Auf Sand gebaut …

Von Gommern ausgehend ist mein nächstes Zwischenziel – traditionell – Ribbeck.

Ihr erinnert Euch?

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ’ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Die Fahrt ist im geographischen Sinne eher lausig, es sei denn man mag Sand, Kiefern, Sand, Kiefern, Schlaglöcher über Schlaglöcher, ab und zu ein paar Häuser.

Gelegentlich mischt sich als Auflockerung eine Wasserfläche dazwischen, ich weiss nicht, ist dies von der Natur so gewollt oder sind es die gesammelten Tränen von Menschen, die hier leben müssen und wollen, sonst würden sie wohl vernünftigerweise weggehen.

Ich erinnere mich, dass zu DDR-Zeiten diese Gegend zumindest kleinindustrialisiert war, Arbeitsmöglichkeiten für alle dort Lebenden waren geschaffen worden, kleine bis mittlere Betriebe, über deren wirtschaftliche Berechtigung man aus heutiger Sicht, nach 30 Jahren, nicht zu diskutieren braucht.

Aber, die Menschen, die hier lebten hatten ihre Arbeit, sie blieben selbstbestimmt und sie hatten ihr Heim.

Fährt man jetzt durch diese Orte wirkt es – aus Sicht von Thüringen oder Hessen, mein Lebensmittelpunkt – surreal.

Dörfer mit keinem oder wenig erkennbarem Leben, geduckte kleine Häuser, zu 99% flach einstöckig, ein hoher Lehrstand, teils Ruinen, viele verwilderte Grundstücke.

Den Dörfern sieht man an, dass irgendeine Form von Reichtum hier wahrscheinlich noch nie zu Hause gewesen ist, selbst die sich ob ihrer Größe aus der Masse abhebenden alten Gutshäuser atmen einen morbiden Charme, haben sie nicht gerade einen – warum auch immer – interessierten Investor gefunden oder sind Sitz und/oder Besitz einer x-beliebigen staatlichen Struktur.

Der residierende Staat, respektive seine gewählten, beamteten und angestellten Vertreter, imponiert hier als neuer Gutsherr, er kassiert die Steuern der Menschen, die sowieso nicht viel haben und lässt es sich damit gutgehen, das passt doch und die Tradition bleibt gewahrt.

Das Beste sind meist die ortsverbindenden Straßen, bis zum Ortseingangsschild, dann folgt das pure mittelalterliche Kopfsteinpflaster-Drama und am Ortsausgangsschild beginnt wieder die normale Straße, das richtige Leben.

Tradition ist wohl allein auch das, was die ge-, ver- zurückge-bliebenen Menschen hier ausharren lässt, zumindest berufen sie sich darauf. Sie sprechen fast ausschließlich „von früher“, was sie doch früher alles so Tolles gemacht haben, von ihrem Stolz, den sie nicht aufgeben wollen und dass sie sich erst recht nicht von „ihrem Stückchen Heimaterde“ vertreiben lassen werden.

Einerseits verstehe ich die Menschen und ihr Heimatgefühl durchaus, andererseits ist mir klar, dass sich in diesem schon optisch öden Stück Deutschland ohne vernünftige Verkehrsanbindung nach der sinn-, rückstands- und gnadenlosen Deindustrialisierung durch die Treuhand in dieser und der nächsten Generation keine tragfähige wirtschaftliche Struktur entwickeln wird.

Die Menschen hier sind tatsächlich – ich hasse dieses Wort – abgehängt und ich beginne zu verstehen, dass sie keinen Grund sehen, Dankbarkeit zu zeigen. Die anstehenden Wahlen speziell in Brandenburg werden wohl für die (noch) Regierenden mit einem harten Aufschlag in der Realität der Enttäuschten enden.

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