Rumgedreht?
Die „Rechten“ und die „Linken“ – zwei Seiten einer Medaille?
Unser jüngster Enkel Liam ist ein Freund der Beyblade’s, das sind diese japanischen Kreisel, die sich, nachdem man sie gestartet hat, rasend schnell drehen, gelegentlich hier und dort anecken, um dann mehr oder weniger zufällig auf dieser oder jener Seite wieder zum Stehen oder Liegen zu kommen. Sobald sie gestartet sind, hat der Akteur keinen Einfluss mehr auf den weiteren Verlauf. Er mag zwar physikalisch zu begründen sein, de facto kann man aber nicht mehr eingreifen ohne das dynamische System an sich zu zerstören, es kommt, wie es kommt.
Ich weiss, dass ich mich auf sehr dünnes Eis begebe, noch dazu, wenn ich dieses heisse Eisen („Rechts und Links“) anfasse. Mit einem heissen Eisen auf bereits dünnem Eis, das kann vom Ansatz her eigentlich nur schiefgehen.
Es sei wie es sei, ich sage es gleich: Es ist mir egal.
Wer meinen Blog schon einige Zeit verfolgt, weiss, dass mein bewusst soziales Leben bereits am ersten Schultag mit einer ‚Katastrophe‘ begann, als mich die Klassenlehrerin, deren vollen Namen ich nicht preisgebe, da Teile der nachgeborenen Familie in dem Ort noch ansässig sind, vor den anderen Kindern gnadenlos bloss stellte.
Ich ‚durfte‘ nach vorn kommen, mich mit dem Gesicht zu den beiden im Raum befindlichen Klassen aufstellen und sie stellte mich vor als den „Enkel des Nazis“. An ihr zufrieden lächelndes Gesicht, das ich seither ’still leidend‘ hasse (ich wähle bewusst den Präsens), erinnere ich mich noch heute, wie an die Handbewegung, mit der sie auf mich zeigte. Ich weiss nicht, ob mich meine Erinnerung trügt, zumindest glaube ich teils hämische, teils teilnahmslose Kindergesichter mir gegenüber zu sehen, wenn ich daran zurückdenke. Und dies tue ich oft, zuweilen träume ich davon. Ich hoffe, dass es real vielleicht nicht so schlimm war, wie es sich in meinen Vorstellungen verfestigt hat. An ein Gesicht, das zumindest Mitleid ausdrückte, erinnere ich mich nicht. Vielleicht tue ich damit aber auch meinen Klassen-‚Kameraden‘ unrecht? Ich hoffe es.
Als sie mir gönnerhaft zeigte, dass ich mich wieder setzen konnte, ging ich weinend zu meiner Bank und ich höre noch heute die Stimme, als hinter mir gezischt wurde: „Geh doch raus, wenn du hier flennen willst“.
Es wurde – unbewusst – ein Motto meines Lebens: „Geh raus, bevor du flennen musst.“
Sie, Frau X., hatte ihre ‚Klassenpflicht‘ erfüllt, ‚Haltung gegen Rechts‘ gezeigt, Position‘ bezogen. Fein war sie raus, sie hatte es ‚den Nazis‘ endlich einmal so richtig gezeigt, auch wenn es nur der nachkriegsgeborene Enkel war.
An meinen Großvater kam sie nicht ran, der lag, nachdem er von 1945 bis 1948 für seine NS-Vergangenheit im „Sowjetischen Sonderlager“ Buchenwald, dem früheren KZ-Buchenwald, schutzlos gebüsst und – entgegen tausenden Anderen – überlebt hatte, jahrelang mit schweren Depressionen zu Lasten meiner Großmutter Anna selig im Bett. Jahrelang hatte er bis zu seinem Tod keine sozialen Kontakte mehr im Dorf.
Glaubhaft überliefert ist mir, dass er gerade für die Großbauern des Ortes, die ihm bis Kriegsende, nämlich als er „noch-jemand-war“, schier in den Arsch gekrochen waren, mit dem Tag des Einzugs der Amerikaner in das kleine Dorf zur ‚persona non grata‘ wurde.
Es fiel ihnen leicht mit ihren noch schmutzigen Fingern, etwa wegen der Beschäftigung von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen auf ihren einträglichen Höfen, auf den ‚Nazi‘ zu zeigen. Noch heute kann ich die Namen der Familien aufzählen, da sie danach sowohl zu DDR-Zeit, als auch nach 1989 die ‚Honorationen‘ des Ortes blieben. Ihren Werdegang habe ich aufmerksam verfolgt, teilweise dokumentiert. Ich weiss noch nicht, was passieren muss, damit ich es veröffentliche. Lust hätte ich allemal dazu und sei es nur wegen eines flüchtigen Gefühls der Genugtuung.
