Jeder ist gleich …

Am letzten Wochenende befiel mich die irre Idee in die Landeshauptstadt zu fahren.

Anlass war eine Fotoausstellung, die ich besuchen wollte, Grund der Wunsch mal vom Dorf wegzukommen und in die Stadt ein- oder in der Masse unterzutauchen. Noch dazu ist Erfurt die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und die ich irgendwie – mangels anderer Optionen – nach wie vor als meine Heimatstadt ansehe. Obwohl, zu Hause fühle ich mich dort schon seit rund 50 Jahren nicht mehr, mein Lebensmittelpunkt ist eben seitdem andernorts. Aber so eine gewisse Neugier habe ich immer noch, wie die Stadt jetzt aussieht, jeder Besuch ist auch immer eine Reminiszenz an meine Kindheit und Jugend. Ich tappe durch die Straßen und vergleiche den Ist-Zustand mit der Erinnerung, meistens bin ich enttäuscht.

Ich bin selbst überrascht, dass ich spontan auf das Auto verzichte und in Eisenach freiwillig in die Regionalbahn steige. Es hatte nichts mit der Klimahysterie zu tun, bestenfalls will ich am Samstag der Suche nach einem Parkplatz in der übervölkerten Innenstadt aus dem Weg gehen.

Das Dilemma beginnt aber bereits in Eisenach beim Parken. In der Nebenstraße in Bahnhofsnähe, in der ich oft parke, hat man die Parkmöglichkeiten geändert. Konnte ich vor nicht langer Zeit an der obligatorischen Parkuhr, einem einarmigen Banditen, noch für den ganzen Tag buchen, schluckt das Ding jetzt zwar klaglos meine Euros, wirft mir aber lediglich ein Ticket für 2 Stunden aus, der überzahlte Betrag, immerhin mehrere Euro kommt nicht zurück.

Das Ticket weist eine Parkdauer bis 11.45 Uhr aus, meine Fahrt dauert natürlich länger. Aus reinem Trotz lege ich das Ticket hinter das Fenster, erwartend, dass am Abend eine fette Nachforderung des Ordnungsamtes am Scheibenwischer kleben würde.

Die Fahrt mit der Bahn ist gut, wenngleich der Wagen nach Urin riecht. Die Fahrt ist unterhaltsam durch das Programm einer Gruppe junger Männer, die einen kleinen Dicken in einem durch und durch albernen Kostüm auf dem Junggesellenabschied begleiten. Dem potentiellen Bräutigam ist noch nicht bewußt, dass er sich möglicherweise an diesem Tag zum letzten Mal freiwillig zum Affen macht.

Die Rückfahrt gegen Abend ist ebenfalls in Ordnung, der Wagen riecht diesmal nicht nach Urin, die Regionalbahn ist auf die Minute pünktlich, die knappe Stunde Fahrt wird verkürzt durch einen ‚Mann‘ um die 40, der den Wagen komplett unterhält.

Der ‚Mann‘ mit braunem Teint, gebrochen, aber gut verständlich deutsch sprechend unterhält unaufgefordert sein Publikum. Vom Aspekt würde ich vermuten, dass seine Wiege irgendwo in Nordafrika stand. Ihn gepflegt zu nennen, würde es nicht treffen, es scheint aber niemand zu stören.

Die Regionalbahn hält alle Nase lang, eine nachdrücklich thüringisch sprechende Zugbegleiterin macht die trockenen Ansagen sehr sympathisch.

Zwischen Erfurt und Gotha bittet sie die wenigen Reisenden um die Fahrkarten. Alle halten ihr brav Tickets oder Handy entgegen, der ‚Mann‘ ist der Einzige, der nicht reagiert und sie voll negiert. Interessanterweise fordert sie von ihm keinen Fahrausweis.

Auf die schüchterne Frage, warum sie ihn überging die gemurmelte Ansage: „Die haben doch sowieso alle keine Fahrkarten, warum soll ich mir Ärger einhandeln?“

Später sagt er selbst, dass er ohne Fahrkarte unterwegs ist, er will eigentlich nach Kassel, sitzt aber im falschen Zug. Darauf hingewiesen lacht er: „Die Erde ist doch rund, irgendwann komme ich schon an.“

Um ehrlich zu sein, beneide ich ihn ob seiner Unbekümmertheit. Ich schaffe das bis heute nicht.

Als ich in Eisenach mein Auto erreiche, versuche ich schon von Weitem den erwarteten Strafzettel wegen „Überschreitens der Parkdauer“ am Scheibenwischer zu erkennen. Ich bin enttäuscht, dass ich nichts finde.

Jeder ist doch irgendwie gleich ….

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