Alles klar oder was … ?

Vom Dilemma des Vergleichs

Hanau ist eine unscheinbare Stadt in der Nähe Frankfurts/M., also in Hessen, um die sich sonst in Deutschlands kaum jemand Gedanken macht.

In Hanau, ist Furchtbares passiert. Ein Mann hat 10 Menschen und zuletzt sich selbst getötet.

Über den Täter sind schon Stunden nach der Tat bemerkenswerte Einzelheiten bekannt geworden.

Es handelt sich um eine psychisch kranken 43 Jährigen, der offenbar noch bei seinen Eltern lebte und bisher Verantwortung für sich selbst oder eine eigene Familie nicht übernommen hatte. Er ist Sportschütze und hat eine Waffenbesitzkarte, sodass er „legalen“ Zugang zu Waffen hatte.

In der Wohnung fanden sich – bei Eintreffen der Polizei – drei Menschen, zwei Tote, die Mutter des Täters und der Attentäter selbst. Der Vater dagegen war nach Angaben der Medien „körperlich unversehrt“.

Über den Täter selbst ist weiter bekannt, dass er seit Jahren an Wahnvorstellungen litt und u.a. die ‚Behörden‘ in Form von Anzeigen gegen die „ihn Verfolgenden und Bedrohenden“ davon in Kenntnis setzte. Folge ich den Darstellungen der Medien richteten sich seine Wahnvorstellungen gegen „Sicherheitsbehörden“, gegen fiktive und finstere Mächte, die „ihn und uns“ gedanklich manipulieren, gegen die „Regierung“ im Allgemeinen und gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen, etwa mit Migrationshintergrund, gegen die er sich staatlich nicht ausreichend geschützt und denen er sich damit schutzlos ausgeliefert wähnte.

Den Sicherheitsbehörden dagegen soll er bis zu seiner Schreckenstat nicht ins Visier gekommen sein.

Nicht bekannt ist mir, ob er wegen seiner Wahnvorstellungen, die man „aus der Ferne“ vorerst und mit Vorbehalt als paranoide Psychose charakterisieren kann, in fachärztlicher, sprich psychiatrischer Behandlung war. Zu hinterfragen ist in diesem Kontext dagegen, warum von Behördenseite für einen psychisch schwer kranken Menschen der Waffenbesitz legalisiert wurde. Hier sollte und muss es wirksame Kontrollmechanismen geben.

Nicht bekannt ist auch, ob die Eltern, unter deren Obhut er lebte, das von ihm mit dieser Krankheit ausgehende potentielle Gefährdungsmuster erkannt haben.

Zu Recht wurde in der Vergangenheit bei von der Dimension der Opfer ähnlich gelagerten Verbrechen stets darauf hingewiesen, dass „man die Hintergründe nicht kenne“ und deshalb solche grausamen Verbrechen nicht verallgemeinern und vor allem nicht politisch instrumentalisieren darf.

Als ähnlich dimensioniert würde ich etwa das Attentat von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt in Berlin in 2016 betrachten. Die Hintergründe dieses terroristischen Angriffs sind bis heute nicht abschließend geklärt, wozu auch der Umstand beitrug, dass man des Täters hierzulande nicht habhaft wurde und die italienische Polizei die deutschen Behörden vor einer weiteren Aufklärung bewahrte, da sie ihn in Mailand auf einem Bahnhof final aus dem Verkehr nahm.

Die Reaktionen des „politischen Deutschlands“ auf das Amri-Attentat waren sehr verhalten, was nicht zuletzt das absolute Unverständnis der Angehörigen der Ermordeten und der überlebenden Opfer hervorrief.

Egal was von unterschiedlichen Seiten dann in den Vorgang hineininterpretiert wurde, der behutsam anmutenden Umgang mit der schrecklichen Tat verstärkte zumindest nicht noch zusätzlich die schon damals offenkundige Polarisierung der Gesellschaft.

Ganz anders jetzt in Hanau, bereits Stunden nach der Tat marschieren große Teile der Politprominenz mit wahrhaft martialischem Gesichtsausdruck und noch drastischeren Reden vor Ort auf. Zehntausende besorgte Bürger gehen auf die Straßen, ein Teil, aus echter Anteilnahme, ein Teil wieder einmal „um Haltung“ zu zeigen und „Zeichen zu setzen“.

Unverständlich ist mir, warum dieses schreckliche Attentat eines psychisch kranken Menschen nun in dieser herausragenden Weise politisch instrumentalisiert wird?

Wir haben gehört, dass er die Mutter getötet, aber den ebenfalls im Haus anwesenden Vater unverletzt gelassen hat. Die Frage ist, warum?

Ich kann mir deshalb – theoretisch – folgenden Ablauf des Abends des Täters in Hanau vorstellen, wir wissen nicht, ob es tatsächlich so war, unwahrscheinlich erscheint es mir aber nicht. Zumindest ist der Ablauf auch nicht unwahrscheinlicher, als der öffentliche Ansatz von der bewussten „politischen“ Radikalisierung:

Er hat in einer psychotischen Phase einen Konflikt mit seiner Mutter, die er daraufhin attackiert oder gar sofort tötet. Möglicherweise verstärkt dieses Ereignis den psychotischen Schub, er bewaffnet sich und richtet seine explodierende pathologische Energie gegen Menschen, denen er sich im realen Leben genau so wenig gewachsen sieht, wie vermutlich der attackierten Mutter.

