Die Medien und die Zugangsschwelle …

Die Nachricht hat mir körperliches Unwohlsein bereitet, mir war zumindest für kurze Zeit richtig übel.

In Frankfurt hat heute ein „Mann“ eine Frau und ihren 8jährigen Sohn vor einen ICE gestoßen, die Mutter konnte sich noch retten, der Junge ist tot. Der Täter soll versucht haben noch einen weiteren Fahrgast vor den heranfahrenden Zug zu stoßen, der oder die konnte sich glücklicherweise wehren. Die Polizei konnte den Täter überwältigen und festnehmen.

Vor wenigen Tagen hat in Voerde ebenfalls ein „Mann“ eine Frau vor einen Zug gestoßen, auch sie ist tot.

In der letzten Monaten häuften sich die Informationen, dass meist Jugendliche andere Heranwachsende „aus Spass“ ins Gleisbett von Bahn oder S-Bahn „schubsten“. Zum Glück gingen diese Taten m.W. ohne Todesopfer ab, Todesangst hatten die Menschen auf den Gleisen allemal.

Ich finde das Wort „schubsen“ übrigens im Zusammenhang mit der willentlichen Herbeiführung einer lebensbedrohenden Situation für Andere eine völlig unzulässige Verharmlosung solcher unglaublicher und menschenverachtender Taten.

Verharmlosung ist in meinen Augen ein ganz großes Thema.

Kaum ist eine Tat geschehen wird spekuliert:

„Warum hat der Täter das getan?“ – ich finde das ist völlig unerheblich, es gibt keinen Grund und es gibt keine Legitimierung – außerhalb staatlicher kriegerischer Aktionen – einen Menschen zu töten.

„Kannten sich Täter und Opfer?“ – das interessiert eigentlich nur ein voyeuristisches Publikum, für die Bewertung einer lebensbedrohenden oder lebensbeendenden Tat sollte es keine Rolle spielen.

„Nutzt der Täter psychoaktive Stoffe im weitesten Sinn?“ – Alkohol, Drogen, Schmerzmittel, Psychopharmaka. Darauf berufen sich Täter sehr schnell und nicht selten wird dies strafmildernd gewertet.

Im Gegenteil habe ich das Gefühl, dass diese Entschuldigung den Tätern durch die Medien geradezu in den Mund gelegt werden, sofern sie keinen „eingeborenen“ Hintergrund haben. Auch heute wieder, über den Täter ist offenbar außer der Herkunft wenig bekannt, dass er wahrscheinlich/möglicherweise/aller Voraussicht nach Koks unter Koks stand oder es zumindest konsumiert hatte, wird aber schon wieder fleißig kolportiert.

Es gibt in unserem Land kein Gesetz, welches besagt, dass man sich unter psychotrope Mittel setzen muss! Wer es dennoch macht, tut es vorsätzlich oder bestenfalls fahrlässig und sollte dann für sein Tun auch verantwortlich bleiben.

Also, meine Forderung: keine Strafmilderung bei Verbrechen gegen Leib und Leben, nur weil der Täter eventuell zugedröhnt war.

Ein anderer Aspekt:

In meiner Kindheit und Jugend war Gesetzesbruch kein Alltagsphänomen. Kam es doch zu einem Verbrechen galt die Emotion dem Opfer und nicht den Tätern. Heute habe ich das Gefühl, dass Täterschutz nicht selten vor Opferempathie steht.

Beging etwa jemand einen Mord, war er Zeit seines Lebens gebrandmarkt, geächtet, bekam auch nach Strafverbüßung keinen Fuß mehr auf den Boden. Jeder wußte das. In manchen Fällen war dies für „reuige Täter“ sicher eine große Härte, es schreckte aber potentielle Nachahmungstäter auch stärker ab.

Heute steht bei der Bestrafung weniger Abschreckung im Mittelpunkt, sondern eher der – vielfach irreale, ja infantile – Wunsch nach Reintegration des Täters, lange bevor dieser auch nur ansatzweise seine Strafe verbüßt hat. Erwähnenswert ist, dass hierbei Frauen mit übertrieben altruistischem Verhalten dominieren.

Ich verstehe das große Bedürfnis der Menschen an Information oder Berichterstattung zu solchen Themen. Natürlich informiere ich mich auch, merke aber auch, dass ich – zugegeben – dabei emotional abstumpfe. Heute war wohl eine Ausnahme.

Taten werden in den Medien hoch und runter beschrieben, auseinander dekliniert bis ins kleinste Detail, damit erreichen sie – bei allem schaurig-schönen Grauen – einen gewissen Grad von „Normalität“. Das steigert sich in solchen Plattitüden wie: „Es gibt keinen absoluten Schutz“, „Das gab es früher auch schon“ und es wird ausführlich erklärt, womit die Tat nichts zu tun hätte.

Sicher, es gibt keinen absoluten Schutz. Es kann mir auf der friedlichsten Straße ein Dachziegel auf den Kopf fallen oder ‚es kann mich der Blitz beim S……n treffen‘, wie Oma Anna selig sehr treffend zuzuspitzen wusste. Aber das ist nicht menschengemacht, das ist ein ganz anderer Film.

„Das gab es früher auch schon“, ja, früher gab es auch einen Kaiser und trotzdem ist der olle Wilhelm nicht mehr für das verantwortlich, was wir heute tun.

Und womit das alles „nichts“ zu tun hat, braucht hier nicht ausgeführt zu werden.

In diesem gesamten „Bearbeitungsprozess“ wird schließlich aus einem früher gesellschaftlich geächteten Verbrechen eine – zugegeben schlechte – ’normale‘ Form der Realität.

Und mit dem Verlust der konsequenten gesellschaftlichen Ächtung sinkt die Zugangsschwelle für potentielle andere Täter. Wenn ich sehe, dass ich ein „Problem“ relativ schmerzarm final lösen kann, warum sollte ich darauf verzichten?

Ich finde diese Entwicklung unsäglich und hochgefährlich, eine allgemein gültige Antwort habe ich darauf nicht. Wer wäre ich denn auch dies zu behaupten?

Aber die Gesellschaft, die Politik, die Justiz, die Medien, wir alle müssen Mechanismen finden, um uns besser zu schützen, sonst wackelt in nicht ferner Zukunft das Gewaltmonopol des Staates. Beschwichtigen, verharmlosen, relativieren ist zu wenig und löst keine Probleme, im Gegenteil es verschärft sie.

Ich bin mir nicht sicher, was ich heute auf dem Bahnsteig in Frankfurt getan hätte, wenn der Mörder vielleicht sogar meine Angehörigen getötet hätte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte ich nicht brav gewartet, bis die Polizei kommt und ihn letztendlich in „Schutzhaft“ nimmt.

Immer häufiger entwickeln sich vor meinem geistigen Auge Bilder, in denen der Mob unterschiedlicher Gruppen ungebremst aufeinander prallt und ich fürchte, es braucht dazu nicht mehr viel.

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