Sie flutscht, unsere Leistungsgesellschaft …

Für die, die des Deutschen nicht so ganz mächtig sind, steht ‚flutschen‘ hier nicht für „gleiten“, etwa „die glitschige Forelle flutscht mir aus der Hand“, obwohl, wer fasst heute schon noch eine frische oder gar lebende Forelle an? Also, vielleicht besser, „die glitschige Seife flutscht mir aus der Hand“, obwohl, wer arbeitet im Zeitalter tausender Lotiones noch mit simpler Seife? Es sei denn sie ist etwa von ‚Lush‘, aber die ist wiederum nicht glitschig, die ähnelt festem Scheuersand, vom Aussehen und der Konsistenz.

Das Verb ‚flutschen‘ soll bei mir in seiner zweiten Bedeutung stehen, Flutschen gleich funktionieren oder noch besser, gleich problemlos funktionieren.

Im Kontext der „flutschenden Leistungsgesellschaft“ soll es heissen: unsere Leistungsgesellschaft funktioniert problemlos.

Wer sich jetzt am Frühstücksbrötchen vor Lachen verschluckt hat, kurze Pause, kräftig husten, am besten vornübergebeugt, in paar Schlucke trinken und dann wird es wieder gehen.

Mehrfach habe ich Euch schon über Oma Anna selig berichtet, eine einfache, herzensgute Frau. Aus einer sehr armen Landarbeiterfamilie stammend war ihr höhere Bildung verwehrt geblieben, obwohl ihr IQ und vor allem ihre soziale Kompetenz nach heutigen Verhältnissen als „hochbegabt“ durchgegangen wären.

Anna selig, Kriegerwitwe des 1. WK, hatte in jungen Jahren die alleinige Verantwortung für sich und ihr Kind. Der abgedankte Kaiser, für den ihr erster Mann uneigennützig sein Leben auf dem ‚Schlachtfeld der Ehre‘ gelassen hatte, und die Weimarer Republik hatten vergessen sie in irgendeiner Form für den Verlust zu honorieren, auch der ‚Führer‘ tat es nicht und „Ulbricht war auch nicht besser“..

Also jahrelang war sie „alleinerziehend“, später kam Opa Edmund ins Spiel, ein „verknöcherter Junggeselle“, den sie praktisch eigenhändig zum Standesamt getragen hatte und der ihr so eine richtige Hilfe auch nicht war, da er sich für den ‚Führer‘ engagierte und nach 1945 als Ernährer der jetzt größeren Familie ausfiel.

Oma Anna, mit 6 Jahren Volksschule, avancierte zur Ernährerin und zur sozialen Mitte des Familienverbundes, als Landarbeiterin.

Gut erinnere ich noch die kleine Gestalt, als ältere Frau schon krumm und hinkend, wenn sie mit den anderen Frauen gebückt über das Gemüsefeld lief um Kohlköpfe von Hand abzuschneiden, die dann in einer Kiepe gesammelt wurden. Die Kiepe war ein großes Blechgefäss, welches die Frauen auf dem Rücken trugen und das, gefüllt mit Kohlköpfen, durchaus 5o Kilogramm und mehr wiegen konnte.

Als Oma Anna sich wegen ihrer kaputten Knie und ihrer demolierten Hüften nicht mehr nach den Kohlköpfen bücken konnte, schleppte sie nur noch ganztägig, bei Wind und Wetter, die Kiepen über das Feld und als dies auch nicht mehr ging, versorgte sie als Küchenfrau die „Feldbaubrigade“ mit Frühstück und Mittagessen. Ungefähr zwei Wochen vor ihrem Tod musste sie, am Ende ihrer Kräfte und hochbetagt, auch diese Arbeit aufgeben.

Ihr Kommentar: „Ich kann nicht mehr arbeiten, jetzt lebe ich nicht mehr lange.“ So war es denn auch.

Oma Anna hatte Zeit ihres Lebens gearbeitet, sie hatte 3 Söhne großgezogen, eine Tochter war ihr als Kind gestorben, zwei Männer hatte sie überlebt, nie war sie in den Urlaub gefahren, wahrscheinlich hätte sie damit garnichts anfangen können.

Vor wenigen Tagen erklärte mir die 34 jährige, gesunde Mutter eines fünfjährigen Sohnes, dass sie nicht mehr in der Lage ist ihrer Arbeit in einem Reisebüro nachzugehen. Seit Geburt ihres Kindes hatte sie 2 Jahre Auszeit genommen und danach ihre Arbeitszeit auf 15 Stunden pro Woche reduziert.

Ihre Begründung: „Mein Kind ist zu fordernd.“

Was ihr bleibt ist nur noch die Möglichkeit irgendwie gearteter ‚Transferleistungen‘, da ihr Mann zwar gut verdiene, sie aber natürlich auch ihren „Lebensstandard halten wollten“.

„Und klar, am liebsten würde sie die Rente nehmen.“

Es klingt zugespitzt, ist aber leider kein Einzelfall, die ‚Work-Life-Balance‘, nicht mehr die Leistung, ist vielfach das Mass der Dinge.

Sie flutscht unsere Leistungsgesellschaft, nur, wenn wir nicht aufpassen, flutscht sie uns durch die Finger wie eine frisch gefangene Forelle.

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