Tägliches einerlei …

Die Wespe ist am Stern auf meiner Kühlerhaube hängengeblieben und, obwohl ich sonst jeder Kröte auf der Landstraße ausweiche, spüre ich ein leichtes Gefühl der Schadenfreude – recht geschieht ihr. Trotzdem geht mein Blick immer wieder unbehaglich mit einem leichten Schuldgefühl zu dem im Fahrtwind flatternden Insekt.

„Guten Morgen, allgemeine Verkehrskontrolle, Fahrzeugpapiere und Führerschein bitte,“ der Morgen auf dem Weg zur Arbeit geht gut los. 
Die Papiere finde ich – eher durch Zufall – in meinem Jacket, das Warndreieck hängt zum Glück im Kofferraumdeckel, selbst der Verbandkasten ist nicht verloren gegangen.
Ein routinierter Blick der Polizistin, ein breites, zufriedenes Grinsen findet auf ihrem hübschen Gesicht Platz, „Der ist abgelaufen.“ Sie klopft mit dem Zeigefinger auf den Kasten, „Der ist abgelaufen.“ Das mag stimmen, das Auto ist vier Jahre alt und ich hatte diesen Kasten noch nie in der Hand.
Biologisch gesehen könnte die junge Polizistin meine Enkelin sein, trotzdem macht sich ein Gefühl von Unbehagen in mir breit, kleine Schweißtropfen an den Schläfen, leichtes Zittern der Hände, ich nehme ihr den Kasten aus der Hand, er ist tatsächlich „überlagert“, was das bei einem Verbandkasten auch immer heißen soll.
Ein Gedankenblitz, Rettung naht, mein Notfallkoffer, immer gut bestückt! Ich bin gerettet!
„Ich habe doch immer meinen Notfallkoffer dabei, ich bin Arzt.“ Diesmal klopfe ich  mit dem Zeigefinder auf den Alu-Koffer.
Das Lächeln auf dem Gesicht wird noch breiter: „Und was soll das ändern?“. 
Ich spüre einen vollen Schlag in die Magengrube, das Unwohlsein ist wieder da, es kribbelt auf dem Rücken, bevor ich gänzlich zu Boden gehe, will ich den Koffer öffnen, um ihr den Inhalt bis hin zum Intubationsbesteck und dem Beatmungsbeutel zu demonstrieren.
Sie winkt generös ab, „Das brauchen Sie mir nicht zeigen“. Wieder das Grinsen, „Auch sie“, sie betont das Sie, „auch sie müssen einen gültigen Verbandkasten nach DIN 13164 mitführen, sie sind dazu verpflichtet. Und der hier“, sie klopft wieder auf den Kasten, „der ist abgelaufen.“ 
Peng! Ich gebe es auf.
„Ich verwarne sie mit 5 €,“ die ich ihr gern gebe, nur um wegzukommen. Die ganze Sache ist mir sehr peinlich, zumal immer wieder Leute vorbeigehen und neugierig zu mir blicken, zumindest scheint es mir so.
Beim Weiterfahren schlägt meine Unsicherheit in Ärger um, Ärger um die Bürokratie, Ärger auf die grinsende Polizistin, Ärger auf mich selbst, dass ich so jämmerlich reagiert habe. Im Nachhinein lege ich mir die Sätze zusammen, die ich hätte sagen müssen, ich habe sie nicht gesagt.

Ich brauche eine externe Projektionswand für meinen Ärger und wer taugt dazu besser als das allseits beliebte Finanzamt, welches aus welchen Gründen auch immer am Wochenende meine Quartalsvorauszahlung erwartet. Im letzten Quartal hatte ich einen Tag Verzug bei der Überweisung, prompt kam die Mahnung mit Verzugszinsen in einer Höhe die ich nie bekomme, wenn ich irgendjemand Geld gebe.
Vor meinem geistigen Auge läuft der Film ab, wie der Staat dann mein Geld mit vollen Händen unter den „Bedürftigen“ dieser Welt verteilt. Mein Stimmungspegel sinkt immer weiter.

