Oma Anna und die Pfaffen…

Ich erinnere noch gut eine kleine Begebenheit aus meiner Kindheit. Oma Anna steht an ihrem alten Küchentisch und schält Kartoffeln. Da sie immer nur sehr wenig hatte, wird alles verwertet. Kartoffeln etwa werden nicht wie heute großflächig von den Schalen befreit, sondern so dünn wie möglich geschält, Augen werden ausgestochen. Als sie dabei abrutscht, fährt das alte, oft geschärfte und in der Schneide schmale und sehr scharfe Messer in den Handballen. Sofort kommt Blut, in meinen Kinderaugen viel Blut, ich bin erschrocken und ihr einziger Kommentar ist: „Gütiger Gott.“ Dann drückt sie einen Zipfel ihrer meist bereits etwas speckigen Küchenschürze auf die Wunde und nach wenigen Minuten macht sie weiter.

In mehreren Bereichen meiner Entwicklung war sie prägend. Die meisten ihrer Lebensweisheiten zeigten sich den Realitäten des Lebens gewachsen, nur in einem Punkt lag sie völlig daneben, bei den Pfaffen.
Als treues Mitglied der Evangelischen Kirche hat ihr ihr „gütiger Gott“ im Leben nichts, aber auch gar nichts erspart, obwohl sie getauft und konfirmiert ist, ihre Ehen unter dem Segen der Kirche schließt, ihr Leben lang jede Woche den Pfarrer aufsucht und die Kirchgemeinde jeweils mit einem selbst gebackenen Kuchen verwöhnt. Ihr Beitrag zur wöchentlichen Kollekte ist klein, aber regelmäßig, sie hat einfach nichts. 
Die Kirche ist ihr auch Vorbild, Vorbild in dem Umstand, wie sie sich den jeweils Herrschenden andient. Eine andere Orientierung hat sie nicht im Leben. 

Ihre Kirche segnet die Waffen und die Soldaten des I. Weltkrieges, sie hält sich öffentlich relativ zurück in der Weimarer Republik, nicht ohne immer noch einmal dem abgesetzten Kaiser im Nachhinein zu huldigen, um dann gegen Ende der kurzen demokratischen Phase wieder richtig Fahrt in Richtung Nationalsozialismus aufzunehmen(1).

Zurück zu Oma Anna. Sie wird 1887 in eine Tagelöhnerfamilie hinein geboren,  später wird sie betonen, dass ihr Geburtstag nahe dem des „Führers“ ist. Die Mutter stirbt im Wochenbett. Ohne Mutter aufgewachsen übernimmt sie sehr früh Verantwortung für die Familie, „an Mutter statt“. Eine Kindheit im heutigen Sinn hat sie nie erlebt. Heranwachsend wird sie schnell überzählig und muss fix verheiratet werden. Ihr Geburtsort beherbergt zum Glück eine kleine Garnison,  sodass es einen Männerüberschuss gibt. Sie heiratet einen Soldaten und ihr gütiger Gott beendet die kurze Ehe schon 1916 mit dem Tod ihres Ehemannes „auf dem Feld der Ehre“, wie in der Nachricht nachzulesen ist, die sie damals formlos bekommt. 

Zurück bleibt ihr ein Sohn, der im weiteren Verlauf ihres bescheidenen Lebens zuerst der Stolz, später ein „Schandfleck“ der Familie sein wird.
Der zweite Mann, den sie 1919 ehelicht, gilt zu der Zeit mit seinen 30 Jahren schon als alter Junggeselle und in der Familie wird gemunkelt, „Sie kann doch froh sein, dass sie ihn überhaupt noch abbekommen hat mit ihrem Kind von einem Anderen“. Sie gebar ihm noch drei Kinder, von denen eines starb.

Edmund ist Eisenbahner, sie bleibt vorerst Hausfrau. Wirtschaftlich kommen sie nie aus der Knete und damit bleibt auch gesellschaftliches Ansehen im Dorf aus.

Als sich „ihre Kirche“ mit dem gütigen Gott an der Spitze schon lange vor der „Machtergreifung“ 1933 den Nationalsozialisten andient, sehen sie erstmals im Leben als arme Menschen auch für sich eine Chance. Sie schließen sich der „Bewegung“ an und machen lokal eine kleine Karriere, Edmund auf staatlicher, Anna auf Ebene der gleichgeschalteten Reichskirche, beide mit Unterstützung und Motivierung durch „ihre Kirche“, allen voran ihr gütiger Gott. 