Erst sehr viel später machte ich mir die Mühe mich über die familiären Wurzeln von Frau X. zu informieren und siehe da, auch sie waren weit davon entfernt gewesen dem Widerstand gegen die Nazis zu frönen. Sie hatten sich vorsichtiger verhalten, als sie ’still‘ mit den Wölfen heulten und sich nicht so augenfällig in der Öffentlichkeit prädestiniert.
Ich erinnere noch gut einen ‚geflügelten Spruch‘ der damaligen Zeit: „Sei vorsichtig, du weisst nie, ob es nicht doch wieder einmal andersherum kommt.“
Ich vermute, für sie, Frau X., war jedenfalls die Welt nach meiner sozialen Hinrichtung in Ordnung. Ob ihre Aktion gegen mich, ‚getragen von einem klaren parteilichen Klassenstandpunkt‘, überregionales Echo fand weiss ich nicht. Ich war nichts als ein kleiner, verschüchterter Junge von 6 Jahren ohne eigene Lebenserfahrung, ohne jegliche Mechanismen mit einer solchen Demütigung umzugehen. Zu Hause in der Familie fand ich sie nicht, meine Eltern ( beide zu Kriegsende noch Jugendliche) standen unter dem gleichen Druck. Erst später verstand ich, dass dies die Ursache dafür war, dass sie von mir ‚bedingungslose Anpassung‘ verlangten. „Es ist eben so, wie es ist.“
Ich gehe sicher nicht fehl, dass ich auch auf Grund dieser Erfahrung in meinem Leben nur wenige echte Freundschaften geschlossen habe, die Menschen außerhalb meiner Familie, denen ich vorbehaltlos vertraute und vertraue übersteigen kaum die Zahl meiner Finger einer Hand.
Ich habe dies so explizit geschildert, um zu zeigen, warum ich so „allergisch“ und ja auch aggressiv auf das Geschwätz von „Rechts und Links“ reagiere. Warum mir die Menschen, die laufend davon reden Haltung (auf der Seite der jeweils Stärkeren) zu zeigen, die behaupten auf der Seite der Guten, der Wahrheit zu stehen, die gegenteilige Meinungen und sei es nur das Fehlen unbedingter Zustimmung zur eigenen Sichtweise als ‚falsch‘, als ‚rechts‘, als ‚Nazis‘, als ‚Kommunisten‘, ‚links‘ oder gar „linksgrün versifft“ deklarieren, warum mir diese Menschen so suspekt sind.
Jegliche Form von „Alleinvertretungsanspruch“ ist mir verdächtig, aber auch jede Form von ‚Glauben‘. Ich nehme hier explizit den religiösen Glauben aus, das kann ich nicht beurteilen.
Das Einzige, was ich für mich als Lebensmaxime dauerhaft akzeptieren kann, ist das Verstehen, selbst zu verstehen. Jemand, der von mir fordert, ich müsse gefälligst das glauben, was er sagt oder lebt, fördert lediglich mein Misstrauen und mein unbedingtes Bedürfnis nach Distanz. Was mich, das gestehe ich, nicht immer davor bewahrt hat, auch dieses oder jenes mal mit den Wölfen zu heulen oder mich wenigstens nicht gegen sie zu wehren. Ich rechne mir ‚aufbauend‘ zugute, dass diese Phasen immer ’nur‘ temporär blieben. Auf jeden Fall hatten sie immer etwas mit meinem jeweiligen Erkenntnisstand zu tun.
Zu meinem Misstrauen gehört u.a. auch die heute gängige Floskel, „man müsse darauf achten nicht etwa von der falschen Seite Beifall zu bekommen“. Ich zumindest weiss nach 70 Jahren immer noch nicht, was im Leben die „richtige“ und was die „falsche“ Seite ist. Und ich bewundere den Mut oder die Selbstgefälligkeit derer, die vorgeben es zu wissen.
Wobei, ich muss zugeben, ich habe im Vergleich zu den Generationen ’nach mir‘ einen unschätzbaren Vorteil: Ich habe Vieles – mit wechselnden Vorzeichen – schon mindestens einmal erlebt. Deshalb sollte ich nicht den Fehler machen „zu richten“, seht es mir bitte nach falls es doch passiert oder wenn ihr es zumindest so empfindet.
Mir ist es wichtig morgens in den Spiegel zu schauen und als ‚einzige‘ Kritik festzustellen, dass ich wieder einmal ein paar Pfund abnehmen könnte. Was ‚man‘ über mich denkt, ist mir inzwischen so etwas von egal. Und ich hoffe, dass durch mein Leben niemand unmittelbar und dauerhaft zu Schaden gekommen sein möge, zumindest wenn er sich mir gegenüber nicht aggressiv verhalten hat. Wenn es doch passiert sein sollte, tut es mir aufrichtig leid, ändern kann ich es – gegen Ende meines Lebens – nicht mehr.
Ein zu dünnes Eis, auf das ich das heisse Eisen gelegt habe?






