Die Wasserburg zu Gommern oder auf Sand gebaut …

Nicht weit von Magdeburg und Schönebeck findet sich das Städtchen Gommern. Gommern kannte ich vis-à-vis nicht, kaum dem Namen nach, wohl aber den kleinen Appendix ‚Vogelsang‘. Vogelsang auch nur deshalb, weil ich in meiner Jung-Assistentenzeit häufiger in der damaligen Rheumaklinik in Etzelbach (Thüringen) aushelfen und die Grundzüge der klinischen Rheumatologie lernen durfte.

Mein Chef dort war Edgar Tanner, der mir die Rheumatologie im wahrsten Sinne in den Kopf hämmerte, dafür bin ich ihm auch posthum noch heute ausgesprochen dankbar, wenngleich er menschlich noch „reichlich“ Luft nach oben“ hatte.

Es war ein sehr kleines Haus mit wenigen Betten, auf einer kleinen Anhöhe gelegen, das Personal rekrutierte sich fast ausschließlich aus den umliegenden Dörfern, die Patienten kamen z.T. für DDR-Verhältnisse „von weit her“ und im Haus herrschte strenge Hierarchie, mit der ich als junger Arzt wenig bis nichts anfangen konnte.

Wenn Edgar Tanner morgens mit seinem Automobil Typ „Wartburg“ den Berg erklomm, verliess die Sekretärin flugs ihre angestammten Räume um ihm persönlich die Autotür zu öffnen, sie hinter ihm wieder zu schließen und seine Aktentasche hineinzutragen. Warum er diese jeden Tag nach Hause mitnahm blieb über die Jahre sein Geheimnis, an der Fülle der geleisteten Arbeit kann es nicht gelegen haben.

Kam sogar der ‚Herr Professor‘ aus Jena zur Visite, lag ein Läufer im Treppenhaus bereit, der bis zur Haustür ausgelegt und nach dem Besuch unverzüglich und gewissenhaft wieder eingerollt wurde. Er blieb dann dort liegen bis zum nächsten Besuch.

Edgar Tanner und der Leiter der zweiten DDR-Rheumaklinik, Wolfgang Keitel, eben in Vogelsang-Gommern waren sich über die Jahre ihres parallelen Wirkens in herzlicher Abneigung zugetan, ein Umstand, der selbstredend auch von mir jungem Assistenzarzt erwartet wurde. Etzelbach war von den beiden Kliniken das kleinere Haus und der „Andere“, Wolfgang Keitel war ’sogar Professor‘, zwei Umstände die zu dauerhaften traumatischen Belastungen führten.

Also, lange Rede kurzer Sinn, daher war mir der Name Vogelsang-Gommern bekannt.

Die Klinik in Vogelsang mit Schwerpunkt Rheumatologie gibt es heute noch, Grund genug für einen orientierenden, eher nostalgischen Besuch, über den es nichts Wichtiges zu berichten gibt.

In der Gegend dominiert Sandboden, die Orte sind buchstäblich auf Sand gebaut.

Im Gommern selbst gibt es das Wasserschloß, ein über 1000 Jahre alter, mehrmals erneuerter beeindruckender Bau, ebenfalls auf Sand gebaut, was an den hier und dort einstürzende Mauerwerken der Umfassung zu sehen ist.

Das alte Gemäuer mit Hotel, Gasthof und eigener Brauerei dominiert das Stadtbild und ruht sich nicht auf seinen Meriten aus, sondern hat die Zeichen der Zeit erkannt.

Es setzt selbst Zeichen!

Ihr werdet sagen, was ist daran Besonderes, kann doch heute jeder Depp Zeichen setzen, Hauptsache er zeigt in die richtige Richtung?

Die Zeichen des Wasserschlosses zu Gommern sind dagegen versteckt, auf den ersten Blick nicht zu erkennen, so zum Beispiel das Sinnbild für die aktuelle deutsche Politik.

Dem geübten Auge des Betrachters entgeht nicht der abgestorbene Weinstock, dessen lange weit verzweigte Äste sich an das alte Mauerwerk klammern. Selbst im Hochsommer ziert nicht ein einziges Blatt die sich immer weiter verzweigenden Äste.

Offenbar war der Stamm nicht mehr in der Lage den überbordenden Weinstock zu ernähren, also hat man ihn – in guter Schilda Manier – einfach unten abgeschnitten.

Und so klammern sich nun die traurigen Reste ans Mauerwerk, irgendwann werden auch sie abfallen und nichts wird mehr an einstigen Stolz erinnern.

Ähnlich stellt sich mir die aktuelle deutsche Politik dar, jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, jeden Tag neue Ausgaben, in irrwitziger Frequenz neue Steuern – nur um den Unterbau kümmert sich kein Mensch.

Der Unterbau, das sind die Menschen, die jeden Tag schaffen gehen, Werte erwirtschaften, dafür mit unverschämt hohen Steuern belegt werden und für die sich die Politik nicht interessiert.

Ich befürchte, eines nicht fernen Tages werden auch in unserem Land die permanent wuchernden Äste absterben, weil wir, der Unterbau, es nicht mehr schaffen.

Und ich gebe zu, wenn dann die sozialen Probleme explodieren und sie werden zwangsläufig explodieren, werde ich nicht in der 1. oder 2. Reihe stehen.

Das mögen die Philister ausbaden, die jetzt in ihrem politischen Wolkenkuckucksheim für kein vernunftgetragenes Argument mehr zugänglich sind.

Vieles scheint in unserem Land auf märkischen Sand gebaut, nicht nur das Wasserschloss zu Gommern.

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