Tag 7 des Corona-Notstandes

Ruhe vor dem Sturm

Wieder einmal ein Morgen nach dem Nachtdienst.

Die Straßen werden scheinbar von Tag zu Tag leerer. Selbst die Verlässlichkeit derer, die mir morgens entgegen kommen, ist weg. Weder der „Mustang“ noch der „Ypsilon“ tauchen auf. Ich merke, dass ich fast enttäuscht bin und beginne mir zu überlegen, was mit ihnen sein mag. Ich weiss es nicht, das verunsichert mich etwas.

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Die viel beschworene Anti-Corona-Solidarität unter den Menschen, so es sie je gegeben wird, wird spürbar brüchig. Patienten berichten, dass sie außerhalb des Klinikgeländes von den Einheimischen zunehmend angefeindet und hinter die Mauern unseres zum Glück großen Anwesens verwiesen werden. Ich erspare mir den Begriff „gejagt werden“. Die Polizei bittet uns auf die Patienten einzuwirken, dass sie innerhalb des Geländes bleiben, um Konflikte zu vermeiden. Worin genau zeigt sich Solidarität? Wenn hie und da einige Städter abends auf ihren Balkons singen, spielen oder klatschen, so ist dies vielleicht berichtenswert und rührt manche zu Tränen, aber Solidarität ist in meinen Augen etwas Tätiges, alles andere ist wohlfeil.

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Es sollen vernünftigerweise „soziale Entfernungen“ eingehalten werden. Viele, ich denke die meisten halten sich daran, ich wundere mich, dass im Internet noch keine „Corona-Maße“ à 1,5 Meter angeboten werden. Schwer sollte es doch nicht sein, aus Holzlatten oder Besenstielen entsprechende „Massstäbe“ anzufertigen. Ich werde darüber nachdenken.

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Es gibt aber natürlich auch einige Unbelehrbare, die sind schlichtweg nicht zu erreichen. Nicht nur in Ischgl, im Zillertal oder jetzt in Are in Schweden, auch hier vor Ort, so wie auf dem Hühnerhof unserer jungen Leute.

Mehrfach aber völlig vergeblich habe ich den Hühnern erklärt, dass sie 1,5 Meter Abstand halten sollen, sie bleiben stur. Sie werden schon merken, was sie davon haben.

Allerdings erfahre ich, dass sie derzeit nach der Winterpause sehr gut legen. Nestfrische Eier, lecker und jeden Tag wieder eine Freude, die Eier abzunehmen. Nicht alle lassen sich von Corona schrecken.

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Ich wünsche Euch allen einen strahlenden Frühlingstag.

4 Kommentare zu „Tag 7 des Corona-Notstandes

  1. Ich habe zur Selbsthilfe gegriffen und gehe nur noch mit einem ausgeklappten Zollstock vor die Haustür. Und so habe ich meinen lieben Nachbarn etwas Freude bereitet. Mir auch. Was haben die so dankbar gelacht. Vielleicht auch eine Medizin gegen die Angst. Bescheiden, wie ich bin, erwarte ich aber nicht gleich die Doktorwürde für meine Teraphie..☺️☺️

    Gefällt 3 Personen

  2. An echtge Solidarität hier in Deutschland kann ich nicht so richtig glauben, denn da wäre u.a. das Einkaufsverhalten in Supermärkten ein anderes.
    Aber das mit euren Patienten ist ja beängstigend. Zwischenfrage: Machst du nur Nachtdienst??? – Sind eure Patienten gleich und sofort als Klinik“bewohner“ zu identifizieren? Sie werden kein „P“ auf der Stirn zu stehen haben und sie werden auch nicht in Bademänteln, sondern Zivilsachen auf die Straße gehen. Warum haben die Leute Angst vor ihnen oder wollen sie nicht im Straßenbild sehen?
    Lieben Gruß von mir

    Gefällt 1 Person

  3. … und während sie singen und klatschen wird im stillen Kämmerlein darüber nachgedacht, den Rentenbeginn für die geburtenreichen Jahrgänge kurzerhand noch ein paar Jahre weiter nach hinten zu verschieben – mit der Begründung: Damit man den Verlust, den man jetzt durch ein paar Monate Kurzarbeit erleidet, ausgleichen kann.
    Von den Beamten und Politikern und deren Pensionen wurde in dem Zusammenhang übrigens nichts berichtet.

    Ach ja, und ich erhielt heute eine Nachricht mit dem Hinweis: „Wenn du willst, dann … Kerze der Hoffnung … anstelle Profilbild …für die an Corona Erkrankten … mal sehen, wie viele das mitmachen…“ Passt doch irgendwie zu den Gesängen, Kerzen im Fenster und neuen Fernsehformaten, wo jemand, der angeblich alleine zu Hause ist, für die Massen, die zu Hause bleiben sollen, eine Sendung zu machen.

    Ich habe ja schon vor der „Corona-Krise“ gesagt, die Menschen spielen verrückt. Jetzt würde ich sogar behaupten: Sie drehen durch.

    Und so am Rande: Danke Rainer, dass Du uns immer mit so neuen Informationen bereicherst. Ich lese Deine Beiträge sehr gern, auch wenn es sich häufig um Corona dreht.

    Liebe Grüße
    das Licht

    Gefällt 1 Person

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