Die Straße geht jetzt in unserer kleinen Stadt leicht bergauf, links ein Park, rechts das Arbeitsamt oder – wie es aktuell gerade heißt – die Bundesanstalt für Arbeit, dahinter das Landratsamt. Ich kann nur Schritt fahren, links aus dem Park kommt eine Gruppe junger Männer, 6 „südländisch aussehende Männer“, die mir immer wieder begegnen und von denen ich weiß, dass ihnen das Frühstück in ihrer Gemeinschaftsunterkunft nicht schmeckt. Also gehen sie in die Stadt, um dort zu frühstücken. Mit meinem Geld, nach dem Umweg über das Finanzamt gehen die dort mit meinem Steuergeld frühstücken, mein Stresspegel steigt und meine Stimmung rauscht weiter in den Keller! 
Vielleicht 100 Meter weiter in Fußgängerüberweg, korrekt mit Schild und einem breiten Zebrastreifen, der Zugang zum Arbeitsamt. Die Straße geht immer noch kräftig bergauf, fast niemand hält hier gern an.

Die Kunden des Arbeitsamtes kommen von links und gehen nach rechts. Zwei Personen nähern sich dem Zebrastreifen, ich hoffe noch vorbeizukommen ohne anhalten zu müssen, ein gefährlicher Irrtum.
Die beiden Kunden sind offenbar ein Paar. Er läuft vornweg, in einer Camouflagehose, darüber ein T-Shirt, welches sich über dem runden straffen Leib spannt, in der einen Hand einen Stoffbeutel, in der anderen eine Zigarette. Sie kommt mit drei, vier Meter Abstand hinterher, klein und rund, hinkend, ebenfalls im T-Shirt, welches jede ihrer Rundungen scharf nachzeichnet, dazu eine enge Hose bis zu den Knien. Es fällt ihr sichtlich schwer mit der großen knochendürren Gestalt ihres Mannes mitzuhalten. 
Ich gehe davon aus, dass er stehen bleiben wird, um zu warten bis sie herangekommen ist. Also noch genügend Zeit für mich ohne anzuhalten schnell darüber zu fahren.
Die Wespe hängt immer noch am Stern und im gleichen Moment, als ich dies realisiere, setzt er einen Fuß auf die Straße. Reflexhaft und hart bremse ich als braver, schon länger hier lebender Mensch. Neben mir fliegt die Wasserflasche vom Beifahrersitz und rollt durch den Fußraum.
Mein Auto steht, auch der Kunde steht, mit dem rechten Fuß auf der Fahrbahn wendet er sich seiner heran hinkenden Frau zu, „Na, mach‘ hinne.“ Er winkt sie mit der linken Hand heran, die rechte hat er in meine Richtung ausgestreckt. Die Linke hält den Stoffbeutel, die Rechte zielt mit der leicht qualmenden Zigarette auf mich.
Mein ganzer aufgestauter Ärger entlädt sich auf diese Hand, da er immer noch keine Anstalten macht die Straße zu überqueren, fahre ich langsam an. 
Die Frau ist derweil noch ein oder zwei Schritte von der Fahrbahn entfernt. Er realisiert das Ruckeln des Autos, springt nach vorn und baut sich unmittelbar vor meiner Motorhaube auf, es soll wohl drohend wirken, die dürre Gestalt lädt aber eher  zum Lachen ein.  Als er mein lachendes Gesicht sieht, schlägt er mit der flachen Hand auf die Motorhaube und schimpft mit verzerrtem Gesicht auf den dicken Mercedes. 
Seine Hand greift in Richtung des Sterns und ich sehe voll Schrecken das chromblitzende Teil schon abgebrochen durch die Luft fliegen. Er sieht mich dabei durch die Scheibe an, lächelt und ich sehe die beiden großen Zahnlücken neben seinen Schneidezähnen. Er greift nach meinem geheiligten Stern, alles in mir zieht sich zusammen, ich spüre körperlich den Schmerz des aus dem Blech und lauten Krachen herausbrechenden Sternes. 
Ein Schrei aus dem Mund mit dem lückenhaften Gebiss, er springt zur Seite, schüttelt wild die Hand, die noch vor Bruchteilen einer Sekunde nach dem Stern gegriffen hatte. 

Die Wespe, dieses kleine, fast schon tote Insekt hatte ihn in einer letzten Aufwallung von Leben in die Hand gestochen. Er geht weiter, tritt auf den Bürgersteig, dreht sich um, ruft seiner Frau zu „Mach‘ hinne.“ Mit generöser Geste lasse ich sie vor mir über die Trasse humpeln.

