Tag 15 des Corona-Notstandes

Was entsteht sind Zweifel

Unser jüngster Enkel – 6 Jahre – ist von einem bemerkenswerten und für mich inzwischen beneidenswerten Bewegungsdrang, welcher positiv ist, weil er ihn gut steuern kann. Zum Glück wohnen wir im ländlichen Bereich und da gibt es Auslauf genug, ohne dass man das bestehende Kontaktreduzierungsgebot verletzt.

Jetzt ohne Kindergarten kommt er endlich in die Gelegenheit die Massen seines vorhandenen Spielzeugs durchzuprobieren, auch hier regiert der Überfluss. Das heisst, Liam könnte alles durchprobieren, er bleibt aber meist bei seinen ‚Beyblades‘ hängen, die er „hoch und runter“ quält.

Beyblades sind diese bunten Kreisel aus Asien, die den Kindern unter dem Aspekt „Kampf“ aufs Auge gedrückt werden, Beyblade A „kämpft“ in der „Arena“ gegen Beyblade B. Der Gewinner ist der, der sich als Letzter noch bewegt, irgendwie.

Beobachtet man die Beyblades merkt man, dass sie zwanglos den Gesetzen der Physik folgen. Sie werden mit einem ‚Starter‘ schnell in Umdrehung versetzt und wenn sie nicht gestört werden trudeln sie, manchmal nach Minuten, langsam wieder aus. „Kämpfen“ sie untereinander stören die Kollisionen den normalen physikalischen Ablauf und sie werden entweder aus der Bahn geworfen, im extremen Fall sogar in ihre Einzelteile zerlegt, die man allerdings und zum Glück mit wenigen Handgriffen wieder zusammen fügen kann. Und dann geht es „auf ein Neues“, immer in der Hoffnung den Sieg davon zu tragen.

Das Verhalten der Beyblades gemahnt mich ganz stark an unsere aktuelle gesellschaftliche Situation. Nehmen wir nur die Zeit nach Ende des „Kalten Krieges“.

Mit dem selbstverschuldeten Zusammenbruch des Ost-Blocks war das wirtschaftliche System des Westen – wie mit dem Starter – richtig auf Touren gebracht worden. Das System schien effektiv, grenzenlos, ganz schnell ergab sich der Eindruck – wir sind alternativlos.

Das System expandierte immer mehr, man nennt es Globalisierung und es schien nichts zu geben, was diesen Prozess des „immer mehr, immer weiter, immer schneller“ hätte aufhalten können – und sollen. Warum auch, da ja irgendwie jeder davon mehr oder weniger stark profitierte. Der Finanzjongleur, der wie Dagobert Duck immer mehr Millionen und Milliarden anhäufte, war genauso Profiteur, wie selbst die Kinder in den Entwicklungsländern, die praktisch mit ihren Händen „die seltenen Erden“ für unsere Elektronik aus der Erde kratzen. Es klingt zynisch, aber wenn die Kinderarbeit die Alternative zum schieren Verhungern ist, dann ist selbst das ein Fortschritt und eine Form von Teilhabe, wenn auch eine durch und durch unethische.

Das System drehte sich ungestört, wie Liam’s Beyblade, nach dem Start gleichmäßig vor sich hin, die Reichen wurden immer reicher und unter den Armen verhungerten Weniger als vorher. Alles schien irgendwie gut und logisch, zumindest für die, die keine Not litten. Einen zweiten Spieler, der dieses System ernsthaft hätte stören können, gab es nicht, Ansätze wurden rechtzeitig und gründlich zerstört.

Nun ist mit einem kleinen Virus praktisch über Nacht doch noch ein weiterer Spieler in der Arena aufgetaucht. Ein Spieler, den wir nicht erwartet hatten, niemand hatte in auf der Rolle. Man sieht ihn nicht, riecht, spürt, schmeckt ihn nicht. Eigentlich dürfte er nicht existent sein. Aber er ist da.

Dieses kleine Ding hat unsere schöne ruhige Beyblade-Arena heftigst und völlig unvorbereitet durcheinander gewirbelt. Obwohl man den Spieler nicht sieht, hat er heftigste Kollisionen ausgelöst. Das bisher ganz glatt laufende und beständig-verläßlich nur noch um sich selbst drehende System ist ins Schlingern geraten, hat die Orientierung verloren und ich habe das Gefühl, es braucht nur noch ein paar Kollisionen, dann besteht die Gefahr, dass es sich selbst zerlegt.

