Das Jahr 1212, Mao’s linke Kulturrevolution, der Rattenfänger von Hameln, Greta aus Schweden und f4f macht Ferien.

Die Jugendlichen von „Fridays for future“ haben sich nach einem verheerenden Wochenende in um und den Braunkohlentagebau Garzweiler und die dazu gehörige Infrastruktur in die Sommerferien verabschiedet, nicht ohne die Drohung hinterlassen zu haben, dass es nach den Ferien mit ihren Aktionen weitergeht. Monatelang am Freitag die Schule zu schwänzen ist ihnen kein Problem, ein Verzicht auf den Urlaub kommt dagegen nicht in Frage, so weit geht die Panik um ihre Zukunft nun doch nicht.

Interessieren würde mich, wie viele der „Klimabewegten“ dabei bewußt auf den Flugurlaub am Busen und aus dem Portemonnaie ihrer Eltern verzichten, aber das steht auf einem anderen Blatt, sie haben ja Urlaub.

Bleibt also Zeit für eine kleine, unvollständige Reminiszenz zu Kinderbewegungen.

Wir schreiben das Jahr 1212.

In den Jahren von 1187 bis 1204 hatten europäischer Adel und Klerus mangels anderer sinnvoller Beschäftigungen mehrere Kreuzzüge gen Jerusalem unternommen. Als Vorwand diente die Mär von der Rückeroberung der Heiligen Stätten in Jerusalem, der eigentliche Grund muss ein ganz anderer gewesen sein, ich kenne ihn nicht definitiv. Typischerweise werden Konflikte und Kriege von den Herrschenden immer dann angezettelt, wenn sie den eigenen Machterhalt gefährdet sehen und von eigenem Versagen ablenken wollen. Dann taugt ein äußerer Feind vorzüglich zur Disziplinierung der Massen und zum Ablenken von schwerwiegenden und ungelösten inneren Problemen.

Die historischen Quellen sind rar, offenbar sind keine authentischen Berichte von Teilnehmern erhalten, sodass sich die Geschichtsschreibungen auf die Überlieferungen Unbeteiligter stützen müssen.

Nach dem 4. Kreuzzug, der 1204 nicht – wie versprochen – mit der Eroberung Jerusalems, sondern der Brandschatzung des christlichen Konstantinopel endete, schien die Kraft des europäischen Adels erschöpft und der Klerus widmete sich lieber wieder seiner Lieblingsbeschäftigung bei Wein, Weib und Gesang.

In dieser Zeit wurde im Norden Frankreichs eine „Bewegung der freiwilligen Armut“ ins Leben gerufen. Da (fast) niemand freiwillig in Armut leben will, wurde ihr ein christliches Mäntelchen umgehängt, Predigern meist adliger Herkunft wie etwa Petrus von Blois gelang es den Armen des Landes einzureden, dass lediglich eine Bewegung von Unschuldigen und Armen in der Lage sein könnte das „Grab Christi“ im „Heiligen Land“ zurück zu erobern. Der Trick verfing.

Es wird berichtet, die Quellen können auf Validität nicht überprüft werden, dass sich 1212 von Cloyes-sur-le-Loir und Köln aus zwei Züge mit Kindern und Armen gen Jerusalem auf den Weg machten. In Lumpen gehüllt und ohne Waffen begannen sie den entbehrungsreichen Weg der sie bis nach Marseille und in die Gegend von Genua führte.

Als Führer der beiden „Kinderzüge“ werden Stefan, ein Hirtenjunge, der vorgab ihm sei Jesus persönlich erschienen und für die Kölner Gruppe Nikolaus, ein nach den Quellen „charismatischer zehnjähriger Prediger“ benannt.

Die Züge erreichten Jerusalem nicht.

Stefan hatte versprochen, dass sich die Fluten des Mittelmeeres bei Ankunft der Kreuzzügler teilen würden, damit sie quasi trockenen Fusses nach Jerusalem marschieren konnten, es geschah nicht, den meisten war der Weg durch das Meer zu nass und der Zug löste sich spontan weitgehend auf. Einige Teilnehmer gelangten bis nach Rom, wurden beim Papst vorstellig und ließen sich von der Verpflichtung des Kreuzzugs entbinden. Nur wenige versuchten die Einschiffung nach Jerusalem, sie endeten fast alle in der Sklaverei der Sarazenen.

Was aus den beiden Anführern geworden ist, ist nicht überliefert. Hätten sie anschließend Karriere in einem geistlichen oder staatlichen Amt gemacht, würden sich ihre Namen in den Analen wiederfinden.

Der Rattenfänger von Hameln

Eine der bekanntesten Sagen deutschsprachigen Ursprungs ist die vom Rattenfänger von Hameln. Sie ist so bekannt, dass sie in mehreren Ländern sogar zum Unterrichtsstoff geworden ist.

Folgt man der Geschichte fand sich in 1284 in der Stadt Hameln ein etwas wunderlicher Mann ein, der der Stadt, namentlich ihren Bürgern, einen damals großen Dienst erwiesen haben soll. Wie so oft, verweigerten ihm die Bürger nach getaner Arbeit seinen verdienten Lohn, aus Rache soll er – durch seine charismatische Erscheinung und sein betörendes Flötenspiel – an die 130 Kinder dazu bewegt haben sich ihm anzuschließen und aus der Stadt zu ziehen. Sie wurden nie wieder gesehen.

