Die neuen Nazis oder die Renaissance des Rechtsextremen?

Vor einiger Zeit haben wir um die Osterzeit zwei Urlaubswochen damit verbracht von Regensburg bis Wien auf kleinen Straßen entlang der Donau zu fahren. Unser eigentliches Ziel war Wien-Schönbrunn, was zum Desaster wurde, da dort in den Parks wegen anhaltend kalten Wetters entgegen allen Ankündigungen noch nicht eine Blüte zu sehen war. 

Die Route neben der Donau kann ich dem historisch Interessierten unbedingt empfehlen, man findet dort geballte europäische Geschichte und Kultur und freundliche Menschen, denen zu einem großen Teil preußische Verbissenheit völlig fremd ist.

Regensburg, Passau, Stationen die durch den Katholizismus mit seinen guten und mit seinen dunklen Seiten seit Jahrhunderten geprägt sind.
Bei Passau bringt der Inn nach wie vor sein etwas trübes Wasser auch aus Braunau zum großen Fluss, inzwischen beeinträchtigt es die Qualität der Donau nicht mehr. 

Die nächste größere Station ist Linz, eine Industriestadt, die eng mit dem Nationalsozialismus verwoben war. 
Das Stadtbild prägt heute industriell die voestalpine, ein Stahlkonzern, der als größtes Industrieobjekt des Nationalsozialismus als Standort der Reichswerke Hermann Göring AG Berlin 1938 gegründet wurde. In der voestalpine waren während des Krieges auch eine hohe Zahl von Zwangsarbeitern und vor allem KZ-Häftlingen zur Produktion, meist in den Außenstellen, eingesetzt. Eine hohe ungenannte Anzahl kam dabei zu Tode, „Tod durch Arbeit“. Auf mich macht der Anblick dieses riesenhaften Komplexes einen bedrückenden, erdrückenden Eindruck.
Hitler geruhte Linz zu einer seiner 5 „Führerstädte“ zu erheben, zum Glück wurde nichts daraus, hatte er doch gerade diese Stadt als seinen Alterssitz auserkoren. Einen Alterssitz brauchte er nicht mehr. Es ist nicht überliefert, ob die Linzer dies betrüblich finden.
Übrigens gehörten auch Berlin, Nürnberg, München und Hamburg zu seinen „auserwählten“ Städten. Die Auswahl erfolgte neben ihrer Bedeutung für die „Bewegung“, an Hand der „Verbundenheit“ zu Hitler. Darüber sollten einmal die Hamburger nachdenken, die heute so gern mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger, nach dem altbewährten Motto: „Haltet den Dieb“, in der Gegend herumfuchteln.
Hier und dort glaubte ich in Linz den Mief vergangener Jahre bis dato noch wahrzunehmen. 

Bevor man endgültig Linz erreicht, empfiehlt es sich einen kurzen Abstecher am rechten Donauufer in Richtung Hartheim zu unternehmen. 
Schloss Hartheim war eines der Zentren der nationalsozialistischen „Aktion T4“. 
Hier und in anderen Tötungseinrichtungen wurden zehntausende Menschen mit Handicap auf bestialische Art und Weise getötet. Durch Vergasen, durch Medikamente, durch Verhungern, teils auch durch „medizinische Experimente“. Noch heute munkeln die Eingeborenen über die Grauen Busse, in denen die Gehandicapten zum Töten nach Hartheim und in andere „Euthanasie“-Einrichtungen in Deutschland gekarrt wurden. 
Die Vergasungskammern der „Aktion T4“ waren die Vorläufer oder besser die Erprobungsfelder der späteren Massenmorde in den Konzentrationslagern. Zwischen 1940 und 1941 wurden allein im Schloss Hartheim rund 30.000 Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung sowie psychisch kranke Menschen ermordet. 
Nach Beendigung der „Aktion T4“ wurden in Hartheim bis 1944 weiterhin rund 12.000 Häftlinge aus dem KZ Mauthausen vergast, vor allem Menschen, die auf Grund von Krankheit oder Schwäche nicht mehr in den Betrieben auch der voestalpine arbeiten konnten. Sie wurden dann, wie Vieh, „abgestellt zur Sonderbehandlung“.
Wenn man sich mit dem Teil der Geschichte Hartheims beschäftigt, sieht man mit Schrecken, wozu Menschen fähig sind, wenn sie „von der Leine gelassen werden“.

Es ist bezeichnend, dass nach Ende des 3. Reiches einer der Haupttäter von Hartheim, der Arzt Georg Renno, bis 1997 in Bockenheim in der Pfalz praktisch ungestört seinen Lebensabend verbrachte. 
Vor einer Verurteilung wegen seiner Verbrechen in Hartheim hatte ihn in 1970 ein Gutachten der Universitätsklinik Mainz bewahrt, in dem man ihm wegen einer ‚KHK und einer Cerebralsklerose‘ „dauernde Prozessunfähigkeit“ bescheinigte. Was ihn allerdings nicht daran hinderte noch 1997, also nach 27 Jahren kurz vor seinem Tod, ein „geistig klares“ Interview zu geben, in dem man ihn unter anderem sagen ließ: „Ich selbst habe ein ruhiges Gewissen. Ich fühle mich nicht schuldig, in dem Sinne wie – ja, wie einer, der jemanden erschossen hat […]. „

Als Arzt sage ich, das Gutachten, welches ihn vor der Verurteilung gerettet hat, kann nicht korrekt gewesen sein, es war ein Gefälligkeitsgutachten, damit vermeide ich den Begriff der Fälschung, der mutmaßlich angebrachter wäre. Es zeigt aber auch, dass zumindest bis in die jüngere Vergangenheit „der Schoß noch fruchtbar war, aus dem das kroch“. Allerdings bin ich mir auch nicht sicher, wie heute ein entsprechendes Gutachten ausfallen würde. Ich will darüber nicht spekulieren.
Also, nach dem Grauen von Hartheim kommt man nach Linz, eine der „Führerstädte“.

