Tag 10 des Corona-Notstandes

Die Medien stolpern über die eigenen Füsse

Die Zeiten sind schwer, weil, sie sind nicht mehr wie sie Jahre, teils Jahrzehnte zuverlässig waren.

Bis vor wenigen Wochen schienen die Dinge absolut und unerschütterlich.

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Frau Merkel hockte und hockt seit rund anderthalb Jahrzehnten auf dem Kanzlerstuhl, man wusste wie sie tickt, darauf konnte man sich verlassen und ein „guter“ Medienmensch hätte ihre Rede schon kolportieren und nachplappern können, bevor sie sie überhaupt gehalten hatte.

Der Windschatten hinter Merkel war ein gutes Fahrwasser für Medienmenschen, die etwas werden wollten.

Es reichte glatt sich an die Vorgaben des Regierungssprechers Seibert zu halten, die Dinge brav zu wiederholen, dabei war es durchaus von Nutzen wenn man die Stirn gut in Falten legen und der Stimme ein gewichtiges, dunkles Timbre geben konnte.

Jubelarien wurden nie bestraft und wer trotzdem – versehentlich – in dieser und jener Formulierung einmal „daneben“ trat, wurde zuverlässig vom Shitstorm der hypermoralischen Öffentlichkeit eingeholt. Da brauchte sich nicht einmal der Intendant oder der Chefredakteur die Finger selbst schmutzig machen, das erledigte das Publikum gründlich. Die Aufgabe der „Verantwortlichen“ bestand dann lediglich noch darin, sich im Namen der unbotmäßigen „Untergebenen“ öffentlichkeitswirksam zu entschuldigen.

Das machte echt Laune, da lachte das wackere Journalistenherz.

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Interessanterweise tauchte dann ab und zu immer mal ein Spielfilm auf, in dem junge, engagierte Journalisten investigativ agierten und dabei von ihren Chefs bis auf’s Messer verteidigt wurden. Nicht selten floss Blut und am Ende siegten fast immer die Guten. Nein, nein, nicht die Regierung, sondern die jungen Investigativen siegten auf der letzten Rille.

Aber wie gesagt, das passierte lediglich im Spielfilm, in realiter habe ich das glücklicherweise in den letzten 15 Jahren nicht erleben müssen. Entweder gibt es nichts aufzudecken oder die jungen Wilden hüten sich, weil sie auch irgendwann einmal „etwas werden wollen“.

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Was hätte es auch geben sollen? Innenpolitisch war alles klar definiert, Frau Merkel und ihr Hofstaat waren prinzipiell im Recht. Eine im Grundgesetz verankerte parlamentarische Opposition zur Regierung fand nicht statt und da, wo es die durch und durch unbedarfte Truppe der AfD – nach Lucke und Strabatty – mit meist untauglichen Mitteln versuchte, wurde sie unisono abgeblockt. Regierung und sogenannte Opposition stehen Schulter an Schulter, fest wie ein Fels. Ist ja auch logisch, die Grünen wollen mit den Schwarzen in die nächste Regierung, also können sie sich ja nicht gegenseitig das Klima vergiften. Und die LINKe will mit SPD und Grünen nach Möglichkeit eine RRG-Regierung bilden, auch da gilt es leise zu treten.

Wie lautet doch ein hehrer Grundsatz unser Politik: Erst das Amt, dann die Partei und zuletzt das Land.

Die Medienwelt wäre ja dämlich sich dagegen zu stellen, schließlich will man ja auch dort etwas werden. Und, wie in den Filmen seine investigative Tätigkeit gerade noch so zu überleben, welcher junge Journalist will das schon?

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Da die Medien aber trotzdem „liefern“ müssen, geht es unisono gegen die Standardfeinde. Die AfD bettelt geradezu um Schläge, Trump und Boris Johnson pfeifen auf jede Form politischer Etikette, sodass sich die Medien unbesehen darauf verlassen können, dass sie den gewünschten Stoff geliefert bekommen und dass deutsche Medien international hochgefragt sind, behauptet nur der, der es nicht besser weiss. Und sind die einmal doch nicht greifbar, zeigt sich der frühere Liebling der Medien und der Kanzlerin Herr Macron neuerdings eigensinnig und flötet gegen den sakrosankten Kanzlerinnen-Wind.

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Nun kommt da dieser dämliche Virus daher und das Schlimmste, er macht nicht das, was die Kanzlerin sagt.

Solange er sich allein in China austobte konnten unsere Medien dasselbe an und mit China tun. Schuldzuweisungen, Spott und Häme, so wie auch jetzt über Italien, die Insel oder die USA. Dabei ist unsere Kaiserin selbst nackt, sogar splitternackt. Niemand auf dieser Welt weiss, wie das epidemische Geschehen weiter gehen wird.

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Wir haben bisher Glück gehabt, ich behaupte weniger durch die Kunst der Politik, als durch die „genetisch bedingte“ Disziplin unserer Menschen. Das, was wir mit unserem „preußischen Geist“ tun, packen sonst nur noch die Asiaten, wobei die inzwischen sogar die besseren „Preussen“ sind. Hätten wir uns allein auf die Kunst der Politik verlassen und wären die Menschen nicht so stoisch diszipliniert, wie sie sind, hätten wir jetzt nicht nur keine Masken und keine Schutzkleidung, möglicherweise auch keine Gesundheit oder kein Leben mehr.

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Nur das kann man ja nicht schreiben oder auf die Mattscheibe bringen, das wäre nicht karrieretauglich.

