Alles Politik oder was … ?

Die Brandmauer

Die Medien sind voll davon, in Erfurt hat man die Brandmauern eingerissen. Als Erfurter würde man fragen: „Dürf’n die’n das?“

Erfurt ist eine gemütliche Großstadt, mit allen Vorzügen der Stadt und dabei nicht geprägt von überbordender Hektik. Die Stadt hat eine lange Historie, die erste dokumentierte urkundliche Erwähnung soll im Jahr 742 erfolgt sein.

Und wenn ich meinen Heimatkundeunterricht noch richtig in Erinnerung habe war Erfurt über mehr als ein Jahrtausend trotz Kriegen, Epidemien und sonstigem Ungemach bis dato nicht ein einziges Mal ernsthaft bedroht.

Alte europäische Städte waren nach heutigen Begriffen primitiv, nach damaligen Kriterien architektonische Meisterwerke. Heute kann man europaweit zumindest Relikte dieser bedeutenden Städte besuchen, auch wenn kaum noch unveränderte Bauwerke stehen dürften.

Die Schönheit und der Sinnhaftigkeit alter Baukunst ist beeindruckend, auch und vor allem ohne Computer entworfen, wenn überhaupt mit Bauhilfen, dann rein mechanischer Art und wenn ich alte Kirchenschiffe besuche und die hohen, eleganten geschwungenen Linien sehe, frage ich mich: „Wie zum Teufel haben die das geschafft?“

Geschafft haben das die Bauleute in einem „Meer von Schweiss und Tränen“ und nicht wenige verloren dabei Gesundheit und Leben.

Ähnlich mag es auch in Erfurt gewesen sein.

Die Erfurter selbst waren auch geschichtlich gesehen, so schlimme Finger nicht, haben sie sich doch eher selten an Kriegen und Raubzügen beteiligt. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte 1345 der Angriff eines Erfurter Bürgerheeres auf das rund 50 Kilometer entfernte Rudolstadt, welches mit dem Niederbrennen der Stadt und der Zerstörung der beiden dort angelegten Burgen endete.

Innerhalb der Stadt ging es scheinbar weniger friedlich zu, sodass sich der Rat der Stadt um 1350 genötigt sah, mit dem „Erfurter Zuchtbrief“ die Grundlagen für ein zeitgemäßes Stadtrecht zu schaffen. Vielleicht sollten sich die Kanzlerin und AKK das Dokument einmal vornehmen und für 2020 zu präzisieren? Ich habe versucht das Dokument unter www.stadtbuecher.de/de/stadtbuecher/deutschland/thueringen/erfurt/zuchtbrief-der-stadt-erfurt-abschrift/ zu finden und Euch vorzulegen. Ich konnte es nicht ziehen, vielleicht hat es Friedrich Merz schon ausgeliehen um wenigstens ein einziges Mal in einer wichtigen Sache AKK zuvor zu kommen?

Um 1350 wird eine große Pest erwähnt, welcher allein in diesem Jahr rund 12 000 Menschen zum Opfer fielen.

So sind wir wieder bei der Baukunst des ausgehenden Mittelalters.

Neben Kriegen bedrohten Epidemien und Brände das städtische Leben.

Epidemien sind leicht zu erklären: es lebten viele Menschen auf engstem Raum, zusammen mit ihren Tieren und ihren Abfällen. Es gab keine städtische Kanalisation, die Exkremente fanden sich auf den Straßen und bestenfalls in öffentlichen Gruben, Abfälle wurden im Freien entsorgt, und wenn ihr hört, dass der damals zentrale Platz Erfurts vor dem Rathaus erst 1348 als erste größere Fläche der Stadt gepflastert wurde, könnt ihr Euch ein wenig appetitliches Bild städtischen Lebens der Zeit vor dem geistigen Auge entwickeln. Obwohl, in einigen städtischen Winkeln riecht es heute auch nicht viel besser, aber das ist ein anderes Kapitel.

Es war ein Eldorado für Ratten und damit war die Pest mehrfach in der Stadt.

Die zweite große Gefahr waren Brände.

In der Stadt stand innerhalb der engen Mauern, Grund und Boden war extrem teuer und die Steuern hoch, Haus an Haus und die Fachwerkbauten gingen notgedrungen ineinander über.

Brach irgendwo in den Gassen ein Brand aus, frass sich das Feuer durch das Holz blitzschnell von Haus zu Haus und ganze Straßenzüge bzw. Stadtteile branden im Ganzen nieder.

Die Lösung dieses Problems war einfacher, als der Kampf gegen Epidemien. Es wurde gesetzlich geregelt, dass zwischen den Häusern feste Brandmauern aus Stein eingezogen werden mussten, um das ungehinderte Ausbreiten von Feuer zu verhindern und die Schäden lokal zu begrenzen.

Brandmauern spielen bis heute eine bedeutende Rolle vor allem im städtischen Bauen und ihre Beschaffenheit wird deshalb durch eine Fülle von Vorschriften geregelt. So müssen sie mindestens 90 Minuten einem Brand standhalten.

