Tägliches einerlei …

Die Wespe ist am Stern auf meiner Kühlerhaube hängengeblieben und, obwohl ich sonst jeder Kröte auf der Landstraße ausweiche, spüre ich ein leichtes Gefühl der Schadenfreude – recht geschieht ihr. Trotzdem geht mein Blick immer wieder unbehaglich mit einem leichten Schuldgefühl zu dem im Fahrtwind flatternden Insekt.

„Guten Morgen, allgemeine Verkehrskontrolle, Fahrzeugpapiere und Führerschein bitte,“ der Morgen auf dem Weg zur Arbeit geht gut los. 
Die Papiere finde ich – eher durch Zufall – in meinem Jacket, das Warndreieck hängt zum Glück im Kofferraumdeckel, selbst der Verbandkasten ist nicht verloren gegangen.
Ein routinierter Blick der Polizistin, ein breites, zufriedenes Grinsen findet auf ihrem hübschen Gesicht Platz, „Der ist abgelaufen.“ Sie klopft mit dem Zeigefinger auf den Kasten, „Der ist abgelaufen.“ Das mag stimmen, das Auto ist vier Jahre alt und ich hatte diesen Kasten noch nie in der Hand.
Biologisch gesehen könnte die junge Polizistin meine Enkelin sein, trotzdem macht sich ein Gefühl von Unbehagen in mir breit, kleine Schweißtropfen an den Schläfen, leichtes Zittern der Hände, ich nehme ihr den Kasten aus der Hand, er ist tatsächlich „überlagert“, was das bei einem Verbandkasten auch immer heißen soll.
Ein Gedankenblitz, Rettung naht, mein Notfallkoffer, immer gut bestückt! Ich bin gerettet!
„Ich habe doch immer meinen Notfallkoffer dabei, ich bin Arzt.“ Diesmal klopfe ich  mit dem Zeigefinder auf den Alu-Koffer.
Das Lächeln auf dem Gesicht wird noch breiter: „Und was soll das ändern?“. 
Ich spüre einen vollen Schlag in die Magengrube, das Unwohlsein ist wieder da, es kribbelt auf dem Rücken, bevor ich gänzlich zu Boden gehe, will ich den Koffer öffnen, um ihr den Inhalt bis hin zum Intubationsbesteck und dem Beatmungsbeutel zu demonstrieren.
Sie winkt generös ab, „Das brauchen Sie mir nicht zeigen“. Wieder das Grinsen, „Auch sie“, sie betont das Sie, „auch sie müssen einen gültigen Verbandkasten nach DIN 13164 mitführen, sie sind dazu verpflichtet. Und der hier“, sie klopft wieder auf den Kasten, „der ist abgelaufen.“ 
Peng! Ich gebe es auf.
„Ich verwarne sie mit 5 €,“ die ich ihr gern gebe, nur um wegzukommen. Die ganze Sache ist mir sehr peinlich, zumal immer wieder Leute vorbeigehen und neugierig zu mir blicken, zumindest scheint es mir so.
Beim Weiterfahren schlägt meine Unsicherheit in Ärger um, Ärger um die Bürokratie, Ärger auf die grinsende Polizistin, Ärger auf mich selbst, dass ich so jämmerlich reagiert habe. Im Nachhinein lege ich mir die Sätze zusammen, die ich hätte sagen müssen, ich habe sie nicht gesagt.

Ich brauche eine externe Projektionswand für meinen Ärger und wer taugt dazu besser als das allseits beliebte Finanzamt, welches aus welchen Gründen auch immer am Wochenende meine Quartalsvorauszahlung erwartet. Im letzten Quartal hatte ich einen Tag Verzug bei der Überweisung, prompt kam die Mahnung mit Verzugszinsen in einer Höhe die ich nie bekomme, wenn ich irgendjemand Geld gebe.
Vor meinem geistigen Auge läuft der Film ab, wie der Staat dann mein Geld mit vollen Händen unter den „Bedürftigen“ dieser Welt verteilt. Mein Stimmungspegel sinkt immer weiter.

