Sie sind doch nicht von hier …?

In diesem Monat sind es genau 26 Jahre, dass wir in ein kleines Dorf in WestThüringen gezogen sind. Die berufliche Entwicklung hatte mich in die Gegend geführt, ich bin ihr bis heute treu geblieben, es hätte auch keine andere ins Auge springende Option gegeben.

Nach 25 Jahren sollte man sich angekommen fühlen, wir haben ein Haus gebaut, Bäumchen gepflanzt, die heute viele Meter hoch sind und mit weit ausladender Krone, Kirschen, Pflaumen, Walnüsse hervorbringen. 
Vor wenigen Tagen begegne ich im Nachbarort einem älteren Herrn aus unserem Dorf, den ich fast täglich, meist aus dem Auto heraus, gesehen und gegrüßt habe. Gewohnheitsmäßig grüße ich ihn auch heute freundlich, er sieht mich überrascht an, antwortet nicht und geht mit stoischer Miene an mir vorüber. Er merkt offenbar, dass ich irritiert stehenbleibe, dreht sich zu mir um, „Ich weiß jetzt nicht wer sie sind?“ Ich höre geradezu die vielen Fragezeichen in seiner Stimme. Wie ein ertappter Schüler nenne ich meinen Namen, er überlegt kurz, „Ach so, sie sind die Neuen von hinten. Ich habe sie nicht erkannt, sie sind ja nicht von hier.“ 

Nach 25 Jahren: „Sie sind die Neuen von hinten, sie sind ja nicht von hier.“
In unserem Dorf gibt es eine andere Familie, die Großeltern, heute schon tot, sind 1946 mit den Kindern „auf der Flucht aus Böhmen“ hierher verschlagen worden. Mit offenen Armen wurden sie nicht aufgenommen, im Gegenteil: Man wies ihnen eine Bretterbaracke am Waldrand zu, viele Köpfe mußten in den 3 Räumen Platz finden. Die Großeltern verdingten sich für einen Appel und ein Ei bei den Bauern, später ging der Großvater in den Kalischacht, verdiente dort besser und die Kinder hackten bei den Bauern Kartoffeln und Rüben, halfen bei der Getreideernte, gingen hinter dem Knecht mit der Sense, faßten die Getreidehalme, banden sie bis in die Nacht zu Garben und stellten sie in From von Puppen auf. 
Nach Jahren konnten sie sich durch den guten Verdienst im Kalischacht ein altes Haus kaufen, eher eine Ruine überließen sie ihnen, welches sie Schritt für Schritt instand setzten. 
Das Haus ist noch heute im Besitz der Familie, Kinder und Enkel blieben im Dorf oder zumindest in der Nähe. Wenn im Dorf über sie gesprochen wird, fällt nicht selten die Formulierung: „Die Flüchtlinge, die sind doch nicht von hier…“. Sie wohnen seit Jahrzehnten im Dorf, ankommen hat man sie emotional nicht kommen lassen. 
Ich wundere mich über die Blauäugigkeit der Apologeten der ungehinderten Immigration, die davon ausgehen, man müßte den hunderttausenden Ankommenden nur alles gut erklären, müßte viel Nachsicht zeigen und dann würde sich die Integration ganz von allein als Erfolgsgeschichte vollziehen.

Ich befürchte, genau dies wird so schnell nicht passieren. Auch in Jahrzehnten wird es noch heißen, „Die sind doch nicht von hier.“ 

Wie dann allerdings unsere Gesellschaft aussehen wird, vermag ich nicht zu sagen.

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