Moderner Alltagsrassismus

„Sie haben die 4, Sechsundfünzig Euro“, ich habe das Gefühl, die Frau in den Dreißigern mir gegenüber, sieht mir sehr nachdrücklich in die Augen“, „Seeechs-uund-füünfzig Euro“. 
Ihr Blick hält mich immer noch fest „Sechsundfünfzig Euro“, sie tippt mit dem Finger auf das Display der Kasse, dort stehen in der Tat 56 Euro.
Gerade habe ich an der B4 in Norddeutschland getankt, an der Säule an der die Nummer 4 prangt. Nicht weil mein Tank leer, sondern weil der Preis mit 1,38 € für den Liter E 10 für den November 2018 erstaunlich günstig ist. 
Mich beschleicht ein unsicheres Gefühl, vielleicht denkt sie, dass ich nicht zahlen will oder kann? Ich nehme meine Kreditkarte aus der Geldbörse, überlege, ob ich ihr ein Trinkgeld geben muss und entschließe mich, es nicht zu tun.
„Bitte 56 €“, ihre Stimme klingt sehr bestimmt, sehr laut, jede Silbe betonend. Sie beugt sich über den Tresen vor, kein Dekollettè, statt dessen eine hochgeschlossene Jacke mit dem Logo der Tankstellenkette. Der rettende Gedanke, dass sie vielleicht mit mir flirten will, schmilzt wie der erste Novemberschnee bei leichten Plusgraden.
Als ich ihr die Kreditkarte reiche, drückt ihr Gesicht Zufriedenheit aus, sie murmelt vor sich hin, „Na, geht doch“. „Bitte?“, „nichts“, sie winkt ab, „ist schon gut“.
Sie gibt mir das Plastikteil zurück, „Brauchen Sie einen Beleg?“ Ich brauche ihn, ihr Gesicht verzieht sich leicht und drückt Unzufriedenheit aus.
Als Sie mir den Ausdruck über den Tresen reicht, sieht sie mich wieder intensiv an und ihre Lippen formen langsam und laut „Bitte, ihr Beleg“.
Mir fällt es wie Schuppen aus den Haaren, sie taxiert mich wahrscheinlich zu meinem Alter. Ihr Ergebnis muss wohl stark mit meinem eigenen Empfinden kollidieren. Sie redet mit mir so, weil sie denkt, mit einem Menschen im Rentenalter, wie mit einem Kleinkind sprechen zu müssen.
Moderner Alltagsrassismus.

Der Begriff Hansestadt für eine Stadt im norddeutschen Binnenland ist für den Thüringer durchaus ungewohnt. Der Begriff Hanse verbindet sich zumindest bei mir mit einem weiten, sturmgepeitschten Meer, einem großen Hafen, mit verruchten Spelunken, freundliche, bunte Seeleute aller Hautfarben vermischen sich mit finsteren Gestalten, weiße Segel und ruhige Fischer, sentimentale Harmonikaspieler und dazwischen diese und jene Hafenhure. 

All dies findet sich in Lüneburg nicht, zumindest springt es mir nicht ins Auge.

Eine wunderschöne alte Ansiedlung auf dem flachen Land am Ufer eines winzigen Gewässers namens Ilmenau. Gemeint ist nicht die Universitätsstadt gleichen Namens in Thüringen, sondern ein winziges, fast stehendes Gewässer.

Später lerne ich bei Wikipedia, dass die Ilmenau rund 100 km lang, ein Nebenfluss der Elbe und zumindest streckenweise schiffbar ist. Wohl nicht zuletzt besteht darin der direkte Bezug zur Hanse.

Eine wunderschöne, historisch-kompakte Innenstadt, die auch noch lebt. 

Kleine Geschäfte, Cafés en masse, Gaststätten mit durchaus regionaler Prägung. Besonders zu erwähnen das Café ‚Sandkrug‘, ein ruhiges Haus mit einer sehr angenehmen Atmosphäre, wesentlich bestimmt durch Menschen mit Handicap, die sich hier verwirklichen können. Freundlich, fleißig und dabei völlig unaufdringlich – eine Mischung, die sich heute kaum noch findet. Problemlos kann ich dort sitzen, die Zeitung durchstöbern, ohne dass mir jemand schon nach 5 Minuten mit der drängenden Frage „Was darf es denn noch sein?“, auf den Keks geht.
In der Innenstadt haben große Ketten, mit wenigen Ausnahmen, die kleinen Läden (noch) nicht verdrängt, es macht Spaß zu stöbern.

Eine ganz andere Kultur erlebe ich in der Filiale einer großen Schuhkette am Rand der Innenstadt. 

Beauftragt damit Kinderstiefel für den Winter zu kaufen, betrete ich u.a. diese Filiale. Groß, vollgestopft, laut, eine Stimmkakophonie schlägt mir entgegen. Rechts und links ein buntes Gemisch von Besuchern und Verkäuferinnen. Die Kinderschuhe sehe ich zum Glück geradeaus, sodass ich mich dem Konversationswirrwarr vorerst entziehen kann. Mich unwohl fühlend erreiche ich weitgehend unbehelligt die wenigen Regale. 
Im Vergleich zur sonstigen Überfülle ein sehr bescheidenes Angebot an Kinderschuhen, lieblos verräumt. Ich ärgere mich nicht, als ich schon bei flüchtigem Blick nichts „Cooles“ finde und flüchte erleichtert ohne Einkauf gen Ausgang.

Ich habe die Rechnung ohne die Wirtinnen gemacht. Von links hechtet geradezu eine Verkäuferin in meine Richtung „Na, Du hast wohl nichts gefunden?“. Aha, wir duzen uns!  Nicht gewillt mich auf eine Diskussion einzulassen, schüttele ich den Kopf, „nein“, von rechts die laute drängende Frage „Wirklich nichts dabei?“. Mein Fluchtwunsch nimmt zu, mit einem gemurmelten Gruß strebe ich dem Ausgang entgegen, wie Peitschenhiebe trifft es mich von Hinten, als mir gefühlt alle Verkäuferinnen schier hinterher schreien „Auf Wiedersehen“, „Bis zum nächsten Mal“, den Rest höre ich nicht mehr, da sich die Glastür in gnädiger Weise hinter mir schließt. 

Gern hätte ich eruiert, ob diese Form drängender, bedrängender Aufmerksamkeit nur älteren Menschen zu Gute kommt. Viele werden sicher schon aus Dankbarkeit etwas kaufen, mir ist es lediglich lästig, glaube ich doch noch heute, eine Woche später, die schrillen Rufe der Verkäuferinnen im Ohr zu haben.

Moderner Alltagsrassismus?

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