Alles Chancengleichheit oder was … ?

Doping beginnt nicht in der Apotheke

Grundlegendes Prinzip des Leistungssportes ist das Gewinnen.

Wer im Leistungssport zum Wettkampf antritt, will gewinnen oder zumindest zeigen, dass er einer möglichst großen Zahl von Rivalen überlegen ist. Wenn er es nicht wollte, würde er vernünftigerweise im gesundheitsförderlichen Breitensport aktiv sein. Oder eben auf der Couch hocken und den Aktiven über den Bildschirm erklären, was sie alles falsch machen. Die letzte Gruppe ist immer die größte! 😂

Aber wer Leistungssport betreibt, will seine Überlegenheit beweisen. Niemand tritt etwa bei einem Lauf über 10 000 Meter an, weil er Zweiter bis Letzter werden will, er will gewinnen.

Nun gibt es unter den leistungsorientierten Menschen einige, die bessere körperliche Voraussetzungen haben als ihre potentiellen Rivalen. Jetzt einen Wettkampf „aus dem Stand“ anzutreten, wäre langweilig, es würden immer die gleichen gewinnen. Niemand würde sich dafür interessieren. Leistungssport ist nur interessant, wenn das Ergebnis offen ist, also immer mal andere gewinnen.

Und damit nicht immer nur die von Geburt schon körperlich Bevorzugten gewinnen, hat man das Training erfunden.

Natürlich kann man Training auch formell zur Ausweitung der Leistungsgrenzen ansetzen. Niemand würde sich schinden, wenn es nicht auch dabei ausschließlich darum ginge besser zu sein als der Kontrahent. Obwohl, dabei muss ich die Essgestörten ausnehmen, siehe mein Beitrag:

https://rainerhartwich.com/2020/03/06/alles-hunger-oder-was/

Gern wird von Leistungssportlern das Narrativ gepflegt, der „Beste“ ist immer der, der am fleissigsten und am besten trainiert hat. Damit wird impliziert, ‚du musst nur schön brav und fleissig sein, dann wirst auch Du gewinnen können. Ich lasse mich inzwischen nicht erwischen.‘

Um es vorweg zu nehmen, das würde vielleicht zutreffen, wenn ich von Kindheit an, mehrere potentielle Sportler kasernieren würde und über Jahre alle unter den gleichen Bedingungen mit der gleichen Motivation trainieren könnten.

Dies ist nicht die Realität. Der Leistungssport ist entweder ein gesamtgesellschaftliches Phänomen oder er ist es auch nicht.

„Doping“ beginnt nicht in der Apotheke, sondern in der Gesellschaft. Ein reiches Land wie Deutschland etwa kann a priori mehr in den Sport investieren, als etwa Moldawien. Ein Talent aus Leipzig hat somit schon von Geburt bessere Voraussetzungen ein „Sieger“ zu werden, als das Kind aus Kischinjow. Selbst wenn die physiologischen Voraussetzungen gleich sein sollten, er hat praktisch keine Chance. Ein erster Aspekt der Ungleichheit.

Die Ungleichheit beginnt bei der Talentauswahl. Um Spitzenleistungen überhaupt anpeilen zu können, müssen Talente früh entdeckt, nach bestimmten Leistungsparametern selektiert und jahrelang gefördert werden. Nicht jedes Elternhaus, nicht jede Schule, nicht jeder periphere Sportverein, nicht jedes Land sind dazu in der Lage. Ein weiterer Aspekt der Ungleichheit.

Sind Talente entdeckt und haben einen Förderer gefunden beginnt die Trainingsphase.

Das Training kann mehr oder weniger effektiv sein. Trainiert das Talent unter optimalen Bedingungen, etwa in Köln oder Leipzig unter universitärer Steuerung oder in Kienbaum unter optimalen materiellen und trainingsmethodischen Voraussetzungen, hat er wesentlich bessere Voraussetzungen sein physiologisches Potential auszuschöpfen, als der junge Sportler aus Vitebsk in Weissrussland, der für sich allein darum bemüht ist, auch irgendwann erfolgreich zu sein. Ein weitere Aspekt der Ungleichheit.

Eine wichtige Rolle spielt die soziale Stellung. Ein Sportler, der sich als Profi nur auf seinen Sport konzentrieren kann und nicht für sein soziales Auskommen noch zusätzlich arbeiten muss, hat einen klaren Vorteil. Ein weiterer Aspekt der Ungleichheit.

Der mit den besseren materiellen Voraussetzungen hat natürlich den „ersten Zugriff“ auf den Sieg im Wettkampf.

Nun will der Läufer aus Kischinjow, der immer Zweiter ist, naturgemäss auch einmal Erster werden. Und, er „braucht“ zu seinem sozialen Aufstieg den Sieg mehr, als der Sportler aus dem „satten Westen“.

Was bleibt ihm?

Er muss nach leistungsfördernden Methoden suchen, die ihm mit seinen beschränkten materiellen Mitteln zugänglich sind. Die Regierung in Kischinjow wird ihm kein Trainingszentrum mit schier unbegrenzten Mitteln zur Verfügung stellen können und wollen. Die Bevölkerung dort hat andere Probleme.

