Alles Hamstern oder was … ?

Werra-Krepp bis zum Abwinken …

Eine befreundete Bloggerin, Clara Himmelhoch, hat auf die Crux der aktuellen Hamsterkäufe hingewiesen und Parallelen zu „Beschaffungsaktionen“ zu Ostzeiten gezogen. Etwa Klopapier, in Supermärkten inzwischen heiss begehrt.

Ich darf voll Stolz sagen: Wir im Dienst ergrauten Ossis wissen mit solchen Notlagen, wie mangelndem Klopapier, souverän umzugehen.

In meiner Kindheit war die Latrine „über den Hof“. Ich musste eine Treppe nach unten, raus zum Hof, vorbei am Brunnen, handbetrieben, ca. 25 Meter, dann war neben dem Stall ein kleiner Anbau, ebenerdig, vielleicht 80 x 80, eine Holztür mit Herzchen, die von innen provisorisch mit einer Drahtschlaufe geschlossen werden konnte. Darin ein Brett mit Loch, darauf lag ein zum Kochen nicht mehr gebrauchter Kochtopfdeckel. Der Topf selber war an einer Stelle durchgerostet und diente trotzdem brav weiter, diesmal als Behältnis für das Hühnerfutter.

Wenn man nun drin hockte, vielleicht im Winter bei – 20 Grad, kam niemand auf die Idee sich dort mit Buch und Smartphone lange aufzuhalten. Hatte trotzdem just in dieser Zeit ein Zweiter „ein Bedürfnis“, hörte man seine knirschenden Schritte über den Schotter des Hofes und der, der schon drin war, warnte mit dem Ruf: „Besetzt.“

Das wiederum war für beide Seiten unangenehm, für den Störer, „wohin damit?“ und für den Hockenden, der sich vom Wartenden getrieben fühlte. Und bullern Sie mal „unter Druck“, die Männer wissen, wovon ich rede.

Der Moment danach …, fertiges Klopapier auf Rolle gab es nicht!

Deshalb wurde jede Zeitung nach dem „Auslesen“ aufgehoben, die Seite mehrfach gefaltet und mit dem Messer an der Falzlinie geschnitten. Heraus kamen pro Seite 16 Blatt, die wurden mit einer Stopfnadel auf einen Strick aufgezogen und das Bündel an einen Nagel „neben dem Loch“ gehängt. ‚Und fertig war die Laube‘.

Zum Glück war damals das Papier der meisten Zeitungen schlecht, das heisst, rau und damit saugfähig….! Ich führe das jetzt nicht näher aus. Wer Details braucht, schreibe seine konkrete Frage bitte in den Kommentarbereich.

Später gab es Klopapier auf Rollen, meist einlagig, und von fraglicher Qualität, sodass viele Alte lieber bei der Zeitung blieben. In unserer Gegend, also in Thüringen, gab es m.W. ein einziges Werk für Klopapier, von einer Qualität, welches im Volksmund als „feines Sandpapier“ gehandelt wurde.

In den 80ern hatte sich das Ganze etwas stabilisiert, aber es blieb – im Verkäuferinnen-Deutsch – ein „knapper Artikel“.

Das blitzartige Öffnen der Grenzen 1989 ging auch uns „nicht am Arsch vorbei, sondern es begann selbst dort „die neue Zeit“.

Klopapier in Hülle und Fülle, allerdings nun „schweinsteuer“.

Meine Frau und ich leiteten damals eine RehaKlinik in Thüringen. Sie war der Boss, verfügte als Verwaltungschefin über die Kohle und ich hatte als Chefarzt nur lästige Wünsche. Die daraus resultierenden Diskussionen habe ich zum Glück – angeblich – aus meinem Gedächtnis gestrichen … aber laut war es schon.

Also, sie musste sparen, wann und wo es nur ging. In Anbetracht der neuen Klopapierpreise, die ihr den Schweiss auf die Stirn trieben, erinnerte sie sich an unsere altbekannte Thüringer Firma, die das bekannte, beliebte und erschwingliche ‚Werra-Krepp‘ herstellte.

