Alles Blase oder was … ?

Der kontroverse Diskurs

Der kontroverse ergebnisoffene Diskurs ist eine der grundlegenden Voraussetzungen für eine positive gesellschaftliche Entwicklung.

Am Gegenteil, an der Unterdrückung des kontroversen Diskurses ist unter anderem die frühere DDR gescheitert. Wenn das gesellschaftliche „Für und Wider“ nicht öffentlich ohne die Inkaufnahme persönlicher Nachteile ausdiskutiert werden kann, führt dies zu Stillstand und in der Folge zum Abwenden der Menschen hin zu Strukturen, in denen sie sich – vermeintlich – besser aufgehoben fühlen.

Es wird immer wieder darüber berichtet, dass ein ehrlicher oder gar kontroverser Diskurs in Deutschland Ost vor 1989 nicht möglich gewesen ist / wäre.

Das stimmt oder stimmt auch nicht.

Die von mir sehr geschätzte Vera Lengsfeld könnte darüber nicht ein, sondern viele Lieder singen. Es ist faszinierend, dass Frau Lengsfeld, weil sie sich der öffentlichen Meinung nicht beugt und nach wie vor einen sehr fundierten Diskurs führt, auch heute wieder auf der Seite „der Deppen“, der „Rechten“, der „Auszugrenzenden“ angesiedelt wird und sie wird in eine Reihe gestellt mit konservativen Publizisten wie Sarazzin, wie Henryk Broder oder Roland Tichy.

Den vorläufigen Gipfel der Ausgrenzung Andersdenkender hat Jakob Augstein erklommen:

„Die Wegbereiter der Gewalt haben Namen und Adresse: Sarrazin, Broder, Tichy, und andere, die die Verrohung des Diskurses vorangetrieben haben. Zuerst kommen die Worte, dann die Taten. Das ist bei den Rechtsterroristen so, wie bei den Islamisten.“

— Jakob Augstein (@Augstein) February 20, 2020

Henryk Broder ist Nachkomme jüdischer Eltern, die den Holocaust im KZ überlebt haben. Augstein schämt sich nicht Henryk Broder in eine Reihe mit Rechtsextremisten zu stellen, denn als Islamisten wird er ihn wohl beim besten Willen nicht bezeichnen können.

In nicht wenigen Punkten geht meine persönliche Meinung oder Erfahrung nicht konform mit der der genannten Autoren, aber ich mache mir die Mühe die von ihnen publizierten Dinge zu lesen, mich mit ihnen auseinanderzusetzen, das Für und Wider abzuwägen und finde fast immer einen gedanklichen Kompromiss.

So funktioniert gesellschaftlicher Diskurs und nicht über den Versuch Andersdenkende durch persönliche Bedrohung a là Augstein mundtot zu machen.

Nun wäre es relativ einfach Augstein einfach zu ignorieren, denn gesellschaftlich hat er – außer dass er Erbe ist – nichts Nennenswertes geleistet.

Allerdings gibt es nicht nur die bekannten „Augsteins“, es gibt, wie immer, viele „kleine Nachahmer“ auf allen Ebenen.

Aber zurück zu Deutschland Ost vor 1989.

Es gab eine offizielle Meinung, dass war ausschließlich die der Partei (SED), der Regierung, der staatlichen Verwaltung und in der dritten Stufe der Massenorganisationen (Gewerkschaft, usw.).

Die Partei gab die „richtige Meinung“ vor, sie wurde über die Medien weitergegeben in der Hoffnung, dass die Menschen die Vorgaben „auswendig“ lernten, weil rein logisch waren die Dinge oft nicht abzuleiten, aber von einem hohen „moralischen Glanz“. Gern wurde es gesehen, wenn die auswendig gelernten Dinge dann fließend wiedergegeben werden konnten.

Wer sich „in der Öffentlichkeit“ möglichst lautstark an dieses Procedere hielt, war fein raus und hatte nichts „zu befürchten“, auch dann nicht, wenn er „privat“ ganz anders redete. Darum scherte sich in 99 von 100 Fällen niemand.

Wer sich nun wie Vera Lengsfeld, nicht an dieses erwartete und von den Meisten stillschweigend und auch schmunzelnd akzeptierte Procedere hielt, wurde mehrfach inoffiziell „verwarnt“. Wer auch diesen Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstehen wollte, hatte in sich forcierender Art mit Ausgrenzung zu rechnen, wurde irgendwann tatsächlich ausgegrenzt und im Extremfall „ausgebürgert“, d.h. von den „Entscheidungsträgern“ des Landes verwiesen.

Oma Anna selig hätte gesagt, „Wer so gar nicht hören will, hat eben neben den Eimer geschissen, das war schon immer so“.

Vera Lengsfeld möge mir dies bitte nicht übel nehmen, sie gehört genau zu dieser Gruppe. Interessanterweise wurde sie in ihrer Opposition zur DDR von unseren Medien gefeiert, als sie aber „ihren eigenen hochintellektuellen Kopf“ auch in dieser, unserer Republik nicht ablegte und dies auch noch öffentlich, wurde sie sofort wieder zur „Außenseiterin“ degradiert.

Das System der DDR konnte fast 40 Jahre funktionieren, weil sich genügend „Willige“ fanden, die sich unter dem Mäntelchen der „moralisch Besseren“, der „Fortschrittlichen“ gegen die „Querköpfe“, die „Rückwärtsgewandten“, die „Feinde“ stellten. In diesem Prozess waren die „Willigen“ letztendlich die treibenden und agierenden Kräfte. Die eigentlichen „Entscheidungsträger“ dagegen blieben bis zuletzt diskret im Hintergrund.

Die Beweggründe der „Willigen“ waren unterschiedlich. Sie reichten von der Selbstüberhöhung „die moralisch Besseren“ zu sein bis hin zu schamlosem Karrierestreben.

Ich habe das Gefühl heute wieder ähnliche Mechanismen kennenzulernen, die Worte haben sich gewandelt, die Inhalte bleiben die Gleichen. Wer nicht „spurt“ wird ausgegrenzt, diffamiert, beleidigt und wenn es allein durch die Wortwahl ist. Eine der ersten Stufen der Ausgrenzung ist dabei die Verortung Kritischer in einer „Filterblase“. Diesen Begriff gab es in der DDR selig nicht, der ist tatsächlich neu.

Wir sehen, selbst hier gibt es eine Dynamik.

Wahr bleibt aber auch: „Wer so gar nicht hören will, hat eben neben den Eimer geschissen, das war schon immer so“.

2 Kommentare zu „Alles Blase oder was … ?

  1. Kontrovers aber konstruktiv, tief aber nicht zu tief, bestimmt aber höflich sollte so ein Diskurs sein.
    Aber kann das heute noch jemand?
    Und die Journalisten: Wes Brot ich eß, des Lied ich sing.
    Es wird doch von staatlicher Seite nur noch Angst geschürt. Dagegen war die Wirkung der Mannen von Mielke ein Witz, denn die waren berechenbar!
    Dagegen dürfen die Besatzer mit ihren Mordinstrumenten die deutsche Natur zerstören (http://fluglaerm-kl.de/aktuelles_einzeln.php?artikel=202003092400) – ungestraft und hoch subventioniert.

    Gefällt 2 Personen

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