Als ich weiterfahre fühle ich mich gut und wenn ich ruhig darüber nachdenke, gibt es an diesem Morgen nur einen Verlierer, den Herrn mit seiner Camouflage und der geschwollenen Hand. Obwohl meine Schadenfreude ist fehl am Platz, die beiden einfachen Leute sind die falschen Adressaten.

Die Wespe am Stern ist verschwunden und er glänzt wieder, unversehrt.

Sie sind doch nicht von hier …?

In diesem Monat sind es genau 26 Jahre, dass wir in ein kleines Dorf in WestThüringen gezogen sind. Die berufliche Entwicklung hatte mich in die Gegend geführt, ich bin ihr bis heute treu geblieben, es hätte auch keine andere ins Auge springende Option gegeben.

Nach 25 Jahren sollte man sich angekommen fühlen, wir haben ein Haus gebaut, Bäumchen gepflanzt, die heute viele Meter hoch sind und mit weit ausladender Krone, Kirschen, Pflaumen, Walnüsse hervorbringen. 
Vor wenigen Tagen begegne ich im Nachbarort einem älteren Herrn aus unserem Dorf, den ich fast täglich, meist aus dem Auto heraus, gesehen und gegrüßt habe. Gewohnheitsmäßig grüße ich ihn auch heute freundlich, er sieht mich überrascht an, antwortet nicht und geht mit stoischer Miene an mir vorüber. Er merkt offenbar, dass ich irritiert stehenbleibe, dreht sich zu mir um, „Ich weiß jetzt nicht wer sie sind?“ Ich höre geradezu die vielen Fragezeichen in seiner Stimme. Wie ein ertappter Schüler nenne ich meinen Namen, er überlegt kurz, „Ach so, sie sind die Neuen von hinten. Ich habe sie nicht erkannt, sie sind ja nicht von hier.“ 

Nach 25 Jahren: „Sie sind die Neuen von hinten, sie sind ja nicht von hier.“
In unserem Dorf gibt es eine andere Familie, die Großeltern, heute schon tot, sind 1946 mit den Kindern „auf der Flucht aus Böhmen“ hierher verschlagen worden. Mit offenen Armen wurden sie nicht aufgenommen, im Gegenteil: Man wies ihnen eine Bretterbaracke am Waldrand zu, viele Köpfe mußten in den 3 Räumen Platz finden. Die Großeltern verdingten sich für einen Appel und ein Ei bei den Bauern, später ging der Großvater in den Kalischacht, verdiente dort besser und die Kinder hackten bei den Bauern Kartoffeln und Rüben, halfen bei der Getreideernte, gingen hinter dem Knecht mit der Sense, faßten die Getreidehalme, banden sie bis in die Nacht zu Garben und stellten sie in From von Puppen auf. 
Nach Jahren konnten sie sich durch den guten Verdienst im Kalischacht ein altes Haus kaufen, eher eine Ruine überließen sie ihnen, welches sie Schritt für Schritt instand setzten. 
Das Haus ist noch heute im Besitz der Familie, Kinder und Enkel blieben im Dorf oder zumindest in der Nähe. Wenn im Dorf über sie gesprochen wird, fällt nicht selten die Formulierung: „Die Flüchtlinge, die sind doch nicht von hier…“. Sie wohnen seit Jahrzehnten im Dorf, ankommen hat man sie emotional nicht kommen lassen. 
Ich wundere mich über die Blauäugigkeit der Apologeten der ungehinderten Immigration, die davon ausgehen, man müßte den hunderttausenden Ankommenden nur alles gut erklären, müßte viel Nachsicht zeigen und dann würde sich die Integration ganz von allein als Erfolgsgeschichte vollziehen.

Ich befürchte, genau dies wird so schnell nicht passieren. Auch in Jahrzehnten wird es noch heißen, „Die sind doch nicht von hier.“ 

Wie dann allerdings unsere Gesellschaft aussehen wird, vermag ich nicht zu sagen.

Schmuddelkinder …

Schmuddelkinder oder solche, die lediglich dazu erklärt werden, hatten und haben in diesem unseren hochmoralischen Land einen schweren Stand. 

