hohen Bäume dämpfen das Sonnenlicht, welches aber trotzdem bis zum Boden durchkommt und auf dem satten Grün hier und dort helle Inseln bildet.

Obwohl die Gräber nicht mehr gepflegt werden, muten sie nicht aufgegeben an.  Der übliche kitschige Totenkult eines Friedhofs fehlt und die Natur nimmt sich das eingezäunte Stück einfach zurück. Pflanzen und teils schon Bäume auf den noch zu erkennenden Grabstätten, langes Efeu auf den Grabsteinen, dabei atmet der Ort nichts Morbides. Im Gegenteil, er strahlt Ruhe und durch seine geschlossene Natur auch Zuversicht aus. An einer Seite geht er nach einer kleinen Hecke endgültig in eine Gartenanlage über, Bänke laden dort zu einer Pause ein.

In meiner Jugend habe ich ähnliche Erfahrungen auf dem früheren Erfurter Südfriedhof gemacht, der allerdings auch schon 1978 aufgegeben worden ist und „modernen Dingen“ ohne Seele weichen mußte.

Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen und ich vermute hinter jeder Zeitungsseite, HEUTE-Sendung oder politischen Talkrunde Ungemach, aber nach wie vor nicht hinter dem nächsten Baum im Halbdunklen.
Obwohl, es war doch eine unheimliche Erfahrung.

Ein Charakteristikum von Brandenburg ist …. die unendliche Mischung aus Sand und Kiefern, obwohl heute gibt es aufgeforstet auch schon wieder Mischwälder.

Ein langer breiter Waldweg, glattgefahren durch Fahrzeuge aller Art die hier durch den Wald brettern. Vom Harvester bis zum Trabant-Kübel darf man auf alles hoffen. Der glatte Sandweg läßt Geschwindigkeiten zu, bei denen man sich in Thüringen die Achsen des schönsten Geländewagens spätestens nach 200 Meter brechen würde. Das einzige Problem besteht darin, dass man sich als Fußgänger flugs in Sicherheit bringen muss und trotzdem in einer dicken Staubwolke nach Orientierung sucht.
Die Wege sind oft über längere Strecken schnurgerade. 

Als Fußgänger erinnert man sich schnell an Lenin’s Schrift, „Ein Schritt vorwärts, zwei zurück“, nur dass man hier die Wertung umdrehen muss in „Zwei Schritt vorwärts, einer zurück“, weil man in dem tiefen, feinen Sand bei jedem Schritt ein Stück zurück rutscht. Lenins’s Schrift zielte damals übrigens auf das Dilemma der Sozialdemokratie, „Ein Schritt vorwärts, zwei zurück“, komisch, dass mir das gerade jetzt einfällt. Aber sei es, wie es sei.
Ein sehr gerader Weg durch den Wald, die Bäume rechts und links ungeordnet, ziemlich viel Licht, sodass ich weit sehen kann. Ein kleiner Anstieg, kaum mannshoch, ist zu überwinden, der mir hier schon wie ein Ausflug in die Alpen  oder zumindest die Mittelgebirge anmutet, danach fällt der Weg über ungefähr 200 Meter leicht ab. 
Ich bekomme unversehens ein mulmiges Gefühl und merke auf den ersten Moment nicht, weshalb.

Nach dem vorher lockeren Baumbewuchs rücken die Kiefern wie eine Wand von beiden Seiten an den Weg heran, in etwa Mannshöhe verzweigen Sie sich in obskure, knollige Gebilde, aus denen eine Vielzahl von Luftwurzeln heraus kommt und eine schier undurchdringlich Hülle um die und zwischen den Stämmen bilden.

Obwohl ich gepflegte alte Parklandschaften genauso liebe, wie naturbelassene Wälder, solche seltsamen Gebilde habe ich selbst in den dichten Wäldern Sibiriens nicht gesehen.

Ich habe das Gefühl ich müßte in dem Gewirr aus Stämmen, Wurzeln und Knollen Gesichter von Hexen oder Figuren von verwachsenen Waldschraten erkennen, es wird mir unheimlich.

Ich beschleunige meinen Schritt und fühle mich erst leichter, als ich die Allee passiert habe, nicht ohne mich mehrmals umgesehen zu haben. Niemand springt hinter dem Baum hervor, um zu singen, „Oh wie gut, dass niemand weiss..“  Auf jeden Fall muss das irgendwo hier, in der Nähe eines winzigen Weilers namens Neumühle gewesen sein.

Die Allee der krummen Bäume, es wundert mich nicht, als ich nachts davon träume.

Nun ja, manchmal ist sogar HEUTE mit Claus Kleber das kleinere Übel, zumindest habe ich noch nie von ihm geträumt.

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