Er könnte auswandern und sich – bei ausreichendem Talent – irgendwo im „reichen Westen“ einer allseits gepamperten Leistungsgruppe anschliessen. Nur wenige schaffen oder wollen das. Es gibt durchaus Sportler, denen es eine Ehre ist für ihr Land anzutreten. Zugegeben ist dies nicht mehr zeitgemäss und wird den Nostalgikern nur selten materiellen Wohlstand nach westlicher Vorstellung einbringen, aber es gibt es noch.

Die immer wieder propagierte „optimale Sporternährung“ ist wichtig, aber nur EIN kleiner Aspekt und macht aus einem „Nachläufer“ noch lange keinen Sieger.

Nicht zu unterschätzen sind selbst scheinbare Randfragen, etwa wie kommt der Sportler zum Wettkampf? Kommt er mit einem durch ein großes Team organisierten Flug von Innsbruck nach Oslo und muss nicht einmal sein Gepäck tragen oder muss er vielleicht selbst mit dem Auto quer durch Europa juckeln? Kann er in einem Sterne-Hotel mit allen Trainings- und Wellnessmöglichkeiten logieren oder reicht es gerade für das billige Hostel an der Hauptstraße?

Wenn also der „ewige Zweite“ aus Kischinjow auch einmal Erster werden will, braucht er den Apotheker. Eine andere Möglichkeit hat er de facto nicht.

Wer nun glaubt, das pharmakologische Doping würde aus einer Trauerweide einen Tannenbaum machen können, irrt gewaltig. Pharmakologische Leistungssteigerung kann vielleicht die wenigen Prozente ausmachen, die den permanenten Vierten endlich einmal auf’s Podest hieven. Aus dem „ewigen 20sten“ dagegen wird auch der Apotheker keinen Sieger machen können.

Trotzdem haben die „entwickelten“ Länder selbst beim pharmakologischen Doping unschätzbare Vorteile gegenüber den „armen Schluckern“.

Wer pharmakologisches Doping ohne entsprechende Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten anwendet, fliegt ganz schnell und unweigerlich bei Kontrollen auf. Wer das Gleiche unter „wissenschaftlicher Anleitung“ macht, wird so gut wie nie erwischt werden, wenn er nicht ausgesprochen dämlich und in seiner Gier nach Leistungssteigerung unersättlich ist. Siehe meinetwegen seinerzeit das „Anabolikum in der Zahnpaste“ von Dieter Baumann.

So wird der Läufer aus Kischinjow in der Regel beim pharmakologischen Doping „erwischt“, der Läufer aus Köln, Leipzig oder der Wintersportler aus Ruhpolding mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.

Aber gerade der Läufer aus Deutschland wird mit seinem nackten Finger als Erster auf den erwischten Moldawier zeigen, Zeter und Mordio schreien und sich über Betrug und Chancenungleichheit erregen. Seine eigenen Vorteile wird er dabei nicht erwähnen.

Und Hajo Seppelt kann wieder eine seiner tendenziösen Doping-Sondersendungen in der ARD platzieren.

Ungleichheit beginnt, wie dargelegt bei der Talentauswahl, geht über die Trainingsmethoden und -möglichkeiten, über die soziale Absicherung bis hin zur Apotheke. Dabei ist alles ist erlaubt, nur der Apotheker nicht.

Wenngleich, so viele Asthmatiker, wie etwa bei den Norwegern beliebige Ausdauersportarten betreiben und leistungsfördernde Asthmamittel „regulär“ einsetzen, gibt es wohl sonst weltweit nicht. Jedenfalls kann ich mich erinnern, dass ostdeutsche Sportlerinnen wie die Ausnahmeläuferin Katrin Krabbe in den 90ern dafür geteert und gefedert wurden. Chancengleichheit eben.

Die Verurteilung des pharmakologischen Dopings hat nur bedingt etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Und, Leistungssteigerung beginnt und endet nicht beim Apotheker und beruht – entgegen der gebetsmühlenartigen Beteuerungen der „Guten“ – keinesfalls nur auf Trainingsfleiss.

Alles ehrlich oder was … ? Aber warum sollte es gerade im Sport so sein?

4 Kommentare zu „Alles Chancengleichheit oder was … ?

  1. Genau so ist es. Ich hatte in den 60ern bei den 6-Tage Radrennfahrern gesehen, was da abging. Die Mittel waren „einfacher“ und einst teilweise offen zu kaufen..Pervitin z.B. – das eher schädliche war die Einnahme ohne medizinische Kontrolle. Und was den Profis recht war weckte die Begierde der Amateure. Oder der Trainer. Was ich hin und wieder in den letzten 30 Runden in der Flasche hatte war mir nicht immer bekannt. Aus Kostengründen und weil ich eh‘ nicht zur Spitze gehörte, tat es da jedoch meist Kaffee mit Koffeintabletten und ein Schuss Cocnac. Amateurhaft halt. Mich ärgert bei dem Thema die Heuchelei. Und der Fingerzeig auf die anderen.

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    1. Ach ja, waren das Zeiten . Seltsamerweise ist nach meinem Verzicht auf Nikotin auch meine Coffeinsucht auf eine Tasse/Tag gesunken und derzeit aus Gewichts- (nicht aus religiösen)Gründen ist momentan auch mein Alkoholkonsum fast dem eines Blaukreuzlers gleich. Fast☺️ LG

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  2. Die Menschen aus den gutsituierten Ländern leben den Spruch: „Besser reich und gesund als arm und krank“ – und sie verteidigen das so vehement und kommen nicht auf die Idee, dass andere auch was vom Kuchen abhaben möchten.
    Mit Gruß von Clara

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