Malleus maleficarum …

Kupferstich aus dem 'Hexenhammer'. In einer wirren, kaum erkennbaren Anordnung sollen die magischen Praktiken der Hexen dargestellt werden.

Malleus maleficarum, der ‚Hexenhammer‘, ist ein Buch des Dominikanermönchs Heinrich Kramer, eines eifernden Inquisitors. Die erste Auflage datiert auf das Jahr 1487 und gilt als eines der schlimmsten Machwerke der Weltliteratur.

Die pseudoreligiöse Schrift gab der katholischen Kirche die theoretische Grundlage praktisch nach Gutdünken Menschen, vor allem Frauen, der Hexerei zu beschuldigen und sie ohne faires Verfahren umzubringen. Viele wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Bis 1505, dem Sterbejahr von Heinrich Kramer, treibt die Inquisition Urstände, erst danach nimmt die Zahl der „Hexenverfahren“ ab, allerdings haben bis dahin schon tausende unschuldige Menschen den Tod auf dem Scheiterhaufen gefunden.

Der Hexenhammer hat die Form eines Zimmermannhammers, ein keilförmiges Teil aus Stahl mit einem klassischen Holzgriff. Das Stahlteil ist in der Mitte für den Stiel durchbohrt, hinten die abgeflachte Bahn, sie schlägt den Nagel ins Holz, vorn die Finne, lang und spitz zulaufend. Die Spitze wird in die Holzteile geschlagen, die sich damit auch ohne Hebezeuge gut transportieren lassen. Ein nützliches Werkzeug und eine gefährliche Waffe.

Ein Schmiedefeuer, eine offene Flamme über glühendem Koks, der Fuss des Schmiedes betätigt einen Blasebalg und je kräftiger er tritt, desto giftiger ist die Farbe des Feuers. Mitten in der Glut liegt der Hexenhammer, langsam nimmt er die Temperatur an, die Farbänderung an der Spitze der Finne beginnend dehnt sich über das ganze Stück aus, bis es sich durchgängig rotglühend in der Mitte des Feuers befindet.
Das hellrote Teil sieht jetzt noch gefährlicher aus als sonst.

Die glühende Spitze trifft den Schädel, dort, wo früher der Scheitel war. Ein unerträglicher Schmerz durchfährt den Kopf, die Spitze bohrt sich durch den Knochen, ein Gefühl, als ob der Knochen an dem hellrote Stahl verdampft. Sie dringt in das darunter liegende Hirngewebe ein, es zischt laut, der Schmerz steigert sich nochmals, es rauscht unerträglich. Fliehen ist nicht möglich, der Hexenhammer tut sein Werk.

Als ich aufwache liege ich in meinem Bett. Es ist sehr dunkel, nichts Leuchtendes ist im Zimmer, das Rauschen ist weg, der unerträgliche, stechende Schmerz bleibt. Ich habe das Gefühl, dass die glühende Spitze der Finne immer noch oben in meinem Schädel steckt und spüre den Wunsch den Hexenhammer heraus zu ziehen. 

Gewohnheitsmäßig greife ich mit der rechten Hand danach, sie bewegt sich kein Stück, ich spüre sie nicht. Vorsichtig greife ich mit der linken Hand zum rechten Arm, bin zufrieden, dass er noch da ist. Die Haut ist kalt, er ist schwer wie Blei, ich spüre ihn nicht, als ich ihn mit der linken Hand anhebe. Losgelassen schlägt er mit einem satten, triumphierenden und klatschenden Geräusch auf das Bettlaken zurück. 
Meine Gedanken gleiten über den Körper nach unten, ich erschrecke, als ich merke, dass ich auch mein rechtes Bein nicht mehr spüre. Die Angst hindert mich daran das Bein bewegen zu wollen, ich lasse es geschehen.
Ich will etwas sagen, weiß genau, was ich sagen will, sehe die Worte vor meinem inneren Auge, keinen einzigen Ton kann ich hervorbringen.
Auf dem beleuchteten Wecker sehe ich die aktuelle Uhrzeit, 1.02 Uhr. 
Rund 2 Stunden beobachte ich die Anzeige, habe Angst die Augen zu schließen, ich fürchte nicht wieder wach zu werden. Der Hexenhammer wütet in meinem Gehirn, dann nimmt der Schmerz langsam ab, langsam, ganz langsam, quälend langsam. 

Irgendwann dämmere ich weg, verliere mich in einem oberflächlichen Traum, in dem ich mich absolut hilflos, bewegungsunfähig erlebe, spüre trotzdem den Schmerz in meinem Kopf.
Langsam erwachend wehre ich mich dagegen, versuche erneut in den Traum abzugleiten. Ich schaffe es nicht. Ein Blick auf die Anzeige, es ist gegen 5.00 Uhr, draußen dämmert es.
Der Arm liegt immer noch leblos neben mir, aber meine Gedanken werden klarer. 
Vorsichtig versuche ich Worte zu flüstern, es geht, schwerfällig reagiert mein Mund, es klingt verschwommen, aber es geht.
Der Schmerz hat nachgelassen, ich spüre genau die Stelle, an der der Hexenhammer in meinen Kopf eingedrungen war. Als ich danach taste, finde ich kein Loch.
Es dauert noch rund eine Stunde bis meine Gedanken wieder im gewohnten Rahmen laufen.

Der Arm hängt noch mehrere Stunden bewegungslos an meiner Schulter, kalt, ohne Leben, wie abgestorben. Ich kann ihn aus der Schulter heraus schütteln, aktiv bewegen kann ich ihn nicht. Als das Gefühl langsam zurück kommt, wird es begleitet durch einen heftigen kribbelnden Schmerz über mehrere Tage. 
Später erklärt mir ein Kollege, dass ich eine Embolie erlitten habe. Zu einer Intensivtherapie kann ich mich nicht entschliessen.

Inzwischen habe ich noch mehrere solcher Attacken erlitten, der Schmerz bleibt, die Intensität schwankt. 

Bis heute tut der Hexenhammer in meinem Kopf jeden Tag seinen Dienst. Ich hoffe, dass es nicht wie bei Heinrich Kramer 18 Jahre dauert, bis er seine Wirksamkeit verliert.

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