Ein Mensch um die 30 ….

Es ist ein Gespräch, welches auf Bitte meines Gegenüber „durch Vermittlung“ zu Stande gekommen ist.

Ein Mann knapp Mitte Dreißig, schlank, modisch gekleidet von Kopf bis Fuß, mit einem bunten Lappen um den Hals. Man nennt es deutsch wohl Wickelschal, als ich nach einem Begriff google, sehe ich, dass es dafür eine Reihe unterschiedlicher Begriffe gibt. Praktisch mag ein solches Tuch wohl im strengen Winter sein, jetzt bei rund plus 15 Grad Außentemperatur wirkt es zumindest auf mich wenig männlich und deplatziert. Früher, zu weniger aggressiv – feministischen Zeiten, hätten wir es schlicht und einfach weibisch genannt.
Die Haare sind gestylt, vielleicht gegelt, ich weiß es nicht so genau, trage ich doch schon seit Jahrzehnten Glatze. 

Designerjeans, modische, farblich auffallende Sneaker, die Beine streckt er weit  von sich, ein unifarbenes Hemd, eine Sonnenbrille nach oben in die ersten Wellen des gegelten Haares geschoben. Draußen ist es bedeckt, immer weider regnet es etwas. Die Arme verschränkt, ein ängstlicher Blick. Später werden, die jetzt noch gehobenen Schultern immer weiter absinken, die Gestalt an Spannung verlieren.

Er berichtet mir einen äußerst stressigen Arbeitsalltag. Studiert hat er etwas mit Medienwissenschaften, jetzt ist er in einem kleinen lokalen IT-Unternehmen tätig. Er haut mir eine englische Funktionsbezeichnung um die Ohren, die ich weder akustisch richtig verstehe, noch inhaltlich begreife. Es bedarf mehrfacher Nachfrage bis ich zuordnen kann, was genau er tut, wobei er immer wieder die Kette seiner Anglismen vor sich hin nuschelt. 

Letztendlich: er betreut softwareseitig eine App aus dem Gebiet „Wetter“. 

Er lebt allein, natürlich hätte er schon Beziehungen gehabt, für Kinder erlebt er sich noch nicht reif genug. Außerdem wären die Zeiten so belastend, dass er es als unverantwortlich empfindet, Kinder in diese Welt zu setzen.

Ein gutes Einkommen hätte er, auch wenn er jetzt schon seit Monaten wegen eines Burnouts arbeitsunfähig ist. Als er die Gehaltssumme nennt, werde ich innerlich blass, so viel habe ich als Arzt nicht einmal in Chefarztzeiten verdient.

Den größten Teil seiner Arbeit kann er im Homeoffice verrichten, seine körperliche Präsenz ist lediglich an einem Tag in der Woche im Büro gefragt. Jetzt fühlt er sich absolut erschöpft, eine andere Arbeit will und kann er sich nicht vorstellen, er begehrt, dass ich ihm bei der Erlangung einer Frührente helfen solle.

Als ich versuche mit ihm etwaige Alternativen zur Rente zu besprechen, entwickelt er sofort Widerstand. Er fabuliert von seiner hohen Qualifikation, „zurück-zu-Schalten“ käme für ihn überhaupt nicht in Frage. Darüber nachzudenken „kleinere Brötchen“ zu backen, wenn er die großen nicht schafft, empfindet er als Zumutung. 

Ich versuche ihm ein Gleichnis zu vermitteln, dass es im Leben häufig darauf ankomme, eine vernünftige Balance zu finden zwischen der eigenen Leistungserwartung und dem tatsächlich dauerhaft Leistbaren. Er reagiert darauf mit einem krampfhaften Lächeln, welches spöttisch wirken soll, und der Frage, ob ich ihm denn nun „bei der Rente helfen würde“.

Ich negiere seinen Wunsch, biete ihm wiederum an gemeinsam nach Alternativen zu suchen. Als er wieder ablehnt, „das brauche er nicht, er wisse genau, wie ihm zu helfen sei“, beende ich das Gespräch kurz und knapp und verabschiede ihn.

Er läßt im Aufstehen zwar die Sonnenbrille nach unten auf die Nase rutschen, seine Körperhaltung dagegen wirkt jämmerlich als ich ihm nachsehe wie er draußen mit hängenden Schultern in seinen Porsche ‚Panamera‘ einsteigt.

Warum eigentlich ein ‚Panamera‘? Familie hat er nicht, vielleicht sehnt er sich doch danach? Mit einer gewissen Schadenfreude stelle ich mir seinen hohen Spritverbrauch vor. Möglicherweise wäre er mit einem Clio in seinem Leben zufriedener?

Abends im Bett kommt mir das Treffen wieder in den Sinn und ich überlege, ob ich nicht doch zu bestimmt oder abweisend mit ihm umgegangen bin?

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