L 1022 oder zwei Formen von Gerechtigkeit?

Donnerstag, 6.6.2019, morgens gegen 7.30 Uhr.

Ein kleines Dorf in Thüringen, in Sichtweite der Grenze zu Hessen, ich bin auf der Fahrt von einer Arbeitsstelle zur nächsten, Ärzte sind knapp, sodass man auch als Rentner gut arbeiten und vor allem Steuern zahlen darf. Scholz braucht Geld zum Umverteilen.

Das Dorf, W. liegt an der L1022, unspektakulär, kein Protz, klein, sauber, also typisch thüringisch.

Am Ortseingangsschild lehnt ein altes Fahrrad, ramponiert, die besten Jahre hat es hinter sich, daneben der bekannte ostdeutsche Einkaufsbeutel aus Stoff, gut gefüllt, oben schaut der Verschluss einer Plasteflasche heraus. Komplettiert wird das Ensemble, vielleicht auch ein Stilleben, durch einen Benzinkanister.

Einige Meter weiter bewegt sich mühsam ein älterer Mann, ich schätze ihn auf Anfang 60, durch den Straßengraben.

Es wirkt unbeholfen, wie er mit einer langen Motorsense hantiert, selbst ist er eher klein, sehr gut beleibt, ein buntes Basecap, ein T-Shirt undefinierbarer Farbe, welches über dem gewaltigen Bauch spannt, darunter eine weite und kurze Hose und Füße in ausgelatschten Sandalen. Die früher sicher weißen Tennissocken tragen nicht dazu bei, dass er stattlicher wirkt. Am auffälligsten sind seine ausgeprägten O-Beine, als Kind hätten wir uns darüber lustig gemacht, heute muss ich froh sein, selbst noch nicht davon betroffen zu sein.

Es fällt ihm sehr schwer sich in dem sehr unebenen Gelände mit seiner Motorsense zu bewegen, er rutscht auf dem nassen Gras aus und fällt in den Graben über den langen Stiel der Maschine.

Als er sich mit meiner Hilfe wieder aufgerappelt hat, erfahre ich, dass er vom Jobcenter zu dieser Arbeit „verdonnert“ worden ist. ‚Eigentlich ist er froh einen kleinen Job zu haben, andererseits hätte er sich über eine leichtere Arbeit sehr gefreut.‘ Ich verstehe ihn.

Von einer Kollegin, weiss ich, dass es auch in diesem kleinen Dorf an der L 1022 mehrere junge ‚Leistungsbezieher‘ gibt, denen jede Arbeit angeblich zu schwer und jeglicher vom Amt erzwungene Arbeitsversuch nach kurzer Zeit mit einem Krankenschein gekrönt ist. Meist gibt das Jobcenter schneller auf, als die Arbeitsverweigerer.

Ich bin mir sicher, der ältere Herr wird auch nächste Woche wieder mit seiner Motorsense im Dorf unterwegs sein, während sich die Kräftigeren noch mehrmals in ihren Betten wenden werden.

Zwei Formen von Gerechtigkeit an der L 1022 oder laut Grundgesetz Artikel 3:

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

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