Alles atmet Beständigkeit …

Brandenburg  an der Grenze zu Meck-Pomm, eine Gegend die immer wieder eine Reise wert ist. 

Von Thüringen aus über die A4 bis zum Hermsdorfer Kreuz, der blanke Wahnsinn in Potenz. Zwar eine dreispurige Autobahn, gut ausgebaut mit breitem Standstreifen – aber viel zu schmal. 

Die rechte Spur bleibt fast leer, LKW’s, einzelne Pkw’s, dazwischen ganz viel Luft. Die Mittelspur ist blockiert durch Langsamfahrer, deren Geschwindigkeit gerade so ausreicht, um neben einem großen LKW nicht zurückzufallen. Überholen ist nicht angestrebt.

Die linke Spur dagegen ist der absolute Treffpunkt der Gefühle, knallhartes Gaming, Kampf bei höchster Geschwindigkeit. Am liebsten sind mir die Raser, die mit 100 Stundenkilometer von der Mittelspur ohne zu blinken auf links wechseln, sobald sie von hinten auch nur den kleinsten Schatten kommen sehen.

Seltsamerweise geht es auf der A9 Richtung Berlin dann etwas gesitteter zu. Hier dominieren die Schnellfahrer, wahrscheinlich weil es keine Berge gibt und Kurven bestenfalls erahnt werden können. Zu sehen sind sie für den normalen Mittelgebirgler jedenfalls nicht.

Fährt man dann hinter Berlin von der Autobahn ab und bewegt sich über regionale Straßen gen Nordost gewinnt man sehr schnell den Eindruck, dass die Zeit stehengeblieben ist. Kleinere Städte, Dörfer, in denen noch die Ruhe und der Chic der DDR zu spüren sind, aber ungeheuer sympathisch.
Die Menschen scheinen sich Anbetracht der Zerbrechlichkeit des Lebens jegliche gebotene Schonung angedeihen zu lassen. Die Bewegungen sind durchdacht, Schnelligkeit oder gar Hektik sind nicht gefragt, würden negativ auffallen. 

Spricht man einen männlichen Eingeborenen ungefragt an, ist die Wortwahl so gesetzt, dass keine Energie durch ein überflüssiges Wort verschwendet wird. In der Regel erhält man haargenau die Information, die gebraucht wird. Einfach zu parlieren ist des männlichen Brandenburgers Sache nicht. Etwas schwatzhafter sind die Frauen, trotzdem würde eine geborene Rheinländerin sie wohl als „stumm“ bezeichnen und ungeduldig versuchen in Gebärdensprache schneller voran zu kommen. Die Brandenburger stehen womöglich mit den Badenern im Wettbewerb, welche Sprache mit weniger Worten auskommt.

Der gesellschaftliche Mittelpunkt und soziale Treffpunkt des Ortes ist der Dorfbäckerladen mit der irreführenden Bezeichnung „Cafè“ über der Tür und 2 Resopaltischen mit durchgesessenen Stühlen auf der Straße. Ein Tisch hat vier Stühle, dort sitzen die Einheimischen, der andere nur zwei, der ist für die Gäste. Am Einheimischen-Tisch sitzen meist ältere Männer, die Frauen sitzen, wenn überhaupt, vor der eigenen Haustür an der Dorfstraße mit ihren kleinen geduckten, fast nur ebenerdigen Häuschen.
Es ist das einzige Geschäft, das Dorf ist glücklich, dass es den Laden überhaupt noch gibt. Unter dem relativ neuen Schild „Dorfbäckerei und Cafè“ lugt keck die alte Schrift KONSUM hervor, das Mobiliar ist ebenfalls authentisch antik. Die Tür ist neu, dafür passt sie nicht richtig und würde etwaigen Einbrechern keinerlei Gegenwehr entgegen setzen. Wahrscheinlich würde es reichen, einmal dezent gegen den Rahmen zu stolpern und schon „isser drin“.
Obwohl, was sollte ein Einbrecher mitnehmen? Die Tageseinnahmen sind moderat und finden sicher abends in der Hosentasche Platz ohne diese groß auszubeulen. Das liegt nicht nur am Sortiment. Da der Brandenburger ein sehr genügsamer Mensch ist, bleibt es sehr überschaubar, obwohl man alles findet, was „er“ braucht“. Und das ist fast nichts. Von der Semmel, über ein Stück Kuchen, Zahnpasta, Gummischlangen und die Langnese-Eisbox für die lieben Kleinen, hier ist die Auswahl deutlich größer, über die BILD bis hin zur Slipeinlage findet sich alles – alles was der Brandenburger eben so braucht. Und das ist nicht viel.Von jedem nicht bäckereitypischen Artikel findet man genau ein Stück, mit Ausnahme der BILD, da ist es ein kleiner Stapel. „Die sinn für die Urlauber.“ 
Die Verkäuferin ist sehr freundlich, spricht sogar ungefragt. Bedächtig legt sie den Einkauf zusammen, seltsamerweise kauft fast jeder etwas, obwohl man nichts davon wirklich braucht. Jeder hippe, hochgebildete, urbane Urlauber hat mehr in seinem nagelneuen Samsonite, als der Laden an Artikeln vorhält.