Schon Franz Josef Degenhardt besang 1965 in seinem zweiten Album „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ die Probleme der Ehrbaren mit den Schmuddelkindern unserer Gesellschaft.
Er nahm die Spießigkeit und moralische Verlogenheit der Bonner Nachkriegsgesellschaft aufs Korn. Leider ist er in 2011 gestorben, seine Texte sind nach wie vor aktuell. Jetzt allerdings nicht selten mit anderer Gewichtung.

Hochmoralisch, damit sind nicht gemeint die Banken, die unter dem Deckmantel der Globalisierung mit Allen und Jedem, unabhängig von seiner Moral Geschäfte machen. Es sind nicht gemeint die DAX-Unternehmen, die Millionengeschäfte mit Partnern machen, über die in den Medien gleichzeitig – „fürs Volk “ – unter dem Deckmantel moralischer Entrüstung ganze Kübel von Schmutz ausgeschüttet werden. 
Damit sind nicht gemeint, die Rüstungsunternehmen, die ungeniert und mit staatlicher Duldung die Krisenherde dieser Welt permanent mit Waffen beliefern. 

Damit ist nicht gemeint, der Yuppie, der am Bahnhof mit angewidertem Blick über die Füße des Obdachlosen hinweg steigt, um dann in der Vorweihnachtszeit mit wohligem Schauer und vor Rührung feuchter Unterhose seine 5€ in die Sammelbüchse der Caritas zu werfen. 

Damit ist auch nicht gemeint die Bundeswehr, die weiter Saudis militärisch ausbildet, obwohl unsere Regierung mit dem Ausdruck höchster moralischer Entrüstung den Mord an einem Journalisten „verurteilt“ hat.
Damit ist auch nicht der GRÜNE – Spitzenpolitiker gemeint, der dem Volk Umwelt predigt und selbst SUV fährt. 

Schmuddelkinder sind heute nicht mehr die Menschen, die schmuddlig durch die Gegend laufen. 

Zum Schmuddelkind werden wir schon, wenn wir eine Meinung vertreten, die nicht vom Mainstream gedeckt ist. Sehr schnell erlebt man sich dann stigmatisiert, ausgegrenzt, wer großes Pech hat, verliert sogar seine soziale Stellung. 
In unserer Nähe gibt es ein Unternehmen, welches als Dienstleistung Sandstrahlarbeiten anbietet. Auf dem Betriebstransporter prangt eine Werbeschrift: „Wir strahlen alles aus Stahl, auch ihre Schwiegermutter?“
Das traditionelle, bisher unüberwundene Stigma der Schwiegermütter, besteht darin eine Art Schmuddelkind der Familie zu sein. Gern reiben sich junge Paare gemeinsam an den Schwiegermüttern. Das gemeinsame Abarbeiten an der Schwiegermutter hat eine stabilisierende Funktion für die Partnerschaft, weil es eigene partnerschaftliche Diskrepanzen übertönt. 
Zum Problem wird es, wenn die Schwiegermütter nicht mehr verfügbar sind, der äußere „Feind“ damit entfällt. Dann brechen die bis dahin übertünchten partnerschaftlichen Diskrepanzen mit aller Macht auf und nicht selten fliegen die Fetzen.

Auch in der Politik gibt es Schmuddelkinder mit eingebauter Schwiegermutterfunktion. Aktuell ist dies in Deutschland die Blaue Partei mit dem Namen AfD.
Alle anderen Parteien haben die AfD mit mehr oder weniger Berechtigung zum Schmuddelkind, zur politischen und politmoralischen Schwiegermutter erklärt.
Nach Leibeskräften reiben sich die Demokraten an den Populisten, so stark, dass die Funken sprühen. Sie stabilisieren sich mit diesem in vielen Punkten rein imaginären „Kampf gegen Rechts“ selbst, schaffen eine fragile Allianz zwischen ihren Parteien.
Gönnen wir deshalb den „Alternativen“ ein langes politisches Leben. Denn falls sie eines Tages wegfallen sollten, würden sich die Demokraten wieder an sich selbst reiben müssen. Und dann steht zu befürchten, dass nicht nur Funken sprühen.  
Spiel nicht nur mit den Schmuddelkindern, hege und pflege sie vielmehr, damit du dich lange an ihnen reiben kannst. Du brauchst dich dann nicht vorrangig mit deinen eigenen Problemen beschäftigen. 

