Tag 14 des Corona-Notstandes

Seltsame Gefühle

Irgendwie beschleichen mich seltsame Gefühle. Ich kann nicht einmal beschreiben, was es genau ist, vielleicht am Besten: Ich fühle mich fremd in dieser Welt, die ich doch seit Jahrzehnten intensiv kenne und zu verstehen versucht habe.

*

Es sind unbekannte Empfindungen, wenn ich registriere, wie sich das Gesundheitssystem wandelt und auch ich selbst mich verändere. Wenn mir Kollegen über eigene gesundheitliche Probleme oder die von Angehörigen berichten, rattert mein Kopfcomputer, auf den ich mich sonst ganz gut verlassen kann, zuerst in Richtung „Corona“. Ich ertappe mich dabei, dass sich dann so eine Art Laissez-faire breitmacht: „Na ja, kein Corona …“ und ich mich fast zwingen muss, andere Dinge richtig ernst zu nehmen.

Eine Kollegin erzählt, dass Hausärzte wo es nur geht selbst bei langjährig angestammten Patienten, die sie teils seit Jahrzehnten kennen, Hausbesuche vermeiden und dann den Rat geben: „Ruft doch gleich die 112 an.“ Ich versuche mir vorzustellen, wie das auf eine gut 80 Jährige wirken mag, wenn plötzlich statt der bekannten Hausärztin, ein Team von Rettungssanitätern und Notarzt in der Wohnung herumwuselt, die alte Dame eingeladen, ins regionale Krankenhaus verfrachtet und dort erst einmal „durchgecheckt“ wird?

Ein Kollege erzählt mir, dass das regionale Krankenhaus, welches derzeit berechtigterweise Betten für Corona vorhält, aber keinesfalls ausgelastet ist, schon „die Zähne hebt“, wenn nur eine Höherbetagte (81) wegen einer nichtinfektiösen, aber akuten Erkrankung angekündigt wird.

Offenbar bin ich nicht der Einzige, den seltsame Gefühle beschleichen.

Das mediale Trommelfeuer, dem man sich praktisch nicht entziehen kann, mag eine der Quellen dafür sein, wir aber müssen versuchen einen klaren Kopf für das „normale“ Leben und seine Tücken zu behalten. Denn es ist einfach so, statisch gesehen versterben pro Tag in Deutschland zwischen 2 000 und 3 000 Menschen und am Ende des Jahres werden wir wahrscheinlich feststellen, dass nur ein Teil, ich hoffe ein kleiner Teil davon, Covid-19-Betroffene sein werden.

Wobei, auch das fühlt sich nicht richtig an, ist doch der Tod fast nie angenehm.

*

Es ist an der Zeit Besserung zu geloben!

Heute morgen habe ich versucht den Beitrag von Thomas Fischer im SPIEGEL zu lesen. Gut geschrieben, einige interessante Aspekte, aber schlichtweg zu lang. ich konnte mich „in einem Ritt“ nicht bis zum Ende konzentrieren und nochmals zu beginnen, habe ich schlichtweg keine Lust, was nur bedingt an dem Beitrag liegt. 😂

https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/corona-beschraenkungen-endlich-frei-kolumne-a-d9c4d6a1-4f48-4449-84d7-76d568832efe

Mir ist bewusst, dass ich in meinen Beiträgen oft zu Weitschweifigkeit neige und damit die Geduld und das momentane Aufnahmevermögen meiner damit ‚potentiellen‘ Leser überfordere. Ich schließe das daraus, dass nicht wenige Rückäußerungen von Euch darauf hindeuten, dass es zu anstrengend war bis zur „Pointe“ zu lesen.

An meinem Stil muss ich also feilen.

*

Interessant, bis vor 10 Minuten war hier strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und ich hatte gute Laune. In den letzten Minuten hat es sich zugezogen und meine Stimmung rauscht gefühlt, wie der Schnellfahrstuhl aus dem 50. Stock, in die Tiefe.

Ich wünsche Euch einen coronafreien und angenehmen Tag.