Also arbeitet man sich, laufend über die eigenen Füsse stolpernd, am Ausland ab.

Es tut mir leid, aber ich freue mich über weltweit jeden (noch) Nicht-Erkrankten, ich bin ein ‚klein bisschen neidisch‘ auf jeden, der es bereits überstanden hat, gleich ob er in Wuhan. Hongkong, Tokio, Bergamo, Paris oder New York zu Hause ist. Und ich verstehe die Bestürzung und die Trauer um die Opfer, gleich ob dieser Mensch weiss oder farbig, Christ, Hindu, Muslim oder Atheist war.

Was ich nicht will ist diese Art „Kriegsberichterstattung“ mit ellenlang ausgeschlachteten Zahlenreihen von Erkrankten und Todesopfern. Das erinnert mich ganz stark, zu stark an die Frontberichterstattung in Kriegszeiten, es fehlen nur noch die Fanfaren der „Deutschen Wochenschau“.

Ich will auch nicht diese dämliche Schuldzuweisung an ausländische Politiker, sei es Trump, Johnson, Orban oder was weiss ich, wer „uns“ gerade noch nicht genehm ist. Weder Trump noch Orban haben das Virus in die Welt gesetzt und wer am Ende die bessere Strategie des Umgangs damit hatte, werden wir erst nach der Pandemie wissen.

*

So, das musste sein, jetzt gehe ich in meinen ganz sicher coronafreien Garten, ich will mich um meine Tomatenpflänzchen kümmern.

In ein paar Wochen wird sich der Virus auch bei uns genügend ausgetobt haben und ich bin mir sicher, er wird mich nicht im Sommer an der Ernte meiner selbstgezogenen roten, weissen und schwarzen Tomaten hindern können. Es wäre schön und ich hoffe es, Euch allen dann damit den Mund wässrig zu machen. Obwohl, ich weiss, es gibt auch Menschen, die essen keine Tomaten, die können sich ja – so sie wollen – dann anderweitig freuen.

4 Kommentare zu „Tag 10 des Corona-Notstandes

  1. Lieber 100 Tomaten, als ein Virus. Und in allem gebe ich Dir Recht, bis auf.. Zuerst kommt die eigene Karriere, dann das andere Gedöns.. Und warum die Pressefreit verteidigt wird, wo doch sowieso alle Journalisten ein Volk von Hofberichterstattern sind, ist tatsächlich rätselhaft. Da gibt’s ja mehr Salz auf den Tomaten..☀️

    Gefällt 1 Person

  2. Was soll ich schreiben – JA! Genauso empfinde ich es auch!

    Ich meldete mich mal in einer Journalistenschule an und absolvierte auch ein paar Module. Als dann das Modul „Reportage“ schreiben angesagt war und man meinen Schreibstil dann zu „blumig “ emfpand, was mich stark an meinen Gemeinschaftskundelehrer erinnerte, der unter jede Klausur schrieb: „Thesenartig! Nicht so blumig!“, entschied ich mich für meinen „blumigen Schreibstil“ und beendete das mit der Journalistenschule wieder.

    Was allerdings bei mir hängenblieb, war, wie doch bitteschön ein guter Journalist zu arbeiten hat.

    Er soll bei der Recherche immer schön alle unterschiedlichen Meinungen, Sichtweisen, Aspekte einholen – also Für und Wider -, diese auch selbstverständlich zur Sprache kommmen lassen und dann am Schluss gern eine Zusammenfassung darlegen – gern auch seine Meinung kundtun, wenn er diese als solches deutlich macht.

    Was er auf keinen Fall machen soll – das spräche dann gegen alle ethischen Grundsätze eines guten Journalisten: eine einseitige Berichterstattung.

    Das scheinen die heutigen Journalisten irgendwie vergessen zu haben, oder wurde das Modul abgeschafft?

    Aber wie sollen sie auch besser arbeiten. Es gibt da zwei Nachrichtenagenturen – beispielsweise die dpa. Die verfassen dann Texte und die übernehmen die Zeitungen und Zeitschriften häufig einfach nur noch.

    Eine kritische Berichtserstattung, so wie früher, findet heute kaum noch statt. Die Zeitungen und Zeitschriften wurden alle gleichgeschaltet. Häufig steht im Spiegel der gleiche Wortlaut, wie in der Welt. Früher eine Zeitung mehr links, die andere mehr rechts – und immer mit einer unterschiedlichen Berichterstattung, damit sich der Leser wahrlich seine eigene Meinung bilden konnte.

    Das kann er heute nicht mehr, denn die Zeitungen klingen wortgleich. Selten gibt es mal Unterschiede.

    Natürlich gab es auch in den letzten Jahren Journalisten, Reporter oder Moderatoren, die es wagten mal etwas dagegen zu sagen. Denen wurde kurzerhand das Wort im Mund herumgedreht. Man stellte Behauptungen gegen sie auf und ließ das Publikum an Stellen klatschen oder buhen, wo man sich als Zuschauer einfach fragen MUSSTE: „Stehen die unter Drogen?“
    Dann flog die Person schlichtweg raus und bekam nirgendwo mehr die Füße auf den Boden.

    Wichtig für mich: Nicht alles glauben. Immer schön kritisch bleiben. Gern mehr in Frage stellen und sich nicht alles gefallen lassen.

    In diesem Sinne:

    Genießt die Sonne!

    Herzlichst,
    das Licht

    Gefällt 3 Personen

      1. Könnten wir ja mal drüber nachdenken. Dir ein schönes Wochenende.

        Herzlichst,
        das Licht

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