Alles sozial oder was .. ?

Die Guten und die Verachtenswerten

Ich habe mich in den letzten Beiträgen schon mehrfach mit der rasant fortschreitenden Spaltung der Gesellschaft in ‚Gute und Böse‘, in ‚Progressive und Verachtenswerte‘, in ‚Linke und Rechte‘, in ‚Weltoffene und Abgehängte‘, in ‚Grüne und Umweltsäue‘ und was weiss ich noch alles sonst beschäftigt.

Versucht habe ich, aus der Historie und eigener Lebenserfahrung heraus, Mechanismen aufzuzeigen und auch selbst zu verstehen, warum Menschen in bestimmten Situation so reagieren, wie sie eben reagieren, ob mir das persönlich nun gefällt oder nicht.

Früher, in jüngeren Jahren, war ich sehr schnell dabei zu bewerten, hie die Guten, da die Bösen, die ‚ins Töpfchen, jene ins Kröpfchen‘, wobei ich oft versucht habe, mich – heute würde ich sagen opportunistisch – auf der Seite der aktuell gerade Guten einzuordnen.

Die Menschen um mich herum habe ich überwiegend nach dem bewertet, wie sie „mit mir auf einer Linie lagen“. Weil, ich war ja auf der Seite der Guten, und wer dann noch auf der Seite der Guten war musste automatisch mein zumindest virtueller Freund sein, wir waren ja beide für’s Gute.

Diesen Mechanismus, der letztendlich auch scheinbare Gemeinsamkeit schafft, macht sich fast jede Gesellschaft zu eigen, indem man ein „gemeinsames Ziel“ definiert, dem man sich vernünftigerweise erstmal nicht verschliessen kann.

Im Absolutismus waren es oft Personen, hinter denen man die Masse der Menschen scharte, später die Nationalfahne oder die abstrakte Nation.

Im Nationalsozialismus schuf man „Feindbilder“, die viele Menschen ausgehend von den Erfahrungen der Weimarer Republik willfährig kolportierten. Die negativen, vielfach existentiellen Erfahrungen der Menschen mit Banken und Inflation, Konzernen und Wirtschaftskrise, Spaltung der Gesellschaft in sich unversöhnlich gegenüber stehende Rechte und Linke, machten es den Nazis leicht als scheinbarer Ordnungsfaktor aufzutreten und die Menschen mit dem Versprechen von ‚law and order‘ zu ködern. Nahezu jeder Mensch sehnt sich nach einem gewissen Grad von Beständigkeit und Verlässlichkeit in seinem Leben. Die Nazis haben ihnen das versprochen, aus ihrer nach und nach verbrecherischer werdenden Weltsicht heraus sogar zumindest zeitweise gehalten. Das Sozialsystem der Nazis konnte für damalige Zeiten für die Mehrzahl der Menschen, nämlich alle die „im Joch“ mit marschierten, als vorbildlich gelten. Deshalb war es auch relativ leicht bestimmte Gruppen, die die angehimmelte Volksgemeinschaft scheinbar störten, zuerst auszugrenzen, später fast widerstandslos auszumerzen.

Die Beispiele sind bekannt, das „jüdische Finanzkapital“, später gleich alle Juden, wurden als ursächlich für den Niedergang der Weimarer Republik stigmatisiert, gesellschaftlich ausgegrenzt, der Weg zur „Ausmerzung“ war dann nur noch ein ganz kleiner. „Verachtenswert, weg damit, am besten gleich final, ein für allemal“. Fast niemand hat widersprochen.

Kommunisten, Sozialdemokraten hatten sich nach der Novemberrevolution 1918 und darüber hinaus eigentlich bis 1933 auf den Straßen, parlamentarisch, ja auch militärisch einen Kampf auf Biegen und Brechen geliefert und damit „den sozialen Frieden der Volksgemeinschaft zerstört“, „verachtenswert, entbehrlich, das brauchen WIR nicht, weg damit, am besten gleich final, ein für allemal“. Fast niemand hat widersprochen. Noch weniger haben sich gewehrt, sie standen sowieso auf verlorenem Posten.

Die Nazis waren ohne Zweifel Meister des Jonglierens mit dem WIR, die Menschen anzusprechen, sie auf ‚dem falschen Fuss‘ zu erwischen und damit in ihrem Sinn zu drehen, dass haben sie verstanden.

Im Rahmen meiner Recherche zur Euthanasie habe ich hunderte von Originalseiten der Briefwechsel zwischen „Ämtern“ und den Eltern der ermordeten behinderten Kinder gelesen. Dabei drohte ich „vom Glauben abzufallen“ und habe aus Selbstschutz aufgehört den Horror noch ausführlicher zu lesen.

