Dr. B. und das festliche Leiden …

Es mag so um 1955 gewesen sein, genau erinnere ich mich nicht mehr, als mich am 1.Weihnachtstag eine heftige eitrige Angina erwischte So mit zu geschwollenem Hals, Fieber > 40 Grad, Schüttelfrost – ich war über Nacht krank.

Nachdem sich meine Mutter mit Wadenwickeln, heißen Getränken, Zwiebelsaft, Wärmflasche, Gurgeln mit Eigenurin usw. gemüht hatte, bleib nichts anderes als „zum Arzt“.

Der Arzt war in unserem Fall Dr. B. im Nachbarort, der Hausarzt der Familie, was an sich klar war, weil er die einzige fußläufig zu erreichende Praxis hatte. Fußläufig ist nach heutigen Massstäben relativ, es waren rund 5 Kilometer über einen unbefestigten Feldweg, eine befahrbare Straße gab es zwischen den beiden Orten nicht, wobei sie nichts genutzt hätte, wir hatten – wie alle Nachbarn in unserer Straße – kein Auto.

Das Wort Praxis führt nach heutigen Ansichten auch irre, er hatte zwei Räume in einem dörflichen Haus, man musste durch ein altes Hoftor, dann links eine Tür „Praxis“, dahinter ein Miniflur mit einigen Wandhaken für die Garderobe, links ein Raum „Ordination“, rechts der „Warteraum“ mit 4 Stühlen, meist musste man stehend warten.

Dr. B. versorgte mehrere Dörfer, vom Schnupfen – niemand ging damals wegen Schnupfen zum Arzt – bis zur Hausgeburt, wenn die Hebamme oder die Klinik nicht zu erreichen waren. Er nähte Wunden, tröstete Seelen und war dabei ein echtes ‚Rauhbein‘, ein Mensch, der heute der gesellschaftlichen Ächtung zum Opfer fallen würde, weil er niemand nach dem Mund redete.

Ich sollte also „zum Doktor“.

Wir hatten Glück. es war kalt und es lag etwas Schnee, nicht viel, aber ausreichend, dass ich auf einem Schlitten liegend auf dem holprigen Feldweg in den Nachbarort gebracht werden konnte. Ich erinnere mich, dass es mir dabei nicht gut ging, aber es war alternativlos.

Dr. B., grummelig, unrasiert, es war Weihnachten und eigentlich hatte er keine Sprechstunde, aber alle wussten, dass er nie einen Patienten unverrichteter Dinge wieder wegschickte, weder nach Hause, noch wie heute zum x-ten Facharzt.

Ich kann mich nicht erinnern, wie und ob er meine Behandlung modifizierte, jedenfalls nach Hause ging es schon leichter und nach 2 – 3 Tagen war ich draußen im Kalten schon wieder mit den anderen Kindern zu Gange.

Dr. B., ich war wohl sehr undankbar als ich später als Jugendlicher seine alte Praxis mied und lieber zu den jungen Ärzten in der Stadt ging.

Heute weiss ich, sie konnten ihm nicht das Wasser reichen.

Er ist lange verblichen, nichts erinnert mehr an seine Praxis, aber Danke Herr Kollege, dass sie mich damals so gut behandelt haben.

Heute werden für den Ort am Rande der Landeshauptstadt eine Menge unterschiedlicher Arztpraxen ausgewiesen, ich bezweifle, dass die Menschen dort jetzt wirklich qualitativ wesentlich besser versorgt werden.

Die Ursachen sind vielfältig, ich habe darüber nicht zu richten. Vielleicht berichte ich aber bald noch einmal darüber.

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