Bonbons, handgemacht

Die Regale der Supermärkte und Discounter sind voll von süßen Dingen, Zuckerwaren, Süßigkeiten, Leckereien und was weiß ich noch für Anglismen die süßen Versuchungen bezeichnen. Geschickt verteilt auf den Zwangswegen durch die Regale stößt man überall auf Zucker. Es ist so gewollt und die Menschen wollen es so.

Verpackt ist alles, in Flaschen, Gläsern, Büchsen, Kunststoffverpackungen, Verpackungsmüll spielt keine Rolle, auch die F4F-Kids machen dabei keine Ausnahme.

In meiner Kindheit – den fünfziger Jahren – gab es im lokalen Kolonialwarenladen auch Süßigkeiten. Das Angebot war überschaubar.

Bonbons gab es lose aus großen Gläsern, aus denen stückweise verkauft wurde. Ich konnte also beispielsweise 10 Himbeerbonbons kaufen, bekam sie in einer aus Zeitungspapier gedrehten Tüte und war glücklich. Dann gab es Bonbons am Stiel, wir nannten sie „Leck-mal-dran“, heute heißen sie wohl Lollis.

Bonbons, in loser Form kann man heute fast nicht mehr kaufen.

Es gibt Ausnahmen, wenn auch nur wenige mir bekannte.

Eine finde ich in einer norddeutschen Stadt, bekannt durch die Heide gleichen Namens, eine langjährige Fernsehserie, die historische Innenstadt mit gefühlt hunderten kleinen Geschäften, Gaststätten, Straßencafes. Beim Blick von oben wird das Stadtbild geprägt durch den alles überragenden Wasserturm, ein Meisterwerk norddeutscher Backsteinkunst mit seiner neogotischen Fassade einerseits und den architektonisch modernen Campus der Leuphana-Universität.

Beim Bummel durch die Innenstadt fällt mir an einem Durchgang ein kleines Schild auf, es verweist auf einen Innenhof und lädt zum „Schau-Bonbon-Machen“ ein.

Zwischen Karstadt einerseits und der lieblosen Filiale einer großen Bäckereikette auf der anderen Seite finden sich mehrere kleinen Fenster und eine Tür, ausgewiesen als „Bonbon-Manifaktur“. Der Laden, hell und freundlich, mehrere Reihen kleiner Boxen, gefüllt mit bunten Bonbons, an den Wänden auf Regalen, auch in Plastik verpackte Ware.

Der Hausherr, ein sehr schlanker Typ, erinnert eher an einen Marathonläufer, denn einen Süsswarenhersteller. Große Hände und starke Oberarme lassen auf Krafttraining schließen.

Sein kompletter Arbeitsplatz füllt gerade einmal eine Ecke des Raumes aus, 3 Edelstahltische, ein Rührwerk, auf einem der Tische eine kleine Maschine mit zwei sich gegenläufige drehenden Rollen. Das ist auf den ersten Blick alles.

Der Meister, nach eigenen Angaben ‚Seiteneinsteiger‘ ins Bonbon-Fach, bearbeitet von Hand auf einem der Tische einen großen, glasigen Klumpen, den er breit laufen lässt, immer wieder faltet und mit Schwung zurück auf den Tisch wirft, jedesmal ein lautes, sattes Platschen erzeugend. Seine Hände sind geschützt durch zwei Paar übereinander getragene Handschuhe, ich erfahrene, dass die Bonbon-Masse immerhin um die 150 Grad hat, wenn sie auf den Tisch kommt.

Während er immer wieder die glasige Masse zusammenfaltet, beschreibt er den – leider wenigen – Zuschauern den Vorgang und auch seine aktuelle Rezeptur.

Er bereitet eine seiner Spezialitäten, ‚Lüneburger Hansegiebel‘. Die Rezeptur ist selbst für mich überschaubar, etwas Zucker, dazu ein Glukosesirup ohne irgendwelche Aromen plus 2,5 % Solesalz, aus der heimischen, historischen Salzgewinnung.

Ich lerne, in der Bonbonmasse lösen sich die großen Siedesalzkristalle nicht auf, sie werden lediglich vom Zucker umschlossen, wichtig für den späteren Geschmack.

Nach wenigen Minuten der nächste Arbeitsschritt, an der Wand ist ein großer Haken befestigt, über den er die zuletzt zu einer Art Zopf gefaltete Masse hängt. Jetzt werden die großen Hände und die gute Oberarmmuskulatur verständlich, es kommt das ‚Ziehen‘.

Er zieht die Masse über den Stahlhaken zu einem Strang aus, faltet ihn zusammen, wirft ihn wieder über den Haken und zieht, dies mehrfach über mehrere Minuten. Dabei verändert sich die Bonbonmasse von glasig zu weiß, bedingt durch Lufteinschlüsse, die durch das häufige Ausziehen entstehen.

Als ihm Konsistenz und Farbe der Masse gefallen, formt er daraus eine Platte, die er durch die Bonbonwalze laufen läßt. Dies besteht aus zwei gegenläufigen Walzen, zwischen denen die Masse praktisch erkaltet, noch als Band, aber schon mit den Grundformen der jeweiligen Bonbons herauskommt.

In diesem Fall sind es die Hansegiebel, in der Grundform eines norddeutschen Hausgiebels.

Das Bonbonband läßt er fast zärtlich auf den Tisch fallen, es löst sich auf, wie in einzelne Tropfen, der Drops ist geboren.

Nun ja, ein kleiner Wermutstropfen: Wer die leckeren Bonbons kaufen will, muss sie in bereitliegende Spitztüten verpacken. Es ist ein weißer Kunststoff, ich hoffe, dass es zur Beruhigung meines ökologischen Gewissens zumindest Cellophan ist.

Cellophan, auch Cellulosehydrat oder Zellglas wird hergestellt aus Holzpulpe, einem Cellulosebrei und scheint im Rahmen dieses ganzen Verpackungsmülls zumindest in unbeschichteter Form noch etwas ökologisch – aber genau weiß ich es auch nicht.

Die Bonbons jedenfalls sind lecker, äußerst lecker und sooo schön süß.

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