„Jeder kann doch sagen was er will …“ oder die Grundzüge des betreuten Denkens

Politiker und ihre treuen Vasallen in den Medien werden nicht müde darauf zu verweisen, dass in unserem Land doch jeder sagen kann, was er will. Und dann mit süffisantem Blick die Ergänzung, wer dies tue, müsse dann eben auch Widerspruch aushalten.

Das ist so richtig.

Hierzulande kann jeder seine Meinung sagen, am besten wiederholt er das, was in der Zeitung steht oder Klaus Kleber abendlich vorbetet. Dann macht er in den Augen der unsichtbaren Zensur keinen Fehler. Gönnt er sich eine eigene Meinung, muss/kann/darf er mit Widerspruch rechnen.

Bis dahin besteht Einvernehmen. Das mag – mit Einschränkungen – das Wesen eines demokratischen Diskurses sein.

Problematisch wird es dann, wenn eine Seite „par Ordre du mufti“ die eigene Meinung zur alleinigen Wahrheit erklärt und kritische Stimmen mit einem „glaubensmäßigen Bann“ belegt, der letztendlich zu sozialer Ausgrenzung führen kann und neuerdings in nicht seltenen Fällen auch führt.

Genau dies kenne ich als im Osten sozialisierter Mensch de facto schon seit Kindheit.

Selbst wenn es heute niemand mehr hören will:

Auch in der DDR konnte man als Bürger alles sagen, niemand wurde wegen einer abweichenden Meinung öffentlich füsiliert, die Guillotine wurde nicht entmottet, nur weil jemand einen Honecker- oder gar einen Russenwitz erzählte. Niemand wurde mit Hilfe von kräftigen Brauereipferden „gevierteilt“, niemand wurde auf’s Rad gebunden oder gar öffentlich verbrannt.

Der Gasthof hiess schon seit Jahrzehnten „Zum Mohren“, es gab drin das „Zigeunerschnitzel“ und zum Nachtisch, so es die Hüfte vertrug, den „Mohrenkopf“.

Wenn sich jemand über die „Schule der sozialistischen Arbeit“ oder das „Parteilehrjahr“ lustig machte, erntete er schlimmstenfalls den erhobenen Zeigefinger, da sowieso alle wussten, was davon zu halten war.

In meiner Kindheit hatte fast jeder Haushalt mindestens eine Zeitung abonniert.

Das „Neue Deutschland“, das „Zentralorgan der SED“ um seine Haltung zu demonstrieren und eine Lokalzeitung „für die wichtigen Dinge“, Anzeigen von Geburt bis Tod, Kinoprogramm, das Fernsehprogramm DDR I und II fand man verlässlich immer am gleichen Platz und viele Jahre auch die tägliche Fortsetzungsfolge eines Romans, auf die man täglich fieberte.

Viel wird im Nachhinein über Zwang bei der Zeitungslektüre berichtet, alles Quark, ich hatte, selbst in verantwortlicher Position nie das „Neue Deutschland“ abonniert, es hat mir in keinem Fall geschadet.

Zu OstZeiten wusste man lange Jahre wie man Widerspruch kanalisierte, man liess die Leute reden was sie wollten, solange sie nicht öffentlich das System in Frage stellten. Taten sie das wurde es wirklich haarig, Vera Lengsfeld, die ich jetzt(!) sehr schätze oder auch Roland Jahn können davon nicht ein, sondern viele Lieder singen.

Interessant, Vera Lengsfeld ist heute wieder ‚persona non grata‘, sie erhebt nach wie vor unbeirrt ihre Stimme, während Roland Jahn die Kurve, man möchte fast sagen, geschmeidig genommen hat. Die sozialen Auswirkungen kann jeder sehen, Vera Lengsfeld muss auf ihrem Blog https://vera-lengsfeld.de/ um Spenden bitten, Roland Jahn hat es im Staatsdienst ‚gepackt‘.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wer sich in Deutschlands sozialistischem Osten an die ‚Spielregeln‘ hielt, der wurde in Ruhe gelassen. Wenn er noch dazu Leistung brachte und sich somit für die ’sozialistische Gemeinschaft‘ als „wertvoll“ erwies, hatte mehr oder weniger sogar Narrenfreiheit.

Natürlich war es nicht unbedingt karrierefördernd gegen den sozialistischen Wind zu pinkeln, natürlich landete dieser und jener Spritzer auf der Hose, selbst hatte ich zumindest einmal „klitschnasse Füsse“, aber mit Leistung konnte man sich immer wieder an den eigenen Haaren „aus dem Sumpf ziehen“.

Es gab nur eine einzige streng definierte ‚Rote Linie‘, und die bestand darin das System an sich in Frage zu stellen. ‚Dann pfiff der Fuchs‘ und das mit aller Konsequenz bis hin zur sozialen Vernichtung oder Ausbürgerung der dann ganz schnell als ‚Feinde des Staates‘ klassifizierten Menschen.

