„Leute, kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten!“

Einige von Euch mögen diese Spruch noch kennen. Oma Anna selig gebrauchte ihn gesetzmäßig immer dann, wenn etwas Unvorhergesehenes auf uns zukam. Etwa ein negativer Eintrag der Klassenlehrerin ins „Hausaufgabenheft“, den ich gewohnheitsmäßig lieber von ihr gegenzeichnen liess, statt meine Eltern damit nutzlos und in überflüssiger Weise zu ängstigen. Einzelne Informationen hätten sie sogar verunsichern können …

Für die Herren, die wie ich das Haupthaar absolut offen tragen und einmal wöchentlich mit dem Mähdrescher darüber hinweg fegen um auch das letzte zarte Spitzchen noch verlässlich abzusäbeln, sind Kämme entbehrliche Dinge. Wir brauchen sie ganz einfach nicht, was nicht heisst, dass wir nicht um ihre Existenz wissen würden.

Ich erinnere mich gerade, dass es in unserer Jugend Usus war den Kamm lässig in der Arschtasche zu tragen. Wenn ich also in Erfurt durch die Bahnhofstraße oder über den Anger ging, schlenderte, parlierte, hatte mindestens jeder / jede Zweite so’n Ding ‚hinten drin‘ stecken. Ein Teil ragte dabei gut sichtbar über den Rand der Tasche hinaus. Schöne Kämme waren begehrt, wenn auch nicht immer zu bekommen. Am liebsten wurden Stielkämme als Accessoire genutzt.

Historisch gesehen ist der Kamm eines der ältesten Geräte, die der Mensch zur Körperpflege nutzt.

Über Jahrhunderte war deshalb der Kammmacher ein angesehener, weil auch künstlerisch angehauchter Beruf. Siehe hier:

Kamm aus Walrosselfenbein,
um 1100

Ursprünglich dienten die Kämme neben der Schönheit auch der Entfernung von Ungeziefer aus den Haaren, meist wohl Läuse, aber auch von anderen Dingen wird berichtet. Darüber hinaus eignet er sich hervorragend dazu das Haupthaar von zu viel Schmutz zu befreien. Diese Fähigkeit wird heute noch ausgiebig genutzt. Zumindest habe ich den Eindruck im städtischen ÖPNV, wenn man wieder einmal weder auf eine Armlänge, denn gar einen Meter Abstand steht. Da ich vor Jahren meinen Geschmack verloren habe, ist mein Geruch besonders ausgeprägt, was dann nicht immer das reine Vergnügen ist.

Neuerdings dienen Kämme erneut dem Kampf gegen das Ungeziefer auf den Köpfen, nur steckt sich wahrscheinlich niemand einen Läusekamm gut sichtbar in die Arschtasche. Erwerben kann man ihn alldieweil überall, allerdings meist sehr diskret.

Der Kamm diente Oma Anna selig im übertragenen Sinn auch zur Zuordnung der Menschen in ihrem Umfeld in „ordentlich“ und „unordentlich“. Ihr Lebensprinzip war: „Arm, aber sauber“. Wollte sie ausdrücken, dass es in einem anderen Haushalt nach ihrem Standard unordentlich zuging, „lag bei der, der Kamm neben der Butter“.

Also Leute, „kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten“ auf uns zu und wenn Euch Corona in die häusliche Quarantäne verbannen sollte, nutzt die freie Zeit, damit bei Euch nicht mehr „der Kamm neben der Butter liegt„.

3 Kommentare zu „„Leute, kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten!“

  1. Was nützt der Kamm, wenn die Butter ausverkauft ist ☺️ Aber die Jugendgeschichten liefen im Westen genau so ab. Sogar im Renntrikot hatte man eher Platz, als für eine Banane. Für die eventuelle Siegerehrung. Bei mir hätten Bananen gereicht..

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