„Man muss sich doch kümmern …“

Unser schlechtes Gewissen in Zeiten von Covid-19

Ich habe ein schlechtes Gewissen.

Ich falle der Gesellschaft zur Last, die Jungen müssen sich um mich kümmern, sie müssen Rücksicht auf mich nehmen, auf vieles verzichten und sogar ihre soziale Zukunft steht – wegen meines bißchen Lebens – auf dem Spiel.

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Offenbar braucht der Mensch immer irgend etwas, worum er sich gerade kümmern kann?

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Sich zu kümmern macht ein gutes Gefühl. Da ist jemand, der kann meine Hilfe, der kann mich brauchen, weil er – hoffentlich – schwach ist (und bleibt). Ich dagegen bin stark, zumindest stärker als er. Für den Kümmernden entwickelt sich eine selbstüberhöhende Bindung und nicht selten daraus ein unmittelbares Abhängigkeitsverhältnis, er ‚richtet sich‘ an seiner eigenen Großartigkeit auf und wird damit gut eigene Schwächen kaschieren. Eigentlich kann er damit das Opfer seines Kümmerns nicht mehr aus seinen Pranken lassen.

Der „Bekümmerte“ wiederum erstarrt oft im angenehmen Zustand des – gerade noch ausreichend – „Versorgtwerdens“. So wie etwa der chronische Transferbezieher, der mit H-IV, Wohngeld und kostenfreier Krankenkasse ganz gut über die Runden kommt, sich vielleicht finanziell sogar besser steht, als meine Verkäuferin am Bäckerstand, die morgens schon einmal 1 oder 2 Stunden ohne Entlohnung vorarbeitet. Was genau sollte die Motivation des ‚Bekümmerten‘ sein, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien? Ich sehe keine.

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Für viele Kümmerer/Kümmerinnen besonders geil war in den letzten Jahren das Kümmern um „den Flüchtling an sich“. Es war und ist faszinierend, wie sich meist erwachsene bis lebenserfahrene Damen um junge gesunde, männliche Flüchtlinge scharten, sie mit Teddybären bewarfen und ihnen spontan das Herz, nicht selten auch Wohnung und Geldbörse öffneten.

Einer meiner Angstpatienten, einer von drei Geschwistern einer Lehrerfamilie, fasste das Phänomen kurz und knackig zusammen: „Wenn sich unsere Mutter früher so hingebungsvoll um uns gekümmert hätte, wie jetzt um ihre Flüchtlinge, das wäre schön gewesen.“

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An sich ist ja Mitgefühl und Hilfe etwas Gutes, solange dem Bekümmerten damit nicht die Luft genommen und ihm vermittelt wird: ‚Ich kümmere mich um dich, du brauchst selbst nichts zu tun, als das, worum ich dich bitte.‘ Eigentlich müsste es heissen, ‚Ich lasse Dir von Deiner Persönlichkeit das, was ich gerade zum eigenen Wohlfühlen nicht unbedingt brauche‘. Es impliziert, ‚ich und nur ich, weiss was für Dich richtig ist‘. Es entmündigt den Bekümmerten.

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In den letzten, durch Corona dominierten Wochen ist nun völlig überraschend der Flüchtling etwas aus dem Blick geraten und es wurden die Alten, neuerdings auch Risikogruppe genannt, als neues Objekt des Kümmerns entdeckt.

In mindestens jedem zweiten Satz im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie taucht der Vorwurf auf, man tue doch dies alles nur um die armen Alten und „Vorgeschädigten“ zu schützen. Unausgesprochen steht der Vorwurf im Raum: die Jungen opfern sich und ihre Zukunft nur im Interesse des Schutzes der Alten.

Ohne Zweifel gibt es in der Generation 60 + Menschen die Hilfe brauchen und allein nicht mehr zurecht kommen. Ich sehe es jeden Tag im Beruf, obwohl mein persönliches 60+ schon ganz schön weit zurückliegt.

Ich wehre mich aber vehement dagegen, dass die jungen Kümmerer davon ausgehen, dass wir hilflos herumsitzen und darauf hoffen, dass ihr uns helft mit unserem Leben klarzukommen.

Verdammt, wir kommen besser mit uns klar, als ihr vielfach mit Euch. Und, für einen alten Menschen haben Krankheit und Tod einen ganz anderen und keinesfalls so pathologisch-panischen Stellenwert, wie ihr glaubt. Wir wissen um die Endlichkeit des Lebens, akzeptieren sie und kleben nicht an jedem weiteren Tag des Lebens, wie die Klette im Haar.

Wenn ihr glaubt zu wissen, was für uns richtig und gut ist, dann irrt ihr Euch.

Ihr solltet Euch nicht selbst überhöhen, indem ihr behauptet, euch einredet, ihr würdet den „Kampf“ gegen Covid-19 der Alten wegen führen. Ihr führt ihn im eigenen Interesse und er dient nicht zuletzt der Überwindung eurer ureigenen Ängste.