Nicht weit hinter Linz zeigt ein unscheinbarer Wegweiser, dort wo die Ems in die Donau mündet, diesmal links des breiten, trägen Stroms in Richtung Mauthausen. 

In Mauthausen bestand von 1938 bis zum 5. Mai 1945 das größte KZ auf österreichischem Boden. 
Wir erreichen Mauthausen, welches auf einer Anhöhe oberhalb der Donau liegt an einem kalten Frühlingstag, an dem zu allem Übel ein kalter Wind Schneeböen vor sich hertreibt. Es ist kalt, eiskalt, selbst für den, der gerade aus dem warmen Auto gestiegen ist und die „Funktionsjacke“ dabei hat.
Mauthausen selbst mutet wie eine alte Burganlage an, die Steine dazu mußten die Häftlinge selbst aus dem nahegelegenen Steinbruch per Hand herausschlagen und nach oben über die „Todestreppen“ transportieren.

Das Konzentrationslager Mauthausen 1938-1945
„Häftlingsappell“ in Mauthausen
Foto: Sammlung KZ Mauthausen

Mauthausen und das dazugehörige Lager Gusen waren sogenannte Arbeitslager und nicht primär zur Massenvernichtung geplant.
Von den rund 190.000 Häftlingen, die Mauthausen passierten wurden mindestens 90.000 ermordet, auf der Todestreppe willkürlich erschossen oder  in den Steinbruch hinabgestoßen, vernichtet durch Arbeit.
Das Grauen, dem die Menschen dort ausgesetzt waren, ist unbeschreiblich, der Besuch dort war für mich eines der belastendsten Ereignisse meines Lebens. 

Durch sein geschlossenes Ensemble hat man auch heute noch das Gefühl hautnah dabei zu sein, ich mußte mich bemühen an verschiedenen Stellen, etwa in der Genickschussanlage, die Tränen zurückzuhalten. 

Mauthausen war bestens bewacht. Nur einmal gelang einer Gruppe russischer Kriegsgefangener ein lange vorbereiteter Ausbruch. Für die meisten war er schnell vorbei, weil sie nicht nur durch die Bewachungsmannschaften verfolgt wurden.Im Lagermuseum gibt es Bild- und Tondokumente, die belegen, dass die Zivilbevölkerung der umliegenden Orte die geflohenen Häftlinge mit ausgesprochenem Fleiß jagte und sie der SS freiwillig übergaben. Es ist nicht überliefert, dass auch nur einer dieser Denunzianten nach dem Krieg jemals zur Verantwortung gezogen worden wäre.

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch …

Die malerische Gegend an der Donau in und um Linz hat somit auch eine furchtbare Vergangenheit., über die man heute so gern dort nicht mehr spricht, „Es ist ja schon so lange her, und außerdem waren es doch die Deutschen…“. 

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass diese ganzen Verbrechen nicht möglich gewesen wären, wenn die Bevölkerung nicht aktiv „mitgespielt“ hätte, wenn die Industrie sich nicht an wehrlosen Menschen bereichert und die Banken das Ganze nicht finanziert hätten.

Ein paar Verbrecher in Uniform hätten nichts ausrichten können, wenn sich alle Anderen ihnen verweigert hätten. Sie haben es nicht getan.

Inflationär wird heute der Begriff ‚Rechtsextreme‘ gebraucht, vielfach gleichgesetzt mit Nazis.
Ja, es gibt Rechtsextreme, ja es gibt auch Nazis, es gibt Idioten, die durch die Straßen laufen und den Hitlergruß zeigen. Ja, es gibt Spinner, die auch heute noch Hitler als Person huldigen. Schlimm genug, dass dies so ist.
Was es aber – hoffentlich – nicht gibt, ist die wirtschaftliche und finanzielle Basis, die es unabdingbar braucht, um aus einigen oder meinetwegen auch vielen Spinnern „eine staatstragende Bewegung“ zu machen. 

Der tagtäglich von Politik und Medien beschworene Kampf „gegen Rechts“ ist aktuell eine Chimäre, ein Nebenkriegsschauplatz, mit dem von anderen Dingen trefflich abgelenkt werden kann. 

Und, es ist in meinen Augen auch eine unsägliche Beleidigung der Opfer der voestalpine, von Hartheim und Mauthausen, indem sie praktisch gleichgesetzt werden mit einigen rechten Spinnern, die heute grölend mit der Bierflasche in der Hand, vollgesabbert und in kurzen Hosen durch die Straßen ziehen.

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