*

9 Kommentare zu „Tag 14 des Corona-Notstandes

  1. Auch mich beschleichen mehr als seltsame Gefühle, lieber Rainer, aber bisher kann ich noch mit ihnen umgehen. – Jetzt zu dem Thema: Zu lange Artikel.
    Ich denke immer, die LeserInnen haben ja auch nicht unendlich Zeit zur Verfügung – und mancher hat eine Feedreaderliste, in der sind fast 100 Schreiberlinge verzeichnet – zum Glück schreiben aber nicht alle an jedem Tag und nicht immer gleich mehrere Artikel.
    Ich behalte den Wortzähler beim Schreiben sehr wohl im Auge, da ich dazu mal was in einer Schreibwerkstatt gehört habe. – Bei normalen Beiträgen versuche ich, die 500er Wortgrenze nicht zu überschreiten. – Im Laufe der Zeit gab es natürlich auch Beiträge, die mir wichtig waren und ich weiter ausgeholt habe. Doch die PlusMinusTausendergrenze habe ich selten überschritten.
    Hugh! Ich habe gesprochen!
    Ganz liebe Grüße zu dir und lasse dich von keinen Patienten oder Kollegen anstecken!

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  2. Hallo lieber Rainer,

    ich mag – gut geschriebene – lange Artikel. Ich konnte bisher alle deine Beiträge gut bis zum Ende durchlesen. Es ist also auch einfach ein Empfinden, denke ich.

    Vielleicht sind auch viele momentan so richtig satt. Satt von diesem ewigen Informationsfluss über Corona. Dazu die vielen negativen Informationen und Schlagzeilen und damit meine ich nicht unbedingt die Infizierten und Gestorbenen.

    Im Hintergrund puzzeln sich die Damen und Herren Politiker klammheimlich eine „neue Ordnung“, die sie nun Stück für Stück in unser Leben installieren. Wenn man dann noch hört, was sie so von sich geben und gegeben haben – irgendwie hat man jetzt viel mehr Zeit, sich mal damit zu beschäftigen oder es wird einfach mehr darüber gepostet – dann möchte man ganz schnell seine Koffer packen und sich auf eine einsame Insel zurückziehen. Irgendwohin, wo es keine Politiker und Medien gibt, die … naja, ich drehe mich im Kreis.

    Ich finde, Du machst alles richtig und man könne ja mal längere und mal kürzere Beiträge schreiben.

    Herzlichst,
    das Licht

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    1. Danke, ja manchmal wäre eine Insel nicht schlecht. ‚Früher‘ habe ich mich immer einmal „salopp“ auf einer griechischen Insel gesehen, aber wenn ich gkazakou folge, ist dort auch nicht alles entspannt. Also, lassen wir alles wie es ist und sehen was morgen kommt. Lg. R.

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  3. Hallo Rainer, eine Nachrichtendiät kann sehr hilfreich sein. Ich schaue nur noch abends ganz kurz, denn ich mag mir die Zuversicht, die ich mir bisher noch erhalten konnte, nicht zerstören und trage diesen Gedanken auch gerne weiter. Was nutzt es, wenn wir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen den Kopf voller sorgender Gedanken haben? Es schadet unserem Immunsystem, das momentan unsere volle Unterstützung braucht 🙂 Liebe Grüße und bleib bitte zuversichtlich, sonnige Grüße aus Do, Annette

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  4. Eine gewisse Abstumpfung ist doch normal und nicht zu vermeiden; vor allem, wenn man auch noch beruflich ständig zumindest indirekt mit dem Virus befasst ist.
    Man ist ja inzwischen bei dem Thema selbst als Nichtmediziner abgestumpft; geht mir jedenfalls so.

    Und es ist denke ich auch normal, dass der starke Fokus auf Corona anderes ein Stück verdrängt und relativiert. Das sollte vielleicht nicht so sein in einer optimalen Welt, aber was ist schon optimal im Leben?

    Relativ ist übrigens auch die Sache mit der „Weitschweifigkeit“. Ich finde Ihre Beiträge nicht langatmig in dem Sinne. Zwar habe ich selbst regelmäßig ein schlechtes Gewissen wegen der Überlänge meiner Beiträge, aber eigentlich ist es im Prinzip einfach: Wem Beiträge zu lang oder „zu wenig auf den Punkt“ sind, der liest sie eben nicht. Man schreibt ja primär für sich und nicht für andere.

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