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Ich denke, gemeinsam werden wir es schaffen der Pandemie den Schrecken zu nehmen. Und ja, es werden Menschen sterben, jedes Leben endet mit dem Tod. Das ist so, ganz einfach. Und ich werde früher sterben, als meine Kinder und die wiederum früher als die Enkel. Das ist der ewige und gerechte Kreislauf unseres Lebens.

10 Kommentare zu „„Man muss sich doch kümmern …“

  1. Wieso auch immer, hast Du wieder mal das beschrieben, was auch ich schon seit ewigen Zeiten denke und fühle.

    Ich helfe gern, aber dränge mich nicht auf. Man kann mich fragen und ich entscheide dann für mich selbst.

    Wenn ich mich „kümmere“, dann ist es ein Geschenk und ein Geschenk ist ein Geben ohne etwas im Gegenzug dafür zu erwarten.

    Ich kenne diese „Geschenke“, die an irgendwelche Bedingungen verknüpft sind, oft auch unausgesprochen … ich „kümmere“ mich dann doch lieber selbst…

    Ich kann auch meine Hilfe anbieten, aber immer ohne mich dabei selbst zu verlieren. Wenn ich meine Hilfe anbiete, dann bestimme ich wie diese Hilfe aussieht, wie lange sie dauert und wann sie wieder endet. Der andere kann mein Angebot annehmen, aber auch ablehnen.

    Wenn ich meinen Finger anbiete und der andere will mir meinen Arm ausreißen, dann verliert er auch ziemlich schnell gleich das Angebot wieder – den Finger.

    Mir sind diese „Kümmerer“ ein Rätsel. Oder brauchen sie es einfach für ihren Selbst-Wert? Vermittelt es ihnen, wertvoll zu sein?

    Hilfe zur Selbsthilfe finde ich gut. Keine Abhängigkeiten schaffen.

    Sicher könnte ich jetzt noch ewig weiterschreiben, tue ich aber nicht. Waren einfach nur mal ganz spontane Gedanken.

    Für Dich, lieber Rainer, noch einen herrlichen Tag jenseits der 60 + …

    Herzlichst,
    das Licht

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    1. Ich schwöre, ich habe deinen Kommentar erst gelesen, nachdem ich meinen schon abgeschickt hatte – aber es gibt viel Gemeinsames.
      Oft wurde ich von Leuten gerügt, dass ich meiner alten Mutter nicht in den Mantel geholfen habe. Da sie aber sehr dazu neigte, fast nichts mehr zu machen und immer unselbständiger zu werden, war das für mich eine gewisse Therapie für sie. In frühen Jahren war ich mal Physiotherapeutin und wusste, dass sie etwas mobilisiert werden musste. – Mit Über-Hilfe macht man Leute nur abhängig.
      Gute Nacht!

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo Clara Himmelhoch,

        ich habe gerade das mit den „Unterhaltungen“ entdeckt und so erst jetzt deine Antwort gefunden. Sonst hätte ich mich auch schon eher gemeldet.
        Das mit der Über-Hilfe stimmt auch.
        Ich finde auch, dass man Menschen damit entmündigt. Viele können auch im Alter noch gut entscheiden, ob sie Hilfe brauchen oder nicht. Und wenn sie die Dinge selbst erledigen, fühlen sie sich schließlich oft auch noch gut dabei.

        Herzlichst,
        das Licht

        Gefällt 1 Person

      2. Hallo, danke für deine Antwort. Ich bin auf jeden Fall so ein Typ, die so lange wie möglich alles alleine machen möchte. Wenn ich am Computer Schwierigkeiten habe, dann setze ich manchmal zwei Stunden in den Sand, aber dann habe ich es geschafft. Liebe Grüße

        Gefällt 2 Personen

  2. Noch schlimmer sind die professionellen Kuemmerer , a‘ la KGE, Roth und Co., Getopt von den salbungsvollen Sprüchen des Bundespräsidenten und der sich ewig selbstdarstellenden vdL. Die letztere hat wohl einen Container voll Banknoten Papier im Hof stehen. Oder weiss noch wo die BRD es lagert.. Die einen machen die Grenzen zu und wir sind, zumindest finanziell, verantwortlich für die finanziellen Schäden ganz Europas..

    Gefällt 2 Personen

  3. Hallo Rainer, ich kam mir vor, als wenn du irgendwie mich beschrieben hast – und dann auch wieder nicht. Bei mir kommt das Wort „kümmern“ kaum in meinem Wortschatz vor, ich bin nicht so ein Helfertyp, der nicht leben kann, wenn er nicht jemand umsorgen kann. Wenn jemand meine Hilfe braucht, verweigere ich sie keinesfalls, aber er muss schon den Mund auftun, ich drängle sie ihm nicht auf.
    Und genau so wenig kann ich es leiden, wenn mich jemand mit seiner Fürsorge erstickt – bis jetzt geht alles noch gut ohne große fremde Hilfe – bis jetzt muss auch noch niemand für mich einkaufen gehen, nur weil ich alt bin.
    Schau’n wir mal, wie es weiter geht. Ich hoffe ganz sehr, dass ich jemand finde, wenn ich wirklich jemand zum Einkaufen brauche, denn mein Sohn wohnt ganz schön weit weg.
    Und tschüss

    Gefällt 3 Personen

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