Alles Gesundheit oder was … ?

Stadt und Land – „Hand in Hand“

Aus einem mir nicht verständlichen Grund hatte ich heute morgen beim Aufwachen den Slogan „Stadt und Land Hand in Hand“ im Sinn. Ums Verrecken könnte ich nicht erklären, wie und warum solche Trivialitäten in meinem Kopf ankommen. Manchmal geistern sie mir dann den ganzen Tag durch meine Gedanken, immer wieder einmal auftauchend und genauso schnell wieder veschwindend.

Ihr wisst, ich lebe auf dem Land, fühle mich dort wohl, vermisse nichts, weiss aber auch, dass ich nach Yuppie-Sprech zu den Abgehängten, Dummen, Benachteiligten gehöre.

Gelegentlich nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und reise „in die Stadt“, wohl wissend, dass ich dort als Landei überhaupt nichts zu suchen habe.

Interessant finde ich öffentliche Plätze und Gebäude, das Beobachten und Belauschen fremder Menschen, einer meiner emotionalen ‚Jungbrunnen‘.

Leider nehme ich mir viel zu wenig Zeit für umfassende ‚Studien‘. Vielleicht ist das ganz gut so, würde ich doch sonst Gefahr laufen – ich kenne mich lange genug – von der betörenden Oberflächlichkeit mitgerissen zu werden.

In den Fußgängerzonen der großen Stadt bietet sich derzeit das Bild eines Maskenballes, nicht nur die Kleidung, die ist individuell und Männer in kurzen Hosen auf Kinderrollern bei Temperaturen um 0 Grad findet man auf unseren Dorfstraßen nicht. ‚Latte schlürfende‘ junge Menschen, die unter gasbetriebenen Heizpilzen auf der Straße sitzend, über die Klimakatastrophe reden, gibt’s bei uns auch nicht. Ein kleines Holzfeuerchen bei Kälte im Garten, um das man sich versammelt, das gibt es schon gelegentlich. M.W. hat bisher noch niemand die daraus resultierende Feinstaubbelastung nachgerechnet.

Und die vielen Menschen mit Gesichtsmasken in der Fußgängerzone, Menschen, die die Masken beim Betreten eines Geschäftes, eines Supermarkts, vor S- oder U-Bahn anlegen, das gab es bisher nicht und wird es auch bei uns auf dem abgehängten Land nicht geben, da bin ich mir sicher. Wir brauchen es typischerweise auch nicht.

Ich verstehe die Angst der Menschen in den städtischen Ballungsräumen vor Epidemien, ich denke, dass sie prinzipiell nicht unbegründet ist, auch wenn die aktuelle Corona-Welle aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Anlass zu panischen Reaktionen geben müsste.

Sehen wir uns die Geschichte der Epidemien an, dann lagen der Ausgangs- und/oder Kulminationspunkt von Epidemien meist dort, wo überdurchschnittlich viele Menschen auf engem Raum leben, in den Städten.

Die Liste der Epidemien, die historisch überliefert sind, ist lang und reicht zurück bis in die Zeit vor der Zeitenwende. Während für viele frühere Epidemien naturgemäß die Erregerbestimmung nicht möglich war, ist gibt es doch Gemeinsamkeiten.

Eines der ersten dokumentierten Beispiele sind die Ausbrüche des „Englischen Schweisses“ zu Beginn des 16. Jahrhunderts, der vorrangig in den Großstädten Oxford, Cambridge, Calais und Antwerpen seine Opfer fand.