Die Straße geht jetzt in unserer kleinen Stadt leicht bergauf, links ein Park, rechts das Arbeitsamt oder – wie es aktuell gerade heißt – die Bundesanstalt für Arbeit, dahinter das Landratsamt. Ich kann nur Schritt fahren, links aus dem Park kommt eine Gruppe junger Männer, 6 „südländisch aussehende Männer“, die mir immer wieder begegnen und von denen ich weiß, dass ihnen das Frühstück in ihrer Gemeinschaftsunterkunft nicht schmeckt. Also gehen sie in die Stadt, um dort zu frühstücken. Mit meinem Geld, nach dem Umweg über das Finanzamt gehen die dort mit meinem Steuergeld frühstücken, mein Stresspegel steigt und meine Stimmung rauscht weiter in den Keller! 
Vielleicht 100 Meter weiter in Fußgängerüberweg, korrekt mit Schild und einem breiten Zebrastreifen, der Zugang zum Arbeitsamt. Die Straße geht immer noch kräftig bergauf, fast niemand hält hier gern an.

Die Kunden des Arbeitsamtes kommen von links und gehen nach rechts. Zwei Personen nähern sich dem Zebrastreifen, ich hoffe noch vorbeizukommen ohne anhalten zu müssen, ein gefährlicher Irrtum.
Die beiden Kunden sind offenbar ein Paar. Er läuft vornweg, in einer Camouflagehose, darüber ein T-Shirt, welches sich über dem runden straffen Leib spannt, in der einen Hand einen Stoffbeutel, in der anderen eine Zigarette. Sie kommt mit drei, vier Meter Abstand hinterher, klein und rund, hinkend, ebenfalls im T-Shirt, welches jede ihrer Rundungen scharf nachzeichnet, dazu eine enge Hose bis zu den Knien. Es fällt ihr sichtlich schwer mit der großen knochendürren Gestalt ihres Mannes mitzuhalten. 
Ich gehe davon aus, dass er stehen bleiben wird, um zu warten bis sie herangekommen ist. Also noch genügend Zeit für mich ohne anzuhalten schnell darüber zu fahren.
Die Wespe hängt immer noch am Stern und im gleichen Moment, als ich dies realisiere, setzt er einen Fuß auf die Straße. Reflexhaft und hart bremse ich als braver, schon länger hier lebender Mensch. Neben mir fliegt die Wasserflasche vom Beifahrersitz und rollt durch den Fußraum.
Mein Auto steht, auch der Kunde steht, mit dem rechten Fuß auf der Fahrbahn wendet er sich seiner heran hinkenden Frau zu, „Na, mach‘ hinne.“ Er winkt sie mit der linken Hand heran, die rechte hat er in meine Richtung ausgestreckt. Die Linke hält den Stoffbeutel, die Rechte zielt mit der leicht qualmenden Zigarette auf mich.
Mein ganzer aufgestauter Ärger entlädt sich auf diese Hand, da er immer noch keine Anstalten macht die Straße zu überqueren, fahre ich langsam an. 
Die Frau ist derweil noch ein oder zwei Schritte von der Fahrbahn entfernt. Er realisiert das Ruckeln des Autos, springt nach vorn und baut sich unmittelbar vor meiner Motorhaube auf, es soll wohl drohend wirken, die dürre Gestalt lädt aber eher  zum Lachen ein.  Als er mein lachendes Gesicht sieht, schlägt er mit der flachen Hand auf die Motorhaube und schimpft mit verzerrtem Gesicht auf den dicken Mercedes. 
Seine Hand greift in Richtung des Sterns und ich sehe voll Schrecken das chromblitzende Teil schon abgebrochen durch die Luft fliegen. Er sieht mich dabei durch die Scheibe an, lächelt und ich sehe die beiden großen Zahnlücken neben seinen Schneidezähnen. Er greift nach meinem geheiligten Stern, alles in mir zieht sich zusammen, ich spüre körperlich den Schmerz des aus dem Blech und lauten Krachen herausbrechenden Sternes. 
Ein Schrei aus dem Mund mit dem lückenhaften Gebiss, er springt zur Seite, schüttelt wild die Hand, die noch vor Bruchteilen einer Sekunde nach dem Stern gegriffen hatte. 

Die Wespe, dieses kleine, fast schon tote Insekt hatte ihn in einer letzten Aufwallung von Leben in die Hand gestochen. Er geht weiter, tritt auf den Bürgersteig, dreht sich um, ruft seiner Frau zu „Mach‘ hinne.“ Mit generöser Geste lasse ich sie vor mir über die Trasse humpeln.

Als ich weiterfahre fühle ich mich gut und wenn ich ruhig darüber nachdenke, gibt es an diesem Morgen nur einen Verlierer, den Herrn mit seiner Camouflage und der geschwollenen Hand. Obwohl meine Schadenfreude ist fehl am Platz, die beiden einfachen Leute sind die falschen Adressaten.

Die Wespe am Stern ist verschwunden und er glänzt wieder, unversehrt.

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