Ein ganz normaler Montagmorgen …

Da ich überwiegend nachts arbeite, habe ich den Tag mehr oder weniger zur freien Verfügung. Eigentlich könnte ich als kalendarischer Rentner 24 Stunden zur freien Verfügung haben, aber ich scheue den absoluten Schnitt, da er für mich irgendwie etwas Endgültiges hat, vor dem ich Angst habe.

Montags bringe ich deshalb u.a. Liam morgens in den Kindergarten, gegen 7.10 Uhr fahren wir los, mehr oder minder wach, wobei ich immer wieder fasziniert bin, welche Energie ein 6jähriger im dämmernden Halbdunkel schon entfalten kann.

Gegen diese Zeit trudeln viele Kinder ein, wobei die Begleitpersonen meist jung sind, die Großeltern sind dann später beim Abholen präsent.

Die Eltern meist noch schweigend, sichtbar müde oder genervt, die Kinder übersprühend, so als gelte es keine Minute des aufziehenden Tages zu versäumen.

In der Garderobe dann die ersten Gespräche untereinander und ich nehme es als gutes Zeichen, dass in Liam’s Gruppe kein einziges Kind gegen die „Abgabe“ protestiert, im Gegenteil, Hausschuhe an und weg sind sie.

Um mich nicht ganz nutzlos zu fühlen, trottele ich dann so langsam los, schon überlegend, wie ich den Tag bis zum Nachtdienst sinnvoll füllen kann.

Ich bin gnadenlos so erzogen worden, „man muss immer etwas Sinnvolles tun“ und das klebt seit vielen Jahren an mir wie frische Hundescheisse an weißen Sneackers. Bisher habe ich es nicht geschafft diese Selbstgeiselung abzustreifen, obwohl, so richtig ernsthaft habe ich es auch noch nicht versucht.

Liam’s Gruppenzimmer, genannt die „Pinguine“, liegt im 2. Stockwerk, natürlich gibt es keinen Fahrstuhl. Als ich heute langsam die Treppe hinabgehe, mein Knie hindert mich daran wie früher schnell zu laufen und eine Blösse mit Hinken unter den vielen jungen Frauen mag ich mir auch nicht geben, vor mir zwei Mütter.

Ich schätze die Beiden sind so Mitte-Ende 20 und sehen ganz fit aus. Sie unterhalten sich angeregt, wobei die eine auf die Frage was sie jetzt tue, kurz antwortet: „Ich gehe zum Armin.“ Armin ist der niedergelassene Landarzt, geschätzte 200 Meter vom Kindergarten entfernt. „Was hast Du denn?“ Die Antwort kommt prompt: „Nichts, ich hole mir nur einen Schein.“ Nach einer kurzen Pause: „Weisst du was, das mache ich auch, ich komme gleich mit.“ Unten, vor dem Kindergarten noch die kurze Überlegung, wir lassen die Autos hier stehen, wer weiss, ob wir montags drüben – beim Armin – noch einen Parkplatz bekommen.

In der Tat ist der Parkplatz vor der Praxis gegen dreiviertel Acht auch schon gut belegt.

Es fällt mir schwer mich zu entscheiden, ob ich empört oder neidisch sein soll. Wohl eher ist es Neid, habe ich mir doch bisher in meinem Leben noch „kein Krank“ ohne jeglichen Grund gegönnt. Wahrscheinlich bin ich wirklich so dämlich, wie es sich gerade für mich anfühlt. Ob die beiden es schaffen, den Schein mit „nichts“ zu bekommen, würde ich gern, kann es aber nicht überprüfen. Aber was man so hört …

„Man muss immer etwas Sinnvolles tun.“

Wer weiss wie irreversibel frische Hundescheisse an neuen weissen Sneackers klebt, weiss auch wie es mir damit geht.

2 Kommentare zu „Ein ganz normaler Montagmorgen …

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