Epidemien mit sehr hohen Opferzahlen nahmen ihren Ausgang und wüteten immer dort ungebremst, wo viele Menschen auf engem Raum zusammengepfercht waren, also in städtischen Bereichen oder meinetwegen auch – wie die große Fleckfieberepidemie in Napoleons Grande Armée 1813 – dort wo durch historische Ereignisse viele Menschen auch nur temporär zusammen kommen. Typisches Beispiel für letztere Quelle ist auch die Spanische Grippe, die in den Wirren des Endes des I. Weltkrieges mit ihren großen Menschenbewegungen rund 50 Millionen Tote forderte, auch wieder überwiegend dort, wo viele auf engem Raum zusammen kamen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen die eng zusammenleben, in Städten, in Wohnsilos, da vielleicht noch mit gemeinsamen Klimaanlagen, aber beispielsweise auch auf einem Kreuzfahrtschiff, ein ungleich höheres Risiko für Infektionserkrankungen haben, als wir „Abgehängten“ auf dem Land.

Ich bin mir sicher, es ist kein Zufall, dass die aktuelle Corona-Virus-Infektionswelle gerade in einer Megacity in China ausbrach. Millionen von Menschen auf kleinem Raum zusammengepresst. Ein idealer „Nährboden“ für Mikroorganismen einerseits, gleichzeitig wird der notwendigen Verbreitung von Mensch zu Mensch andererseits Tür und Tor geöffnet.

Schnell sind wir mit Schuldzuweisungen bei der Hand. Primär würde ich hier kein ‚Behördenversagen‘ unterstellen, es ist ganz einfach der städtische Lebensstil, der den Ausbruch von Infektionen geradezu provoziert.

Nun kann man durchaus sagen, das städtische Leben ist das non plus ultra, ich brauche das. Ich kann das verstehen, Arbeit, Kultur, Zusammenleben, was auch immer da eine Rolle spielt. Wer die Vorzüge für sich in Anspruch nehmen will, muss dann eben lernen mit dem höheren gesundheitlichen Risiko zu leben.

Dieses Risiko lässt sich – nach dem aktuellen Stand der Naturwissenschaft – nicht minimieren indem man noch mehr Desinfektionsmittel in die Gegend kippt, im Gegenteil erhöht dies nur den schon jetzt im städtischen Raum exzessiven Selektionsdruck hin zu immer virulenteren Mikrororganismen.

Wer sich vor Infektionen bei epidemischen Lagen effektiv schützen will, nehme seinen Jahresurlaub und gehe bis zum Abflauen der Infektionswelle aufs Land. Sicherer und nebenwirkungsärmer geht es nicht.

Also, Stadt und Land – Hand in Hand.

7 Kommentare zu „Alles Gesundheit oder was … ?

  1. Alles nur halb so schlimm, ich habe über 70 Jahre Frankfurt am Main und Wiesbaden überlebt. Jetzt lebe ich in der Provinz und hoffe die Landluft und die ungewohnte Ruhe zu überleben. Zur Vorsorge habe ich dann erst einmal ein paar six pack’s CORONA gebunkert.. LG Jürgen

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  2. Wäre ich jünger und lägen andere familiäre Verhältnisse vor, würde ich keinesfalls in Berlin leben, auch in keiner anderen Millionenstadt – doch direkt aufs Land oder in ein Dorf würde es mich sicherlich auch nicht ziehen. Kleinere Städte wären auf meiner Begehrlichkeitsliste – allerdings immer in einem Bundesland, wo die Sprache verständlich ist. Also kaum Hessen, Baden Württemberg, Bayern oder Sachsen.

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    1. Na klar, es muss passen, wir leben ja meist nicht im luftleeren Raum. Was die Sprache betrifft, ich lebe 2 Kilometer neben Hessen, man kann die Menschen auch ohne Wörterbuch verstehen. Sächsisch versteht ein jeder, Fränkisch auch, bayerischer Slang nun ja…

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      1. Du kennst meine Ohren nicht. Schon in den 90er Jahren, als ich noch keine Hörprobleme hatte, habe ich einen Hessen nicht verstanden, der eine lange Geschichte erzählt hat. Alle standen um ihn rum und lachten. Als er fertig war, bat ich ihn, das alles noch mal in Deutsch zu erzählen.
        Als das verstehende hören im Himmel verteilt wurde, stand ich an einer anderen Schlange.

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