Dann liegen – wie in Liam’s Beyblade-Arena – die Einzelteile wüst durcheinander und nichts dreht sich mehr. Ich befürchte sehr, es wird nicht reichen, die Einzelteile mit ein paar einfachen Handgriffen schnell wieder zusammen fügen zu wollen. Wahrscheinlich wird es nicht funktionieren den Status „vor Corona“ einfach wieder herzustellen, so als sei nichts geschehen.

Irgendwie habe ich das Gefühl, unser ganzes, kompliziertes, globalisiertes System wird nach Corona keine einfache Reparatur brauchen, sondern einen Druck auf den Reset-Knopf. Es muss, wie der Beyblade, völlig neu gestartet werden.

„Alles – oder zumindest Vieles – auf Null und dann neu starten.“

Wie das aussieht, was danach kommt? Ich weiss es nicht!

*

Ich wünsche Euch allen einen guten Tag und und bleibt gesund, an Körper und Seele.

Rainer

5 Kommentare zu „Tag 15 des Corona-Notstandes

  1. Das gefällt mir richtig gut! Dieser Vergleich. Dieses Bild, was man sich so richtig gut vorstellen kann.

    Hallo lieber Rainer!

    Irgendwie dache ich schon „vorher“ (= vor Corona), dass es so, wie es läuft (also lief), nicht ewig weitergehen kann. Schon wegen der immer weiter steigenden Mieten, die sich kaum noch jemand wirklich leisten konnte. Die immer mehr werdenden Menschen. Das nicht gleichmäßig verteilte Geld. Die kaputtgehende Umwelt, von der wir, ob wir es wollen oder nicht, doch abhängig sind. Die wachsenden Müllberge. Die Ausbeutung der Erde. …

    Der Mensch hat sooooooooo viele Signale gehört, aber nicht genutzt. Er hat einfach weitergemacht. Nun wurde er mal so richtig massiv ausgebremst, weil er einfach nicht aufgehört und verändert hat.

    Wissenschaftler und andere haben immer wieder ihre Warnungen lautstark in die Welt gerufen. Es interessierte niemanden von denen, die es hätten ändern können.

    Ja, wir können alle, in unserem kleinen, ureigenen Universum das ändern, wozu wir in der Lage sind. Das tun ja auch schon viele und taten auch schon etliche „vorher“. Doch das hat halt nicht ausgereicht.

    Ob die Menschheit aus der jetzigen Krise wirklich die Rückschlüsse zieht und Veränderungen in Angriff nimmt, die zum Besseren führen, das wage ich schlichtweg zu bezweifeln.

    In diesem Sinne.

    Herzlichst,
    das Licht

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebes Licht, danke, Du triffst es ganz genau. Die Frage ist, werden „die Menschen“ den Knall jetzt verstehen?. Ich hoffe JA und befürchte – aus der historischen Erfahrung – NEIN. Liebe Grüße und einen guten Tag für Dich, R.

    Gefällt 1 Person

  3. Exzellent, lieber Rainer – für mich u.a. deswegen, weil ich es so genau nachvollziehen kann. Seit 2004 (arbeitslos geworden) bis vor kurzem habe ich sehr, sehr viele Kinder über die Organisation „Großelterndienst“ kurze oder auch sehr lange Zeit betreut. Deswegen kenne ich die Überfülle in Kinderzimmern mehr als genug – und auch die Kinder, die z.T. damit gar nicht alleine spielen können oder wollen, sondern immer jemanden zur Anleitung oder Gesellschaft brauchen. – Der einzige Junge, den ich jetzt noch ab und zu betreue, ist in der zweiten Klasse. Wenn er mal halb so gut lesen könnte wie er seine unzähligen, sehr teuren Legokästen zusammen bauen könnte, dann würde ihm jetzt die Schulpause gut tun. Die getrennt lebenden Eltern überbieten sich darin, ihn mit Geschenken zu überhäufen – auch wenn es überhaupt keinen Anlass dafür gibt. Da denke ich so oft: „Weniger wäre mehr!“
    Dieser Überfall von Corona hat die Welt offenbar in ihren tiefsten Tiefen erschüttert. Wir werden sehen, wie alle verschiedenen Regierungen und die dazu gehörigen Bürger damit umgehen werden, wenn es vorbei ist.
    Bleibe guten Mutes, vor allem aber gesund! Lieben Gruß

    Liken

      1. Rainer, ich mache mir momentan mehr Gedanken über die Gesundheit als über das Geld. Ohne Auto (seit 2 Jahren) und aus anderen Gründen komme ich gut über die Runden, da ich außer Doppelkopf spielen keine Laster habe.
        Und tschüss!

        Gefällt 1 Person

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