Die Königin von Wendanien

Es war ein reiches Land, welches die Prinzessin von ihrem Vater, dem König von Heimatland übernommen hatte.

Die Menschen, seine Untertanen, waren ein etwas besonderes Völkchen, fleißig, diszipliniert, vom Gedanken an Leistung und Erfolg geradezu besessen, aber auch obrigkeitshörig. Sie arbeiteten, so sie konnten, Tag und Nacht ohn‘ Unterlass, wobei vielen die Anerkennung wichtiger war, als materieller Gewinn.

Da sie gute und intelligente Produkte fertigten, konnten die Kaufleute diese weltweit gegen andere Dinge tauschen, wobei sie sich nicht zu schade waren und keine Skrupel hatten, die Menschen in anderen Ländern bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu übervorteilen. Geschickt wussten sie dieses Tun mit moralischen Floskeln zu tarnen und nannten es mit überzeugender Chuzpe ganz einfach Entwicklungshilfe.

So war das Land in wenigen Jahren sehr reich geworden, zumal die Bürger klaglos einen großen Teil ihres bescheidenen Lohnes freiwillig an den König abgaben und sie nannten dies Steuern.

Der König war’s zufrieden und seine Untertanen über Jahre auch.

Nun ergab es sich, dass der König keine Lust mehr zum Regieren hatte, so übergab er seiner Tochter, der Prinzessin die Regierungsgeschäfte, nicht ohne öffentlich Zweifel anzumelden, ob sie dies überhaupt könne.

Weil sie immer im Luxus schwelgte und es ihr nie an etwas fehlte, hatte sie gelangweilt in den Tag hineingelebt, sich nie um die Regierungsarbeit gekümmert und keinerlei Erfahrung. Auch Bildung haperte es, obwohl sie nicht dumm geboren war. Aber wer seinen Lebensunterhalt nie selbst erarbeiten muss, sieht nur selten ein, dass man sich Bildung aneignen sollte. Es reichte ihr, gut, wenn auch inhaltlos reden zu können.

Trotzdem sie noch nie in ihrem Leben etwas geleistet hatte, war sie überzeugt von der eigenen Wichtigkeit, berauscht vom Glauben an die eigene Hellsichtigkeit und benebelt von der Überzeugung an die eigene Unfehlbarkeit.

Nun hieß die Prinzessin plötzlich Königin, die Hofschranzen huldigten ihr, die Weisen des Reiches und ihre Herolde redeten ihr nach dem Mund und die wenigen, die es wagten Zweifel an ihrer Unfehlbarkeit zu zeigen oder gar auszusprechen hatte sie ganz schnell kaltgestellt.

Sie wusste, dass sie jetzt dem Volk etwas zeigen oder geben musste, um die Macht auf Dauer zu behalten.

Ihr Vater und die fleißig arbeitenden Menschen ihres Landes hatten zum Glück volle Kassen hinterlassen, sodass sie mit vollen Händen kleine Brosamen unter das Volk werfen konnte. Hier ein kleines Geschenk, da ein kleiner Erlass von Abgaben, immer an die gegeben, deren Gunst sie sich erhalten wollte.

Die Menschen, die jeden Morgen ehrlich und zuverlässig schaffen gingen und mit ihren Steuern stetig und widerspruchslos ihre Schatulle füllten, waren ihr dagegen völlig egal, denen drückte sie laufend neue und höhere Steuern auf. Bei ihrem Vater hatte sie gesehen, wie leidensfähig das gemeine Volk war, warum sollte gerade sie es ändern?

So lebte sie vor sich hin, reiste in ihrer Prunkkutsche durch die Welt, lies sich an anderen Höfen feiern, fühlte sich erhaben und unantastbar. Und da sie weltweit aus ihrer Schatulle fleißig das Geld verteilte, welches die Menschen ihres Landes erwirtschaftet hatten, war sie überall gern gesehen, freudig begrüßt wenn sie kam, während man hinter ihrem Rücken ob ihrer Einfalt lachte, wenn sie ging.

Nach einigen Jahren vermeldeten ihr die Paladine, dass das Volk unter der hohen Abgabenlast stöhnte und unruhig wurde.

An den elendiglich langen Abenden am Hofe ihres Vaters hatte sie oft den Gesprächen der Erwachsenen gelauscht und einige Weisheiten aufgeschnappt.

Sie erinnerte eine Weisheit ihres Großvaters: „Kannst du das Volk nicht still halten, dann beginne einen Krieg.“

Nun war es nicht ihr Ding Kriege zu führen, dazu war sie zu ängstlich, zu bequem und sie wäre wohl in Harnisch und zu Pferde bestenfalls, ob ihrer gedrungenen Gestalt, wie Sancho Panza und nicht wie ein edler Ritter daher gekommen. Einen Krieg zu führen, kam also nicht in Frage.

Eine zweite Weisheit bestand darin, dass Volk gegen einen gemeinsamen, äußeren und möglichst vagen Feind hinter der Fahne des Königs zu sammeln, dann vergass es sehr schnell innere Zwiste.

In einer der vielen stillen und durchwachten Nächte kam ihr die Erleuchtung, sie erfand schlicht und einfach als Instrument zu Disziplinierung des Volkes die „Wende„, indem sie scheibchenweise schlicht alles Bisherige zum Feind erklärte.

So erfand sie die politische Wende, die Verkehrswende, die Wende in der Landwirtschaft, die Energiewende und zu guter Letzt die Klimawende. Wobei die Klimawende ihr Meisterstück war, konnte sie doch sicher sein, dass keiner der im Reich Lebenden jemals in der Lage sein würde, die Klimawende am Ergebnis auf Vernunft und Richtigkeit zu überprüfen.

Sie war selbst äußerst angenehm überrascht und glaubte zuweilen zu träumen, wie widerspruchslos ihr das Volk ohne Kritik und ohne die Dinge zu hinterfragen beim Wenden hinterher latschte und dankte es ihm, indem sie das bisherige Heimatland schleunigst in Wendanien umbenannte, die Grenzen für jedermann öffnete und die Steuern für die schon länger hier Lebenden verlässlich weiter erhöhte.

Und da ihr niemand in den Arm gefallen ist, dann wird sie Wendanien bis zu ihrem seligen Ende fleißig weiter wenden. Aber, die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht wird den Gewendeten irgendwann davon einmal so schwindelig, dass sie sich nicht mehr wenden lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s