Die Milchkanne, die Zumutung und die Ministerin

Die Bundesministerin Anja Karliczek hat eine ausgesprochene Affinität zu Fettnäpfchen. Wenn irgendwo ein selbiges herumsteht, sie latscht hinein. Sie stellt die Homo-Ehe in Frage, sieht Bedarf in der Erforschung der sozialen Kompetenz gleichgeschlechtlicher Ehen, erfindet neue akademische Graduierungen und legt sich neuerdings mit Milchkannen an.
Anja Karliczek, Baujahr 1971, ist Bundesministerin für Forschung und Bildung. Nicht nur sie selbst war überrascht, dass sie 2018 in dieses Amt berufen wurde. 
Möglicherweise hat der Abschluss mit Diplom als Kauffrau an der Fernuniversität Hagen sie zur Forschungsministerin prädestiniert. Einen weitergehenden akademischen Grad hat sie nicht erworben, macht aber wohl nichts. Statt dessen ist sie nach ihrer Vita ausgesprochen fit in Firmkatechese.
Frau Ministerin hat jetzt ein für sie völlig neues Wissensgebiet erschlossen – die Milchkanne. 
Unklar ist, ob Frau Forschungsministerin jemals eine Milchkanne in ihrem eigentlichen Bestimmungszweck und nicht nur als Deko im Foyer des elterlichen Hotels erlebt hat.
Milchkannen dienten früher dem Transport der Milch, von der Kuh zur Molkerei und danach aus der Molkerei in den Verkauf.

In unserem Dorf gab es seinerzeit einen Milchmann. Er hatte einen nur kleinen Verkaufsraum, ein größerer wäre ob des überschaubaren Angebots pure Verschwendung gewesen.
Meist standen dort 2 Milchkannen, eine für Vollmilch, eine für Buttermilch. Aus einer großen Schüssel verkaufte er lose und portionsweise Quark, an guten Tagen gab es auch lose Butter zu kaufen.

Ein kubischer Butterblock lag auf dem offenen Verkaufstisch, mit einem großen Messer wurde ein Stück abgeschnitten, abgewogen, in Butterbrotpapier verpackt bekam man es ausgehändigt.

Die Milch wurde mit einem Messbecher aus der Kanne geholt und in eine mitgebrachte kleinere Milchkanne als Blech umgefüllt. Über die ganze Öffnungszeit wurde das gleiche Mass genutzt, nicht ausgewaschen oder desinfiziert, es kam einfach immer wieder in die Milch.

Quark gab es aus einer großen Schüssel, ebenfalls lose, am besten man brachte eine Schüssel von zu Hause mit und bekam die gewünschte Menge abgewogen. 

Ach so, manchmal, nicht jeden Tag gab es auch Käse. Fast immer gab es Stangenkäse, ein Sauermilchkäse, der zu Hause erst unter heftigem Geruch reifen musste. Meist kam er in ein Weck-Glas, wechselte die Farbe von weiss auf gelb und war „reif“ und essbar, wenn er auf dem Glasboden breitgelaufen war. Der Geruch ähnelte und ähnelt dem Aroma länger getragener Männerstrümpfe, die pure Zumutung.

Also Milchkannen waren seinerzeit und sind gelegentlich auch heute noch sehr sinnvolle Alltagsgegenstände.

Nun hat die Frau Forschungsbundesministerin festgestellt, „nicht jede Milchkanne brauche einen Telekommunikationszugang zu 5G“. Damit hat sie ganz sicher recht, was sollte die Milchkanne auch damit? Sie erfüllt ihre Funktion problemlos auch ohne Handy.

Auf jeden Fall ist eine Milchkanne eine sinnvolle Sache, was man von vielen Politikern mit 4G-Zugang nicht behaupten kann. 

Mal sehen, wie sich die Zukunft für Frau Karliczek so gestalten wird. Vielleicht gibt es ja sogar für sie noch eine sinnvolle Verwendung, hoffentlich ohne das Aroma reifen Stangenkäses. Oder sie bleibt weiter eine Zumutung.