Eine städtische Dame, hohen mittleren Alters, fatal auf Anfang 20 getrimmt, gertenschlank, der Brandenburger würde es ‚rappeldürr‘ nennen, aber nur, weil „gertenschlank“ mehr Buchstaben hat. Die Dame verlangt, wohl artikuliert, richtig betont einen ‚Cafè to go‘. „Was wollen ’se?“ „Einen ‚Cafè to go‘.“ Die Dame hebt dabei nicht einmal die Stimme, ich bewundere ihre Hartnäckigkeit die Dinge nicht beim Namen zu nennen, eine richtige Dame eben. Sie zeigt lediglich auf einen Stapel Pappbecher neben der einfachen Kaffeemaschine. Die Verkäuferin gibt zuerst auf. „Ach so, een Kaffe zum Mitnehmen wollen ’se.“ Die Verkäuferin verschluckt das zweite „e“ im Kaffee, sagt tatsächlich Kaffe und die Fronten sind geklärt.
Übrigens, die warme Bockwurst, normale Größe mit Brötchen, frisch, und Senf oder „Kettschupp“ kostet seit vielen Jahren 1,20 €, in Worten 1 Euro und 20 Cent, auch deshalb beult am Abend die Hosentasche mit den Tageseinnahmen nicht aus. 

Das Dorf ist klein, von einem Ende zum anderen braucht man nicht mehr als 10 Minuten, aber da man im Urlaub viel Zeit hat wird jedes Haus, jedes Nebengebäude, jedes Schlagloch genau begutachtet.

Auf einem Haus findet sich eine Antennenanlage aus Ost-Zeiten. Fernsehen ohne Internet, ohne Kabel, ohne Schüssel, allein mit Antenne auf dem Hausdach war damals möglich. Statt HD, Ultra-HD oder 4K bekam man kostenneutral Griesel, um 24.00 Uhr die Nationalhymne-West und danach das Testbild bis zum späteren Morgen. 

Das Frühstück war noch durch verbales oder nonverbales Gespräch geprägt, MoMa und Frühstücksfernsehen hatte der liebe Gott noch nicht erfunden. Typischerweise hatte man zwei Antennen auf dem Dach, eine für das erste und eine für das zweite Programm des West-Fernsehens, analog natürlich, nicht digital. Schon lange gibt es keine analoge Ausstrahlung mehr, aber einige Antennen haben sich gehalten. Die Vertikale war „fürs Erschte“, die Horizontale für das „Zweite“, meist selbstgebaut und trotzdem nicht weniger wertvoll, so sie denn hinreichend funktionierten. Die notwendigen Maße zum Eigenbau wurden per Mundpropaganda weitergeben, googeln konnte man sie nicht, es gab schlicht kein Internet. Dies wiederum war nicht DDR-spezifisch, die ganze Welt wußte damals noch nicht, dass ein Leben ohne Netz schier unmöglich ist. 

Alles atmet in Brandenburg Beständigkeit, selbst die West-Antennen.
Die Gegend der Kleinseenplatte zwischen Rheinsberg, Mirow und Wesenberg wird bestimmt von Radwegen, Wasser und Kopfsteinpflaster, vor allem in den kleinen Orten. Und wer will, braucht bloß den Kopf auf das Pflaster zu legen und hört schon die nächste Postkutsche in 10 Kilometer Entfernung rumpeln. 

Alles ist eben beständig.

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