Ich muss gestehen, als junger Mensch fand ich das System so in Ordnung, hatte ich doch schon als Kind gelernt, dass gegen den Wind zu pinkeln wenig Sinn macht. Allerdings war es sehr einfach festzustellen, woher der Wind wehte.

Die Frontlinien waren mehr oder minder klar, d.h. so richtige Frontlinien gab es nicht. Einerseits hatten wir Staat und Partei oder besser Partei und Staat, die Partei als selbsternannter „Kopf „und der Staat als „ausführendes Organ“. Auf der anderen Seite eine Hand voll Dissidenten, die vor 1989 nie eine sozial nennenswerte Größe erreichten. Dazwischen die Millionen von Mitläufern, die sich genau wie heute „keine Platte machten“ und darauf bedacht waren sich so gut es ging und stressfrei in dem System einzurichten. Diese Millionen sind die, die sich regelhaft dort einfinden, wo sie glauben am meisten profitieren zu können. Ihnen geht es eigentlich – verständlicherweise – um nichts anderes als die eigene Absicherung, unabhängig von jeder Ideologie.

Die Metapher – ’nicht gegen den Wind zu pinkeln‘ – einzuhalten fällt heute ungleich schwerer, „weht doch der Wind schier ununterbrochen aus ständig wechselnden Richtungen“. Und wer kann sich schon beim Pinkeln immerzu im Kreis drehen ohne sich selbst zu bekleckern?

Das System als solches in Frage zu stellen ist keine ‚Rote Linie‘ mehr, im Gegenteil das System, der Staat, die Politiker hofieren und finanzieren sogar die, die es tun. In meinen Augen die Aufforderung zum kollektiven sozialen Suizid.

Das kapitalistische System mag einem gefallen oder nicht, es ist auf jeden Fall ständig zu hinterfragen, eine grundlegende Abkehr davon macht aber nur dann Sinn, wenn man eine bessere und vor allem umsetzbare Alternative hat. Gorbatschows ‚Perestroika‘ hat gezeigt, dass kopflose Veränderungen mit einer vernichtenden Niederlage der Akteure enden.

Ein viel größeres Sakrileg ist es heute die – wie auch immer zu Stande gekommene – ‚Mehrheitsmeinung‘ zu hinterfragen.

Seit einigen Tagen ist es in deutschsprachigen Medien praktisch unmöglich in den Kommentarbereichen Beiträge zu posten, die das Dogma vom „menschengemachten Klimawandel“ in Frage stellen. Man kann Kreide fressen, sich jedes Wort überlegen, der Beitrag wird mit traumwandlerischer Sicherheit zensiert.

Selbst versucht habe ich es bei WELT online, focus.de, spiegel.de, Standard.at und selbst der sonst nicht kleinliche Blick.ch liess mich ‚eiskalt abtropfen‘.

Wieso denke ich in dem Zusammenhang immer an ART. 5 GG : „Eine Zensur findet nicht statt.“

Der einzige Lichtblick bleibt neben der „Achse“ und „Tichyseinblick“ die gute alte NZZ:

https://www.nzz.ch/

Euch allen einen ruhigen Freitagabend, vielleicht haben die Kumpels vom ZDF ein Einsehen und schicken uns zum ‚heute journal‘ um 22.00 Uhr den ‚Fachschwätzer für betreutes Denken‘, Klaus Kleber?

Ein Kommentar zu „„Jeder kann doch sagen was er will …“ oder die Grundzüge des betreuten Denkens

  1. Die momentan im Aufwind segelnde Verbots-, Gebots-, Verteuerungs-, Regulierungspartei wird noch ganz andere Seiten aufziehen. Die wollen, lt. ihrem Rattenfänger und seinem weiblichen Schreihals, ja eine ganz andere Gesellschaft. Und dass da Leute auf der Strecke bleiben, finden die auch ganz normal. Die Einübung eines Neu-Gesellschafts genehmen Vokabulars wird momentan schon latent eingeübt. deutsch Sprak, schwer Srach – weg damit! Wir dürfen doch unsere neuen Mitbürger nicht überfordern. Und unsere Gesetze sind eh‘ zu ändern. Da braucht es Verständnis für neue Bürger und deren Sitten. Ich erinnere mich übrigens noch an die mir, nach meinem ersten DDR Start regelmäßig zugeschickte „Neue Welt“ . Da hat bei uns im Westen der Briefträger auch immer den Kopf geschüttelt.. Und das in einer Zeit, als meine Mutter, wohl in Erinnerung an das gerade untergegangene Dritte Reich, immer sang „Die Gedanken sind frei“..
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