 

Julia hat es erkannt

Lernen und Erkenntnisgewinn sind schwierige, z.T. sehr langwierige Prozesse.
Nicht alles kann man gleich gut und schnell erfassen. Für mich persönlich ist es ein schier aussichtsloses Unterfangen mir irgendetwas mit Zahlen zu merken, Telefonnummern, Geburts- und Hochzeitsstage,  – nun ja, schier unmöglich.
Andere Dinge, vor allem die, die mich inhaltlich interessieren, kleben dagegen wie Hundescheisse an den Schuhen – total fest und kaum wieder loszuwerden. 
Schillers „Glocke“, Goethes „Erlkönig“ oder seine Prometheus-Hymne – schnell gelernt, einmal vor der Klasse aufgesagt, danach sofort wieder vergessen. 

Das erinnert mich an die wohlfeilen Wahlkampfreden der meisten Politiker, schnell auswendig gelernt, ein- oder mehrfach aufgesagt und nach der Wahl sofort wieder vergessen. Der Vergleich ist wahrscheinlich politisch nicht korrekt, also vergesst ihn bitte schnell wieder.

Besser kann ich mir Dinge merken, zu denen ich einen unmittelbaren Bezug habe, etwa in täglichen beruflichen, medizinischen oder psychologischen Zusammenhängen.

So ändern sich einerseits die Zeiten und andererseits persönliche Präferenzen, nur die Zeit, die rennt und ist verloren. In meiner Jugend konnte ich mit Kafka, Goethe, Schiller und anderen wenig oder nichts anfangen. Mir fehlte einfach die Lebenserfahrung.
Das wird Julia noch erkennen, mit der Ernährung hat sie schonmal angefangen.

Als junger Arzt hatte ich eine Phase, in der mir Fragen der Ernährung besonders wichtig waren. Die Dinge waren für mich neu, interessant, ein Anreiz mich in das Thema geradezu hinein zu knien, mich immer weiter um Details zu bemühen, mich auch zeitweise darin zu verlieren. Nun macht Wissen am meisten Sinn, wenn man etwas damit anfangen kann. 

Schnell hatte ich extrem übergewichtige Menschen als meine intellektuellen  Intimfeinde ausgemacht.
Ich schüttelte über sie – innerlich – den Kopf und ging davon aus, dass es meine heiligste Aufgabe wäre, sie über die Schändlichkeit ihres Tuns aufzuklären, ihnen die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Gewicht und Krankheiten aufzuzeigen. Sicher war ich mir, dass sie glücklich wären, wenn ich ihnen alles mit meinem „neuen Wissen“ vermitteln würde, sie würden meine Worte aufsaugen, wie die Biene den Nektar, wären mir dankbar und würden sofort alles nur Erdenkliche daran setzen, um genauso zu leben und vielleicht mir irgendwann den Honig in Form von Anerkennung zu liefern.
Mit missionarischem Eifer stürzte mich auf die Dinge, hielt viele Vorträge für Kollegen und Patienten, suchte das Gespräch mit den Dicken und fühlte mich gut, wenn ich ihnen alles ausführlich erklärt hatte.
Verärgert war ich schnell, wenn mir sie verläßlich immer wieder versicherten, dass es am Essen doch bei ihnen nicht liegen könne. Sie würden kaum etwas zu sich nehmen, selbst ein Glas Wasser würde bei ihnen wie Pech fest auf den Hüften kleben und wenn ich so wenig essen würde wie sie, wäre ich wahrscheinlich schon schier verhungert. 
Ich fing dann wieder von vorn an zu erklären, weil ich an die Macht des Faktischen glaubte. 
Es dauerte eine Weile bis mir der Seifensieder aufging, dass ich den Menschen mit meiner Aufklärungsmission absolut auf den Keks ging.
Mein Publikum hörte sich alles geduldig an, die Kollegen wegen der Notwendigkeit regelmäßig Weiterbildungen nachweisen zu können,  die Betroffenen, weil ihnen nichts weiter über blieb. 
Ich kann mich jetzt nach Jahrzehnten nicht daran erinnern, dass auch nur ein Einziger(!) als Folge meiner Mission nennenswert abgenommen hätte. Im Gegenteil, niemand hat mir jemals berichtet, dass sein Konfirmandenanzug, Größe 44, wieder passt. Die meisten bewegen sich wohl im Rahmen 56 und höher, leider auch die meisten Frauen.