Es war Usus die Eltern nach der Ermordung ihrer Kinder in den Anstalten brieflich über „das leider unumgängliche Ableben“ zu unterrichten. ‚WIR,‘ damit wurden nonverbal die Eltern mit eingeschlossen, ‚haben uns bemüht, leider hat es nicht gereicht. ‚

Obwohl, in 9 von 10 Fällen, selbst nur durchschnittlich gebildeten Eltern hätte auffallen müssen, dass dies nicht „mit rechten Dingen“ zugegangen sein konnte, bedankten sie sich für die „meinem armen Kind entgegengebrachte Fürsorge“ und viele Elternbriefe enden mit dem damals üblichen, aber außerhalb amtlichen Schriftverkehrs nicht obligaten „Heil Hitler“.

Auch bei der Euthanasie hat der Prozess der Ausgrenzung funktioniert. Behinderte wurden zur Belastung der „arbeitenden und kämpfenden Gesellschaft“ erklärt, das „brauchen WIR nicht, weg damit, am besten gleich final, ein für allemal“. Fast niemand hat widersprochen. Die wenigen Gegenstimmen wurden mit dem Hinweis auf „das große gemeinsame Ziel“ mundtot gemacht

Behinderte, die noch irgendwie zur Arbeit eingesetzt werden konnten, wurden ausgebeutet, bis es nicht mehr ging, die anderen sofort dem Hungertod, dem Tod durch körperliche Misshandlung, dem „Abspritzen“, dem „industriellen Vergasen“ zugeführt. Die Gaskammern in den „Heilanstalten“, waren die Blaupausen für die Massenvergasungen in den Konzentrationslagern. Fast niemand hat widersprochen.

Auf den Nationalsozialistischen Terror, der vor allem in seinem Niedergang mit menschlichen Worten und Werten nicht zu benennen ist, folgte im Osten Deutschlands die ‚Diktatur des Proletariats‘ unter dem gut klingenden Ziel des Sozialismus. Ich finde die Idee des Sozialismus bis heute gedanklich bestechend, auch wenn ich realiter inzwischen weiss, dass sie so aktuell nicht umsetzbar ist.

Die Ideologie war einfach gestrickt, aber wirkungsvoll:

‚Der Kapitalismus hat uns den Krieg gebracht‘, das war auf den Trümmern Deutschlands nicht schwer festzustellen. ‚Wir wollen jetzt den Sozialismus, also eine solidarische Gesellschaft für alle‘, dagegen kann man erstmal nichts haben. ‚Zum Aufbau des Sozialismus braucht es den Frieden‘. Dagegen kann man auch nichts haben. Dann gab es die Verknüpfung: ‚Wenn Du für den Frieden bist, dann musst du auch für die DDR sein, denn schließlich will die auch den Frieden.‘ Schon waren die Fronten geklärt, alle die irgendetwas im Staat in Frage stellten, wurden automatisch zu ‚Feinden des Sozialismus‘, zu ‚Unterstützern der Kriegstreiber im Westen‘, „die brauchen wir nicht, weg damit“. Die massenhafte physische „Ausmerzung“ stand gesellschaftlich nicht mehr auf der Tagesordnung, da waren die Menschen zum Glück schon ein Stück weiter.

Allerdings glaube ich mir sicher zu sein, dass im Falle der Eskalation des „Kalten Krieges“ zu einem heissen Krieg gerade die Deutschen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs am unerbittlichsten aufeinander eingeschlagen hätten. „Die brauchen WIR nicht, weg damit, am besten gleich final, ein für allemal.“

Jetzt habe ich wieder das Gefühl, dass sich die neuen Fronten im Land verhärten.

Es wird immer öfter nicht mehr differenziert, es wird gespalten, der ausgleichende Dialog wird nicht mehr gesucht. Es wird ausgegrenzt, es wird verbal aufgerüstet, ganze Menschengruppen werden undifferenziert als „verachtenswert“ erklärt. Von den „Rechten“ die „Linken“ und umgekehrt von den „Linken“ die „Rechten“.

Kein Mensch ist verachtenswert, solange er sich nicht vorsätzlich gegen Leib und Leben anderer vergeht, sei es aktiv oder auch „lenkend“ im Hintergrund bleibend. Menschen die lediglich zu diesem oder jenem Punkt einer anderen Meinung sind, sind schon gar nicht ‚verachtenswert‘. Dies zeigt nur die Schwäche der Bewertenden, die sich selbst nur noch sehen können, wenn sie von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt sind.

Der mit stolzer Brust herausgehängte eigene, angeblich moralische „Kompass“ ist oft der schwächste Teil des eigenen „Ich’s“.

Macht man sich die Mühe die Geschichte zu betrachten, sieht man, wie oft er die Menschen schon getrogen oder besser betrogen hat, der „moralische Kompass“.

Bei meiner Euthanasie-Recherche bin ich einigen „Nachgeborenen“ der Täter, sei es in persona oder in Form beteiligter Institutionen und auch einigen Familienangehörigen Ermordeter begegnet. Der fast einhellige Tenor: „Das hat man doch nicht gewusst“, „Ja, wenn man das damals gewusst hätte“, „Ja, heute kann man klug darüber reden“, und in den Nachfolgern früher beteiligter Institutionen „hat man leider, leider davon weder Kenntnis, schon gar nicht gibt s noch irgendwelche Unterlagen“.