Vor Grenzöffnung war man dort ungern gesehener Bittsteller, nun plötzlich begehrter Kunde. Ein Wunder geschah, ein Anruf genügte.

„Aber selbstverständlich, für die Klinik, eine Ladung?“

Verdattert ob der ungewohnten und nicht erwarteten Freundlichkeit, „Ja, …“.

Schon am nächsten Tag kam die „Ladung“. Ein großer LKW vom DDR-Typ W 50 plus Anhänger, beide bis oben beladen. Ein Riesenhaufen wurde auf dem Klinikhof abgeschüttet.

Als wir nach 3 Jahren die Klinik verliessen, fanden unsere Nachfolger ein für die 90er modernes Haus vor und Klopapier Marke ‚Werra-Krepp‘ einlagig, noch für mindestens 10 Jahre.

15 Kommentare zu „Alles Hamstern oder was … ?

    1. Ich bin da total bei Dir, die pure Ressourcenverschwendung, allerdings fehlt mir gelegentlich auch die Phantasie für Alternativen. Vor kurzem war ich zum Konzert in der Düsseldorfer „Tonhalle“ und die Latrine war vor Beginn und zur Pause berstend voll… Wir sollten mal die Kanzlerin fragen, was dort „alternativlos“ wäre.😂 Lg. R.

      Gefällt 2 Personen

  1. Lieber Rainer, du Armer hast ja eine viel schlimmere DDR-Toilettenerfahrung hinter dir als ich. Mein kleiner verwöhnter Popo durfte von Anbeginn in einem – zwar nicht geheizten, aber dennoch warmen Badezimmer auf einem Wasserclosett sitzen und …..
    Das mit den zerrissenen Zeitungen kenne ich auch, aber ich glaube nicht, von zu Haus – oder ich weiß es nicht mehr.
    Aber an das „Sandpapier“ kann ich mich noch gut erinnern. – Du hast bei mir im Blog nicht beantwortet, ob es die Rollen einzeln zu kaufen gab oder irgendwie abgepackt. Du bist jünger, du musst das wissen!!! 🙂 😉

    Gefällt 3 Personen

    1. Entschuldigung, wenn ich mich richtig erinnere, gab es zuerst lose Rollen, später Pakete. Oft wurden bei uns aber im Konsum die Pakete aufgerissen und die Rollen einzeln verkauft. Also ging man öfter ins Geschäft, dann kam man auch auf sein Paket …😂 Wir haben halt nicht gejammert, sondern waren kreativ …

      Gefällt 3 Personen

  2. Rainer, ich muss Abbitte bei dir tun – nicht unbedingt auf Knien murmele ich: „Mea culpa … mea maxima culpa. Das DDR-Klopapier hat mir keine Ruhe gelassen. Ich habe gestern meine Freundin angerufen, die immer noch in Görlitz wohnt. Wir sind seit 1952 befreundet – und sie hat das weitaus bessere Gedächtnis für so einen Sch……
    Sie bestätigt deine These, dass auch wir in den ersten Jahren noch Zeitungspapier in handliche Stücke gerissen haben. Widerstandsfähig, wie wir damals waren, sind wir nicht an Bleivergiftung durch die Druckerschwärze umgekommen.
    Und die Rollen wurden tatsächlich lose verkauft. Sie wurden in sehr großen Papiersäcken in die Geschäfte geliefert und die Verkäufer verkauften sie wahrscheinlich nach dem Sympathiemaßstab.
    Es gab auch nach der Wende noch einzelne Lokalitäten, die dieses Sandpapier auf Rollen aushängen hatten.
    Mit Gruß von Clara

    Gefällt 1 Person

      1. Danke – ich würde jetzt viel drum geben, eine Originalklopapierrolle à la DDR zu haben – das könnte dann der nächste Partygag werden, so ich Party feiern würde.

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