Kürzlich las ich in der regionalen Morgenzeitung ein Interview mit unserer Bundesministerin für Ernährung für Landwirtschaft Julia Klöckner. 
Aufgewachsen in einer Winzerfamilie – also durchaus bodenständig – studierte sie trotzdem Politikwissenschaften, katholische Theologie und Pädagogik. Sie wurde Weinkönigin, ging in die Politik und wurde 2018 schließlich vom Deutschen Brauerbund ob ihrer Verdienste zur „Botschafterin des Bieres“ erhoben. Die im gleichen Jahr erfolgte Ernennung zur Ministerin im Kabinett Merkel verblaßt dagegen zur Marginalie.
Julia hat in ihrem neuen Bundesamt auch – für sie – neue Themen erkannt, jetzt, wie es schon im Titel steht, die Ernährung. Das missionarische Interview in der Tageszeitung dreht sich um die Sinnhaftigkeit gesunder, vernünftiger, nachhaltiger, oder wie auch sonstig genannter Ernährung. 
Ich erwähne es vor allem deshalb, weil ich die gleichen Themen, mit ähnlichen Worten schon vor rund 30 oder 40 Jahren erfolglos zu vermitteln versucht habe. Andere lange, lange vor mir, auch ohne Erfolg.
Für Frau Klöckner ist es neues Wissen, sie ist berauscht von der Mission, glaubt überzeugen zu müssen und vor allem zu können. Ich dagegen weiss schon, wie wenig Sinn es macht und spüre im Nacken das Kribbeln einer gewissen Schadenfreude. 

Es ist sicher: die Menschen werden trotzdem – wie seit Jahrtausenden – genau das essen und trinken, was sie wollen, sowohl qualitativ, als auch quantitativ. Es sei denn, sie haben „Allergie“, aber das ist ein Extrathema und würde den Rahmen des Blogs endgültig und irreversibel sprengen. Denn was früher der Glaube an die gesunde Ernährung war, ist heute die Hoffnung auf die Allergie. Die Allergie ist zum Statussymbol geworden.
Obwohl, solange Frau Klöckner ihre Zeit erfolglos am Thema der politisch korrekten Ernährung verdaddelt, wird sie sonst keinen politischen Schaden anrichten können. 

Moderner Alltagsrassismus

„Sie haben die 4, Sechsundfünzig Euro“, ich habe das Gefühl, die Frau in den Dreißigern mir gegenüber, sieht mir sehr nachdrücklich in die Augen“, „Seeechs-uund-füünfzig Euro“. 
Ihr Blick hält mich immer noch fest „Sechsundfünfzig Euro“, sie tippt mit dem Finger auf das Display der Kasse, dort stehen in der Tat 56 Euro.
Gerade habe ich an der B4 in Norddeutschland getankt, an der Säule an der die Nummer 4 prangt. Nicht weil mein Tank leer, sondern weil der Preis mit 1,38 € für den Liter E 10 für den November 2018 erstaunlich günstig ist. 
Mich beschleicht ein unsicheres Gefühl, vielleicht denkt sie, dass ich nicht zahlen will oder kann? Ich nehme meine Kreditkarte aus der Geldbörse, überlege, ob ich ihr ein Trinkgeld geben muss und entschließe mich, es nicht zu tun.
„Bitte 56 €“, ihre Stimme klingt sehr bestimmt, sehr laut, jede Silbe betonend. Sie beugt sich über den Tresen vor, kein Dekollettè, statt dessen eine hochgeschlossene Jacke mit dem Logo der Tankstellenkette. Der rettende Gedanke, dass sie vielleicht mit mir flirten will, schmilzt wie der erste Novemberschnee bei leichten Plusgraden.
Als ich ihr die Kreditkarte reiche, drückt ihr Gesicht Zufriedenheit aus, sie murmelt vor sich hin, „Na, geht doch“. „Bitte?“, „nichts“, sie winkt ab, „ist schon gut“.
Sie gibt mir das Plastikteil zurück, „Brauchen Sie einen Beleg?“ Ich brauche ihn, ihr Gesicht verzieht sich leicht und drückt Unzufriedenheit aus.
Als Sie mir den Ausdruck über den Tresen reicht, sieht sie mich wieder intensiv an und ihre Lippen formen langsam und laut „Bitte, ihr Beleg“.
Mir fällt es wie Schuppen aus den Haaren, sie taxiert mich wahrscheinlich zu meinem Alter. Ihr Ergebnis muss wohl stark mit meinem eigenen Empfinden kollidieren. Sie redet mit mir so, weil sie denkt, mit einem Menschen im Rentenalter, wie mit einem Kleinkind sprechen zu müssen.
Moderner Alltagsrassismus.