Die drei Söhne folgen den Eltern, wie Anna und ihr Mann ihrer Kirche, vertrauensselig und voraussetzend, dass es so schon richtig sein wird. Der Pfarrer ist ja auch mit von der Partie. Ganz sicher schwingt auch ein gerüttelt Maß Opportunismus mit, endlich einmal auf der Seite der Stärkeren mitmischen zu können. Der Älteste ist schnell in seiner schicken Uniform als Offizier der Waffen-SS der Stolz der Familie und des Dorfes, der Zweite steht weniger in der Öffentlichkeit und wird als Beamter im Reichssicherheitshauptamt eher ehrfurchtsvoll behandelt und der Dritte ist einfach noch zu jung um Karriere zu machen. Er mag dies bedauert haben, zumindest höre ich später einen gewissen Neid zu seinen älteren Brüdern heraus.

Der Zusammenbruch des III. Reiches 1945 beendet diese kurze Zeit auf der Sonnenseite. Plötzlich ist alles vorbei und das ganze Gebilde fällt haltlos in sich zusammen, wie ein Kürbis nach dem ersten Frost.

Edmund wird als Bauernopfer als einer der ersten bereits im September 1945 im wahrsten Sinne des Wortes von der Straße weggefangen, einen Tag später schon in das Speziallager Buchenwald der Sowjetischen Militärverwaltung eingeliefert. Drei Jahre bleibt er dort unter schlimmsten Bedingungen und wird erst im September 1948 nach Hause entlassen. Alle anderen NS-Honorationen des Dorfes entnazifizieren sich über Nacht gegenseitig und lediglich der Dorfschullehrer Hermann verliert seinen Posten, nicht weil er ein strammer Nazi war, sondern weil er es mit seinem Rohrstock zu toll trieb. Und natürlich Edmund, der zum Nazi-Depp des Ortes gemacht wird.

Oma Anna hat das Glück im Windschatten des Dorfpfarrers segeln zu können, der es stante pede schafft aus der roten Nazi-Fahne das Hakenkreuz herauszutrennen und selbige als Arbeiterfahne zu demonstrieren. Ich erinnere mich noch als Kind, dass am 1. Mai die Rote Fahne am Pfarrhaus über lange Jahre einen dunkleren Fleck in der Mitte hatte.

Oma Anna bekommt mit dem Pfarrer und ihrem gütigen Gott die Kurve, sie muss zwar jetzt arbeiten gehen, beim Bauern, eine Knochenarbeit, die sie bis in ihr 78. Lebensjahr ausübt. Trotzdem kommt sie relativ unbeschadet aus dem Schlamassel des Zusammenbruchs heraus, ähnlich wie ihre Söhne, nur der Älteste bleibt nach Kriegsende in Frankreich, zuerst als Kriegsgefangener, später einige Jahre als „Freier Zivilarbeiter“. Er verpasst dann auch, was seinen  Brüdern postwendend gelingt, sich der neuen Macht anzudienen und zu gegebener Zeit Karriere im Sozialismus zu machen. 

Sie folgen damit dem Beispiel ihres Pfarrer und ihres gütigen Gottes, was sie nicht daran hindert der Kirche später den Rücken zu kehren, als es nicht mehr opportun ist sich zu ihr zu bekennen.
Willi wird, 1955 aus Frankreich zurückgekehrt, Traktorist und fährt bis zu seinem frühen Tod einen alten Lanz-Bulldog, Edmund kommt aus Buchenwald als gebrochener Mann zurück, der bis an sein Lebensende schwer depressiv bleibt. 

Oma Anna gibt mir noch kräftig „eine mit“, als sie meine Eltern zwingt mich taufen zu lassen. Den Konfirmanten-Unterricht besuche ich ein einziges Mal. Mit dem dort Gesagten kann ich nichts, aber auch gar nichts anfangen. Der gütige Gott ist mit zu surreal. Als Erwachsener nutze ich die erste sich mir bietende Gelegenheit um aus der Amtskirche auszutreten.

Was bleibt ist eine der Lebensweisheiten von Oma Anna: „Ach weißt Du, zuerst hatten wir den Kaiser, dann kam Friedrich Ebert, danach der Führer und jetzt haben wir halt Walter Ulbricht, aber der kleine Mann bleibt immer der kleine Mann.“

Das galt und gilt wohl zweifellos für den kleinen Mann bis heute. Ihre Kirche, die Pfaffen und ihr gütiger Gott dagegen haben noch immer für sich Mittel und Wege gefunden sich auf der Seite der jeweiligen Sieger einzurichten.

Allerdings, weiland bei der Verletzung durch das scharf geschliffene Kartoffelmesser hat die Anrufung des gütigen Gottes ihr wohl geholfen.
Warum muss ich nur immer an Oma Anna und ihre Pfaffen denken, wenn ich jetzt zufällig Bedford-Strohm höre, beispielsweise bei seiner mich empörenden Trauerrede für die ermordete Studentin Sophia. (2)

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1.http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/die-unruehmliche-rolle-der-evangelischen-kirche-im-dritten-reich/2.https://www.achgut.com/artikel/heinrich_mir_graut_vor_dir


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