Nachdem sich seine pathologische Energie in tödliche Gewalt umgesetzt hat, geht er dorthin, wo er sich in der Vergangenheit noch beschützt erlebt hatte, nach Hause, und bestraft sich – für ihn folgerichtig – neben der Leiche der Mutter final selbst.

Ich vermute, die Auswahl der Opfer geschah nur bedingt gezielt. Am späten Abend sind selbst in einer größeren Kleinstadt so viele potentielle Ziele nicht verfügbar. Es hätte genauso tagsüber, etwa bei einem frustranen Besuch einer Behörde, zu einer vergleichbar tödlich pathologischen Reaktion kommen können. Dann hätte es – wahrscheinlich – die Mitarbeiter der Behörde „mit voller Wucht „getroffen.

Vermutlich werden wir, wie in ähnlich gelagerten Fällen die „Wahrheit“ nicht offiziell erfahren, was wiederum Spekulationen Tür und Tor öffnet.

Im Mittelpunkt sollten die Opfer stehen.

Ich finde, die furchtbare Tat von Hanau ist genau so wenig zu instrumentalisieren, wie etwa der Fall des psychisch kranken „Bahnsteig-Schubsers“ am Frankfurter Hauptbahnhof.

Für den erneuten Ruf nach wieder schärferen Gesetzen erscheint mir gerade dieser tragische Fall nicht geeignet. Aber, wer legt schon Wert auf meine Meinung? Trotzdem will ich sie gesagt haben. Nicht um Recht zu bekommen, sondern weil mich das Gefühl beschleicht in meinen vielen Lebensjahren zu oft geschwiegen zu haben.

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4 Kommentare zu „Alles klar oder was … ?

  1. Das System braucht solche Vorkommnisse, um die angst unter der Bevölkerung zu schüren und die Lämmer gut schlachten zu können.
    Und die „Politiker“ dürfen sich „volksnah“ präsentieren.
    Was spricht gegen ein generelles Waffenverbot?
    Sportwaffen werden nur in den Vereinen aufbewahrt und benutzt. Punkt.
    Was spricht gegen ein generelles Tempolimit auf bundesdeutschen Autobahnen? Die A61 in RLP ist wegen hohen Unfallaufkommens Anfang der 90er auf 130 begrenzt worden. Die Unfallzahlen sind signifikant gesunken.
    Wozu da noch „wissenschaftliche“ Studien? – Ach so, das ist der Sachverhalt mit den Beratern… Geld, Steuergeld stinkt nicht.

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  2. Doch, Gesetze sollten schon geändert werden, nämlich was die Legalisierung von Schusswaffen betrifft.
    Die Beschreibung des Tatablaufs, die du versuchst, ließe sich verifizieren – zumindest in dem Teil, ob er die Mutter vor dem Anschlag oder hinterher umbrachte.
    Jedenfalls stimme ich dir zu, dass der Täter eher als „gefährlicher Psychopath“ denn als „gefährlicher Rechtsextremer“ zu charakterisieren wäre. Wobei ein gewisses Maß an psyhopathischer Störung wohl bei allen politischen Tätern vorausgesetzt werden muss, und man darauf sehen müsste, aus welchen pathologischen Zuständen der Gesellschaft sich dann der besondere Inhalt speist.
    Es bleibt auch noch zu fragen, ob der Täter den Sicherheitsbehörden wirklich unbekannt war, oder ob er ihnen aus dem Gleis gelaufen ist.

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  3. Bei der Verschärfung der Waffengesetze gehen wir wahrscheinlich alle d’accord. Ich denke, in einem funktionierenden Staat, der das Gewaltmonopol hat und auch umsetzt, braucht es keine Kalaschnikow unter dem Bett.
    Was ich meinte war eher dieser schon fast pathologische Reflex der Politik, allen voran Drehhofer, nach noch mehr Polizei, noch mehr Überwachung, die ja inzwischen bis ins „Hochprivate“ geht.

    Danke für Eure Kommentare, sich zu dem Thema zu äußern fordert ja heute leider schon Mut.

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  4. Ich fand die Tat schrecklich genug, so dass ich mich nicht ausgiebig mit den damit im Zusammenhang stehenden Takten befasst habe. – Vom Todeszeitpunkt her kann man doch feststellen, ob die Mutter gleich als erste vor den Opern in den beiden Shishabars erschossen wurde oder erst danach am Ende, als er sie umbrachte und dann sich selbst. – Ich weiß auch nicht, wie das mit der Anwesenheit des Vaters gewesen ist, warum er am Leben geblieben ist. Ich kann mir vorstellen, wenn er jetzt mit dieser Tat seines Sohnes leben muss, wäre ihm vielleicht ein anderer Ausgang sogar lieber gewesen.
    Warum seine psychische Erkrankung trotz seiner Briefe nicht erkannt oder beachtet wurde, verstehe ich nicht – denn dann hätte er keinen Waffenschein haben dürfen.
    Manchmal ist das Leben sehr unverständlich.

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