Der Begriff Hansestadt für eine Stadt im norddeutschen Binnenland ist für den Thüringer durchaus ungewohnt. Der Begriff Hanse verbindet sich zumindest bei mir mit einem weiten, sturmgepeitschten Meer, einem großen Hafen, mit verruchten Spelunken, freundliche, bunte Seeleute aller Hautfarben vermischen sich mit finsteren Gestalten, weiße Segel und ruhige Fischer, sentimentale Harmonikaspieler und dazwischen diese und jene Hafenhure. 

All dies findet sich in Lüneburg nicht, zumindest springt es mir nicht ins Auge.

Eine wunderschöne alte Ansiedlung auf dem flachen Land am Ufer eines winzigen Gewässers namens Ilmenau. Gemeint ist nicht die Universitätsstadt gleichen Namens in Thüringen, sondern ein winziges, fast stehendes Gewässer.

Später lerne ich bei Wikipedia, dass die Ilmenau rund 100 km lang, ein Nebenfluss der Elbe und zumindest streckenweise schiffbar ist. Wohl nicht zuletzt besteht darin der direkte Bezug zur Hanse.

Eine wunderschöne, historisch-kompakte Innenstadt, die auch noch lebt. 

Kleine Geschäfte, Cafés en masse, Gaststätten mit durchaus regionaler Prägung. Besonders zu erwähnen das Café ‚Sandkrug‘, ein ruhiges Haus mit einer sehr angenehmen Atmosphäre, wesentlich bestimmt durch Menschen mit Handicap, die sich hier verwirklichen können. Freundlich, fleißig und dabei völlig unaufdringlich – eine Mischung, die sich heute kaum noch findet. Problemlos kann ich dort sitzen, die Zeitung durchstöbern, ohne dass mir jemand schon nach 5 Minuten mit der drängenden Frage „Was darf es denn noch sein?“, auf den Keks geht.
In der Innenstadt haben große Ketten, mit wenigen Ausnahmen, die kleinen Läden (noch) nicht verdrängt, es macht Spaß zu stöbern.

Eine ganz andere Kultur erlebe ich in der Filiale einer großen Schuhkette am Rand der Innenstadt. 

Beauftragt damit Kinderstiefel für den Winter zu kaufen, betrete ich u.a. diese Filiale. Groß, vollgestopft, laut, eine Stimmkakophonie schlägt mir entgegen. Rechts und links ein buntes Gemisch von Besuchern und Verkäuferinnen. Die Kinderschuhe sehe ich zum Glück geradeaus, sodass ich mich dem Konversationswirrwarr vorerst entziehen kann. Mich unwohl fühlend erreiche ich weitgehend unbehelligt die wenigen Regale. 
Im Vergleich zur sonstigen Überfülle ein sehr bescheidenes Angebot an Kinderschuhen, lieblos verräumt. Ich ärgere mich nicht, als ich schon bei flüchtigem Blick nichts „Cooles“ finde und flüchte erleichtert ohne Einkauf gen Ausgang.

Ich habe die Rechnung ohne die Wirtinnen gemacht. Von links hechtet geradezu eine Verkäuferin in meine Richtung „Na, Du hast wohl nichts gefunden?“. Aha, wir duzen uns!  Nicht gewillt mich auf eine Diskussion einzulassen, schüttele ich den Kopf, „nein“, von rechts die laute drängende Frage „Wirklich nichts dabei?“. Mein Fluchtwunsch nimmt zu, mit einem gemurmelten Gruß strebe ich dem Ausgang entgegen, wie Peitschenhiebe trifft es mich von Hinten, als mir gefühlt alle Verkäuferinnen schier hinterher schreien „Auf Wiedersehen“, „Bis zum nächsten Mal“, den Rest höre ich nicht mehr, da sich die Glastür in gnädiger Weise hinter mir schließt. 

Gern hätte ich eruiert, ob diese Form drängender, bedrängender Aufmerksamkeit nur älteren Menschen zu Gute kommt. Viele werden sicher schon aus Dankbarkeit etwas kaufen, mir ist es lediglich lästig, glaube ich doch noch heute, eine Woche später, die schrillen Rufe der Verkäuferinnen im Ohr zu haben.

Moderner Alltagsrassismus?