In meinem beschaulichen Erfurt ist nun Ungeheuerliches passiert, die politischen Parteien rechts von RRG haben die politischen Brandmauern niedergerissen. Die potentiellen Folgen werden in immer krasseren Farben an die Wand gemalt, die politischen Gremien tagen in Permanenz, die Politiker beschimpfen sich wie die früher die Erfurter Gassenjungen, die Stadt, das Land, ja was untertreibe ich, ganz Deutschland steht in hellen Flammen. Die Gefahr schwappt durch Europa, der Untergang des Abendlandes droht, nur Trump hat sich – wie nicht anders zu erwarten – zu der Katastrophe globalen Ausmasses noch nicht geäußert.

Ach so, wer es noch nicht weiss, in Erfurt wurde ein bürgerlicher Ministerpräsident für Thüringen gewählt, mit dem niemand gerechnet hatte. Noch dazu erfolgte dies mit den Stimmen der Schmuddelkinder der Nation, der AfD.

Die politische Brandmauer hielt keine 5 Minuten, dann war der neue MP vereidigt.

Das Land wird entsetzt gemacht, Panik zieht allerorten ein, der ganz große Knüppel wird herausgeholt und die für die „anständigen Deutschen“ unerwartete Wahl des Chefs einer Friseurkette zum MP umgedeutet zur nationalen Katastrophe internationalen Ausmasses.

Politiker sehen vor ihrem visionären geistigen Auge schon Massenzüge von potentiellen Opfern eines IV. Reiches durch die Straßen ziehen.

Die Politik schreit: Feurio, die Brandmauern sind niedergerissen.

Leute haltet ein, besinnt Euch!

Das Land steht nicht im Brand und Euch geht es doch überwiegend um eure Macht und euren gesellschaftlichen Einfluss.

Deutschland ist ein schönes Land, hoch entwickelt mit rund 80 Millionen bewusst lebenden Menschen. Wer heute einen spinnerten Höcke mit Adolf Hitler gleichsetzt, hat keinerlei Ahnung von den gesellschaftlichen Zusammenhängen, die dazu führen können, dass ein neuer Hitler aus der alten Kiste steigt. Im Gegenteil, ich empfinde die künstliche Herstellung solcher Parallelen als eine Verhöhnung der Millionen Opfer des deutschen Nationalsozialismus.

Und ihr Politiker, nehmt Eure Verantwortung war, stabilisiert unsere Gesellschaft wieder, denkt nicht immer nur an Euch. Dann braucht ihr weder Brandmauern zu bauen, noch Leute, deren einzige Aufgabe darin besteht sie lautstark zu bewachen.

Macht Politik für die Mehrheit des Volkes, damit trocknet ihr Extremismus aus, wie früher die Kloaken des alten Erfurt mit dem Bau einer Kanalisation. Dann spart ihr euch und uns den Kampf gegen den Popanz Extremismus.

Ach so, ich habe täglich privat und beruflich viele Kontakte. Im Gegensatz zur „politischen Tragödie“, geht den meisten Menschen in Thüringen das Theater im Thüringer Landtag glatt am Arsch vorbei, es ist ihnen schlichtweg egal was dort passiert.

Ich deute das aus dem Umstand, dass es kaum jemand gibt, der sich mehr als 30 Sekunden mit mir zu dem Thema unterhalte möchte, der häufigste Kommentar: „Na und?“

6 Kommentare zu „Alles Politik oder was … ?

  1. Eigentlich erinnert da vieles an die Reaktion gescholtener Kinder. Die wissen genau, dass sie ewas verbockt haben, deuten aber sofort auf jemand anderen. Einen Hauch von Strategie hat ja wohl jeder Politiker, sonst wäre er ja nicht soweit gekommen. Direkt blöde sind die Typen auch nicht – also ging das Konzept nicht auf. Man hat sich verzockt und versucht im Nachhinein andere verantwortlich zu machen. Anstatt anzuerkennen, dass die Gegenseite cleverer war. Da nutzt auch kein Bauernopfer. In einem ordentlichen Unternehmen würden die richtigen Köpfe rollen – und die sind weder in Thüringen, noch in einem entbehrlichen Quotenamt..

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  2. Gut, dass es immer noch viele Leute gibt, die die Ruhe bewahren und sich von dem ganzen Politzirkus nicht irre oder kirre machen lassen.
    Im Erfurter Dom arbeitete vor Jahren meine allererste große Liebe, die dann aber „schnöde“ eine andere „Clara“ geheiratet hat. – Erfurt ist schön.

    Gefällt 1 Person

  3. aber warum sollte irgend jemand einen beamteten, abgesicherten Faschisten – gerichtlich bestätigt, sowas braucht man ja heutzutage – mit einem verkrachten Kunstmaler, der recht erfolgreich Berlin und andere deutsche Städte umbauen wollte, gleichsetzen wollen? Sie nennen, was sie sind, genügt doch.
    Ach ja, der erste Bundespräsident der westlichen, der BRD, der hat als Liberaler seinerzeit für die Ermächtigungsgesetze gestimmt. Jenes Möchtegernkunstmalers der, bei anhaltendem Erfolg, sicher keinen Dom in Ruhe stehen gelassen hätte, da seine wirren Schicksalsmächte ja ganz sicher keine Christianisierung erfahren hatten.

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