Die chinesische Kulturrevolution

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam es in China im Rahmen von Machtkämpfen in der herrschenden kommunistischen Partei zu einer Reihe ausgesprochen tragischer Ereignisse, denen Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen in der Phase von 1966 bis 1976 durch Tod, Vertreibung, Einkerkerung zum Opfer fielen.

Eine der handelnden Gruppen waren die ‚Roten Garden‘ Mao’s, militärisch straff organisierte Verbände aus Schülern und Jugendlichen, die Mao und seinen Parolen treu ergeben waren.

Mao’s Wahl, die jungen Leute zu seinen ausführenden Organen zu machen, war überaus geschickt, sind doch Kinder und Jugendliche leicht „vom Guten“ zu überzeugen, sie sind relativ treu, leben meist im Jetzt und ihnen fehlt – naturgemäß – die Lebenserfahrung, die notwendig ist um komplexe Prozesse zu verstehen oder auch zu hinterfragen. Auf der anderen Seite lieben sie das Gefühl von Macht, speziell der Macht gegenüber den Alten, heute nennt man es die „Etablierten“.

Der Beginn der Kulturrevolution vollzog sich schier banal. Studenten lehnten sich mit Hilfe von öffentlichen Wandzeitungen verbal gegen bestehende gesellschaftliche Strukturen und Personen auf. Über die Massenmedien wurde das Volk darauf eingeschworen, dass eine rechte Konterrevolution unmittelbar bevorstünde und das es jetzt darauf ankäme, dass sich alle Wohlgesonnenen vorbehaltlos ubd ohne Hinterfragen der Methoden hinter der Fahne Mao’s versammeln müssten.

Mit einfachen – man würde heute sagen – populistischen Mitteln wurden unliebsame Personen herabgewürdigt, nahezu jeder, der der Linie der jungen Revoluzzer nicht bedingungslos folgte, wurde öffentlich an Wandzeitungen auf den Straßen und in den öffentlichen Räumen diskreditiert, zum Staatsfeind erklärt, aus den Positionen im gesellschaftlichen Leben entfernt, zur „Umerziehung“ in Lager gesteckt oder bei harter Arbeit in der Landwirtschaft ideologisch im Sinne Maos ‚geläutert‘.

Ein Großteil der intellektuellen und politischen Elite des Landes fiel den Aktionen von Mao’s jungen, revolutionären Garden zum Opfer. Das Land erlitt einen fürchterlichen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verlust, was enormen gesamtgesellschaftlichen Rückschritt bedeutete. Es dauerte Jahrzehnte bis sich das intelligente und fleißige Volk von diesen 10 Jahren missbrauchter jugendlicher Terrorherrschaft erholt hatte. Bis heute ist dieser Prozess gesellschaftlich nicht umfassend aufgearbeitet, im Gegenteil. Der Drang nach Konsum westlichen Zuschnitts hat still, klamm und heimlich revolutionären Eifer abgelöst.

Greta aus Schweden

Um Greta aus Schweden ist es in den letzten Wochen ruhig geworden. Vielleicht macht sie, wie ihre weltweiten Jünger auch, Urlaub, nachdem die Lehrer ihrer Schule ihr trotz häufiger Abwesenheit vom Unterricht ein vorzügliches Abschlußzeugnis der „mittleren Reife“ spendiert haben.

F4f machen ebenfalls Ferien.

Handys und Computer sind abgeschaltet. Fleisch kommt wegen furzender Tiere nicht mehr auf den Tisch, sie laben sich statt dessen an Salatblatt und Tofu-Schnitzeln. Moped, Auto, der automatisierte Rasenmäher sind eingemottet, eine möglichst weite Überseereise wird nicht mehr ins Auge gefasst. Ab dem nächsten Schuljahr werden sie freiwillig auf die beliebten Selbstfindungstrips nach Neuseeland, Australien, Canada oder den Staaten verzichten, statt dessen in der Freizeit auf dem eigenen Acker im Schweiße ihres Angesichts von Hand arbeiten, Rüben hacken und Möhren verziehen, da auf den Gebrauch landwirtschaftlicher Großmaschinen selbstverständlich verzichtet wird. Der englische Rasen auf dem Grundstück wird ausschließlich mit Sense und Sichel bearbeitet. Die allseits beliebte und – zugegeben – leckere Flugmango wird durch den Genuss einer Möhre aus eigenem ökologischem Anbau ersetzt.

Thema: ökologischer Anbau, in meiner Kindheit war es mangels anderer Mittel durchaus üblich den Inhalt des hauseigenen Plumpsklos im Herbst im Hausgarten als Dünger auszubringen, Erdbeeren, Kartoffeln, Gemüse profitierten ohne Zweifel davon. Back to the roots.

Obwohl, ich bemerke gerade mit Schrecken, dass ich vergessen habe, wie ich eigentlich von Stefan aus Cloyes-sur-le-Loir und Nikolaus aus Köln, über den Rattenfänger von Hameln und Mao’s „Roten Garden“ zu Greta aus Schweden gekommen bin?

Vielleicht über den Schnulzenbarden Herbert Grönemeyer?

Gebt den Kindern das Kommando
sie berechnen nicht
was sie tun
Die Welt gehört in Kinderhände
dem Trübsinn ein Ende
wir werden in Grund und Boden gelacht
Kinder an die Macht.

Wie recht er doch hat, obwohl er es wahrscheinlich ganz anders meint.

Also, genießt den Urlaub, so ihr denn habt, F4f wacht über euch, in jeder Beziehung.

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