Auch diese Menschen haben geglaubt ihrem „moralischen Kompass“ zu folgen, dass sie es in blindem Vertrauen getan haben, haben einige bis heute nicht begriffen.

5 Kommentare zu „Alles sozial oder was .. ?

  1. Es haben mehr „Gute“ gewusst und geschwiegen. Nicht die „Kleinen“, da wurde evtl. gemunkelt. Die Kirchen und die Alliierten wussten, was abging. Nach Hochhuts Lektüre „Der Stellvertreter“ dürfte das auch dem letzten Zweifler dämmern.

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    1. Genau und viele haben eben nicht nur geschwiegen, sondern es sogar innerlich akzeptiert und gut geheissen, da es ja nicht gegen sie selbst ging.

      Ich erinnere mich noch als Kind, Anfang der 50er, im bedauernden Ductus wirklich oft gehört zu haben: „Bei Adolf hätte es das alles nicht gegeben.“

      Und, um bei meinem aktuellen Recherche-Thema „Euthanasie“ zu bleiben, nur ein geringer Bruchteil der direkt oder indirekt mordenden Mediziner wurde rechtlich belangt, die absolut Meisten praktizierten „still, klamm und heimlich“ weiter, wurden an mehreren Universitäten sogar Hochschullehrer, obwohl ihre Vita bekannt war.

      Und deshalb halte ich es für eine absolut unzulässige Banalisierung des Grauens, wenn heute bei jedem Besoffenen, der mit vollgepinkelter Hose etwa in Chemnitz auf der Strasse steht und den Arm hochreisst, sofort „Nazi“ geschrien wird. Das ist ein Dummer mit vollgepinkelter Hose, der von den eigentlichen Nazis missbraucht wird

      Die richtigen Nazis, sind die, die im Hintergrund mit „Schlips und Kragen“ die Fäden ziehen und an der Dummheit der Menschen verdienen, verdienen, verdienen… und sich dabei nie die Finger selbst schmutzig machen.

      Hitler hätte es ohne die kräftige und heimliche Finanzierung durch Banken und Großkonzerne nie gegeben, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil die Gleichen, die nach 1945 auch in persona den Grundstock der deutschen Wirtschaft bildeten.

      Es gilt die im Auge zu behalten, die an aktuellen Entwicklungen jeweils verdienen, die Rollkommandos der Irregeleiteten sind im Gesamtkontext eher harmlos, auch wenn sie martialisch daherkommen.

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  2. Ich kann mich noch erinnern, dass ich irgendwann mal Briefe meines toten Vaters in die Hände bekam – ich weiß nicht mehr genau, ob es sogenannte Dienstpost war. Auf jeden Fall war ich wahnsinnig erschrocken und auch wütend, warum der mit Heil Hitler unterzeichnet hat.
    Bei Adolf war alles besser, das habe ich auch oft gehört, Gott sei Dank nicht zu Hause, das hätte mich sehr aufgeregt und verärgert.
    Ich bin ja in der DDR aufgewachsen, aber in der Schule hat man mir und meiner Einstellung zum Staat so lange zugesetzt, bis ich dann irgendwann mal diese Meinung hatte, die man mir von Anfang an unterstellte. Ich fand nämlich den Sozialismus auch nicht schlecht – nur der Weg dahin hatte zu viele habgierige oder dumme Leute im Weg.
    Bei Interesse: Hier ist meine Abiturbeurteilung, die ich erst nach Jahren in die Hände bekam, weil sie zu der geheimen Akte gehörte, die immer über die Staasi von Arbeitsstelle zud Arbeitsstelle weitergereicht wurde.
    https://chh150845.wordpress.com/2010/01/15/abiturbeurteilung-aus-der-ddr/

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    1. Liebe Clara, vielen Dank für den Kommentar, auch für die „Beurteilung“. Ja, so haben wir alle unsere Erfahrungen gemacht und konnten mehr oder weniger aufrecht damit umgehen. Wichtig ist, dass wir daraus gelernt haben und ich bin mir sicher, ich lasse mich nicht mehr verbiegen, egal von wem und egal unter welcher Fahne er gerade daher wandelt. Ich denke, es ist aus der Erfahrung heraus unser Recht und unsere Pflicht darauf hinzuweisen, dass die Herrschaftsmechanismen sich so grundlegend bis heute nicht unterscheiden. Wenn ich heute sehe, dass Prof. Vahrenholt gefeuert wurde, weil er nicht bedingungslos mit den „Klima-Wölfen“ heulen wollte oder Uwe Steimle, weil er Mechanismen bei den ÖR in Frage stellte, sehe ich keine großen Unterschiede zu meiner Lehrerin X. oder Deinen schlimmen Erfahrungen im Gymnasium (damals EOS). Ich wünsche Dir ein geruhsames WE, R.

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      1. Hallo Rainer, ich habe angefangen, mit diesem System hier zu hadern, als ich 2004 arbeitslos wurde. Ich war eine sehr gute Fachkraft und wollte auch unbedingt arbeiten. Im Laufe der Jahre ist meine Begeisterung nicht unbedingt angestiegen. Auch dir ein schönes Wochenende

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